Die Branche nach Regionen, Teil 1: Bayern Personalthematik als Sorgenkind

Die Regionen und ihre Besonderheiten sind Thema einer neuen, mehrteiligen Serie in RWTextilservice. Wir beginnen unsere Reise durch die Textilpflegebranche im Süden. Die Obermeister der Textilreiniger­innung des Bundeslandes Bayern stellen Ihnen ihre Heimat vor. Sie erzählen, was unter den Nägeln brennt und wie sich Betriebe für die Zukunft rüsten können.

  • Bild 1 von 5
    © sunt, Fotolia.com
    Die Dienstleistung der Textilpflege wird in ganz Deutschland angeboten, doch jede Region hat ihre Besonder­heiten. Foto Deutschlandkarte: sunt, Fotolia.com
  • Bild 2 von 5
    © DTV
    Margarete Niggl-Strauß. Foto: DTV
  • Bild 3 von 5
    © CHMS Rödental
    Joachim Krause. Foto: CHMS Rödental
  • Bild 4 von 5
    © Ebert
    Armin Stöckel. Foto: Ebert
  • Bild 5 von 5
    © Wäscherei Sterr
    Richard Sterr. Foto: Wäscherei Sterr

3 Bayern ist mit seinen rund 12,5 Millionen Einwohnern ein dynamischer und starker Wirt­schafts­standort. Stolz ist das nach Einwohnerzahlen zweitgrößte Bundesland auf die niedrige Arbeitslosenquote von 3,4 Prozent. Dennoch gilt es auch, Herausforderungen zu meistern. Die Wirtschaftspolitik des Landes muss sich unter anderem den Schwierigkeiten stellen, die sich durch den demografischen Wandel ergeben, ländliche Regionen zukunftsfähig machen und noch bessere Voraussetzungen für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der angesiedelten Unternehmen schaffen. Starke Wirtschaftszweige sind der Tourismus sowie die Industrie, insbesondere rund um die Automobiltechnik.

München

Die Landeshauptstadt München ist nicht zuletzt durch das Oktoberfest, eine der umsatzstärksten Veranstaltungen der Welt, international bekannt. Als Wirtschaftsmotor nimmt die Region bundesweit eine wichtige Stellung ein. Richard Sterr ist Präsident des Bayerischen Textilreinungsverbands (BTV) und Mitglied im Präsidium des Deutschen Textilreinigungs-Verbands (DTV). Zusammen mit seiner Familie betreibt er in der Landeshauptstadt die Wäscherei-Reinigung Sterr. Durch seine langjährige Tätigkeit und die Verbandsarbeit kennt er Sorgen, Nöte, aber auch Chancen der Betriebe. Für uns stellt er die Branche in München vor. „Wir haben es mit einer vielschichtigen Bevölkerungsstruktur zu tun. Unterschiedlichste Branchen sind vertreten, zahlreiche gastronomische Betriebe sowie ein starker Tourismussektor“, erklärt der Unternehmer. Den Münchener Raum zeichne aus, dass sowohl Großbetrieb als auch kleine Unternehmen nebeneinander existieren, auf ihr jewei­liges Gebiet spezialisiert sind und unterschiedliche Anforderungen bedienen. Richard Sterr attestiert der Stadt eine „enorme Kaufkraft“. München sei ein Wachstumsmarkt. Anders als in anderen Großstädten, in denen viele Niedrigverdiener leben, könne man die Preise daher stabil halten. Eine große Rolle spielt auch die Industrie rund um München, zum einen als Auftraggeber für die Dienstleister der Branche, aber auch als Arbeitgeber für die Kunden der Textilreinigungen. Die immer wieder diskutierte Thematik rund um die Öffnungszeiten einer Textilreinigung scheint besonders in den Großstädten ein Thema zu sein. Einen Trend hin zur 24-Stunden-Verfügbarkeit sieht Sterr in München jedoch nicht. „Ich persönlich denke, dass der Umsatz lediglich auf eine längere Öffnungszeit verteilt wird“, sagt er. Bedenken müsse man hier auch die in der Reinigung beschäftigten Arbeitnehmer, die meist Familie und Beruf vereinbaren müssen. Sterr ist der Überzeugung, dass es sich durchaus organisieren lasse, zu den bestehenden Öffnungszeiten Ware zu bringen und abzuholen.

Eine enorme Wirtschaftskraft, viel Potenzial für Aufträge und ein relativ großer Markt für Dienstleistungen, das klingt im ersten Moment sehr verlockend. „Die vielen großen ansässigen Unternehmen treiben natürlich auch die Kosten in die Höhe“, gibt Richard Sterr zu bedenken. Lohn- und Unterhaltskosten sowie Mieten sind in der Großstadt ungleich höher. Im Hinblick auf die Wettbewerbssituation sagt er: „Zu den in München ansässigen Unternehmen kommt noch die Konkurrenz von außerhalb, die ebenfalls ihre Kunden in der Stadt sucht.“

Oberbayern und Schwaben

Margarete Niggl-Strauß ist Obermeisterin der Textilreiniger-Innung Oberbayern/Schwaben. Mit ihrem Betrieb, der Wäscherei Herzogpark Niggl GmbH in München, hat sie sich auf Privatkunden spezialisiert. Damit bedient sie eine anspruchsvolle Klientel und bearbeitet zugleich ein vielfältiges Wäschespektrum. Die Obermeisterin sieht in der Region, in der viele Menschen mit hohem Einkommen leben, durchaus Zukunftschancen für den Privatkundenbereich: „Diese Dienstleistung wird dringend gebraucht“, sagt sie. Betrieben rät sie, sich eindeutig zu positionieren. „Man muss sich entscheiden, wohin man will“, ist die Obermeisterin überzeugt. Die Haushaltswäsche mit all ihrer Vielfalt erfordere schließlich einen anderen Ablauf als Ware aus der Industrie. Vom einfachen Hemd bis hin zur 15 m langen Tischdecke ist in der Wäscherei Herzogpark Niggl alles dabei. Die Unternehmerin kennt die besonderen Wünsche ihrer Stammkundschaft genau und setzt diese mit ihrem Team um. Voraussetzung dafür sind gut ausgebildete Mitarbeiter. Eben dieses Thema ist es auch, ­das Niggl-Strauß unter den Nägeln brennt. „Für Betriebe unserer Branche ist es nicht leicht, Personal zu finden“, erklärt sie. Das konzentrierte Arbeiten an der Maschine über längere Zeit hinweg fordere die Arbeitskräfte sehr. In der Region sind zudem die Lebenshaltungskosten hoch, entsprechend müsse auch der Lohn ausfallen, um mit anderen Branchen mithalten zu können.

Mit Sorge schaut Niggl-Strauß auch auf die Problematik der betrieblichen Nachfolge, die vor allem Wäschereien und Reinigungen mit hohem Privatkundenanteil spüren. Es gäbe immer weniger Nachwuchskräfte, die in die Branche einsteigen wollen. „Die Arbeit in einer Wäscherei ist kein 40-Stunden-Job. Der Chef steht dort meist von früh bis spät selbst an den Maschinen und ist in den Betriebsablauf eingebunden“, schildert Niggl-Strauß. Zudem sind die Betriebe durch den erforderlichen Maschinenpark investitionsintensiv. Hinzu komme auch ein großer Konkurrenzdruck in bestimmten Bereichen, wie z.B. dem Hemdengeschäft.

Franken

Die Bezirke Oberfranken, Unterfranken und Mittelfranken haben zusammen rund 4,5 Millionen Einwohner. Städte wie Nürnberg, Würzburg, Bamberg und Bayreuth sind sowohl Industriestandorte als auch Tourismusziele. Heilbäder und Luftkurorte ziehen viele Erholungssuchende an. Strukturell hat sich die Region in den vergangenen Jahren gewandelt. Zweige wie die Textilherstellung spielen heute nicht mehr die herausragende Rolle von einst, stattdessen sind Automobilzulieferer sowie die Kunststoffindustrie stark vertreten.

Joachim Krause, Inhaber des Coburger Handtuch+Matten-Service, ist Obermeister der Innung Ober- und Unterfranken sowie Präsidiumsmitglied des DTV. Außerdem leitet er den Ausschuss Technik und Umwelt und bekleidet weitere Ämter, u.a. bei der IHK und im Umweltcluster Bayern. Durch sein Engagement verfügt er über ein branchenübergreifendes Bild der Region. „Wir haben es hier mit einer guten Struktur zu tun“, erklärt er. Geografisch in der Mitte Deutschlands gelegen, gilt die Region als attraktiver Standort. Doch auch schon vor der Wende war der Norden Bayerns gut aufgestellt, wie Krause erklärt. Ein guter Mix an verschiedenen Branchen sorge für starke Wirtschaftskraft. Durch die angesiedelte Industrie bestehe ein großer Bedarf an Berufsbekleidung. „Auch der Tourismussektor wächst stark“, so Krauses Einschätzung.

Als größte Herausforderung sieht der Obermeister die veränderten Verbrauchergewohnheiten, verbunden mit dem Trend zu günstiger Mode, die nicht in die Reinigungen gebracht wird. Diese Entwicklung sei in der Region ebenso wie bundesweit spürbar. Krause sieht Chancen bei den Unternehmern, die sich aktiv ihre Nische suchen und eine Spezialleistung anbieten können. „Dazu gehört es, in den Markt hineinzuschauen und zu horchen, attraktive Pakete zu schnüren und erfolgversprechende Marketingkonzepte zu entwickeln“, erklärt der Unternehmer und appelliert: „Das bedeutet auch, dass man die Schranken im eigenen Kopf einreißen muss und offen ist für neue Felder.“ Krause rät zum Netzwerken: „Wirtschaftsverbände können hierbei helfen und eventuell ist auch der Zusammenschluss mit Partnern sinnvoll.“

Eine weitere Herausforderung, die es zu meistern gelte, sei das Personalmanagement. „Heute ist es wichtiger denn je, ein gutes Image aufzubauen und kontinuierlich am guten Ruf zu arbeiten“, ist Krause überzeugt. „Die Zufriedenheit der Mitarbeiter ist ein großes Thema, dazu gehört ein gewisses Hofieren des Personals, ein Fordern und Fördern im richtigen Maß.“ Ein vorbildliches Engagement in Sachen Umwelt- und Ressourcenschutz mache ein Unternehmen als Arbeitgeber ebenfalls interessant. Krause selbst hat in seinem Betrieb eine Vielzahl an Maßnahmen umgesetzt.

Potenzial für Dienstleister sieht der Unternehmer sowohl in seiner Region als auch überregional in der Fokussierung auf die ältere Bevölkerung. Senioren könnten die Dienstleistung schließlich besonders gut gebrauchen. „Sozialdienste sind dabei ein idealer Ansprechpartner, um diese Kundenkreise zu erreichen“, zeigt Krause auf.

Niederbayern/Oberpfalz

In Niederbayern und der Oberpfalz leben rund 1,3 Millionen Menschen. Abgesehen von der Großstadt Regensburg und Mittelstädten wie Landshut oder Passau ist die Region ländlich geprägt und im Vergleich zu anderen Regionen eher dünner besiedelt. Wirtschaftsmotor der Region sind vor allem Automobil- und Maschinenbau sowie Elektrotechnik. Regensburg als Weltkulturerbe sowie der Bayerische Wald sind touristisch beliebte Ziele.

Armin Stöckel ist Inhaber der Textilreinigung Huber in Straubing und engagiert sich unter anderem als Obermeister der Textilreiniger-Innung Niederbayern/Oberpfalz sowie als Kreishandwerksmeister. Er beschreibt für uns den typischen Kunden in der Region: „Meist probiert die Kundschaft lange selbst, bevor sie in die Reinigung kommt“, beobachtet Stöckel. Zu fest sitzt der Gedanke, die Dienstleistung sei teuer. „Als im Jahr 2002 auf den Euro umgestellt wurde, monierten Kunden immer wieder, dass 1 : 1 umgerechnet wurde, was aber bei den meisten Betrieben nicht der Fall war“, so Stöckel. Der durchschnittliche Privatkunde kommt in der Region nur etwa einmal im Jahr in die Reinigung. „Umso wichtiger ist ein hoher Bekanntheitsgrad“, ist Stöckel überzeugt. Daher übernimmt die Textilreinigung Huber die Annahme von Paketen für den Versanddienstleister GLS. So ist der Betrieb schon einmal im Kopf der potenziellen Kunden. Das Betreiben von Annahmestellen müsse grundsätzlich in einem flächenmäßig großen Gebiet wie Niederbayern und der Oberpfalz aufgrund der weiten Wege genau abgewogen werden. Da der Rückgang des Geschäfts auch hier spürbar ist, wird eher geschlossen als eröffnet. Die Fahrtkosten müssen gegen den Nutzen gerechnet werden. „Das ist gewissermaßen ein Teufelskreis, denn wenn weniger Annahmestellen vorhanden sind, ist die Dienstleistung auch weniger in den Köpfen der Kunden und es wird weniger Ware generiert“, schildert der Obermeister die Problematik.

Im Hinblick auf die Oberbekleidung beobachtet Stöckel, dass sich seit einigen Jahren das Intervall, in dem die Ware in die Reinigung gebracht wird, nahezu verdoppelt hat. Hier spiele auch das Rauchverbot eine Rolle. Er beobachtet außerdem, dass die Garderobe vor einigen Jahren gebracht wurde, bevor sie in den Schrank für die nächste Saison eingelagert wurde. Mittlerweile lassen die Kunden die Bekleidungsstücke oft erst kurz vor der aktuellen Saison reinigen. „Ältere Verfleckungen bedeuten einen entsprechend größeren Reinigungsaufwand und auch Mottenschäden nehmen zu. Das ist dann den Kunden meist schwierig zu erklären“, erläutert Stöckel. Für ihn ist es daher unerlässlich, dass die Ladnerinnen gut geschult sind. Der Unternehmer setzt auf regelmäßige Fortbildung seiner Mitarbeiter und bindet sie in die Sortierung und den Bearbeitungsprozess ein.

Auch der Reklamationsbearbeitung kommt große Bedeutung zu. Die Ladnerin sollte dem Kunden mitteilen, dass sie den Problemfall mit dem Chef bespricht. „So hat man Zeit gewonnen, den Sachverhalt zu klären, und lässt sich in der heiklen Reklamationssituation nicht zu falschen Aussagen hinreißen“, rät Stöckel. Die „Reklamationsmentalität“ der Kundschaft kann im Übrigen regional recht unterschiedlich sein. „In der ländlichen Gegend spricht sich alles schnell herum. Bietet man aus Kulanz an, das Bekleidungsstück zu bezahlen, um den Kunden nicht zu verprellen, kann das auch negative Folgen haben“, sagt Stöckel. Seiner Erfahrung nach kann dieses Vorgehen dazu führen, dass Kunden bewusst aussichtslose Fälle bringen, in der Hoffnung, die Reinigung bezahlt das Textil, wenn es schiefgeht.

Sonderangebote lehnt der Kreishandwerksmeister grundsätzlich ab. Für ihn eine Frage der Glaubwürdigkeit. „Die Leistung wird kalkuliert und zu diesem Preis angeboten“, sagt er. Dumpingpreise tun der Branche nicht gut, ist er überzeugt. Gegenseitiges Unterbieten setze die gefährliche Preisspirale nach unten in Gang.

Als Kreishandwerksmeister ist Armin Stöckel gut über die Lehrstellensituation vor Ort informiert. „Die Gegend ist lange verschont geblieben vor den negativen Folgen des demografischen Wandels. Mittlerweile sind diese jedoch spürbar“, berichtet er und erklärt, dass sich viele Handwerksbetriebe mit der Besetzung der Lehrstellen schwertun.