Touristikkonzept für Senioren Pflegehotels -Markttrend oder Nische?

Menschen wollen reisen. Unabhängig von ihrem Alter oder ihrer körperlichen Mobilität. Burkhard Bruning ist selbstständiger Unternehmensberater und hat sich auf Gesundheits- und Pflegehotels spezialisiert. Er diskutierte mit uns, ob der demografische Wandel der Gesellschaft aus diesem Touristikkonzept einen generellen Trend oder nur eine spezialisierte Marktnische machen wird.

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    „Der Hotelberater“ Burkhard Bruning. Fotos: Bruning
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    So punktet das Hotel von morgen: mit der perfekten Kombination von Barrierefreiheit und Wohlfühlatmosphäre im Restaurant.
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    Nicht nur für ältere Gäste: Vom Komfort der Barrierefreiheit im Hotelbad, z.B. einer ebenerdigen, geräumigen Dusche, profitieren auch junge Menschen.

Pflegehotels -Markttrend oder Nische?

„Die Wünsche, Träume und Erwartungen von Senioren, mobilitätseingeschränkten oder pflegebedürftigen Menschen unterscheiden sich in keiner Weise von den Vorstellungen aller anderen Gäste“, sagt Hotelberater Burkhard Bruning. Er weiß, worüber er redet. Der erfahrene Unternehmensberater setzt sich seit Jahren mit dem Thema „Barrierefreiheit“ im Hotel- und Gastgewerbe auseinander. Dabei geht es um weit mehr als sorgloses Reisen für die Generation „50 plus“ oder den sogenannten „Best Agers“. Gemeint sind ausgereifte Konzepte für eine große Zielgruppe, die mit dem demografischen Wandel weiterhin wachsen wird. Gefragt sind ganzheitliche Lösungen - bis hin zu inkludierten Pflegeleistungen. Ob so genannte Pflegehotels ein Modell der Zukunft sind oder eher eine Marktnische bleiben, hat RWTextilservice mit dem Experten diskutiert.

RWT: Herr Bruning, es gibt eine Vielzahl von Begriffen für die derzeit stark fokussierten Zielgruppen jenseits der Fünfzig. Hinter diesen marketingorientiert benannten „Best Agers“ oder der „Silver Generation“ verbergen sich Menschen, die nicht nur gehobene Lifestyleansprüche haben, sondern konkrete Bedürfnisse, aufgrund körperlicher oder geistiger Einschränkungen. Was verstehen Sie unter Barrierefreiheit?

Burkhard Bruning: Barrierefreiheit hat für mich die Bedeutung von Offenheit - Freiheit - ohne Hindernisse und das in vielerlei Hinsicht. Barrieren existieren nicht ausschließlich für seh-, hörbehinderte, Rollstuhlfahrer oder geistig behinderte Menschen. Barrieren werden auch häufig durch Unfreundlichkeit, Unverständnis und Missachtung der Menschenwürde aufgebaut. Hier sollten aus meiner Sicht einige Menschen an sich arbeiten. Barrierefreiheit ist nützlich für 100 Prozent der Bevölkerung.

RWT: Sie bezeichnen Barrierefreiheit in Europa als Bürgerrecht. Wie viele barrierefreie Hotels gibt es in Deutschland und sind diese vergleichbar mit der Idee eines Pflegehotels?

Burkhard Bruning: Die Anzahl der echten barrierefreien Hotels liegt wahrscheinlich in einer Grauzone. Einige Hotelbetriebe werben bereits mit dem Attribut „rollstuhlgerecht“, selbst wenn nur zwei von insgesamt 100 Hotelzimmern als solche ausgestattet sind. Das Angebot kommt dann in eine Schieflage, wenn das Restaurant, die Bar oder das Café nur über Treppen zu erreichen sind.

Echte Barrierefreiheit ist die Grundvoraussetzung für ein so genanntes Pflegehotel. Barrierefreie Hotels sind dann mit der Idee eines solchen Pflegehotels zu vergleichen, wenn sie ein Pflegeangebot vorhalten. Jedes Hotel kann derartige Angebote machen, beispielsweise durch einen mobilen Pflegedienst. Mir ist kein Haus bekannt, das eigenes Pflegepersonal beschäftigt.

Als beispielhafte Häuser kann ich auf das HausRheinsberg Hotel am See in Rheinsberg, die Manfred Sauer Stiftung in Lobback und das Hotel Weisseespitze im Alpenraum im Kaunertal verweisen. In diesen Häusern ist Barrierefreiheit kein Schlagwort, sondern wesentlicher Bestandteil gelebter Gastlichkeit. Hier hat der Gast tatsächlich die Möglichkeit, die gewünschte Pflegeleistung über so genannte „Drittleister“ hinzu zu buchen.

RWT: Wie viele Hotels mit konkreten Pflegeleistungen gibt es bereits, in denen zum Beispiel Paare oder Familien gemeinsam Urlaub machen und wo ihnen die Pflege eines Angehörigen zumindest ein Stück weit abgenommen wird?

Burkhard Bruning: Mir sind etwa 15 bis 20 Hotelbetriebe in Deutschland bekannt, die dieses Leistungsmerkmal haben. Andererseits gibt es auch Alten- und Pflegeheime, die ein paar ihrer Zimmer als „Hotelzimmer“ anbieten - zum Beispiel für Angehörige.

RWT: Welches Wachstumspotenzial bietet der Markt für solche Angebote?

Burkhard Bruning: Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ist das Wachstumspotenzial sehr groß. Ob das Modell letzendlich von den Gästen angenommen wird, entscheiden diese selbst bzw. der Hotelier, der sein Angebot entsprechend attraktiv gestalten und vermarkten muss. Denn Befragungen und Gespräche mit Betroffenen haben ergeben, dass auch sie lieber dort Urlaub machen, wo „Normalität“ herrscht und das Thema „Pflege und Krankheit“ nicht allgegenwärtig ist.

Reine Pflegehotels bleiben daher meiner Meinung nach Nischenprodukte mit einem äußerst beschränkten Wachstumspotenzial.

RWT: Das Etikett „Pflegehotel“ ist also wenig angemessen und schon gar nicht werbewirksam?

Burkhard Bruning: Richtig, aus dem schon genannten Aspekt der gewünschten Normalität halte ich diese Namensgebung für wenig auslastungsfördernd.

RWT: Wie würde sich nun ein Hotel mit Pflegeeinrichtungen definieren? Braucht es zum Beispiel einen einheitlichen Begriff, eine Bezeichnung?

Burkhard Bruning: Das kann durchaus sein, jedenfalls so lange, bis es zur Selbstverständlichkeit wird. In diesem Zusammenhang möchte ich Sie an die Thematik Raucher und Nichtraucher erinnern. In den 70er und 80er Jahren waren die Nichtraucher in der Minderheit, heute sind es die Raucher. Inzwischen werden Gasträume und Hotelzimmer, in denen geraucht werden darf, speziell gekennzeichnet. Vielleicht gibt es auch bald Hinweise wie: „Achtung - Barriere!“

Es ist an der Zeit, Designs, die sich an alle richten, umzusetzen. Aus meiner Sicht ist ein universelles Design von Produkten, Umfeldern, Programmen und Dienstleistungen erforderlich.

RWT: Wie müsste solch ein Design erkennbar sein, woran würde sich der Gast bei der Auswahl eines Hotels orientieren?

Burkhard Bruning: Wir reden von einem Design, das von allen Menschen in größtmöglichem Umfang genutzt werden kann, ohne dass eine Anpassung oder eine spezielle Umgestaltung erforderlich ist.

Die Prinzipien eines solchen universellen Designs sind: gesunde Materialien, eine breite Nutzbarkeit für die unterschiedlichen Zielgruppen, Flexibilität in der Benutzung, sensorisch wahrnehmbare Informationen (für blinde oder gehörlose Menschen), Fehlertoleranz, z.B. in Integrationsbetrieben, niedriger körperlicher Aufwand, ausreichende Größe und genügend Platz für Zugang und Benutzung im Sinne von Barrierefreiheit.

RWT: Sehen Sie Profilierungschancen sowie einen Wachstumsmarkt für textile Dienstleister?

Burkhard Bruning: Textilien und textile Dienstleistungen haben einen entscheidenden Anteil an optimalem Komfort, Hygiene und Gesundheitsschutz in allen Versorgungsbereichen. Das Hygienebewusstsein der Menschen ist allgemein gestiegen. Und das gilt natürlich ganz besonders im Bereich der Pflege.

Hier müssen die Anforderungen an die Textilien und deren Aufbereitung dem Gesamtkonzept des Hotels angepasst werden, insbesondere wenn anspruchsvolle Wellness- oder Pflegeangebote gemacht werden. Ich sehe hier durchaus Profilierungschancen, die sich auf diese gestiegenen Marktanforderungen bereits eingestellt haben oder bereit sind, dies zu tun.

RWT: Müssen die Hotellerie und das Gastgewerbe in Deutschland nun grundsätzlich umdenken oder haben wir bereits zahlreiche Barrieren abgebaut und die richtigen Weichen für die Zukunft gestellt?

Burkhard Bruning: Nicht nur Hotellerie und Gastgewerbe müssen noch umdenken, sondern die Gesellschaft in Deutschland insgesamt sollte umdenken und offener werden. Menschen müssen mehr aufeinander zugehen.

RWT: Herr Bruning, vielen Dank für das Gespräch.

Gabriele Reyjschek-Wehmeyer;

Infos: www.der-hotelberater.de