Auf dem Baumwollmarkt vollzieht sich eine dramatische Entwicklung. Die Preise befinden sich auf einem Höhenflug und die Verfügbarkeit des textilen Rohstoffs macht Veredlern wie Herstellern gleichermaßen Sorgen. Im Gespräch mit RWTextilservice zeigten Tischwäschehersteller Langheinrich sowie Garnveredler und -händler TVU Hintergründe dieser Entwicklung auf.

Kein Ende der Preisspirale in Sicht
Angesichts der steigenden Baumwollpreise wächst mittlerweile auch unter den Textildienstleistern die Unsicherheit. Burkhard Oel, Geschäftsführer von Langheinrich, einem in Deutschland produzierenden Hersteller von Bett- und Tischwäsche, betrachtet eine Aufklärung der Situation für die Branche als dringend notwendig. „Wir als Hersteller und Anbieter müssen hier Transparenz schaffen, die Gründe der Preiserhöhung aufzeigen und die Branche über künftige Entwicklungen aufklären“, ist er überzeugt.
Aus diesem Grund lud Burkhard Oel zusammen mit der Unternehmensgruppe TVU zum Pressegespräch nach Leutershausen ein. Die mittelfränkische Kleinstadt ist Sitz der TVU-Gruppe, die zum einen aus der TVU Textilveredlungsunion GmbH & Co. KG und zum anderen aus der TVU Garnvertrieb GmbH & Co. KG besteht. TVU ist Hauptlieferant von Langheinrich, seit nunmehr 40 Jahren pflegen die beiden Unternehmen partnerschaftliche Geschäftsbeziehungen.
Ergänzt wurde die Dikussionsrunde durch Silvia Jungbauer, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Gesamtverbands der deutschen Maschenindustrie e.V. - Gesamtmasche. Der Verband vertritt die Interessen der deutschen Hersteller von Maschenbekleidung, Dessous und Maschenstoffen. „Wir sitzen alle im selben Boot. Die Rohstoffproblematik betrifft uns genauso wie den Textilservice“, sagt die Diplom-Volkswirtin.
Hans Hausner, der die TVU-Gruppe zusammen mit seinem Bruder Gerhard Hausner führt, bringt eingangs die Situation auf den Punkt: „Die Preise steigen immer weiter und werden täglich nach oben korrigiert.“ Doch Sorgen macht außer der Preisentwicklung der Baumwolle auch die Verfügbarkeit. Mittlerweile wird mehr Baumwolle nachgefragt als angebaut. Eine Entspannung ist derzeit nicht in Sicht, im Gegenteil: „Die Baumwollknappheit wird sich noch weiter verstärken“, prognostiziert Michael Bandel, Vertriebsleiter des TVU Garnvertriebs. Doch wo liegen die Gründe für diese Entwicklung?
Werfen wir einen Blick auf den Baumwollmarkt der New Yorker Börse. Der steil nach oben weisende Kurs der Baumwolle wird durch den derzeit äußerst schwachen Euro verstärkt. Währungsschwankungen spielen, wie Michael Bandel aufzeigt, auch für die indische Industrie eine Rolle: In den Jahren 2007 und 2008 ist die indische Rupie gegenüber dem US-Dollar stark gefallen. Für die indischen Spinnereien wurde der Baumwolleinkauf zu einem kostspieligen Unterfangen. Doch mit dem Einsetzen der Krise im Jahr 2008 blieben sie häufig auf ihren teuer produzierten Garnen sitzen und mussten schwere Verluste verkraften. Diese wollen nun ausgeglichen werden - die Kalkulation ist wieder auf Gewinn ausgerichtet. „Diese Entwicklung alleine macht schon rund 20 Prozent der Preiserhöhung aus“, schätzt Michael Bandel.
Bekanntermaßen regeln das Angebot und die Nachfrage den Preis. Stellt man Baumwollangebot und -nachfrage weltweit gegenüber, wird eine Angebotslücke von rund 14,5 Prozent sichtbar, das entspricht 3,2 Millionen Tonnen. Allein von der Saison 2008/2009 auf 2009/2010 hat sich die Nachfrage um 5,6 Prozent erhöht. Das Angebot hingegen verringerte sich im gleichen Zeitraum um rund 5,9 Prozent. Angeheizt hat die Nachfrage vor allem China. Der Lebensstandard in der Volksrepublik ist durch die schnell vollzogene Industrialisierung in einem raschen Tempo gestiegen und somit auch die Nachfrage nach Gütern. Michael Bandel spricht von einem „unermesslichen Bedarf“ der asiatischen Bevölerung. „China und Indien sind mit insgesamt 2,5 Milliarden Konsumenten bestimmend für den wachsenden Bedarf. Und beide Länder stehen erst am Anfang ihrer Entwicklung.“
Mehr als 40 Prozent der Weltnachfrage nach Baumwolle wird in China verzeichnet. Diese Menge kann das Land alleine nicht herstellen und ist so auf Zukäufe im Ausland angewiesen. Eine Änderung dieser Situation erwarten die Branchenkenner der TVU-Gruppe nicht. „Diese Schere wird auch weiterhin auseinandergehen“, rechnet Michael Bandel. Zumal auch in Indien, das üblicherweise über einen Rohbaumwollüberschuss verfügt, ein Mangel entstanden ist. Ursache ist neben der starken Binnennachfrage auch die Einkaufspolitik Chinas. Anfang April wurden die Exportsubventionen für Garne in Indien gestoppt, seit Ende April besteht dort sogar ein Exportverbot für Rohbaumwolle und Baumwollabfälle. Auch Pakistan benötigt mehr Baumwolle, als im Land angebaut wird. 70 Prozent der Spinnerein werden nach Informationen der All Pakistan Textile Mills Association (APTMA) schließen müssen. Im Mai 2010 wurde ein Strafzoll von 15 Prozent auf den Export aller Garne erhoben. Aufgrund großer Proteste haben Staat und Textilverbände die Diskussionen um den Strafzoll inzwischen wieder aufgenommen.
In Syrien wird die Baumwollindustrie staatlich gelenkt. Hier ist ebenfalls ein hoher Bedarf im Binnenmarkt zu verzeichnen. „Seit Januar sind die Spinnereien über Monate ausgebucht und können keine Preis- und Lieferzusagen machen“, erklärt Bandel. Hinzu kommt, dass für Syrien bessere Handelsvoraussetzungen mit der Türkei bestehen als die Jahre zuvor. Die erhöhte Nachfrage ist also erklärbar. Doch wo genau liegen die Ursachen des verringerten Angebots? Michael Bandel führt agrarpolitische Ursachen an. „Durch den klimatischen Wandel und damit einhergehenden häufigeren Dürreperioden wurde in den letzten Jahren weniger Ertrag pro Flächeneinheit erzielt.“ Effizientere Baumwollpflanzen, die den Bedingungen noch besser standhalten, gibt es derzeit nicht. In den vergangenen Jahren wurden die Baumwollpflanzen zwar immer weiter optimiert, doch heute ist das Potenzial ausgeschöpft, so dass keine weitere Ertragssteigerung mehr möglich ist. Grund für eine mengenmäßig geringere Ernte sind auch veränderte Prioritäten in der Landwirtschaft. Um den gestiegenen Nahrungsmittelbedarf decken zu können, wird in einigen Ländern der Anbau von Mais und Soja stärker gefördert.
Wie das Angebot in der nächsten Saison genau aussieht, stellt sich im Herbst dieses Jahres heraus. Ab August bzw. September wird die Baumwolle geerntet. „Wenn keine größeren Ernteausfälle dazukommen, wird eine Angebotslücke von etwa einer Million Tonnen klaffen“, schätzt Michael Bandel. Betroffen von der Preiserhöhung ist übrigens nicht nur die Naturfaser Baumwolle. „Langfristig wird aufgrund der generellen Verknappung auch der Preis der synthetischen Fasern steigen“, prognostiziert Silvia Jungbauer. „Nachdem sich der Baumwollmarkt wieder beruhigt hat, werden sich die Preise vermutlich auf hohem Niveau stabilisieren“, erklärt Hans Hausner.
Was aber bedeutet diese Entwicklung nun für die Branche? Bett- und Tischwäsche sowie Berufsbekleidung sind schließlich ein bedeutender Faktor in jedem Textilserviceunternehmen. „Wäschereien müssen sich langfristig auf höhere Beschaffungskosten einstellen“, erklärt Burkhard Oel. „Bis jetzt haben wir die Preisschwankungen aufgefangen, doch gerade als deutscher Produzent müssen wir unsere Mehrkosten nun weitergeben.“ Dass die Situation auf dem Baumwollmarkt das Aus für hiesige Textilhersteller bedeuten könnte, befürchtet Burkhard Oel nicht. „Wir können nach wie vor hier in Deutschland produzieren, wenn wir nur die Fixkosten im Griff haben“, ist er überzeugt. In Konkurrenz zu asiatischen Billiganbietern stehe man ohnehin nicht. „Von der auftragsbezogenen Fertigung über eine umfangreiche Lagerbevorratung bis hin zu qualitativen, wäschereitauglichen Produkten grenzen wir uns deutlich ab.“
Durch langfristige Verträge sieht Burkhard Oel für Langheinrich keine Gefahr, in Lieferschwierigkeiten zu geraten. „Wir haben uns das Rohmaterial für dieses Jahr gesichert“, sagt er. „Auch wenn es immer schwerer wird, längerfristige Verträge zu schließen.“
Burkhard Öl rechnet damit, dass einige Textildienstleister auf günstigere Qualitäten innerhalb des Sortiments umsteigen. „Unseren Qualitätsstandard werden wir dennoch beibehalten“, versichert er. „Die entscheidende Rolle für jedes Textilserviceunternehmen spielen schließlich die Prozesskosten.“Vanessa Ebert