Jahrestagung des Berufsverbands Hauswirtschaft Guter Beruf mit falscher Wahrnehmung

Hauswirtschafter sind in gewisser Weise Leidensgenossen der Textilreiniger. Das Berufsimage ist bei beiden Gruppen schlecht. Was tun die Hauswirtschafter dagegen? R+WTextilservice war im April 2018 bei der Jahres­tagung des Berufsverbands Hauswirtschaft in Rösrath bei Köln dabei und hat sich umgehört.

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    Ursula Neugebauer, Vizepräsidentin des Berufsverbands Hauswirtschaft, sprach im Interview über den Beruf der Hauswirtschafter. Foto: Neugebauer
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    Referentin Christine Klöber stellte dar, wie richtiges Netzwerken funktioniert und was es bringen kann. Fotos: Berufsverband Hauswirtschaft
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    Alexandra Brutzer ging u.a. auf die Situation an den Fachschulen und die Neuordnung des Ausbildungsberufs ein.

Das Image des Textilreinigerberufs ist nicht besonders „sexy“. Es kostet viel Mühe, Fachkräfte und Nachwuchs zu gewinnen. Wie interessant und vielseitig die Tätigkeit ist und welche Karrieremöglichkeiten in der Branche bestehen, ist vielen, insbesondere jungen Menschen nicht klar. Ähnlich verhält es sich bei den Hauswirtschaftern, verrät Ursula Neugebauer, Vizepräsidentin des Berufsverband Hauswirtschaft, im Gespräch mit R+WTextilservice. Putzen, kochen und einkaufen kann doch jeder, ähnlich wie wäschewaschen und bügeln – so die weit verbreitete Meinung. Aber auch hinter dem Ausbildungsberuf des Hauswirtschafters steckt viel mehr.

Vielseitigkeit gefragt

Der Beruf beinhaltet organisatorische ebenso wie ökonomische, technische, kaufmännische und soziale Aspekte. Vor allem heißt Hauswirtschafter zu sein jedoch, auf die verschiedenen Bedürfnisse der einzelnen Menschen eingehen zu können. Denn Hauswirtschafter sind in Pflege- und Wohnheimen, in Kur- und Krankenhäusern, Jugendherbergen, Hotels, auf Kreuzfahrtschiffen oder privat bei Familien, Senioren oder Alleinstehenden, die eine helfende Hand brauchen, beschäftigt. Sie müssen dabei nicht nur wissen, mit welchen Reinigungsmitteln bestimmte Verschmutzungen zu entfernen sind, sondern auch, welche Inhaltsstoffe möglicherweise Allergien auslösen können. Auch reicht es nicht aus, einfach kochen zu können, wesentlich ist auch Wissen über Nährstoffe und Allergene in Lebensmitteln sowie über neue Ernährungsformen. Weiterhin steht nachhaltiges Handeln sowie eine erhöhte Sensibilität für Unfallquellen und -vermeidung ganz oben auf der Liste der Tätigkeit von Hauswirtschaftern. Durch eine Ausbildung im dualen System über drei Jahre ist der Beruf zu erlernen und kommt einer Rundumschulung nahe, so abwechslungsreich wie sich die Bereiche gestalten – ganz ähnlich wie beim Textilreiniger. Von wegen „unsexy“!

Status der Hauswirtschaft

Der Berufsverband Hauswirtschaft mit Sitz in Weinstadt hat es sich zur Hauptaufgabe gemacht, mehr Anerkennung für den Hauswirtschafterberuf zu erzielen. Nicht zuletzt auch weil der Bedarf an Hauswirtschaftern riesig ist, Tendenz weiter steigend. Die Veränderung der Gesellschaft trägt dazu in vielerlei Hinsicht bei. Die Menschen werden immer älter, familiäre Strukturen verändern sich, die Kinder ziehen weg und können sich aufgrund der räumlichen Entfernung nicht mehr um die Eltern kümmern, beide Elternteile arbeiten, Familien zerbrechen, die Zahl der Alleinerziehenden wächst, kleine Kinder werden immer früher außerfamiliär betreut etc. Aber auch das Freizeitverhalten ändert sich: Der Besuch im Wellnesshotel für ein Wochenende und Urlaub mehrmals im Jahr werden normal. Entwicklungen, die die Kompetenzen der Hauswirtschafter fordern. Ganz zu schweigen von den Auswirkungen, die das neue Pflegestärkungsgesetz mit sich bringen, sagt Neugebauer im Interview. Der Grundgedanke des neuen Gesetzes ist die Förderung der ambulanten Pflege vor der stationären. Je nach Pflegegrad ist dann eine hauswirtschaftliche Unterstützung erforderlich. Aber auch bei der stationären Pflege von alten Menschen und Kranken ist die Unterstützung von Hauswirtschaftern unerlässlich. Es gilt Hygienevorschriften einzuhalten, die sich nicht nur auf die Objekttextilien – dem Geschäft vieler Wäschereien und Textilleasingbetriebe – sondern ebenso auf die Räumlichkeiten beziehen. Putzen ist da nicht gleich Reinigen, sagt Neugebauer, die gelernte Ökotrophologin und studierte Wirtschaftsingenieurin ist.

Netzwerken lohnt sich

Hauswirtschaft ist zukunftsfähig, sie wird gebraucht und kann die Zukunft aktiv mitgestalten – das wurde bei der 46. Jahrestagung des Berufsverbands Hauswirtschaft deutlich. Sie fand vom 23. bis 24. April 2018 in Rösrath bei Köln statt. Rund 130 Verantwortliche aus der Hauswirtschaft trafen sich dort; darunter 25 angehende hauswirtschaftliche Betriebsleiterinnen, Schülerinnen der Alice-Salomon-Schule in Linz, die berufsbegleitend eine dreijährige Weiterbildung absolvieren. Das Tagungsthema lautete „Kompetenz – Konkurrenz – Kooperation“. Es gab Präsentationen zu klassisch hauswirtschaftlichen Themen, aber auch Beiträge, die den Horizont erweitern, fit für den Arbeitsalltag machen, die Führungskompetenzen stärken oder neue Beschäftigungsfelder aufzeigen.

Auch Frank Rock, Mitglied des Landtags in Nordrhein-Westfalen, zeigte sich in seinem Grußwort beeindruckt von der Vielfältigkeit der Hauswirtschaft. Er versprach, den Präsidenten des Berufsverbands Hauswirtschaft, Frank Wickert-Meuser, einzuladen, um in politischen Gremien über die Bedeutung des Berufs zu berichten. Denn Aufgabe der Hauswirtschaft werde es mehr denn je sein, sich in die aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen einzumischen. Netzwerken ist dafür eine Grundvoraussetzung.

Der Berufsverband Hauswirtschaft bringt sich bereits im neuen Netzwerk „Deutscher Hauswirtschaftsrat“ ein. Durch das gemeinsame Wirken hat die Lobbyorganisation für die Hauswirtschaft, die seit einem guten Jahr am Start ist, bereits viel erreicht. Kooperation und eine Bündelung von Kompetenzen können mehr erreichen als Konkurrenz – das bestätigte auch M. Christine Klöber, selbstständige Unternehmensberaterin, in ihrem Vortrag auf der Jahrestagung. Für sie sind Netzwerke dafür gemacht, mit einer Vielzahl von Gleichgesinnten vertrauensvoll in Austausch zu treten und davon gemeinsam zu profitieren. Dabei gilt die 70-20-10-Regel: 70 Prozent der Zeit sollte genutzt werden, um anderen zu helfen, 20 Prozent, um sich selbst zu präsentieren, und zehn Prozent, um andere um Hilfe zu bitten. Die Referentin ist überzeugt: Sind sich die Teilnehmer in ihren Netzwerkzielen einig, ergibt sich das Nehmen von selbst. Auch Neugebauer berichtet im Gespräch über die Wichtigkeit von Netzwerktreffen. Als aktuelle Themen für einen gegenseitigen Austausch nennt sie z.B. Reinigungsroboter, den Umgang mit multiresistenten Keimen oder den finanziellen Aufbau eines Altenheims.

Situation an Fachschulen

Neugebauer berichtet im Interview zudem über die Situation an den Fachschulen. Dort zeichnet sich ein vergleichbares Bild wie bei den Textilreinigern ab. Immer mehr Fachschulen werden geschlossen, die Ausbildung immer weiter zentriert. Die damit in Verbindung stehenden längeren Fahrtzeiten etc. machen den Ausbildungsberuf nicht unbedingt attraktiver.

Dr. Alexandra Brutzer, als Diplom-Pädagogin am Institut für Erziehungswissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen tätig, setzt sich ebenfalls mit der Thematik auseinander und referierte darüber in Rösrath. Sie erläuterte, was Hauswirtschaft braucht, damit das Berufsfeld auch in Zukunft noch als wichtig wahrgenommen werde. Ein aktuelles Thema, da demnächst mit dem Start des Neuordnungsverfahrens des Ausbildungsberufs gerechnet werde. „Sie müssen dranbleiben, in die aktuellen bildungspolitischen Themen einsteigen und immer wieder betonen, dass es ohne Hauswirtschaft nicht geht“, so Brutzer. Bei einer Neuordnung müssten Herausforderungen wie Digitalisierung oder demografischer Wandel berücksichtigt werden, damit zukünftige Führungskräfte für den Beruf fitgemacht werden. Stellen für Führungskräfte in der Hauswirtschaft gibt es genug. So ist Neugebauer auch der Meinung, dass neue Fachkräfte nach der Ausbildung schnell an Führungsaufgaben herangeführt werden sollten. Diese Perspektive könne zur Attraktivität des Berufs beitragen. Auf die neuen Herausforderungen im Berufsalltag als Führungskraft werde jedoch in der Ausbildung oder in der Schule zu wenig eingegangen. Eine Stärkung des Selbstbewusstseins der zukünftigen Führungskräfte sei derzeit quasi „nur“ durch Netzwerken mit älteren und erfahreneren Berufskollegen möglich.

„Der Beruf ist gut, aber die Wahrnehmung des Berufs ist falsch“, so der Tenor aus dem Interview sowie von den Teilnehmern der Tagung. „Da muss frischer Wind rein!“ Ansichten, die viele Textilreiniger wohl teilen werden.

Birgit Jussen

www.berufsverband-hauswirtschaft.de