Streng genommen wurde sie im Jahr 2004 zur Vorsitzenden der Obermeistertagung gewählt. Die Fachpresse machte kurzerhand die erste „Bundesobermeisterin“ ihrer Zunft daraus. Alwine Heisterkamp war einverstanden. Sie nahm ihren Auftrag wie immer sehr ernst, vor allem aber mit Herz und Humor.

Viele Jahre lang war sie bundesweit die Frontfrau der professionellen Textilpflege, auf Landesebene in ihrer Innung und ihrem Landesverband NRW im Deutschen Textilreinigungs-Verband. Sie war die erste Bundesobermeisterin, die erste Obermeisterin der Innung Münster-Münsterland, die erste Textilreinigermeisterin in Bocholt und öffentlich vereidigte Sachverständige der Handwerkskammer Münster. In allen Gremien gab sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit Begeisterung weiter. Sie ist keine, die gern allein unterwegs ist. Der Verlust ihres Ehemannes Hermann Heisterkamp hat sie das noch einmal schmerzlich spüren lassen. Gemeinsam hatten sie im Mai 1977 die Tip-Top Textilpflege in Bocholt gegründet und zu einem erfolgreichen Betrieb mit heute 52 Mitarbeitern an fünf Standorten gemacht. Die meisten Mitarbeiter gehören zur langjährigen Stammbelegschaft. Neue Fachkräfte zu finden, ist aber genauso schwierig wie für alle. „Klagen hilft nicht, wir müssen uns etwas einfallen lassen“, sagt Alwine Heisterkamp pragmatisch wie sie ist. Aufgeben ist niemals eine Option und so ist die Seniorchefin, die längst in den Ruhestand gehen wollte, nach fast zweijähriger Auszeit aufgrund schwerer Krankheit und nach dem Tod von Hermann Heisterkamp wieder mittendrin. Jeden Vormittag sitzt sie am Schreibtisch und macht den „Bürokram“. Den NRW-Landesverbandstag im Frühjahr 2018 besuchte sie wie gewohnt mit Sohn Ralf und Schwiegertochter Sigrid. Diesmal war auch Enkelin Marleen an ihrer Seite. Familie Heisterkamp hält zusammen. Die Leitung der Tip-Top Textilpflege liegt seit 2009 in der Verantwortung von Ralf Heisterkamp, die Mutter blieb Gesellschafterin. Ehefrau Sigrid Heisterkamp, ebenfalls Textilreinigermeisterin, ist an seiner Seite. Marleen Heisterkamp findet das großartig und will die Familientradition unbedingt fortführen.
Neugier steckt an
Der Enthusiasmus der Enkelin erinnere sie an ihre eigene Jugend, sagt Alwine Heisterkamp. „Ja, ich war ehrgeizig und neugierig. Ich wollte mich entwickeln, etwas schaffen und vor allem nicht stehenbleiben.“ Dass sie die idealen Eigenschaften mitbrachte, um in einer Branche, die in stetigem Wandel war und ist, etwas bewegen zu können, hat sie hinlänglich bewiesen. Die gelernte Einzelhandelskauffrau war 33 Jahre alt, als sie und ihr Mann Hermann Heisterkamp eine Textilreinigung in der Dinxperloer Straße in Bocholt übernahmen. „Mit 40 habe ich dann noch einmal die Schulbank gedrückt und bin Textilreinigermeisterin geworden, die Erste und Einzige in Bocholt.“
Die klassische Textilreinigung boomte und die Tip-Top Textilpflege verschaffte sich mit erstklassiger Qualität einen Marktvorsprung. „Heute kann sich das niemand mehr vorstellen“, erinnert sich unsere Gesprächspartnerin. „Vor Feiertagen wie Ostern bekamen wir so viel Ware in den Laden, dass wir gar nicht wussten, wohin damit. Wir brauchten keine Werbung zu machen, die Kunden kamen von allein.“ So wurde der erste Betrieb bald zu klein, ein zweiter in derselben Straße wurde gekauft. Dieser Betrieb in der Dinxperloer Straße wird bis heute als „lauwarmer“ Laden geführt.
Der Bedarf stieg weiterhin und die Kapazitäten mussten angepasst werden. Die Eheleute Heisterkamp kauften eigene Produktionshallen und ein Wohnhaus in der Benzstraße 24. Hier wohnt die Familie bis heute; die Hallen wurden vermietet, als eine weitere Expansion anstand. „Wir dachten, unser Betrieb in der Benzstraße 24 reicht fürs Leben“, sagt die Gründerin, die sich zweifellos über das stetige Wachstum freute. Vor elf Jahren wurde die neue, hochmoderne Tip-Top Textilpflege in der Benzstraße 4 eröffnet, mit einer Produktionsfläche von 2.000 m2 und Rundum-sorglos-Dienstleistungen für gewerbliche und private Kunden. „Flexibilität war schon immer unsere Stärke“, betont Alwine Heisterkamp.
Fachwissen als sichere Bank
„Als die goldenen Zeiten der Reinigung im Lösungsmittel vorbei waren, mussten wir umdenken“, so die Textilreinigermeisterin. Dass sie zu den „Vordenkerinnen“ zählte, überrascht nicht. Sie hatte die Entwicklung des Marktes nicht nur aufmerksam beobachtet, sondern proaktiv mitgestaltet. Die Eröffnung des Textilreiniger Bildungszentrums Münsterland (TBZ) in Rheine war für sie ein wichtiger Meilenstein und ein weiterer Impuls, sich fachlich einzubringen, u.a. im Meisterprüfungsausschuss. Fachwissen ist für sie eine sichere Bank. In ihren Ehrenämtern hatte sie schnell festgestellt, wie wichtig dieses Know-how war, um als Frau Akzeptanz zu finden und die Mitglieder für aktive Innungs- und Verbandsarbeit zu gewinnen. „Ich musste einige Male Klartext sprechen“, sagt sie. Als klar war, dass sie weiß, worüber sie spricht, standen die Kollegen hinter ihr. Die Kontakte zu Behörden, den branchenrelevanten Institutionen und der Industrie, die sie intensiv pflegte, kamen allen zugute. Es sei kein Zufall, dass die Innung Münster-Münsterland und der Landesverband NRW bundesweit die meisten Mitglieder hätten.
Alwine Heisterkamps Begeisterung steckt auch heute noch an. Ihre Liebe für die professionelle Textilpflege wuchs, je mehr sie sich fachlich darin vertiefte, verrät sie uns. Als sie ihren späteren Ehemann kennenlernte, arbeitete dieser bereits in einer Textilreinigung. Gemeinsam erfüllten sie sich ihren Lebenstraum der Selbstständigkeit. Ihren Erfolg feierte die Familie Heisterkamp im vergangenen Jahr zum 40. Jubiläum, gekrönt durch die Verleihung des „RWin 2017“, mit dem die Tip-Top Textilpflege für ihr hohes Maß an ökologischer Verantwortung ausgezeichnet wurde.
Ein Spaziergang seien diese 40 Jahre nicht gewesen. Dennoch liegt eine Art Zauber in der Wäschereiluft, wenn Alwine Heisterkamp an ihren Erinnerungen teilhaben lässt.
„Das kriegen wir hin!“
„Sie kennen ja meine Lieblingsgeschichte vom verunglückten Brautkleid, das war so ein Moment“, sagt die Expertin, die in ihrem Berufsleben hunderte von Brautkleidern so aufbereitet hat, dass sie wie neu aussehen. Das wäre auch bei dem besagten sicherlich kein Problem gewesen, hätte die Braut es nicht bereits angehabt, perfekt frisiert und geschminkt und auf dem Sprung in die Kirche. Alwine Heisterkamp sieht sie heute noch vor sich. Flankiert von ihrem Bräutigam und einer Schar ebenso aufgeregter Verwandter stürmt sie in den Betrieb. Die Textilreinigerin sieht das Malheur sofort: Auf dem gesamten Vorderteil des bodenlangen Traumkleides ist rote Farbe verlaufen. Völlig ruiniert! Doch die Meisterin zieht alle Register ihrer Handwerkskunst. Sie bittet die Kundin, sich so gut es geht auf den Detachiertisch zu legen. Während diese von ihrem nervösen, künftigen Ehemann gestützt wird, gelingt es der Reinigerin, die großflächige Verfärbung zu beseitigen. Die Braut kann aufhören zu weinen und ist beseelt. Ein Hochzeitswunder!
Die Ursache für das Desaster war eine rote Satinschleife im Brautstrauß, der vorsorglich am Tag zuvor in eine Vase mit Wasser gestellt worden war. Niemand ahnte, dass das eingefärbte Schleifenband die Feuchtigkeit aufsaugen und sich dadurch der Farbstoff lösen würde. Als die Braut den Strauß schließlich in den Händen hält, verteilt sich das intensive Rot auf dem Oberstoff, ehe sie es realisiert. Die Braut weinte während der gesamten Reinigungsbehandlung, erinnert sich Alwine Heisterkamp. So souverän wie möglich habe sie nicht nur ihrer Kundin, sondern auch sich selbst immer wieder versichert: „Das kriegen wir hin!“ Sie konnte ihr Versprechen einlösen.
Das Happy End: Die Braut brachte ihr Kleid nach der Hochzeit selbstverständlich in die Reinigung ihres Vertrauens und ein Großteil der Hochzeitsgesellschaft zählt bis heute zur Stammkundschaft. Das sei im Grunde schon das Geheimnis: „Vertrauen schaffen und Wort halten, im eigenen Unternehmen, im Ehrenamt und vor allem in der Familie. Abgesehen davon, dass wir unser Handwerk beherrschen sollten.“
Gabriele Rejschek-Wehmeyer
- Um Fachkräfte zu finden, müssen wir uns etwas einfallen lassen.
- Alwine Heisterkamp, Textilreinigermeisterin