Nachhaltigkeit entlang der gesamten textilen Kette. Das ist momentan noch Illusion, sicher aber eine notwendige Vision und in einem Jahrzehnt vielleicht schon Realität? Wir sprachen mit Gerhard Becker über die Ziele von MaxTex im Sinne ethischen Handelns, das echte Überzeugung voraussetzt.

3 So könnte es sein: Hersteller, Konfektionäre, Zulieferer, Dienstleister, einfach alle, die zur textilen Lieferkette gehören, arbeiten offen, ehrlich und transparent. Sie folgen dem Gebot der Nachhaltigkeit in unterschiedlicher Weise, sind zertifiziert und liefern den Großteil ihres Sortiments mit anerkannten Labels und Siegeln wie GOTS, Fairtrade, Fairwear, made in Green, Cotton Made in Africa, recyceltes Polyester usw. In wichtigen öffentlichen und privaten Abnehmergruppen gehört die Einhaltung von Öko- und Sozialstandards zu den herausragenden Beschaffungskriterien. Sinn und Zweck von CSR (Corporate Social Responsibility) sind keine Frage mehr. Und alle Verantwortlichen führen einen konstruktiven Dialog mit denjenigen weiter, die möglicherweise immer noch nicht erkannt haben: Die Ausbeutung von Ressourcen, Natur und Menschen muss ein Ende haben. In der Tat, noch reden wir von einer Vision, mit dem Geschäftsführer der internationalen Vereinigung, die sie zur Realität machen will. Seit 2015 führt der Verbandsexperte die Geschäfte von MaxTex.
Immer noch Pionierarbeit
Gerhard Becker ist ein Mann mit Sendungsbewusstsein, wenn er von einer Sache überzeugt ist. Als Industriekaufmann mit BWL-Studium und diversen Stationen in Marketing und Unternehmenskommunikation in der chemischen Industrie führte ihn sein beruflicher Weg um die Jahrtausendwende in die Welt des Verbandsmanagements. Zwölf Jahre Erfahrung in der Verbandsgeschäftsführung sowie Tätigkeiten in nationalen wie internationalen Verbandsgremien helfen ihm jetzt, die komplexen Herausforderungen in seiner derzeitigen Position zu meistern. Seine Aufgaben sind ebenso vielfältig wie die von MaxTex. Die Bandbreite reicht von Verwaltung und Organisation über Öffentlichkeitsarbeit bis zum Lobbying.
„In unserer Vereinigung gilt es vor allem, sämtliche Stakeholder einzubeziehen, Netzwerke zu knüpfen, die Interessen aller Mitglieder jederzeit im Auge zu behalten und letztendlich Kernbotschaften zu senden“, erklärt er uns: offen, eloquent und freundlich. Kommunikation ist sein Geschäft. Der Begriff Nachhaltigkeit sei leider bereits ein wenig abgegriffen. Er spricht daher mittlerweile lieber von „ethischem Handeln“. Achtsam durchs Leben zu gehen, ist sein persönlicher Vorsatz. Qualität einkaufen und auf kurzlebigen, unnötigen Schnickschnack verzichten, so praktiziert er ihn. Neu sei die Idee nachhaltigen Wirtschaftens nicht, wirft Gerhard Becker ein und nennt das 300 Jahre alte forstwirtschaftliche Prinzip als Beispiel. „Inzwischen wissen wir unendlich viel mehr über die Risiken unseres Handelns, getan wird jedoch immer noch viel zu wenig. Nehmen Sie den Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch 2013. Das Entsetzen über mehr als 1.000 Tote war zunächst groß, Schuldige wurden ausgemacht und Aktivitäten ins Leben gerufen.“ Glaube man den vielen NGOs und offiziellen Beobachtern vor Ort, so habe sich seitdem an der Sicherheitslage der meisten Gebäude und an den teilweise haarsträubenden Arbeitsbedingungen so gut wie nichts geändert.
„First Movers“ und am Ende Gewinner
Solche Tragödien will die Vereinigung MaxTex verhindern und lehnt sich mit ihrem Namen ebenfalls an die Historie an. Gerhard Becker erinnert uns an die legendäre Romanfigur des niederländischen Schriftstellers Eduard Douwes Dekker. Weitgehend autobiografisch schildet er die Karriere des Kolonialbeamten Max Havellar auf Java in Niederländisch-Indien im 19. Jahrhundert, seinerzeit als Anklage und Aufruf zugleich. Der Autor ahnte wohl kaum, wie weit die Spuren seines Helden reichen würden. Max Havelaar wurde Symbolfigur für den fairen Handel. Und auch die in den Niederlanden gegründete Vereinigung MaxTex erinnert namentlich an ihn.
Initiatoren und Gründer von MaxTex im Jahr 2014 waren die Firmen Dibella, Greiff Mode, MIP Europe, Unifi und der textile Dienstleister Larosé, heute Alsco. Bereits im Laufe der ersten beiden Jahre brachte sie beachtliche Projekte auf den Weg: soziale Gemeinschaftsprojekte sowie die Entwicklung textiltechnischer Innovationen, alle mit dem Fokus auf verantwortungsvolle, nachhaltige Umsetzung. „Ob Biobaumwolle, recyceltes Polyester, Tencel oder Biopolymere, es ist unglaublich, welche Möglichkeiten und Chancen sich hier ergeben“, kommentiert Becker begeistert. Allen Mitgliedern sei innerhalb dieser kurzen Zeit klar geworden, dass nur die intensive Zusammenarbeit zu nachhaltigen Lösungen im doppelten Sinne führe. Unternehmen, die sich jetzt dem Thema widmen und sich entsprechend vernetzten, dürften als „First Movers“ am Schluss die Gewinner sein.
Deutliche Effekte durch starke Gemeinschaft
Die erst kürzlich von Dibella ins Leben gerufene „GoodTextiles“-Stiftung sei das beste Beispiel dafür, welche Effekte die Arbeit in der Vereinigung auslöse. Als neutrale, gemeinnützige Stiftung unterstützt sie die Umsetzung von Umwelt- und CSR-Projekten in Entwicklungsländern. „Sie setzt genau da an, wo es am häufigsten klemmt und doch selten gesehen wird. Um ein ökologisches Gleichgewicht herzustellen und die Lebensverhältnisse der für uns hart arbeitenden Menschen zu verbessern. Ein von drei MaxTex-Mitgliedsunternehmen initiiertes Stiftungsprojekt wurde bereits mit dem CSR-Preis von CINET ausgezeichnet.“ Für MaxTex bedeute dies eine weitere Bestätigung für den eingeschlagenen Weg. Denn es gehe eben nicht darum, Nachhaltigkeit als werbewirksame Etikettierung zu nutzen und ein kollektives Gewissen zu beruhigen, sondern gemeinsam an der Umsetzung und Einhaltung ökologischer und sozialer Standards zu arbeiten. Die Basis dafür sei ein vernünftiges Maß an Transparenz in der gesamten Lieferkette. Jeder Bearbeitungsschritt eines Textils müsse nachvollziehbar sein. Das sei in der komplexen textilen Wertschöpfungskette nicht so einfach, in Europa allerdings weitaus schneller umsetzbar als außerhalb der europäischen Grenzen, speziell in den asiatischen Produktionsländern. Auch daran arbeite MaxTex.
Bindeglied Textilservice
Die Textilservicebranche habe ihre Hausaufgaben bereits sehr gut gemacht, in Bezug auf Energieeffizienz, Abwasserreinigung, Schadstoffvermeidung und Arbeitsschutz. Nun liege es an den Akteuren der textilen Vorstufe, den Herstellern und Konfektionären, ökologische, faire und unter Einhaltung von Sozialstandards produzierte Textilien bereitzustellen, um diese schließlich gemeinsam und über den Textilservice dem Markt zugänglich zu machen. Die professionelle Textilpflege sei daher ein wichtiges (Binde-)Glied und spiele im Hinblick auf den Kontakt zum Endkunden eine Schlüsselrolle. „Nehmen Sie die Hotellerie, die öffentlichen und privaten Kliniken und Pflegeeinrichtungen oder auch die öffentliche Beschaffung der Länder und Kommunen. Diese Institutionen wenden sich nur selten an die Hersteller oder Konfektionäre, sondern beauftragen Dienstleister mit der Ausstattung, Pflege und Sicherstellung des täglichen Bedarfs von Berufskleidung und Wäsche“, so Becker. Aus diesem Grund sei MaxTex mit einer Vielzahl von Akteuren und Institutionen im Textilservice aktiv vernetzt; die Zahl der Schnittstellen steige wöchentlich. Was sich Gerhard Becker von der Textilpflegebranche wünscht, ist ein noch offenerer und kritischerer Blick in Richtung Textilien, um die eigenen Kunden zu sensibilisieren. Das wirtschaftliche Risiko durch Imageverluste entlang der Lieferkette steige unabhängig von der eigentlichen Schuldfrage. MaxTex-Betriebe seien daher gerne bereit, ihre Expertise im Rahmen von Kundenberatung einzubringen. Letztendlich sei es eine Frage des Vertrauens in die Kompetenz. So ist es – daher wollen wir noch wissen:
RWTextilservice: Was macht MaxTex glaubwürdig?
Gerhard Becker: Die Tatsache, dass wir uns und anderen nichts vormachen. Wir stehen alle am Anfang eines längeren Prozesses. Vorbildcharakter haben insbesondere unsere Mitglieder, die sich den Herausforderungen stellen und zunächst einmal Ressourcen einsetzen, die sie anfänglich von keinem Käufer honoriert bekommen. Neben der Erfüllung satzungsgemäßer Grundvoraussetzungen, z.B. das Vorhandensein bestimmter Zertifikate, erwarten wir von jedem Mitglied eine offene und ehrliche Mitarbeit und den Willen, den Prozess zu mehr Nachhaltigkeit im eigenen Unternehmen aktiv zu gestalten.
RWT: Wer steht dahinter?
Becker: Zunächst einmal die fünf Gründungsmitglieder. Neben Dibella sind das Greiff Mode, MIP Europe, Unifi und Larosé, das inzwischen von Alsco übernommen wurde. Im Bereich Textilservice sind wir mit Alsco, Blycolin und Lamme schon jetzt gut aufgestellt. Des Weiteren aus der Lieferkette dabei sind Chetna Organic, Switcher, TDV Industries und Wenzel & Hoos. Auf unser jüngstes Mitglied, die hessnatur Stiftung, sind wir besonders stolz. Als Pionier auf dem Gebiet ökologischer Textilien schaut das Mutterunternehmen inzwischen auf 40 Jahre Erfahrung zurück. Mit MIP Europe und Unifi haben wir zwei Global Player an unserer Seite, deren Heimat Kanada und die USA sind. Chetna Organic ist vorwiegend auf dem indischen Kontinent aktiv. Wir dürfen nicht vergessen, dass ein überwiegender Teil der Produktvorstufe in fast allen Teilen der Welt stattfindet. Wissenschaftlich wird unsere Arbeit von der Hochschule Niederrhein, ClimatePartner und 360 Report unterstützt. Wenn Sie uns als „Think Tank“ bezeichnen würden, so wäre das nicht falsch.
RWT: Wie bekannt ist MaxTex inzwischen?
Becker: In der Fachöffentlichkeit wird MaxTex bereits deutlich wahrgenommen. Auch das politische Umfeld, öffentliche Beschaffer und NGOs sehen uns in zunehmendem Maße als Impulsgeber und Partner. So werden wir regelmäßig zu Stakeholder-Dialogen auf Landes- und Bundesebene eingeladen. Wir brauchen Öffentlichkeit. Denn notwendige Forderungen gegenüber der Politik und Institutionen lassen sich nur mit einer guten Portion öffentlicher Wahrnehmung durchsetzen, ob es dabei um „unfaire“ Zölle, sinnvolle Beschaffungskriterien oder Steuerfragen geht. Die Folgen von verantwortungslosem Handeln finden in einer globalisierten Welt sekundenschnell Schuldige – berechtigt oder unberechtigt. Für ein einzelnes Unternehmen können die wirtschaftlichen Folgen existenziell bedeutend sein.
Infos: www.maxtex.eu