Was gibt es Neues zum Thema Funktionsbekleidung? Eine ganze Menge, wie sich am Infotag Funktionstextilien Mitte Juli 2017 herausstellte. Der Dialog Textil-Bekleidung und der Bundesverband der Deutschen Sportartikel-Industrie luden gemeinsam nach Bonn zum textilen Austausch. RWTextilservice war dabei.

3 An Funktionsbekleidung werden besondere Anforderungen gestellt. In der Regel entscheidet nicht vorrangig der modische Trend, sondern – wie der Name schon sagt – die Funktionalität. Dies erfordert bei der Entwicklung ein umfangreiches Fachwissen zur sachgerechten Materialauswahl und hinsichtlich der Verarbeitung. Häufig handelt es sich bei den Textilien um Materialmixe, durch die die Pflegbarkeit stark beeinflusst wird. Nicht selten kommt es zu Serienreklamationen. Um dies zu vermeiden, lädt der Dialog Textil-Bekleidung (DTB) gemeinsam mit dem Bundesverband der Deutschen Sportartikel-Industrie (BSI) regelmäßig zum Infotag Funktionstextilien ein. Der letzte Infotag fand am 13. Juli 2017 in der Bundeskunsthalle in Bonn statt. Den Vorträgen der Experten lauschten mehr als 40 Teilnehmer aus der ganzen textilen Kette. Eine bunte Runde, wie Mitveranstalterin und Geschäftsführerin des BSI, Nicole Espey, bei der Begrüßung meinte.
Wachstum, Umbruch und Kommunikation
Espey leitete die Vortragsrunde ein. Sie berichtete, dass ein stetiges Wachstum in der Sporttextilindustrie zu verzeichnen sei, allerdings auch ein Wandel in Bezug auf den Einsatz der ehemalig nur für sportliche Aktivitäten gedachten Textilien. Sporttextilien müssen immer massen- und alltagstauglicher werden, sagte die Expertin. Outdoorartikel würden sowohl auf dem Berg als auch in der Fußgängerzone getragen. In dem Zusammenhang stellte sich die Frage, welche Performance die Outdoorbekleidung heutzutage „noch“ haben müsse. Diese Fragestellung ist vor allem unter Berücksichtigung des Verbots von Perfluoroktansäure (PFOA) ab 2020 und der Kritik an per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC) interessant. Derartige Chemikalien bzw. ihre Vorläufersubstanzen werden eingesetzt, um textilen Oberflächen wasser-, öl- und schmutzabweisende Eigenschaften zu verleihen. PFOA baut sich jedoch in der Umwelt nicht ab, ist für den Menschen giftig und schädigt die Fortpflanzung. Auch PFC, wenn auch noch nicht gänzlich verboten, wird Umwelt- und Gesundheitsgefährdung vorgeworfen und der Druck ist groß, auch künftig auf dessen Verwendung zu verzichten. Viele Outdoorunternehmen bereiten sich folglich auf einen PFC-Ausstieg vor und haben bereits einen entsprechenden Fahrplan veröffentlicht, berichtete Espey. Sie stellte diverse Untersuchungen und Studien vor, die hilfreich für entsprechende Lösungsansätze sind. Eine wichtige Information daraus: Der Endverbraucher benötigt offensichtlich gar nicht die gesamte Performance, die die herkömmlichen Produkte bieten. Bei der Suche nach Alternativen für Outdoorbekleidung bietet dies nun einen größeren Spielraum, da derzeit am Markt keine Chemikalien vorhanden sind, die die gleichen Eigenschaften erfüllen können.
Bei den Studien stellte sich auch heraus, dass viele Endkunden in Bezug auf die Pflege unsicher sind. Dies führt zu der erschreckenden Wahrheit, dass viele ihre Outdoorbekleidung – in der Regel Jacken – nur einmal jährlich bzw. gar nicht pflegen. Mehr Wissen um die Pflegeeigenschaften und auch um den Service, den professionelle Textilpflegebetriebe leisten können, ist also gefragt. Hier setzte Birgit Jussen als Vertreterin der Europäischen Forschungsvereinigung innovative Textilpflege (EFIT) mit ihrem Vortrag an. Sie informierte über die Pflegekennzeichnung im Allgemeinen und ging auf Besonderheiten bei der Pflege von Outdoorbekleidung ein. Entsprechende Hinweise in Textform können z.B. zusätzlich angegeben werden. Denn gute Kommunikation ist wichtig, um das entsprechende Verständnis bei den Endkunden zu entwickeln.
Füllmaterialien, Fasern und Kompostierbarkeit
Der Infotag wartete mit Informationen zu neuen Materialien und Einsatzbereichen auf. Es ging u.a. um Innovationen im Bereich der Nonwovens aus dem Hause Freudenberg Performance Materials. Referent Mark Kaminski berichtete, dass der Einsatz von Daunenfüllungen zugunsten von Nonwovens, Isolationsmaterialien aus synthetischen Fasern, rückläufig sei und wies auch auf ein verändertes Pflegeverhalten hin. Da die synthetischen Materialien im Gegensatz zu Daunen kaum bis keine Feuchtigkeit aufnehmen, sei die Füllung wesentlich schneller trocken, führte er an.
Auch Wolle hat bekanntlich eine wärmeisolierende Funktion. Durch die Eigenschaft, dass sich weniger Geruch bildet als bei Polyester, sei der Einsatz von Wolle auch bei Funktionstextilien sinnvoll, so Verena Keller von der Südwolle GmbH & Co. KG in ihrem nachfolgenden Vortrag. Ebenfalls waren Tencel, die Lyocellfaser der Lenzing AG, für den Einsatz in Funktionsbekleidung und auch die innovative Faser Refibra von Lenzing Thema. Refibra gehört ebenfalls in die Kategorie der Lyocellfasern, unterscheidet sich aber in der Herstellung. Bereits bei der Produktion von Tencel steht der Nachhaltigkeitsgedanke im Fokus: Die Faserherstellung aus Eukalyptusplantagenholz findet laut Unternehmen in einem geschlossenen Kreislauf statt und sei daher besonders umweltfreundlich. Bei Refibra geht es noch einen Schritt weiter: Neben Holz als Rohstoff werden Baumwollreste, wie Zuschnittabfälle aus der Bekleidungsindustrie, für die Fasererzeugung verwendet. Sylvia Happel von Lenzing sprach auch über die Kompostierbarkeit der Lenzing-Fasern und sagte: „Nach zwölf Wochen sind sie ganz weg.“
Kompostierbarkeit bzw. konkret die aerobe Biodegradation von Textilien war auch das Thema von Christin Glöckner vom Hohenstein Institut für Textilinnovation in Bönnigheim. Sie erläuterte, wie Textilien von Mikroorganismen verstoffwechselt werden können und wie geprüft wird, was dann noch übrigbleibt. Interessante Erkenntnisse wurden dargestellt, die jedoch die Frage aufkommen ließen, wie der Verbraucher wohl darauf reagiert, wenn ihm suggeriert wird, dass seine nicht mehr gebrauchte Bekleidung einfach kompostiert werden kann. Ist das der richtige Gedanke zur Nachhaltigkeit? Dazu entstand eine spannende Diskussion. RWTextilservice wird das Thema im Auge behalten.
Infos: www.bsi-sport.de, www.dialog-dtb.de