Wäscherei des Kernkraftwerks Isar 2, Essenbach Die unsichtbare Verunreinigung

Rotwein, Öl oder Blut sind die üblichen Verdächtigen, wenn es um verschmutzte Bekleidung geht. Doch es gibt auch eine ganz andere Art der Verunreinigung: Kontamination durch radioaktive Partikel. Zu Besuch in einer besonderen Wäscherei, in der „normaler“ Schmutz zur Nebenaufgabe gehört.

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    Jörg Hannemann leitet die Wäscherei im Kernkraftwerk Isar 2.
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    Überschuhe verhindern eine Kontamination der Schuhe. Fotos: Rosenberger
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    Alle Teile werden gemessen, bevor sie die Wäscherei verlassen.

3 Es ist warm. Man sieht Männer in Sandalen, die olivgrüne Unterhemden und Unterhosen tragen. Doch wir sind nicht in einem Hallenbad oder im Vorraum der Duschen einer Bundeswehrkaserne. Es ist der Eingang zum Kontrollbereich des von E.ON betriebenen Kernkraftwerks Isar 2 in Essenbach bei Landshut in Niederbayern. Der Raum ist dennoch kaum größer als der Eingang eines tatsächlichen Schwimmbads. „Wenn man hier eintritt, muss man seine eigene Bekleidung ablegen und diese grüne Unterwäsche anziehen“, sagt Bernd Gulich, Assistent der Kraftwerksleitung „So wird verhindert, dass die eigene Bekleidung mit radioaktiven Teilchen in Berührung kommen kann.“ Darüber zieht man einen Ganzkörperoverall, der vorne mit einem Reißverschluss geschlossen wird und links eine durchsichtige Brusttasche besitzt. In sie steckt man ein sogenanntes Dosimeter, ein kleines, flaches Gerät mit Digitalanzeige, das die aufgenommene Strahlung des Trägers registriert und falls erforderlich automatisch warnen kann. Zur Kontrolle des Dosimeters wird zudem ein zweites, behördliches Gerät mitgeführt. Die kraftwerkseigenen Schuhe, die man trägt, werden zum Schutz vor „Kontamination“ in Überschuhe gesteckt. Das Tragen eines Helms in der Anlage ist Vorschrift.

Die Farben der Overalls kennzeichnen die Träger als Angehörige des jeweiligen Aufgabengebietes: Gelb (Standard), Rot (Arbeiten in Umgebungen mit erhöhter Kontamination), Grün (Strahlenschutz), Blau (Isolierarbeiten) und Weiß (Besucher). Die Overalls sind für Arbeiten in trockener Umgebung ohne direkten Kontaminationskontakt gedacht und bestehen aus Macobatist, einem fein gewebten, dünnen Baumwollstoff. Darüber hinaus gibt es persönliche Schutzausrüstung (z.B. Sicherheitschuhe, Handschuhe, Helme) sowie Schutzmasken für Arbeiten in den Bereichen des Dampferzeugers oder der Reaktorgrube im Kraftwerk. Bei besonderen Arbeiten werden noch zusätzlich Einweganzüge verwendet, die in der Regel über dem „normalen“ Overall getragen werden.

Sicherheit steht über allem

Auf dem Weg in das Kraftwerk hinein wird man zunächst mit einem Eingangsmonitor auf eine mögliche Kontamination untersucht und durchläuft mehrere Sicherheitskontrollen, an denen man nur nach Vorlage des Ausweises und einer Abtastung per Metalldetektor weiterkommt. Mitarbeiter des Werksschutzes sitzen hinter Panzerglas und überprüfen die Zugangsberechtigung auf das Genaueste. Alleine ist man nie – immer wird man von einem Mitarbeiter des Kernkraftwerks begleitet. Dazu gibt es Drehtüren aus Metall, die bis zur Decke reichen und ohne Ausweis unüberwindbar sind. In weißen, hellen Gängen passiert man reihenweise gelbe Helme und an der Wand hängende Sauerstoffflaschen und gelangt schließlich in den Bereich der 250 m2 großen, hauseigenen Wäscherei des Kernkraftwerks Isar 2.

Die Wäscherei wird als „heiße“ Wäscherei bezeichnet, da sie sich innerhalb des Kontrollbereiches befindet und dort Wäsche gereinigt wird, die radioaktiv kontaminiert sein könnte. Der Kontrollbereich ist der Bereich eines Kernkraftwerks, zu dem das Reaktorgebäude, das Reaktorhilfsanlagengebäude und z.B. auch ein Brennelementlager gehören. Besucher haben nur mit behördlicher Erlaubnis und nach Vorlage eines gültigen Personalausweises Zutritt zum Kontrollbereich. Es gibt auch Kraftwerke mit „kalten“ Wäschereien – sie befinden sich folglich außerhalb. „Aktuell haben wir pro Tag etwa 100 bis 200 Overalls zu waschen“, sagt Jörg Hannemann, Bereichsleiter im Kraftwerk und Leiter der Wäscherei. Gekleidet ist er in einen gelben Standardoverall. Am Tag ergeben sich daraus etwa zehn Maschinenladungen mit einer benötigten Wassermenge von 3 bis 4 m3 – das ist die Situation im Normbetrieb.

„Während einer Revision sieht das alles ganz anders aus“, merkt Hannemann an. Eine Revision, das ist die Zeit im Jahr, in der allgemeine Wartungsarbeiten an allen möglichen Anlagenteilen (z.B. Umbauten, Pumpen, Maschinen u.v.m.) im Kernkraftwerk durchgeführt und etwa auch die Brennelemente im Reaktordruckbehälter ausgetauscht und im Brennelementebecken abgesetzt werden. Die mit Uran befüllten Brennstäbe sind das Herzstück des Kraftwerks. Hier findet die Kernspaltung statt, mit der Wasser erhitzt wird, das wiederum in Form von unter hohem Druck stehendem Wasserdampf an eine Turbine weitergeleitet wird. Sie erzeugt über einen Generator letztendlich Strom. Während einer solchen Revision gibt es einen erheblich ansteigenden Personalverkehr in und aus dem Kontrollbereich – 2015 kamen im Gesamtzeitraum der Revision 1.600 zusätzliche Fachkräfte hinzu. „Dann haben wir mehr als 1.000 Overalls jeden Tag“, gibt Hannemann an. Deshalb muss in solchen Spitzenzeiten auch die etwa doppelt so große Wäscherei im stillgelegten Kraftwerkblock Isar 1 mitbenutzt werden, in der sogar bis zu 3.000 Overalls am Tag gewaschen werden können. Die benötigte Menge Wasser steige dann in der kleineren Wäscherei des Blocks 2 auf bis zu 40 m3 am Tag und die Mitarbeiterzahl in der Wäscherei von zwei auf sieben.

Abwasser wird verdampft

Pro Waschgang kommen 250 ml eines speziell zur Verwendung in Kernkraftwerken einwickelten flüssigen, phosphatfreien Dekontaminationswaschmittels des baden-württembergischen Herstellers Haka Kunz zum Einsatz. Die Dosierung des Mittels erfolgt automatisch. Pro Jahr werde eine Menge von etwa 800 l des Waschmittels benötigt. Die Maschinen – sechs Waschschleudermaschinen und fünf Trockner – sind von Maschinenbauer Seibt+Kapp. Um sicherzugehen, dass keine Kontamination über das Abwasser der Maschinen ins Freie gelangt, werde es verdampft und danach gereinigt. Das dabei entstehende Verdampferkonzentrat wird konditioniert und als radioaktiver Abfall entsorgt. Im Waschvorgang entstehender Wasserdampf wird über Schläuche abgesaugt. „Um hier arbeiten zu dürfen, benötigt man einen Fortbildungskurs, wie er von der IHK angeboten wird. Berufliche Vorerfahrungen sind dazu natürlich auch von Vorteil“, so Hannemann. Die Unterscheidung der Bekleidung nach Farben ist auch für die Wiederaufbereitung der Teile wichtig. Potenziell mit höherer Strahlung in Kontakt gekommene rote Overalls werden etwa von gelben getrennt und separat gewaschen und behandelt. „Damit vermeiden wir eine Querkontamination“, erklärt Hannemann. Bevor gewaschene Teile die Wäscherei wieder verlassen, werden sie daraufhin untersucht, ob sie noch Spuren von Strahlung aufweisen. Dazu werden sie auf einem Förderband durch ein Messgerät des Herstellers Rados geschickt. Auch Schuhe, Putzlappen und Wäschesäcke durchlaufen die Wäscherei und werden ebenfalls gemessen. Schutzmasken werden in einem separaten Raum gereinigt. Sollte ein Teil bereits im Vorfeld des Waschgangs die vorgegebenen Grenzwerte überschreiten, wird es aussortiert und bei einem darauf spezialisierten Fachunternehmen verbrannt. Die Asche wird anschließend in ein spezielles Behältnis gefüllt und später in ein Zwischen- bzw. Endlager für radioaktive Abfälle gebracht. Der Bereich der Wäscherei sei komplett frei von Strahlung, versichert Hannemann.

Mit externen Dienstleistern finde ebenfalls eine Zusammenarbeit statt. „Alle Textilien, die außerhalb des Kontrollbereichs als Schmutzwäsche anfallen, werden gesammelt und von einer Wäscherei in der Umgebung abgeholt“, so Hannemann. Aber auch Bekleidung von innerhalb des Kontrollbereichs werde extern wiederaufbereitet. „Gelegentlich schicken wir zusätzlich pro Woche ein bis zwei Lkws los, um die Teile zu dem Unternehmen Unitech  in den Niederlanden zu bringen. Jeder der Lkws hat 8.000 Overalls und 1.500 Überschuhe geladen.“ Unitech ist nach eigenen ­Angaben das in Europa führende Unternehmen für textile Dienstleistungen für die Nuklearindustrie. Die Zusammenarbeit sei seit Jahren eingespielt und reibungslos, so Hannemann. Beim Verlassen der Anlage betritt man erneut einen Kontaminationsscanner. Wird keine Strahlung festgestellt, öffnen sich die Glastüren an beiden Seiten und man kann austreten. Wir gelangen zurück an den Eingang, wo inzwischen andere Mitarbeiter in olivgrüner Unterwäsche umherlaufen. Das Dosimeter wird aus der Brusttasche
genommen und eingelesen. Es zeigt am Ende unseres Besuchs 0,00 µSv (Mikrosievert, Belastung durch Strahlung), also keine Strahleneinwirkung. Jonas Rosenberger

Infos: www.eon.com