PSA-Fachgespräch in Frankfurt am Main Gemeinsame Schnittmenge

Unter der Schirmherrschaft von drei Textilfachverbänden ging am 21. Juni 2017 in Frankfurt am Main das PSA-Fachgespäch in die zweite Runde. Den Teilnehmern, die die gesamte textile Lieferkette repräsentierten, wurden Vorträge über die jüngsten Entwicklungen für die Branche geboten.

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    Mit mehr als 80 Anmeldungen waren die Veranstalter des zweiten PSA-Fachgesprächs in der Lieferkette sehr zufrieden. Die Teilnehmer kamen aus den verschiedensten textilen Sparten.   Fotos: Anton-Katzenbach
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    Zeichnen für das PSA-Fachgespräch in der Lieferkette verantwortlich (v.li.): Michael Pöhlig (Geschäftsführer IVGT), Thomas Lange (stellvertretender Geschäftsführer GermanFashion Modeverband), Dr. Andreas Marek (Geschäftsführer WIRTEX).

3 Für die unterschiedlichen Stufen der textilen Kette gibt es in Deutschland zahlreiche Verbände. Sie setzen sich – je nach Schwerpunkt – für die Interessen von Garn- und Flächenerzeugern, Textilveredlern und Färbern, Konfektionären und Textilserviceunternehmen ein. Doch obwohl sich die Zielgruppe jedes Verbands unterscheidet, gibt es Schnittmengen. Dazu gehört beispielsweise der Bereich der Schutzbekleidung. Bereits beim Garn muss der gewünscht Schutz – etwa gegen Hitze, Flammen oder statische Entladung – eingeplant werden. Gleiches gilt für die Weiterverarbeitung: Eine Chemikalienschutzbekleidung muss in der Veredlung ihre Ausrüstung erhalten, die vor Säuren, Laugen und Lösungsmitteln schützt. Konfektionäre wiederum brauchen für die Herstellung normgerechter Schutzbekleidung geeignete Materialien, während die gewerbliche Wäscherei den in der Bekleidung enthaltenen Schutz erhalten muss. Doch auch wenn die einzelnen Wertschöpfungsstufen ein gemeinsames Ziel verfolgen, ist nicht gewährleistet, dass ein Garnspinner die Anforderungen eines Textilserviceunternehmens kennt. Diesen Zustand wollten die Verbände der jeweiligen Zweige ändern. Bereits im vergangenen Jahr haben die beiden in Frankfurt am Main ansässigen Interessenvertretungen Industrieverband Veredlung Garne Gewebe Technische Textilien (IVGT) und Wirtschaftsverband Textil Service (WIRTEX) sowie der GermanFashion Modeverband Deutschland aus Köln das „PSA-Fachgespräch in der Lieferkette“ ins Leben gerufen. Nach einem erfolgreichen Beginn im Jahr 2016 ging die Veranstaltung am 21. Juni 2017 in Frankfurt am Main in die zweite Runde. Das Interesse war groß: Mehr als 80 Fachleute aus allen textilen Sparten hatten sich angemeldet. Der Gedanke hinter den PSA-Fachgesprächen ist ein Informationsaustausch über sämtliche Stufen der textilen Kette. Anstatt des „Werkelns im eigenen Kämmerlein“ sollen die an der Fertigung von Schutzbekleidung beteiligten Unternehmen die Herausforderungen der Branche möglichst gemeinsam angehen. Ziel der Initiatoren ist daher eine Sensibilisierung der Akteure für PSA-relevante Themen der Gegenwart und Zukunft. Dementsprechend groß ist der Aufwand, den die Veranstalter bei der Programmgestaltung treiben, denn beim PSA-Fachgespräch sollen möglichst viele Aspekte berücksichtigt werden.

Trends in der persönlichen Schutzbekleidung

Gleich zum Einstieg stimmte RWTextilservice-Autorin und Inhaberin der Textilberatung Hamburg, Sabine Anton-Katzenbach, die Teilnehmer auf die Trends in der persönlichen Schutzbekleidung ein. Komfortgewinn durch Stretch, leichtere Materialien und mehrlagige Bekleidungssysteme stehen dabei ebenso auf der Agenda wie Gesellschaftsverantwortung, Digitalisierung und die Preisgestaltung. Darüber hinaus sind nach ihrer Einschätzung weitere Anpassungen und Ergänzungen im Normenumfeld zu erwarten. So fehlen derzeit Normen und Zertifikate für smarte Bekleidung, wie Kay Ullrich vom TITV Greiz ausführte. Zwar sind bereits verschiedene Textilprodukte mit elektronischen Komponenten wie Heiz-, Kühl- oder Leuchtfunktion am Markt. Wirksamkeitstests werden derzeit jedoch mit Hilfe von in den Instituten entwickelten Hausprüfungen durchgeführt. Sie werden zusätzlich zu bestehenden Normen vorgenommen, um die während des Gebrauchs geforderte Belastbarkeit und Funktion eines elektronischen Textils sicherzustellen.

Verordnung mit interpretativem Spielraum

Ein weiteres Thema, das die Branche angeht, ist die am 20. April 2016 in Kraft getretene neue PSA-Verordnung (PSA-VO) der Europäischen Union. Thomas Lange, stellvertretender Geschäftsführer des GermanFashion-Modeverbands, hatte in seinem Vortrag kritische Punkte des Artikels 47 Absatz 2 herausgegriffen, die Übergangsfristen und Konsequenzen für Konfektionäre und den Textilservice betreffen. Auf denselben Zug sprang auch Peter Heffels von der BG Bau (Hanau) auf. Er ging der Fragen nach, wie Zertifizierungsstellen mit der neuen PSA-Verordnung umgehen. Zum einen führt sie zu einer veränderten Einstufung von Produkten als PSA. Es gibt drei Kategorien, denen unterschiedliche Prüfanforderungen zugeordnet sind. Produkte wie Gehörschutz, Rettungswesten oder PSA zum Schutz gegen Hochdruckstrahl fallen fortan unter die Kategorie III und unterliegen einer Produktionskontrolle durch eine notifizierte Stelle. Darüber hinaus ist eine EU-Baumusterprüfung vorzulegen, deren Gültigkeit fortan auf fünf Jahre begrenzt ist. Neben weiteren zusätzliche Dokumenten ist vom Hersteller außerdem ein Verfallsdatum anzugeben, falls eine Alterung eintrifft. Bemessungskriterien werden allerdings nicht genannt. Eine ähnliche Situation ergibt sich aus der Verpflichtung zur Abgabe einer Konformitätserklärung. Auch hier fehlen konkrete Vorgaben, weshalb GermanFashion für seine Mitglieder entsprechende Muster für PSA der Kategorien I, II und III entwickelt hat.

Besser ohne eigenes Branding

Änderungen kommen auf die Branche auch durch das neue Produkthaftungsrecht zu, wie Thomas Lange ausführte. Sie ergeben sich aus der Definition des Herstellerbegriffs. Gemäß § 4 (1) ProdHaftG ist ein Hersteller, „wer das Endprodukt, einen Grundstoff oder ein Teilprodukt hergestellt hat. Als Hersteller gilt auch jeder, der sich durch das Anbringen seines Namens, seiner Marke oder eines anderen unterscheidungskräftigen Kennzeichens als Hersteller ausgibt“. Dieser Paragraph hat es für den ein oder anderen Mietserviceanbieter in sich. Denn wenn ein Textilserviceunternehmen die zugekaufte Bekleidung mit dem eigenen Logo kennzeichnen lässt, wird er automatisch zum Quasihersteller. Er tritt dementsprechend als Produktverantwortlicher am Markt auf und haftet bei möglichen Schäden. Um ungewollte Haftungsansprüche zu vermeiden, empfiehlt Lange daher, auf die Kennzeichnung einer „fremden“ Ware mit dem wäschereieigenen Logo zu verzichten.

Schwere Kost leicht gemacht

Einer kurzen Mittagspause folgte ein Vortrag von Wolfgang Quednau (BTTA, Mönchengladbach). Er stellte das System SUCAM vor, mit dem PSA-Normen für Anbieter und Anwender von PSA aufbereitet werden. Die fünf Lettern stehen für Selection (Marktanalyse), Use (Gebrauch), Care (Pflege) and (und) Maintenance (Instandhaltung Wartung). Das System bildet sämtliche Phasen von der Beschaffung bis zur Aufbereitung von Schutzbekleidung ab. Beim Beuth Verlag sind die SUCAM-Dokumente als DIN-Fachberichte ­erhältlich: Unter der Bezeichnung CEN/TR 15321 gibt es ein Dokument für allgemeine Schutzbekleidung. Hitze- und Flammschutzbekleidung trägt die Bezeichnung CEN/TR 14560, Chemikalienschutz den Namen CEN/TR 15419 und Antistatikbekleidung die Nummer CEN/TR 16832. Der DIN-Fachbericht für Kälteschutzbekleidung ist in Arbeit und soll demnächst veröffentlicht werden. Ein besseres Verständnis der PSA-Normen wird auch innerhalb der Textilservicebetriebe gebraucht. Die Textilserviceverbände ETSA und WIRTEX planen daher Arbeitspapiere, die den Akteuren in den Wäschereien die Standards näherbringen sollen. Dazu werden Hintergrund, Zweck, Hauptinhalte und die Relevanz der jeweiligen Norm für den Textilservice erläutert.

Ökologische und soziale Verantwortung

Ein weiteres branchenbeherrschendes Thema brachte Michael Pöhlig, Geschäftsführer des IVGT, auf den Punkt. Am 14. Juni 2017 trat die Verordnung (EU) Nr. 2017/1000 der Kommission vom 13. Juni 2017 zur Änderung von Anhang XVII der Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (REACH) betreffend Perfluoroctansäure (PFOA), ihrer Salze und PFOA-Vorläuferverbindungen in Kraft. Das Regelwerk mit dem sperrigen Namen erlaubt die Produktion und Verwendung fluorierter Chemikalien- und Nässeschutzausrüstungen. Produkte, deren Seitenketten sechs fluorierte Kohlenstoffketten besitzen (C6-Chemie), dürfen bis zum 4. Juli 2023 eingesetzt werden. In bestimmten Fällen (z.B. Feuerwehr, Bundeswehr) ist sogar die vor allem bei der Ölabweisung deutlich bessere C8-Chemie zugelassen. Diese sei aber aufgrund des seit Langem proklamierten Herstellerverzichts ein Auslaufmodell.

Mit einem Vortrag vom Berliner Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) ging das diesjährige PSA-Fachgespräch seinem Ende zu. Ria Müller stellte den Leitfaden für nachhaltige Beschaffung vor, der den Bundesbehörden zukünftig die Auswahl sozial und ökologisch verträglicher Textilprodukte erleichtern soll. Mit bis zu 50 Prozent der beschafften Textilien will der Bund Verantwortung für Klima, Umwelt, Ressourcen, Arbeitsschutz, Arbeitnehmerrechte und Gesundheit übernehmen. Daher wurden Rahmen- und weitere Zuschlagskriterien definiert und herstellerseitig vorzuweisende Gütezeichen festgelegt. Es folgt ein „Stufenplan 50 Prozent nachhaltige Textilbeschaffung des Bundes bis 2020“, der im Laufe der kommenden Jahre den nachhaltigen Einkauf vom Endprodukt (Stufe 1) über den Herstellungsprozess des Endprodukts (Stufe 2) bis zur Herstellung der Fasern (Stufe 3) beschreibt. Hersteller und Anbieter der Produktkategorien sollten sich des 114 Seiten starken Werks annehmen, bevor sie zukünftig Überraschungen erleben. Möglicherweise steht auch Wäschereien, die für die Bundeswehr tätig sind, eine Nachhaltigkeitsoffensive ins Haus. Das IÖW will auch die Pflege der Textilien in seine Strategie einbeziehen. Wer sich auf den aktuellen Stand bringen möchte, sollte daher im kommenden Jahr die Teilnahme am dritten PSA-Fachgespräch einplanen.

Infos: www.wirtex.de, www.ivgt.de, www.germanfashion.net