In Möbelhäusern wird Alcantara den Kunden oft als „besonders pflegeleicht“ offeriert. Doch der Mikrofaserstoff hat seine Tücken. Karsten Vorwerk von der gleichnamigen Teppich- und Polsterreinigung in Berlin weiß dazu einiges zu berichten und verrät, welches Zubehör er zur Reinigung von Mikrofaserpolstern benötigt - und welches nicht.
„Pflegeleicht“ ist relativ
Mikrofaserstoffe werden in der Möbelindustrie immer beliebter und so werden von den Herstellern Jahr für Jahr immer mehr Mikrofaserstoffe entwickelt und auf den Markt gebracht. Sie unterscheiden sich in der Art der Herstellung und in den Qualitäten, welche aber für den Laien kaum zu erkennen sind. Selbst für den Profi wird es immer schwieriger, auf Anhieb festzustellen, ob er einen hochwertigen oder minderwertigen Mikrofaserstoff in den Händen hält. Polsterreinigungsexperte Karsten Vorwerk erklärt im Interview, auf was es bei der Reinigung von Mikrofaserstoffen wie Alcantara ankommt.
RWTextilservice: Was ist das besondere an Alcantara?
Karsten Vorwerk: Das müssen Sie den Hersteller fragen, also die Firma Alcantara S.P.A.. Alacantara hat eine besondere Haptik, ist angenehm weich und wird oft aufgrund seiner Beschaffenheit fälschlicherweise mit Leder bzw. Kunstleder verwechselt. Auch wenn es dem Nubukleder gleicht - Alcantara ist eine Mikrofaser, bestehend aus Polyester und Polystyrol und somit eine Kunstfasertextilie.
RWTextilservice: Welche Vorteile haben Alcantara und andere Mikrofaserstoffe gegenüber anderen Bezugsstoffen?
Karsten Vorwerk: Generell hat jede Kunstfaser gegenüber der Naturfaser den Vorteil, dass sie pflegeleichter und strapazierfähiger ist, so die Aussage der Hersteller. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese Behauptung nicht richtig ist, weil hierfür die Qualität des Stoffes maßgeblich verantwortlich ist. So gibt es auch Qualitäten aus Naturfaser, die zumindest in ihrer Strapazierfähigkeit vielen Kunstfaser- bzw. Mikrofaserstoffen überlegen sind.
RWTextilservice: Mikrofaserstoffe und besonders Alcantara gelten doch aber als besonders pflegeleicht?
Karsten Vorwerk: Wenn man den Verkäufern im Möbelgeschäft zuhört, dann sind Mikrofasertsoffe Zauberstoffe, auf denen kein Fleck eine Überlebenschance hat. Die Realität sieht anders aus. Pflegeleicht bedeutet nicht, dass man auf Pflege verzichten kann. Im Gegenteil: Die Pflege von Mikrofaserstoffen ist zeitintensiv, aber bei empfohlener Häufigkeit mit einfachen Mittel auszuführen. Die Firma Alcantara hält auf ihrer Website unseres Wissens die wohl ehrlichste und auch ausführlichste Pflegeanleitung zum Download bereit. Auch hier spricht man von pflegeleicht, jedoch findet man gleich zu Beginn ein Kapitel zur täglichen Pflege. Ja, Sie hören richtig: Alcantara empfiehlt eine täglich Pflege.
RWTextilservice: Beschreiben Sie kurz, wie die Reinigung eines Polstermöbels mit Alcantara bei Ihnen abläuft.
Karsten Vorwerk: Grundsätzlich fängt jede Polsterreinigung bei uns mit der Begutachtung des Reinigungsstückes an. Hier werden eventuell vorhandene Beschädigungen mechanischer Art aufgenommen. Dann wird der Kunde mit in das Gespräch einbezogen. Er soll Auskunft über die Herkunft der Flecken machen, uns eine eventuell vorhandene Pflegeanleitung aushändigen oder uns genauere Angaben zum Stoff machen. Da kann manchmal der Blick in die Rechnung helfen.
Dann die obligatorische Frage: Was haben Sie bereits selbst probiert? Eine Frage, die nur die wenigsten Kunden gerne hören und wahrheitsgemäß beantworten. Eine guter Polsterreiniger erkennt aber sofort, ob eine Verschmutzung bereits behandelt wurde.
Dann werden alle Fakten zusammengefasst und wir schätzen gegenüber dem Kunden objektiv den Reinigungserfolg ein. Hierbei entstehen oft Diskussionen, wenn wir dem Kunden verständlich machen, dass nicht mehr alle Flecken zu beseitigen sind, weil es sich bei diesen nicht mehr um eine Verschmutzung handelt, sondern bereits um eine Beschädigung, wie z.B. eine Verfärbung, oder es sich besonders bei Selbstversuchen um eine durch den Kunden verursachte Entfärbung handelt. Da für den Kunden Fleck gleich Fleck ist, sprich eine Verschmutzung, gilt es nun, mit unserem Fachwissen über diesen Unterschied (Verschmutzung - Beschädigung) aufzuklären.
RWTextilservice: Die Aufklärung des Kunden ist also ein wichtiger Bestandteil der Reinigung?
Karsten Vorwerk: Die Aufklärung und Begutachtung ist ein sehr wichtiger Betsandteil der Reinigung. Die fachliche korrekte Ausführung steht dem aber nicht nach. Wir haben uns auf die Polsterreinigung vor Ort spezialisiert. Nur in ganz schwierigen Fällen nehmen wir die Polster mit in unsere Werkstatt. Die eigentliche Reinigung führen wir in klassischer Handarbeit aus.
RWTextilservice: Sie benutzen keine Polsterreinigungsmaschinen?
Karsten Vorwerk: Früher haben wir eine Polsterreinigungsmaschine mit einer rotierenden Bürste verwendet. Wir mussten aber schnell feststellen, dass das nicht das Gelbe vom Ei ist. Sie ist zu unhandlich und man kommt bei den Polstermöbeln nicht in alle Ecken. Besonders bei Alcantara ist die mechanische Wirkung dieser Geräte oft zu stark. Dem Vorteil der schnelleren Bearbeitung bei Verwendung solcher Geräte steht der Nachteil gegenüber, dass eine maschinengeführte Polsterreinigung nicht so gründlich sein kann. Die Erwartungen der Kunden an eine Polsterreinigung durch eine Fachfirma sind hoch und diese wollen wir auch erfüllen. Deshalb sind wir wieder zurück zur Handreinigung, auch wenn diese erheblich zeitintensiver und für unsere Mitarbeiter auch körperlich anstrengender ist.
RWTextilservice: Welches spezielle Zubehör brauchen Sie zur Reinigung von Alcantara?
Karsten Vorwerk: Explizit spezielle Utensilien benötigt man eigentlich nicht für die Reinigung von Alcantara. Jedenfalls wir nicht.
RWTextilservice: Lassen Sie mich die Frage anders formulieren. Was benötigen Sie für eine fachgerechte Polsterreinigung?
Karsten Vorwerk: Mehr, als die Kunden immer vermuten. Eine Vielzahl unterschiedlicher Schwämme und Bürsten führen wir ständig mit. Diese unterscheiden sich im Härtegrad, Größe und Form. Mikrofasertücher, Wattestäbchen, Holzspatel, Wurzelbürsten, Pinzetten, Löffel, Löschblätter und sogar Sandpapier und Drahtbürsten gehören standardmäßig zu unserer Ausrüstung. Natürlich kommen dann noch die Reinigungsmittel dazu und die speziellen Mittel für die Fleckentfernung oder Geruchsbeseitigung. Es gibt leider kein Zaubermittel, mit dem man alle Arten von Flecken beseitigen kann, somit ist dieses Sortiment sehr umfangreich.
RWTextilservice: Worauf achten Sie bei den Reinigungsmitteln?
Karsten Vorwerk: Wir verwenden grundsätzlich biologische Reinigungsmittel und nutzen die Kraft der Natur für unsere Reinigungen. Diese haben nicht nur den Vorteil, dass sie schonend zum Material sind, sondern auch den Haushalt nicht unnötig mit Chemie belasten. Man sollte diesen Aspekt nie aus dem Auge verlieren, denn auf einem Polster sitzt man auch manchmal unbekleidet. Nach der Reinigung im Stoff verbleibende Chemikalien können auch Hautreizungen erzeugen.
Unser eigentliches Standardreinigungsmittel für die Polsterreinigung stellen wir selbst her. Dabei bedienen wir uns allerdings vorproduzierter Reinigungsmittel eines deutschen Herstellers. In unzähligen Versuchen haben wir dann ein Mischungsverhältnis gefunden, welches für unsere Reinigungsart am idealsten ist. Einen labortechnischen Beweis haben wir nicht für die Effektivität „unseres“ Reinigungsmittels, aber unsere Reinigungsergebnisse zeigen, dass wir doch eine gute Rezeptur gefunden haben, die obendrein auch noch die Stoffe nicht beschädigt. Besonders bei Alcantara kann ein falsches Reinigungsmittel großen Schaden anrichten.
RWTextilservice: Gewisse Maschinen brauchen Sie doch auch, oder?
Karsten Vorwerk: Ja, wir setzen z.B. ein Sprühextraktionsgerät ein, welches sich von den handelsüblichen Geräten durch eine sehr hohe Absaugleistung unterscheidet. Zur Trocknung verwenden wir dann noch Gebläse. Wie gesagt, wir reinigen vor Ort und fast jeder Kunde ist überrascht, mit welchem umfangreichen Equipment wir anreisen. Und natürlich setzen wir das allerwichtigste für eine fachgerechte und hochwertige Polsterreinigung ein: unser Wissen und Können. Jedes Reinigungsmittel, jedes Reinigungsgerät ist nur so gut, wie der Anwender es zulässt. Oder anders ausgedrückt: Es reicht nicht, dass sie das beste Reinigungsmittel und die besten Reinigungsgeräte anwenden, wenn sie durch fehlendes Fachwissen deren Potenzial nicht ausnutzen können. Ein weiterer wichtiger Faktor ist natürlich die Motivation der Mitarbeiter. „Schnell-schnell“ gibt es bei uns nicht. Man muss in diesem Beruf schon eine gehörige Portion Begeisterung haben, etwas zu reinigen. Der Hang zum Perfektionismus ist Bedingung für jeden Mitarbeiter, der bei uns tätig ist.
RWTextilservice: Welche Flecken sind auf Mikrofaserstoffen besonders hartnäckig?
Karsten Vorwerk: Das hängt natürlich von der Art der Mikrofaser ab. Was aus dem einen Mikrofaserstoff leicht zu entfernen ist, kann auf einem anderem zum unlösbaren Problem werden. Speziell bei Alcantara sind alle Flecken sehr hartnäckig, für deren Beseitigung man Lösungsmittel einsetzen müsste. Das untersagt Alcantara ausdrücklich. Deshalb sind natürlich eingetrocknete Flecken von Sekundenkleber, Nagellack, Kunstharzlacke oder Zwei-Komponenten-Klebstoffe, Kugelschreiber, Faserstifte oder Druckertoner besonders hartnäckig. Blut kann bei Einnahme bestimmter Medikationen auch zum unlösbaren Problem werden. Besonders schwierig sind bei hellen Stoffen, auch bei Alcantara, Abfärbungen von Textilfarben, sprich Farbüberschüsse aus insbesondere dunklen Bekleidungsstücken.
RWTextilservice: In welchen speziellen Fällen sollten Kunden die professionelle Reinigung ihrer Polstermöbel in Anspruch nehmen und nicht selbst Hand anlegen?
Karsten Vorwerk: Eine ganz heiße Frage. Nun, wir können den Kunden natürlich nicht untersagen, dass er versucht, die Reinigung selbst auszuführen. Wir empfehlen aber eine Selbstreinigung nicht, auch wenn viele Kunden anrufen, um hilfreiche Tipps von uns zu erhalten. Folgendes raten wir für einen Selbstversuch:
-Pflegeanleitung beachten und deren Anweisungen folgen,
-Flecken im Normalfall so schnell wie möglich behandeln,
-niemals reiben oder schrubben, nur tupfen,
-keine scharfen Reinigungsmittel verwenden, auch kein Glasreiniger oder Rasierschaum,
-keine Bleichmittel einsetzen,
-Wasser und Gallseife reicht in den meisten Fällen aus.
Mehr Tipps gibt es von uns nicht, außer, die Reinigung doch einer Fachfirma zu überlassen. Aber auch mit diesen Tipps kann ein Kunde bereits seinen Bezugsstoff beschädigen, weil ihm die Erfahrung, das Fingerspitzengefühl und die Geduld fehlt.
RWTextilservice: Welche Fehler machen Kunden häufig bei der Pflege ihrer Polster?
Karsten Vorwerk: Die Überlegung, so schwer kann das doch nicht sein. Der Kunde kann sich nicht vorstellen, dass man für die Reinigung viel Fachwissen benötigt. Er glaubt, viel hilft viel, das gilt für die Wahl der Art des Reinigungsmittel, der eingesetzten Menge an Reinigungsmittel und Wasser und auch für die mechanischen Bearbeitung. Der Kunde verwendet Leihgeräte, welche bei weitem nicht die Leistungsstärke besitzen wie unsere professionellen Geräte (Sprühextraktionsgeräte). Er vertraut den Aussagen des Möbelverkäufers: Alles lässt sich leicht entfernen. Oft wartet der Kunde mit einer Reinigung auch viel zu lange.
RWTextilservice: Haben Sie auch Beispiele aus der Praxis, die die Problematik mit Mikrofaserstoffen zeigen?
Karsten Vorwerk: Vor kurzem hatten wir zwei Fälle, bei denen eine Mikrofasercouch mit Kerzenwachs verschmutzt wurde. In einem der beiden Fälle handelte es sich um ein sehr farbintensives Wachs. Bei der Besichtigung stellten wir fest, dass die Couch mit dem farbintensiven Wachs eine tropfenartige Oberflächenstruktur aufwies. Es ist die Annahme verbreitet, dass man Kerzenwachs einfach ausbügeln kann - was grundsätzlich auch richtig ist. Dennoch waren wir skeptisch, dass die Variante Bügeleisen diesmal die richtige ist. Wir zogen es vor, Kontakt mit dem Möbelhersteller aufzunehmen, um nähere Informationen über den Bezugsstoff zu erhalten. Auch hier erhielten wir die Auskunft: „Nehmen Sie doch einfach ein Bügeleisen.“ Wir ließen uns nicht abschütteln und forderten das technische Datenblatt und die Pflegeanleitung von dem Stoff an. Fehlanzeige, der Möbelhersteller selbst hatte kein Datenblatt. Jedoch versicherte man uns, Kontakt mit dem japanischen Stoffhersteller aufzunehmen. Es vergingen Tage, bis wir eine Antwort erhielten. Die Mail aus Japan wurde direkt an uns weitergeleitet. Es handelte sich dabei um eine neue Art von Mikrofaserstoff, der noch nicht lange auf dem Markt ist. Eine offizielle Pflegeanleitung gibt es noch nicht. Also hat man sich in Japan ein Stück von diesem Stoff gegriffen, sich ein paar Kerzen besorgt und unseren Fall nachgestellt. Dann wurde im Labor erprobt, welche Art der Reinigung möglich ist. Es kam die bereits von uns vermutete Antwort: Eine Entfernung von Kerzenwachs ist nicht möglich. Bei Verwendung von Lösungsmittel (damit könnte man auch Kerzenwachs entfernen) löst sich der Stoff binnen Minuten auf. Bei Verwendung eines Bügeleisens verschwindet selbst bei geringster Temperatur die tropfenartige Oberflächenstruktur.
Bei der anderen Couch, die mit Kerzenwachs verschmutzt war - anderer Hersteller, andere Mikorofaser -, ließ sich das Wachs zwar aufwendig, aber dennoch für unserer Begriffe problemlos mit dem Bügeleisen und einem weiterem Reinigungsmittel entfernen.
RWTextilservice: Noch einmal zusammengefasst - worin sehen Sie die Herausforderung für professionelle Polsterreiniger?
Karsten Vorwerk: Wichtig zu wissen ist: Jeder Stoff hat seine Eigenschaften und Eigenarten, verhält sich anders bei der Reinigung. Bei Bekleidungstextilien gibt es wenigstens noch den Vorteil der Kennzeichnungspflicht. Bei Polsterstoffen findet man nur vereinzelt ein Pflegeetikett, wenn man den Bezugsstoff abziehen kann. Selbst bei Kissen, die mit Alcantara bezogen sind, findet man diese nur sehr selten, obwohl man laut Alcantara diese Bezüge bei 30 °C waschen kann. Obendrein machen es sich die Hersteller von Bezugsstoffen immer einfacher. Besteht ein Risiko in der Reinigung des Bezugsstoffes, weist das Pflegeetikett aus, dass eine Reinigung nicht möglich ist, weder mit Wasser noch chemisch. Alle Pflege- und Waschsymbole sind ausgeixt. Diesen Fall hatten wir auch vor kurzem, obwohl der Bezugsstoff von der Sitzauflage sogar abziehbar war. Grundsätzlich gibt der Hersteller damit vor: Wenn schmutzig, dann ab in die Tonne.
RWTextilservice: Herr Vorwerk, vielen Dank für das Gespräch.sel