Im Gespräch mit Stefan Ronsdorf, Leiter Öffentlichkeitsarbeit/Projekte, Grosswäscherei Voss Mutmacher mit Vorbildcharakter

Nach der Ebbe folgt die Bewerberflut. Und die kommt ganz sicher nicht aus dem Nichts. Stefan Ronsdorf bestätigt: Es braucht nicht nur Initiative, sondern vor allem neue Bilder, um Menschen für die Textil­pflegebranche zu begeistern. Wir sprachen mit dem Leiter Öffentlichkeitsarbeit und Projekte der Großwäscherei Voss GmbH über Imagearbeit – nicht nur für Azubis.

Stefan Ronsdorf: „Die Unternehmen müssen bei der Nachwuchsfindung mehr Eigeninititaive ­zeigen.“ Foto: privat - © privat

3 Mühevoll, über den alten Zuber gebeugt, schrubbt die Waschfrau die schmutzige Wäsche. Wenig Freude, harte Arbeit und vermutlich ein Leben lang Rückenschmerzen. Während er erzählt, geht das Kopfkino los. Stefan Ronsdorf startet seine Präsentation vor einer 9. Klasse, ruft alte Bilder auf und erntet Kopfnicken. Genauso stellen sich die meisten jungen Menschen die Arbeit in einer Wäscherei bis heute vor. Ronsdorf, der Projektleiter der Großwäscherei Voss, hat es hautnah erlebt. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte er ein kreatives, didaktisches Konzept, um Auszubildende für das Textilreinigerhandwerk zu gewinnen. Dafür hatte das Wuppertaler Unternehmen im letzten Jahr mit dem „RWin 2014“ die Auszeichnung als „Wäscherei des Jahres“ von RWTextilservice bekommen.

Dort anfangen, wo es Sinn macht

Auch Stefan Ronsdorf hatte sich die Branche ganz anders vorgestellt, aber natürlich nicht so. Nachdem ihm bewusst geworden war, welche „Bilder“ die meisten Menschen vom professionellen Wäschewaschen noch abgespeichert haben, nutzte er die gängigen Klischees, um insbesondere Jugendliche in die Neuzeit mitzunehmen. Er fing genau dort an, wo es am meisten Sinn macht: in der Schule. Er trat als glaubwürdiger „Dolmetscher“ zwischen Wäschereibranche und den Fachkräften von morgen auf.

Sein Engagement sorgte für eine wahre Flut an Bewerbern. Alle Erwartungen, auch im Unternehmen, wurden weit übertroffen. Was ihn jedoch irritiere sei die allgemeine Resignation in Sachen Ausbildungsakquise innerhalb der Branche. Die Überzeugung, dass junge Menschen an einer Karriere im Wirtschaftsfeld Textilservice nicht interessiert seien, habe sich festgesetzt. Das zu überwinden sei mehr als dringend, vor allem aber machbar, betont er. Der Erfolg gibt ihm und seinem Konzept Recht.

Interessierte, engagierte und ausreichend qualifizierte Schüler verbindlich für eine Ausbildung zur Textilreinigerin oder zum Textilreiniger in der Großwäscherei zu gewinnen, war das Ziel der Projektinitiative. Wie die meisten Unternehmen im Wirtschaftsfeld Textilservice hatte die Voss GmbH akute Probleme, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Die Geschäftsleitung, unter anderem Miriam Paul, Vizepräsidentin des Deutschen Textilreinigungs-Verband (DTV), Bonn, wurde initiativ, stellte Stefan Ronsdorf ein und vertraute ihm die Projekt­leitung an.

Der ambitionierte Querdenker erkannte schnell, dass es zuerst einmal erforderlich war, die Jugendlichen mit dem Berufsbild bekannt zu machen. „So gut wie kein Schüler wusste, dass es den Handwerksberuf gibt. Niemand hatte eine Idee davon, was in einer modernen Wäscherei oder in einem Textilpflegebetrieb überhaupt passiert.“ Vor seinem Einstieg in das Unternehmen Voss sei es ihm nicht viel anders gegangen. Erstaunlich fand er es allerdings, dass er mit der Aufklärungsarbeit bei den Schulleitungen und Lehrerinnen anfangen musste. „Die meisten hatten gar kein Bild von dem Beruf oder nur ein sehr diffuses.“

Sein Konzept einer Kombination aus Information, persönlicher Beratung und der Möglichkeit eines Praktikums in der Großwäscherei vermittelt aktiv ein neues, zeitgemäßes Bild vom Wäschereigeschäft. Bereits am Ende jeder Präsentation in den Schulen gelingt der gewünschte Aha-Effekt: Die moderne Wäschereibranche ist hochtechnisiert und auch die klassische Textilreinigung arbeitet mit umweltgerechten Maschinen und handwerklich anspruchsvollen Verfahren. Den Schülern zu vermitteln, dass es dafür eine adäquate Ausbildung braucht, sei dann die geringste Hürde.

Um jedoch Realschüler oder gar Abiturienten dafür zu sensibilisieren, müssten insbesondere die Karrierechancen im Wirtschaftsfeld Textilservice transparenter gemacht werden. Jugendliche mit einem ordentlichen Abschluss der 10. Klasse sind die Zielgruppe. In allen Kooperationsschulen in Wuppertal stehe der Name Voss heute für moderne Großwäscherei mit einem frischen, anspruchsvollen Image. Dieses Bild wünscht sich Ronsdorf für die gesamte Branche.

Textilpflege erlebbar machen

Er ist Realist, trägt keine Vision vor sich her. Vor allem aber ist er jemand, der seine Verantwortung ernst nimmt. Stefan Ronsdorf bezweifelt jedoch, dass die Brisanz der aktuellen Ausbildungssituation und des bevorstehenden Fachkräftemangels bei allen in der Branche wirklich präsent ist. Je nach Region sei es bereits extrem schwierig, Ausbildungsplätze zu besetzen, sogar in den bisher begehrten Ausbildungsberufen. Wenn die Branche nicht schnellstmöglich etwas für die Bekanntheit des Berufsbildes unternehme, werde es für sehr viele Unternehmen bald gar nicht mehr möglich sein, Nachwuchs zu finden. Da sei jedoch die Eigeninitiative der Unternehmen gefragt. Belehren wolle er niemanden.

Das Ergebnis der Projektinitiative der Großwäscherei Voss sei ein Signal dafür, dass sich Engagement in Sachen Ausbildung unmittelbar auszahle. „Allein 2015 hatten wir 72 Bewerbungen, davon 42 für den Ausbildungsberuf des Textilreinigers. Vor dem Projekt kaum eine. Und wir freuen uns sehr darüber, dass wir für das Ausbildungsjahr 2015 deutlich mehr Bewerbungen für den Ausbildungsberuf des Textilreinigers erhalten haben als für die ausgeschriebenen Plätze als Mechatroniker.“

Für Ronsdorf war es ein Sprung ins kalte Wasser und ein mutiger Schritt, als Branchenfremder eine Ausbildungsoffensive zu realisieren. Er entwickelte eine eigene Strategie und setzte neben seinem Branchen-Know-how vor allem gesunden Menschenverstand ein. Sein eigener Berufsweg sei nicht immer gerade gewesen, erklärt er. Er könne sich daher gut in die Situation und die Unsicherheit von jungen Menschen hineinversetzen. Er selbst nutzte im September 2013 die Chance, die ihm die Voss GmbH bot. Der eigene Familien- und Freundeskreis allerdings fragte ihn oft: Was machst du denn mit einem Wirtschaftsstudium in einer Großwäscherei? Der ausgebildete Speditionskaufmann hatte nach vielen Jahren noch einmal die Schulbank gedrückt, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Sein Antrieb war der Wille zum Erfolg. Und den will er weitergeben. Von Natur aus zielstrebig und neugierig, hatte er sich bereits während des Studiums bei der Voss GmbH beworben. „Unsere Branche wird täglich mit neuen Herausforderungen in den Bereichen Logistik, Personalmarketing und -rekrutierung konfrontiert.“

Die Branche ist mehr als Handwerk

Stefan Ronsdorf identifiziert sich längst voll und ganz mit seiner Branche und ihrem Handwerk. Das kommt nicht nur bei den Jugendlichen gut an. Mittlerweile gehört der Bereich Öffentlichkeitsarbeit ebenfalls zu seinen Aufgaben. Unternehmensimage und Aus- und Weiterbildung seien eng miteinander verknüpft, betont er. Das werde von der Öffentlichkeit besonders wahrgenommen.

Wie jeder andere Mitarbeiter sei auch jeder Auszubildende ein Werbeträger für ein Unternehmen. Ronsdorf bindet sie aktiv in die Projektarbeit ein. „Wenn sich die Jugendlichen wertgeschätzt und gut aufgehoben fühlen, empfehlen sie uns weiter.“ Im Hause Voss bekommt jeder Auszubildende einen Abteilungs-, Betriebsleiter oder Techniker als „Azubi-Paten“ an die Seite gestellt. Darüber hinaus gibt es Koordinatoren, die unter anderem den werksinternen Unterricht planen und gestalten. Das Vertrauen in die Auszubildenden sei immer auf fruchtbaren Boden gefallen. Bisher wurden alle übernommen. „Unsere qualifizierten Nachwuchskräfte haben außerdem die besten Chancen, sehr schnell die Karriereleiter nach oben zu klettern“, so Ronsdorf. Zudem pflegt er den direkten Kontakt zu den Auszubildenden und berät Praktikanten, die einfach mal hineinschnuppern möchten. Wir wollten von ihm wissen: Was vermitteln Sie den jungen Leuten?

RWTextilservice: Was ist spannend am Beruf des Textilreinigers?

Stefan Ronsdorf: Ich zeige vor allem die Bandbreite unserer Aufgaben auf: Behandlung des Auftragsgutes, Kundenkontakte, Abrechnung, Lagerhaltung, Kommissionierung, Einsatz von chemischen Produkten und Textilkunde. Die Ausbildung vermittelt eine Vielzahl von Fähigkeiten und Kompetenzen. Zudem bietet unsere Branche langfristig zuverlässige Arbeitsplätze und echte Karrierechancen. Sie ist nach wie vor auf Wachstumskurs. Ob mit Mietberufsbekleidung, Lohnwäsche für gewerbliche Kunden oder im Privatkundengeschäft, in kaum einer anderen Branche gibt es so viel Potenzial, Neukunden zu akquirieren und neue Märkte zu erschließen. Und dafür brauchen wir Fachkräfte.

RWT: Was gibt es Neues im Hause Voss in Sachen Ausbildung?

Ronsdorf: Um die Vielfalt und den Alltag in einer Großwäscherei nachvollziehbar zu machen, haben wir mit den Azubis ein Video gedreht und dieses ins Netz eingestellt. Damit erreichen wir die Aufmerksamkeit unserer Zielgruppe. Wir beteiligen uns an der Talent-Company einer unserer Kooperationsschulen. Wie auf Berufs- und Ausbildungsbörsen in unserer Region werden wir auch dort regelmäßig Fachvorträge über unser Unternehmen und die Ausbildung halten.

RWT: Was raten Sie den Betrieben in Sachen Akquise?

Ronsdorf: Gehen Sie zu einer Haupt-, Real- oder Gesamtschule in Ihrem direkten Umkreis. Stellen Sie das Berufsbild und Ihr Unternehmen insgesamt vor und bieten Sie den Schülern einen Schnuppertag sowie einen Praktikumsplatz an. Dann ist es wichtig, dass Sie das Praktikum interessant gestalten. Ein Schüler hat in der Regel noch nie im Leben gearbeitet. Er weiß nicht, was Sie von ihm verlangen. Bereiten Sie sich also darauf vor. Erstellen Sie einen Praktikumsplan. Wecken Sie vor allem die Freude am Erreichen eines Zieles und an der Arbeit. Kaffee kochen, fegen und Ablage abarbeiten sind absolute No-Gos während eines Praktikums!

RWT: Was an dem Projekt macht Sie besonders stolz?

Ronsdorf: Wir haben eine Bewerbung eines 15-jährigen Schülers aus Rosenheim, das ist rund 700 km von unserem Standort entfernt. Er möchte unbedingt ein Praktikum und eine Ausbildung bei uns absolvieren, weil er von unserem Engagement und der Perspektive in unserem Unternehmen so angetan ist. Das beweist, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

www.voss-wuppertal.de