Kloster Lichtenthal Sticken zum Lob Gottes

Weit über Deutschland hinaus ist die, vor mehr als 760 Jahren in Baden-Baden gegründete Cistercienserinnen-Abtei Lichtenthal für ihre Paramentenstickerei bekannt. Schwester Josepha erklärt Besuchern die Kunst der Stickerei und gibt einen historischen Überblick über das Jahrhunderte alte Kloster.

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    Bis heute ist das Leben der Lichtenthaler Schwestern von der Spiritualität und dem strengen Wertekodex ihres Glaubens geprägt. Fotos: Himmelsbach
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    Der historische Rauchmantel wurde im Jahr 1845 aus dem Brautkleid der Großherzogin Stephanie Napoleon geschneidert.
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    Der aus Seidenatlas, Silberlahn und Silbertüll bestehende Stoff wurde im Jahr 1806 in Paris angefertigt.

Sticken zum Lob Gottes

„Paramente“ ist der Fachbegriff für Textilien, die im Rahmen von Gottesdienstfeiern verwendet werden. Die farbenprächtigen Messgewänder, die katholische Priester während der Messfeier tragen, sind hierbei nur ein Teil einer insgesamt großen Vielfalt an Textilien, die zu verschiedenen Anlässen eingesetzt werden.

Ganz am Ende der Lichtentaler Allee in Baden-Baden liegt das Kloster am Ufer des Flüsschens Os. Hier verlief im Jahr der Klostergründung, 1245, die Grenze zwischen dem Kirchenbistum Straßburg und dem Bistum Speyer. Grundsätzlich musste der zuständige Bischof einer Klostergründung zustimmen. In diesem Fall lehnte der Bischof von Straßburg die Gründung jedoch ab. Die Markgräfin, Irmengard von Baden, wollte sich jedoch von dem Vorhaben, ein Kloster zu bauen, nicht abbringen lassen und griff, in Absprache mit ihrem Gemahl, zu einer List. Das Flüsschen Os wurde einfach um das zukünftige Klostergebiet umgeleitet, so dass der Bischof von Speyer nun für das Gebiet zuständig war. Dieser stimmte nun der Gründung des Klosters zu.

Die 22 Nonnen, auch Cistercienserinnen genannt, leben im Kloster Lichtenthal in Klausur. Das heißt, sie leben überwiegend abgeschieden von der Außenwelt. Nur in Erfüllung ihrer unterschiedlichen Aufgaben treten sie in Kontakt mit anderen Menschen. So unterrichten beispielsweise noch heute zwei Nonnen an der Grundschule auf dem Klostergelände. Auch betreiben die Schwestern mehrere Werkstätten und ein Gästehaus. Ihrer jahrhundertealten Tradition verpflichtet, haben es die Schwestern jedoch immer wieder verstanden, auf die Anforderungen der jeweiligen Zeit zu reagieren. Aufgrund der ausreichenden Anzahl an Novizinnen, die zwar noch kein Gelübde abgelegt haben, aber sich bereits auf das Leben im Kloster vorbereiten, sieht man hier optimistisch in die Zukunft. In dem kleinen Museum des Klosters drängen sich die Schätze eng aneinander. Bescheiden präsentiert sich das fast 800 Jahre alte, kunstvoll handgeschriebene und verzierte Antiphonale, das Noten- und Textbuch für die ordnungsgemäße Feier der Gebetszeiten und der Liturgie, aus dem Jahre 1245. Auch Textilien aus dem 16. und 17. Jahrhundert können bestaunt werden Stoffe, die vor vielen Jahren im Kloster gewebt und bestickt wurden, wertvolle Geschenke zahlreicher Gönner, die im Gespräch mit der jeweiligen Äbtissin Rat suchten. Hortense Königin von Holland, Elisabeth Zarin von Russland und immer wieder die Familie des Markgrafen von Baden. So bekam das Kloster das Brautkleid der Großherzogin Stephanie Napoleon 1845 zum 600-jährigen Jubiläum geschenkt. Das im Jahre 1806 in Paris gefertigte Kleid bestand aus Seidenatlas, mit Silberlahn und Silbertüll. Kunstvoll wurde das kostbare Stück zu einem Rauchmantel (Pluviale) umgearbeitet, der bei der feierlichen Gottesdienstform, statt des Messgewandes, getragen wird. Schwester Josepha, die 83-jährige Handwerksmeisterin für Stickerei des Klosters, leitet die Paramentenwerkstatt und nimmt sich Zeit für Besucher. Zunächst stellt Sie die aktuelle „Kollektion“ an Gewändern vor, die man hier auch heute noch bestellen und maßschneidern lassen kann, und spricht über den Wandel, den die vergangenen Jahre der Paramentenwerkstatt gebracht haben. „Es lohnt sich nicht mehr“, resümiert Schwester Josepha. Für die Stickerei habe man einfach keinen Nachwuchs mehr. Daher habe man sich schweren Herzens dafür entschieden, die Werkstatt aufzugeben. Wirtschaftliche Zwänge machten auch vor einem Kloster nicht halt und die Nachfrage nach Gewändern, die mit aufwändigen Stickereien mehrere Tausend Euro kosten, sei in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen. Routiniert stellt Schwester Josepha die aktuellen Mantelalben vor und kommt auf die Erstkommuniongewänder zu sprechen. Auf die Frage, ob sie etwas von den Stickereien, die sie früher angefertigt haben, zeigen kann, geht ein Leuchten über ihr Gesicht und sie holt zwei Fotoalben hervor. Die Alben mit Fotos von gestickter, historischer Textilkunst sind ein außergewöhnlicher Augenschmaus. „Ja, die Zeit rollt weiter und wir rollen mit“, weiß Schwester Josepha. Für sie gilt die Prämisse, dass Wandel letztendlich doch sein Gutes hat.

Zurzeit säubert und pflegt sie kunstvoll bestickte Kelchdeckel, die dazu verwendet werden, den Kelch während der Messfeier abzudecken. Nichts soll den Wein beziehungsweise das „Blut Christi“ verunreinigen. Diese Deckel sind im Laufe von vielen Jahrzehnten sehr abgegriffen. Das Innere des ca. 15 u 15 cm großen Kelchdeckels ist ein etwa 0,5 cm dicker Karton. Durch die Kartonierung können die Kelchdeckel nicht maschinell gereinigt werden. Eine Wäsche würde den Karton aufweichen und eventuell Verfärbungen hervorrufen. Schwester Josepha trennt daher in mühsamer Handarbeit die Nähte des Bezugsstoffes, der meist aus reinem Leinen gefertigt ist, und wäscht den Stoff manuell. Im Moment hat sie die Kelchdeckel des Freiburger Münsters in Arbeit.

Meinrad Himmelsbach