Die Richard Geiss GmbH bereitet verunreinigte Lösemittel auf, um diese wieder dem Stoffkreislauf zuzuführen. Die Destillationsanlage des Unternehmens aus Offingen recycelt jährlich rund 50.000 t halogenhaltiger und -freier Lösungsmittel aus der Textilreinigung, Oberflächenentfettung und chemisch pharmazeutischen Industrie.
Eine saubere Sache
Perchlorethylen, chemisch korrekt bezeichnet als Tetrachlorethen oder auch als Per bekannt, ist eine klare, farblose Flüssigkeit, die von 70 Prozent aller chemischen Reinigungen in Deutschland für das Reinigen von Textilien eingesetzt wird. Besonders für Naturfasern wie Wolle, Seide und Leinen ist das Lösemittel Per geeignet, weil keine Gewebebeschädigungen oder Farbverluste durch Faserquellung auftreten können. „Selbst wenn das Tetrachlorethen nach dem Einsatz einen hohen Verschmutzungsgrad aufweist, können wir, als Lösemittelentsorger und -aufbereiter, Lösemittel und Schmutz durch Destillation trennen. Wir erreichen bei Per eine Lösemittelausbeute von bis zu 99,98 Prozent“, erklärt Bastian Geiss, Assistent der Geschäftsleitung und Enkel des Unternehmensgründers der Richard Geiss GmbH.
Als der gelernte Automechaniker Richard Geiss sein Unternehmen im Jahr 1959 für die Aufbereitung und Entsorgung von Lösemitteln in Anzing bei München gründete, waren die Begriffe Recycling und Umweltschutz noch nicht öffentlich diskutiert worden. „Viele Menschen haben ihn und seine Idee, Lösemittel umweltfreundlich und wirtschaftlich aufzubereiten, belächelt“, erzählt der 28-jährige Bastian Geiss. Doch bereits im Jahr 1962 gehörten die Textilreiniger zu seinem festen Kundenstamm. Auch heute noch verzeichnet das Unternehmen rund 30 Prozent des aufbereiteten Lösemittels aus der deutschlandweiten Textil- und Lederreinigung. Mit firmeneigenen Spezialfahrzeugen und in Zweier-Fahrerteams wird das Gefahrgut zwischen den Kunden und dem bayerischen Offingen/Donau bei Günzburg transportiert. „Wir streben für den Transport und die Lagerung der Ware ein Höchstmaß an Sicherheit an“, so der gelernte Industriekaufmann. Das Familienunternehmen achtet besonders darauf, dass seine Spezialfahrzeuge stets dem neusten Standard entsprechen. Außerdem sind die vier Lastwagen für die Textilreinigung mit einer Hebebühne und einer integrierten Auffangwanne ausgestattet, um im Notfall auslaufendes Lösemittel aufzufangen. „Nur so dürfen unsere geschulten Servicefahrer auch durch Innenstädte rollen, um bei unseren Kunden Altware abzuholen bzw. Neuware auszuliefern“, begründet Geiss. Des Weiteren sorgen entwickelte Sicherheitsgebinde mit Spezialverschlüssen für eine emissionsfreie Handhabung. Sollten dennoch Wartungs- und Servicearbeiten an den Sicherheitsbehältern vor Ort beim Kunden anfallen, so können die Fahrer diese durchführen. „Schließlich sind sie vorab im Umgang mit Lösemitteln und den entsprechenden Abfallprodukten geschult worden“, fügt Bastian Geiss hinzu.
In einem festen Zyklus von drei Monaten fährt der blaue Lastwagen beim Textilreiniger vor, um Altware gegen Neuware auszutauschen. „Dabei müssen unsere Kunden nicht selbst Hand anlegen“, verrät Bastian Geiss. Auf Wunsch entfernen nämlich die Mitarbeiter das Sicherheitsgebinde von der Maschine und verschließen es transportgerecht, bevor sie ein neues anschließen. Zusätzlich wird jedes Gebinde, ob mit Frisch- oder Altware befüllt, auf Undichtigkeit hin überprüft. „Ist ein Gebinde beschädigt, wird das Per vor Ort umgelagert, um ein unkontrolliertes Auslaufen zu vermeiden“, erklärt Geiss. Schließlich handelt es sich bei Per um ein halogenhaltiges Lösemittel, dessen Dämpfe giftig und gesundheitsschädlich sind. Erst wenn die Gebinde sicher verstaut sind, fährt der „Gefahrentransport“ zum nächsten Kunden weiter. Zurück in Offingen werden die Gebinde mit dem verunreinigten Lösemittel auf die Textilreinigungsrampe gestellt. Danach entnimmt ein Labormitarbeiter eine Probe von der Altware, um sie anschließend zu analysieren. „Dadurch erhalten wir Informationen über das Ausgangsprodukt, womit dieses verschmutzt wurde und ob chemische Reaktionen stattgefunden haben“, erklärt Peter Hess, Leiter Textilreinigung der Richard Geiss GmbH. Erst danach werden die Sicherheitsgebinde mit Spezialschläuchen entleert und die Flüssigkeit wird in einem großen Tank zwischenzeitlich gelagert. Das Perchlorethylen hat in diesem Stadium durchschnittlich einen Verschmutzungsgrad von mehr als 60 Prozent.
Jetzt kann mit dem eigentlichen Aufbereitungsprozess begonnen werden. Dazu wird aus dem Tank eine bestimmte Menge an verunreinigtem Per entnommen, um das Lösemittel in einer Vordestillation von groben Verunreinigungen bzw. Rückständen wie Öl, Fett oder Flusen zu befreien. Während das vorab gesäuberte Tetrachlorethen zur Reindestillation weitergeleitet wird, kommt der abgetrennte Abfall, mit einem sehr geringen Restgehalt von Tetrachlorethen von unter einem Prozent, in einen Drehrohrofen, der nach der Bundes-Immissionsschutzverordnung genehmigt ist, zur energetischen Verwertung. „Durch die Verbrennung von ca. 2.500 t Abfall im Jahr gewinnen wir rund die Hälfte der benötigten thermischen Energie, um den Aufarbeitungsprozess des Lösemittels weiter fortsetzen zu können“, erklärt der Assistent der Geschäftsleitung, Bastian Geiss. Durch diese zugeführte Wärme zur Destillationsanlage wird das Trennungsverfahren - die Destillation des Pers - betrieben. Bei der Destillation werden Stoffe mit unterschiedlichen Siedebereichen voneinander getrennt. Das so entstandene Gas steigt in der Destillationsanlage nach oben und wird abgeleitet. In einem nächsten Schritt wird das nun gasförmige Per abgekühlt, um wieder ein flüssiges Perchlorethylen zu erhalten. Dieser Vorgang wird in den Rektifikationskolonnen zigmal nacheinander durchgeführt, um die geforderte Reinheit des Lösemittels zu erzielen. „Aus dem gewonnenen Rezyklat kann dann unser Labor eine Qualitätskontrolle durchführen, um festzustellen wie sauber bzw. rein das Destillat ist“, sagt Hess. Folglich werden nach jedem Destillationsdurchgang Proben entnommen und analysiert. Nur durch stetige, konsequente Kontrollen ist die Qualität des für den Textilbereich geforderten Pers sichergestellt. „Sobald eine Reinheit von 99,95 Prozent durch das Labor analysiert und bestätigt wurde, wird die gewonnene Frischware in einen Tank mit einem Fassungsvermögen von 40.000 l geleitet“, klärt Peter Hess auf. Anschließend wird das frische Perchlorethylen gemäß den Anforderungen der Textilreinigung stabilisiert. Bevor die Ware jedoch für den Kunden in Gebinde abgefüllt wird, entnimmt der Lösemittelaufbereiter ein Rückstellungsmuster. Erst danach werden die Gebinde für die Textilreiniger abgefüllt und sicher verschlossen. „Die Rückstellungsmuster einer Charge werden archiviert, um bei eventuellen Reklamationen - das Per entspreche nicht der Reinheit - dem Kunden einen Nachweis für die Reinheit des Produktes liefern zu können“, erklärt Bastian Geiss. Gegebenenfalls könnten, bei einer tatsächlich vorliegenden Verunreinigung, vonseiten des Aufbereiters die Gebinde dieser Charge aus dem Verkehr gezogen werden - „was aber in der 50-jährigen Unternehmensgeschichte bis jetzt noch nie vorgekommen ist“, so Bastian Geiss. Laura Heiß