Was kommt auf Textildienstleister im Hotelbereich zu? Wo liegen Herausforderungen und Chancen? R+WTextilservice hat Rolf Slickers, den Geschäftsführer von Servitex, genau das gefragt – und spannende Antworten erhalten. Ein Trendbericht von Fachkräftemangel bis Flachwäsche.

Von Bauboom bis Fachkräftemangel – die Trends, die Auswirkungen auf den Textilservice im Hotelbereich haben, sind zahlreich und bringen viele Herausforderungen, aber auch Chancen mit sich. Rolf Slickers, Geschäftsführer der Servitex GmbH, gibt im Interview einen Überblick.
R+WTextilservice: Welche für den Textilservice wichtigen Entwicklungen sehen Sie aktuell im Hotelleriebereich?
Rolf Slickers: Da fallen mir sechs Themenbereiche ein, die ich gerne aufzählen möchte.
Bauboom: Die aktuelle wirtschaftliche Situation und Zinspolitik haben zu einem Bauboom geführt. Waren Hotelneubauten früher eher schwierig zu finanzieren, sind sie heute eine begehrte Anlageklasse. Das führt auf der Seite der Wäschereien zu hoher Auslastung, damit verbundenen Engpässen und wegen des sich verschärfenden Fachkräftemangels zu neuen Herausforderungen, die regional unterschiedlich ausfallen. Mich erreichen wöchentlich Anfragen kleinerer Hotels, die händeringend nach einer Wäscherei suchen, weil ihre angestammte Wäscherei nur noch mittlere und große Hotels beliefert. Im Großraum München kann man bereits beinahe von einem Verkäufermarkt sprechen.
Individualisierung der Marken: Die Großen der Hotelbranche (zum Teil getrieben durch AirBnB) halten 20 bis 30 verschiedene (Lifestyle-)Marken vor. Es wird für den kleinen und mittleren Wäschereibetrieb immer schwieriger, sich in diesem Dschungel zurechtzufinden, zu verstehen, wer zu wem gehört, und zu wissen, wo von wem anhand welcher Spezifikationen der Einkauf getätigt wird.
Verdrängung Mittelstand: Der mittelständische, lokal oder regional verankerte Kunde wird verdrängt. Wir nähern uns langsam amerikanischen Verhältnissen an (70 Prozent Markenhotels; in Deutschland haben wir jetzt knapp 40 Prozent erreicht), wo Individualhotels die große Ausnahme sind.
Alternativ flüchten sich Individualhoteliers unter das Dach von Hotelkooperationen, wie Romantik- oder Ring-Hotels, die insbesondere im immer wichtigeren elektronischen Vertrieb und im klassischen Marketing Hilfestellung leisten. Dadurch stehen uns statt Eigentümern, Hausdamen/Housekeepern oder Hoteldirektoren immer öfter gut ausgebildete Einkäufer gegenüber; wir begegnen immer mehr anonymen, internetbasierten Ausschreibungsprozessen, die keinen Raum lassen, individuelle Stärken in die Waagschale zu werfen – nur der Preis zählt. Zunehmend werden auch Einkaufsgesellschaften wie HGK oder Progros eingeschaltet; der persönliche Kontakt zum Kunden wird schwieriger, Prozesse werden komplexer.
Fach- und Führungskräftemangel: Dieser Mangel führt dazu, dass Hotels fast durchgängig Housekeeping-Leistungen durch Subunternehmer erledigen lassen. Neu ist, dass aus der Not heraus auch immer öfter keine eigene Hausdame eingesetzt wird. Den Wäschereien geht dadurch der professionelle Ansprechpartner z.B. für den ordnungsgemäßen Umgang mit den anvertrauten Textilien oder für Inventuren und -differenzen verloren. Qualifizierter Nachwuchs rückt nicht nach, weil es die früheren Nachrückerpositionen Etagenhausdame oder stellvertretende Hausdame nicht mehr oder nur in großen bzw. luxuriösen Hotels gibt. Auch die Verständigung ist aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse des Öfteren eine Herausforderung.
Digitalisierung: Immer häufiger kommt das Thema RFID auf den Tisch. Es bedeutet für Wäscherei und Hotel gleichermaßen Chancen, aber auch hohe Investitionen – insbesondere auf Wäschereiseite. Hier gilt es, den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen, um auf den Zug aufzuspringen. Noch ist die mangelnde Lesegenauigkeit und die Fehleranfälligkeit der RFID-Chips ein K.-o.-Kriterium. Die Digitalisierung wird umgehend Transparenz in die Warenflüsse bringen, die Zuordnung von Verlusten erleichtern, eventuell den Diebstahl von Textilien im Hotel reduzieren sowie neue Vertragskonstrukte bringen, weil statt Nutzungsdauer nun ökologisch korrekte Waschzyklen vereinbart werden.
In den neuen flächenoptimierten Hotels entfallen nicht nur die Büros, sondern werden zunehmend Lagerflächen reduziert. Kunden wünschen sich etagenweise Lieferung der Wäsche, auch hier wird funktionierende RFID-Technologie in naher Zukunft helfen, dem Kundenwunsch zu entsprechen.
Corporate Social Responsibility: Dass unsere Kunden Nachweise über unser Ökomanagement verlangen, kennen wir. Nun kommt im Rahmen von CSR der soziale Aspekt dazu. Im Extremfall verlangte ein Kunde, dass eine Vielzahl von CSR-Aspekten über die ganze Lieferkette hinweg nachgewiesen werden – was bei einem globalisierten Wäscheeinkauf nicht darstellbar ist. Die Fragen werden detaillierter, gehen mehr in die Tiefe. „Wie sehen Ihre Nachhaltigkeitsziele für die nächsten fünf Jahre aus und wie sehen Ihre Kennziffern im Vergleich zu Ihren Marktbegleitern aus?“, lautete die Frage in einer Ausschreibung. Auch Fragen zu Re- oder gar Upcycling werden häufiger gestellt. Im Rahmen von Social Audits werden neben ausführlichen Begehungen aller Räume einer Wäscherei auch Einzel- und Gruppengespräche mit Wäschereimitarbeitern zur Bedingung gemacht – noch vor wenigen Jahren eine undenkbare Forderung. Zertifizierungen wie ISO 9001 (Qualitätsmanagement) oder ISO 14001 (Umweltmanagement) werden immer öfter vorausgesetzt.
Wie ist Servitex aufgestellt, um all diesen Anforderungen zu begegnen?
Servitex bietet seinen Gesellschaftern bei mittlerweile mehr als 200 kleinen und großen nationalen und internationalen Hotelgesellschaften und Kooperationen Orientierung im Hoteldschungel. Die Kombination von zentralem Hotel-Know-how und dezentraler Wäschereikompetenz bietet in der Praxis enorme Synergien. Servitex hilft nicht nur bei der Betreuung der Rahmenvertragskunden, sondern auch bei der Neukundenakquise und beim Marketing. Die angeschlossenen Wäschereien helfen sich in Notfällen, profitieren vom Erfahrungsaustausch, es werden gemeinsame Weiterbildungen für Mitarbeiter und Führungskräfte organisiert. Servitex hat den Anspruch, da zu sein, wo sich die Hotellerie trifft, engagiert sich in Lobby- und Fachverbänden der Hotellerie, tritt bundesweit bei Messen und Branchenveranstaltungen auf. Das könnten die meisten Wäschereien aus eigener Kraft nicht leisten. Durch nachhaltiges Marketing, eine professionelle Web- und Social-Media-Präsenz erhöht sich die Sichtbarkeit der Marke Servitex, was auch auf die einzelnen Wäschereien abstrahlt.
Stichwort Nachhaltigkeit: Wie wird es Ihrer Meinung nach mit dem Thema zukünftig in der Hotellerie weitergehen? Interessiert sich ein Gast wirklich für nachhaltige Textilien oder Wäscheaufbereitung?
Noch ist der Griff zu Biolebensmitteln selbstverständlicher als der zum Fairtrade- oder GOTS-zertifizierten Handtuch oder Bettlaken. Dennoch gewinnt das Thema an Bedeutung. Der aufgeklärte Verbraucher ist die Regel und insbesondere in den Lifestylemarken wie Moxy, Ruby oder 25Hours, die sich an eine junge, gut informierte Klientel richten, haben nachhaltige Textilien in Bett und Bad ihre Berechtigung. Noch scheitert es in aller Regel an den bis zu 30 Prozent höheren Kosten im Einkauf, was bedeuten kann, dass der Kunde im Leasingbereich sieben bis acht Prozent mehr bezahlen muss.
Die Hotelgesellschaften haben ein großes Interesse daran, den Kunden zu informieren. Wenn das Beziehen eines Hotelzimmers mit nachhaltigen Textilien bis zu 50 Cent mehr kostet, muss es ihr Bestreben sein, das Zimmer mindestens einen Euro teurer zu verkaufen. Hier sind die Websites der einzelnen Marken essenziell, im zunehmenden Maße aber auch im Zimmer offerierte Tabletlösungen oder klassische Printmaterialien. Hier kann die Wäscherei im Idealfall auf die Hilfe des Textilfabrikanten oder -händlers bei der Beratung des Hotelkunden bauen. Insgesamt reden wir häufiger mit Kunden über Nachhaltigkeit, aber nur 20 Prozent unserer Kunden befinden sich wirklich in der Umsetzungsphase oder arbeiten an Pilotprojekten.
Zum Schluss noch eine Frage zu Materialien und Design: Wo sehen Sie bei den Textilien selbst die Trends?
Bei Frotteewäsche ist noch das weiße Handtuch aus 100 Prozent Baumwolle als Standard gesetzt, aber auch hier wird schon in Einzelfällen ein 80/20-Mischgewebe eingesetzt. In Hotels mit großem Wellnessbereich helfen Handtücher mit farbigen Bordüren, die Kosten im Sinne von „Profit Center Management“ einzelnen Bereichen zuzuordnen. Immer häufiger werden wir mit gewichts- oder flächenoptimierten Handtüchern konfrontiert: „Tut es nicht auch ein Handtuch mit 50 × 80 statt 50 × 100?“ Das senkt die Kosten für die Hotellerie, nicht aber in gleichem Maße Handgriffe und Bearbeitungskosten in der Wäscherei.
Bei der Flachwäsche wird aus verschiedenen Gründen öfter ein 80/20-Mischgewebe bevorzugt, wo früher noch reine Baumwolle dominierte. Die Vorzüge für die Wäscherei liegen auf der Hand. Die Hotels profitieren neben der größeren Robustheit und weniger hohen Ersatzbeschaffungskosten von einem glatteren Finish, da das Polyester in seine ursprüngliche Form zurückdrängt.
Im Bereich Berufsbekleidung verliert neuerdings die klassische, einheitliche Uniform für alle Mitarbeiter eines Hotels oder einer Abteilung tendenziell an Boden. Angesagt im „War of Talents“ sind modular aufgebaute Systeme, d.h., Mitarbeiter wählen aus einem Baukastensystem „ihre“ Uniform, entscheiden selbst, ob Rock oder Hose, T-Shirt oder Bluse. So wird ein Kompromiss zwischen den Bedürfnissen der CI und den Bedürfnissen des Mitarbeiters gefunden. Einer unserer Kunden gibt nur noch die Modemarke vor und trifft gar keine Vorauswahl mehr. Das bedeutet, dass die Wäscherei plötzlich mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert wird. Da speziell in Lifestylehotels lockerer mit dem Gast umgegangen und sogar das respektvolle „Du“ gepflegt wird, wird auch die Bekleidung lockerer, also statt Stoffhose und Businessschuhen sind nun Chinohosen und Sneaker angesagt.sel
- Es wird für den kleinen und mittleren Wäschereibetrieb immer schwieriger, sich im Hoteldschungel zurechtzufinden, zu verstehen, wer zu wem gehört.
- Rolf Slickers, Geschäftsführer Servitex