Immer wenn sich die Einwohner der kleinen Stadt Mindelheim alle drei Jahre ganz besonders herausputzen und in ihre mittelalterlichen Gewänder schlüpfen, bereiten sich auch Marianne Lonzer und Isolde Maucher vor. In der Zeit des großen historischen Stadtfestes und vor allem danach haben sie viel zu tun. Sie kümmern sich um die Reinigung und Lagerung der Kostüme aller rund 2.000 Mitwirkenden.
Kostümabgabe nur frisch gereinigt
Alle drei Jahre, immer im Juli und immer in den Wochen nach dem großen Stadtfest der kleinen Stadt Mindelheim im Unterallgäu, hat die Inhaberin der LOMA Textilpflege besonders viel, aber auch viel Abwechslungsreiches zu tun. Hochwertige Seidenstoffe, Samtkleider und Gewänder aus Brokat mit goldenen Borten, Kleidung aus Wollstoff, Hüte und sogar verzierte Satteldecken warten dann darauf, gereinigt zu werden, bevor sie wieder für die nächsten drei Jahre in den Kleiderkammern der Stadt verschwinden. Alle drei Jahre herrscht in Mindelheim mittelalterlicher Ausnahmezustand. Dann findet dort das Frundsbergfest statt und die Mindelheimer und viele Besucher verwandeln sich für zehn Tage in Ritter, Burgfräuleins, Räuber, Adlige und altertümliche Bauern und dies in traditionellen Kostümen und Trachten.
„So viele Kostüme wie in diesem Jahr waren es noch nie“, sagt Marianne Lonzer, die Inhaberin der LOMA Textilpflege, mit großer Begeisterung. Sie kennt das Frundsbergfest und die Festkostüme seit über 20 Jahren. Schon seit 1986, seitdem es die LOMA Textilpflege in Mindelheim gibt, reinigt sie die Gewänder der Mittelalterfans. In diesem Jahr war sie in Mindelheim zum ersten Mal alleine für die Reinigung der mittelalterlichen Kostüme zuständig.
Auch Isolde Maucher kennt sich mit diesen historischen Gewändern aus. Sie betreut die Nähstube und den Fundus des Frundsberg Festrings. Beim Fest selbst gehört sie zur Gruppe des Fähnleins Helfenstein und kümmert sich dort um die Zugpferde. Seit 1979 hilft sie bei der Kostümausgabe und -annahme mit, seit 1985 gehört sie zum Team der Nähstube. Schon bei vielen Frundsbergfesten war sie vor und hinter den Kulissen aktiv und hat sich darum gekümmert, dass die Kostüme heil und sauber zu den Festteilnehmern und wieder zurück in den Fundus kamen. Dort werden sie zwischen den Festen gelagert die zweite textile Herausforderung des Mittelalterfestes. Beide Frauen kennen die Besonderheiten der Kostüme und ihrer Materialien. „Das sind alles hochwertige Stoffe. Damit sie nicht abfärben oder einlaufen, müssen sie besonders sorgfältig behandelt werden“, erklärt Marianne Lonzer. Sie reinigt die Obergewänder deshalb mit KWL. Die weißen Hemden und Blusen aus Baumwolle, die unter den Kostümen getragen werden, reinigt sie nass. „Das Wichtige ist, dass die Kleider sauber sind. Bei nicht so empfindlichen Materialien können die Leute die Kostüme auch gerne selbst waschen“, betont Isolde Maucher. Nicht gereinigte oder gewaschene Kostüme nimmt sie im Fundus nicht an. Gebügelt werden müssen sie nicht unbedingt. „In drei Jahren werden sie erst wieder gebraucht, da hängt sich das glatt“, sagt sie lachend und zeigt dabei auf ein Kleid aus schwerem Samtstoff. Aber nicht nur das Material alleine macht die besondere Herausforderung bei der Reinigung der Kostüme aus. Gehörte man im Mittelalter zur gesellschaftlich angesehenen Klasse, so zeigte man dies auch nach außen mit der Kleidung und dem Schmuck. Da die historischen Kostüme den Originalen möglichst ähnlich sein sollen, besitzen auch sie aufwendige Schmuckelemente. Damit die reich verzierten Gürtelschnallen und Knöpfe bei der Reinigung keinen Schaden nehmen, werden sie in Schutzhüllen aus Alufolie eingepackt. Die Federn an den Hüten müssen von den Auftraggebern vor dem Reinigen selbst abgetrennt und später wieder angenäht werden. „Die Federkiele würden beim Reinigen brechen“, erläutert Marianne Lonzer. Normalerweise gibt die Textilreinigermeisterin Kleidungsstücke, an denen kleine Ausbesserungsarbeiten nötig sind „wenn einmal ein Saum abreißt oder so“ , zu einer Schneiderin in der Stadt. Bei den Kostümen übernimmt dies Isolde Maucher. „Es kommt schon öfter vor, dass kleine Risse an den Kleidern sind, manchmal müssen wir auch ganze Hemden ersetzen. Das sind aber alles die normalen Verschleißerscheinungen“, berichtet die heutige Nähstubenleiterin. Gemeinsam mit sechs Helferinnen kümmert sie sich darum, dass alle mittelalterlichen Kostüme wieder vollständig sind und ohne Löcher und Risse für das nächste Frundsbergfest eingelagert werden können. „Jetzt nach dem Fest ist es hier erst einmal chaotisch. Sobald alle Kostüme hier sind, können wir dann alles in Ruhe sortieren und wieder in Ordnung bringen“, erzählt sie. Ihr Traum war es früher einmal, Schneiderin zu werden. „Dies war jedoch zu der Zeit, als ich mich für einen Beruf entscheiden musste, nicht möglich. In den fünfziger Jahren war es gerade modern geworden, maschinell gefertigte Kleider zu kaufen.“ Deshalb entschied sich Isolde Maucher für eine Arbeitsstelle im Büro. Mit ihrem ehrenamtlichen Nebenjob in der Nähstube kann sie ihren Traum jedoch ein wenig verwirklichen.
Die rund 1.300 Gewänder, die im Mindelheimer Fundus aufbewahrt werden, gehören dem Frundsberg Festring und werden an die Beteiligten des Mittelalterfestes verliehen. Diese zahlen keine Leihgebühr, müssen die Kostüme jedoch gereinigt zurückbringen. Einige der Festteilnehmer besitzen auch eigene private Gewänder, die zur Aufbewahrung nicht zu Isolde Maucher gebracht werden.
Etwa zwei Wochen nach dem Fest bringen die Mindelheimer ihre ausgeliehenen Gewänder, Uniformen, Mäntel, Röcke, Schuhe und Hüte dann zum großen Fundus des Frundsberg Festrings zurück. Schwer bepackt kommen sie pünktlich zum Abgabetermin in die Volkshochschule, denn auf dem Dachboden des Gebäudes befindet sich das Kostümlager. In mehreren kleinen Räumen verteilt hängen die Gewänder hier auf langen Kleiderstangen. Die Abgabe ist gut organisiert. Jeder hat einen gelben Abgabeschein, auf dem geschrieben steht, was alles zu seinem Kostüm gehört. Isolde Maucher hat das passende Gegenstück, einen weißen Zettel, auf dem dasselbe steht. Dieser muss mit dem anderen und vor allem mit der Anzahl und Art der frisch gereinigten Kleider übereinstimmen, damit sie abgegeben werden können. „Ich merke immer genau, ob etwas gereinigt wurde oder nicht. Das spürt man ja, wenn man die Stoffe anfasst“, sagt die erfahrene Fundusleiterin. Die Kostüme werden einige Tage vor dem Fest schon an die Beteiligten ausgegeben. „Da kann man die Kleider auch noch einmal gut lüften. Denn auch wenn die Kostüme frisch gereinigt hier wieder abgegeben werden, muss ich Mottenkugeln verwenden.“ Besonders die Wollstoffe sind sehr anfällig für Mottenbefall und da die Kostüme für knapp drei Jahre wieder im Fundus verschwinden, will Isolde Maucher kein Risiko eingehen. Sie nimmt deshalb auch nur Mottenkugeln aus Italien. „Die sind besonders groß und stinken ordentlich.“ Wenn im Herbst alle Kleider sortiert und geflickt sind, steut sie die Kugeln aus. „Dann mache ich möglichst schnell die Türen zu. Zwischendurch muss ich natürlich immer mal wieder reinschauen und prüfen, ob auch wirklich keine Motten da sind.“, erklärt sie. Ein großes Highlight des Festes sind die Umzüge, die jeweils an den Sonntagen stattfinden und bei denen die historischen Gewänder besonders im Vordergrund stehen. Damit alles wirklich historisch-original wirkt, dürfen die Beteiligten während des Umzugs keine Armbanduhren, Sonnenbrillen oder Turnschuhe tragen. Da der letzte Teil des zweiten Festumzugs in diesem Jahr quasi ins Wasser fiel es regnete plötzlich in Strömen gab es für die Textilreinigung eine zusätzliche Aufgabe. „Die meisten Kleider, die gleich am Montag bei uns abgegeben wurden und das waren viele, da keiner die Kostüme zuhause nass liegen lassen wollte , mussten vor dem Reinigen getrocknet werden“, erzählt Marianne Lonzer. Eine besondere Behandlung bekamen auch die Satteldecken und textilen Schmuckteile der Pferde, da sie meistens schmutziger sind als die Kostüme selbst und deshalb vorbehandelt werden müssen. In den vergangenen Jahren hatte sie immer Glück und die Gewänder waren nie extrem schmutzig. „Ein Rotweinfleck hier oder ein Fettfleck von der Bratwurst dort, aber das gehört ja dazu“, sagt die Textilreinigerin, die beim Fest selbst nur als Zuschauerin dabei ist. Ihr Part beginnt erst danach. „Dann sind wir erst einmal komplett ausgelastet.“ Neben der Kostümreinigung läuft für die LOMA Textilpflege natürlich auch das Alltagsgeschäft weiter. Marianne Lonzer selbst ist hauptsächlich mit der Annahme und Ausgabe der Textilien beschäftigt, sie bereitet alles vor und sortiert die Kleidung. Neben einer Reinigungsfachkraft und drei Fachkräften beim Bügeln beschäftigt sie mehrere Aushilfen. „Zu bestimmten Zeiten ist hier immer viel los, aber jetzt zur Frundsbergfestzeit ist es natürlich noch mehr“, so Marianne Lonzer. Ein Blick in die Reinigungsräume nach dem Fest zeigt, was sie meint. Kleiderständer an Kleiderständer voller prachtvoller Mittelalterkleider reihen sich aneinander und neben die „normale“ Wäsche die Hemden, Bettfedern und Anzüge, um die sich dort ansonsten Tag für Tag gekümmert wird. „Das ist wirklich eine tolle Sache, da ist hier richtig was los“, freut sich auch Dora Zillober, die sich um das Detachieren der historischen Gewänder kümmert. Dass die Reinigung der sensiblen Materialien so problemlos klappt, liegt laut Marianne Lonzer vor allem an ihrer quasi neuen Maschine, mit der sie für jedes Material das passende Programm einstellen könne. Seit zwei Jahren reinigt sie mit einer Topline 500 von Multimatic Ilsa. Nachdem die Mindelheimer ihre ausgeliehenen Kostüme frisch gereinigt bei Isolde Maucher abgegeben haben, sind die Gewänder nun wieder für die nächsten drei Jahre sicher auf dem Dachboden der Mindelheimer Volkshochschule verwahrt und warten auf ihren mottenfreien und glanzvollen Auftritt im Jahr 2012.
Jana Tashina Wörrle