Automatisierung ist ein Trend im Textilservice. Bei Stangelmayer in Kolbermoor ist seit März eine bisher einzigartige Anlage für Flachwäsche mit einem Scanner, einer Faltmaschine und zehn Staplern in Betrieb. Auch RFID-Technologie wird angewendet. RWTextilservice hat sich das System vor Ort angesehen.
3 Die Laken fliegen regelrecht durch die Halle. Es rattert und zischt. Mit menschlichen Händen kommen die Laken kaum in Berührung, das Meiste geht bei Stangelmayer in Kolbermoor automatisch. Auf ihrer Reise durch die Produktionshalle des Textilserviceunternehmens landen die Laken und andere Flachwäscheteile nach der hygienischen Aufbereitung in der Mangelstraße. Auf ihrem Weg zur Faltmaschine werden sie gescannt, am Ende der Anlage kommen perfekt gemangelte, gefaltete und sortierte Stapel auf einem Fließband angefahren. Die Mitarbeiterin muss sie nur noch in den Transportwagen packen.
Das Unternehmen Stangelmayer feiert in diesem Jahr 50-jähriges Bestehen und legte schon immer Wert darauf, mit der Zeit zu gehen. 1965 wagten Elfriede und Arnulf Stangelmayer mit einem kleinen Wäschereibetrieb in Rosenheim den Schritt in die Selbstständigkeit. Der Betrieb wuchs kontinuierlich, zog 1978 nach Kolbermoor um, erweiterte das Angebot, investierte in neue Ideen und moderne Technik. Dabei blieb Stangelmayer immer ein Familienunternehmen. Und zwar eines, das nicht der Bereicherung der Inhaberfamilien dient. Sämtliche erwirtschafteten Mittel werden wieder in den Betrieb investiert, um die Qualität der Arbeitsplätze zu erhöhen und die Zukunft des Unternehmens zu sichern.
Seit 2004 sind Arnulf und Gerhard Stangelmayer die Geschäftsführer in zweiter Generation. Sie stellten mit weiteren Investitionen die Weichen neu, u.a. mit einem Neubau einer weiteren Produktionshalle mit 4.000 m2, ausgestattet mit modernen Maschinen und durchdachter Logistik. Heute wird in Kolbermoor auf fast 12.000 m2 saubere Wäsche produziert. Erst im Juni 2014 zog eine neue 16-Kammern-Waschstraße ein. Am Hauptsitz in Kolbermoor bearbeitet Stangelmayer täglich bis zu 61 t Wäsche. Die Niederlassung in Wasserburg kümmert sich um die Dienstleistungen rund um Bewohnerwäsche unter der Marke Starotex. Stangelmayer ist Partner der Verbünde DBL und LavanTex. Als textiler Vollversorger ist das Unternehmen in der Region Oberbayern und in Österreich tätig. Das Gebiet erstreckt sich von Innsbruck und Salzburg über Passau und Rosenheim bis nach München. Den Kunden will man ein textiles Rundumkonzept bieten. Der Kundenstamm kommt zum Großteil aus dem Gesundheitswesen, außerdem aus Hotellerie und Gastronomie. Neben Flachwäsche wird auch Berufsbekleidung bearbeitet. Rund 450 Mitarbeiter hat Stangelmayer insgesamt, davon etwa 380 in Kolbermoor.
Zusammen zu mehr Innovationen
Stangelmayer sieht sich als ein Innovationstreiber der Branche. Das bestätigt auch Ralf Schroeder, Geschäftsführer der HeBeTec GmbH, einem Zulieferer der Wäschereibranche. Für ihn ist das Kolbermoorer Textilserviceunternehmen ein „Early Adaptor“, also ein Unternehmen, das die neuesten technischen Errungenschaften oder die neuesten Produktvarianten nutzt. „Stangelmayer hat Mut zu Neuem. Solche Partner brauchen auch wir als Zulieferer, um der Branche in der Praxis zeigen zu können, was möglich ist“, erläutert Schroeder. Gemeinsam haben die beiden Unternehmen nun Innovatives angestoßen. Die Vorgeschichte beginnt damit, dass Stangelmayer ein sehr vielfältiges Sortiment verschiedener Textilien bearbeitet. „Das heißt, es muss auch viel sortiert werden, was wiederum viel Zeit kostet. Also haben wir uns bei den Zulieferern erkundigt, wer eine Idee hat, das Ganze zu automatisieren“, erzählt Andreas Stadler, technischer Leiter bei Stangelmayer.
HeBeTec antwortete auf die Anfrage und Schroeder sagte zu: „Das kriegen wir hin.“
Da beide Geschäftsführer – sowohl Arnulf als auch Gerhard Stangelmayer – gelernte Ingenieure sind, sind beide sehr technikaffin. Das kommt u.a. Andreas Stadler zugute. „Wir tüfteln viel, wagen uns eben auch an neue Technik heran“, sagt er. Die Technik, die beim Redaktionsbesuch von RWTextilservice besichtigt wurde, ist in dieser speziellen Kombination so neu, dass sie auf der EXPOdetergo in Mailand im Oktober 2014 erstmals präsentiert wurde und erst seit März 2015 in Betrieb ist. Entstanden ist das Anlagenkonzept durch ein Joint Venture von BIKO aus der Schweiz, Mobics aus den Niederlanden und HeBeTec aus Deutschland. Von BIKO kommt die Großteilefaltmaschine vom Typ „Frieda“. Die Sortierung in Farben, Größe und Muster erfolgt durch einen Mobics-AI-Scanner. Diese vertreibt in Deutschland HeBeTec.
Optische Information durch RFID ergänzt
Los geht es mit der innovativen Flachwäschestraße vorne an der Eingabemaschine. Hier befinden sich zwei Antennen (je eine pro Bahn), die mit Radio-Frequency-Identification-(RFID-)Technologie arbeiten. Denn nicht nur optisch über den Scanner werden die Wäscheteile erfasst. Auch ein UHF-RFID-System ist integriert. Seit rund drei Jahren kennzeichnet Stangelmayer alle neuen Teile mit RFID-Chips. „Ich glaube, an dem Thema RFID kommt man kaum noch vorbei. Für uns ist das ein Teil der Umsetzung von Industrie 4.0 in der Wäscherei“, sagt Arnulf Stangelmayer. Die RFID-Technologie ergänzt in diesem Fall die optische Überprüfung der Wäsche durch einen Scanner. „Für die Kamera des Scanners ist z.B. ein weißes Laken mit weißen Block- oder Feinstreifen einfach nur weiß“, erläutert Ralf Schroeder. Per RFID erhalte das System die Zusatzinformation, dass das weiße Teil z.B. weiße Blockstreifen hat. So kann es am Ende zum richtigen Stapel sortiert werden – zu den weißen Laken mit weißen Blockstreifen. Dabei überschreibt die RFID-Information die optische Information des Scanners. In einer Datenbank sind alle Informationen zu den verschiedenfarbigen, gemusterten und verschiedengroßen Wäscheteilen hinterlegt. So weiß die Maschine nach dem Scannen bzw. dem Einlesen des RFID-Chips, welches Teil wie gefaltet werden soll und an welchen Stapler kommt. Aber der Reihe nach.
Nach der Eingabestation mit den RFID-Antennen läuft die Flachwäsche durch die Mangel; nach dem Mangelvorgang läuft sie weiter über Bänder direkt unter dem Mobics-AI-Scanner hindurch. Vier Kameras übernehmen hier den Scanvorgang. Schroeder erklärt: „Der Scanner nutzt fortschrittliche Farbverarbeitung. Dadurch hat er eine einzigartige Farberkennung, die es möglich macht, verschiedenfarbige Flecken auf unterschiedliche Weise zu behandeln.“ Generell wird jedes Teil nach Konturfehlern, Löchern, Rissen, Flecken oder Fremdkörpern gescannt. Der Mobics-Ai-Scanner kann die Textilien nach Größe, Farbe oder Logo klassifizieren. Die Wäsche läuft über einen sogenannten Schwarzbalken. Dieser ermöglicht es zusammen mit der Kameratechnik, dass das entsprechende Teil nicht in einzelnen Abschnitten, sondern als Ganzes auf dem zum System gehörenden Bildschirm zu sehen ist. Am Touchscreen ist dargestellt, welche Punkte das System auf dem Wäschestück als „auffällig“ bewertet hat. Grüne Punkte sind dem Scanner aufgefallen, aber OK. Rote Punkte sind nicht in Ordnung – diese Teile werden aussortiert, sprich direkt abgeworfen auf Bahnen unter dem Scanner. Die Parameter, ab welcher Grenze das Teil als „nicht in Ordnung“ gilt, sind vorher festzulegen. Der Benutzer stellt also die Kriterien individuell ein, welches Teil unter welchen Bedingungen aussortiert werden soll. Bei Stangelmayer ist ein Scanner installiert, der mit einem sogenannten „Pre-Analyser“ arbeitet. Dieser erkennt zuerst den Artikel, dann die Staplerposition und gibt außerdem das entsprechende Faltschema an die Faltmaschine weiter.
Der Scanner von Mobics kann laut Anbieter Wäschestücke bis zu einer Geschwindigkeit von 60 m/min verarbeiten und soll außerdem auf jede Faltmaschine passen. Das geschlossene Gehäuse hält den Staub fern und schützt die empfindlichen Teile des Systems so gegen äußere Einflüsse.
Nach dem Scannen und Falten kommen fertige Stapel sortierter, gefalteter Ware auf den Fahrbändern am Ende der Flachwäschestraße heraus. Sie haben Platz in zehn Stapelfächern, fünf oben und fünf unten. Die Vorteile des ganzen Systems: Man spart sich das Vorsortieren nach Farben, Muster und Größen. Auch befindet sich niemand mehr hinter der Faltmaschine. Vielmehr werden sortenreine Stapel auf ein zentrales Abförderband gebracht und erleichtern die Expeditionsarbeit. Die Arbeitsabläufe sollen entzerrt werden. Auch bei der Betriebsdatenerfassung kann das System helfen. Es schreibt alle Informationen in eine SQL-Datenbank. Die Dokumentation dort wird alle fünf Minuten aktualisiert. So lassen sich entsprechend aktuelle Statistiken abrufen: z.B. die Zahl der insgesamt bearbeiteten Teile an einem Tag, davon der Anteil mit Loch oder Fleck. „Man kann auch sehen, dass es beim Artikel X heute so und so viele mit Loch gab“, erklärt Schroeder.
Grenzen des Systems ausloten
Seit einigen Wochen ist das System bei Stangelmayer in Betrieb. „Natürlich gab es anfangs Probleme“, gibt Stadler zu. So las die RFID-Antenne auch die Wäsche aus den Wäschewagen aus, die vorbeigeschoben wurde, und nicht nur die Wäsche auf dem entsprechenden Band. „Das liegt daran, dass die Lesereichweite bei UHF recht weit ist“, weiß Stadler. Sie werde aber geringer, wenn die Textilien feucht sind. So musste erstmal der richtige Abstand bzw. die richtige Ausrichtung der Antennen gefunden werden. „Das haben wir eine Weile ausgeklügelt und die Neigungswinkel angepasst – jetzt klappt es, doch einige Optimierungen sind noch notwendig“, sagt der Technikprofi. Generell sei man momentan noch dabei, die Möglichkeiten und Grenzen des Systems auszuloten. Bereut haben die Beteiligten die Umsetzung der innovativen Anlage nicht. Eines der nächsten Zukunftsprojekte im Hause Stangelmayer ist die Anschaffung einer zweiten Scanner-Faltmaschinen-Kombination von BIKO, Mobics und HeBeTec.
Die Automatisierung wird vorangetrieben. Das langfristige Ziel: Mehr Kapazität mit dem gleichen Personal, um weiter wirtschaftlich arbeiten zu können. Die Zeichen bei Stangelmayer stehen in jedem Fall nach wie vor auf Wachstum.
Infos: www.stangelmayer.com, www.hebetec.de, www.biko.ch