Die Digitalisierung ist eine der großen Herausforderungen, die auf den Textilservice zurollt. Die Möglichkeiten, die sie der Branche bietet, sind enorm. Davon zeugte das 6. WIRTEX-Branchentreffen, das am 27. und 28. September 2018 unter dem Motto „Digitalisierung und Robotik“ in Berlin stattfand. R+WTextilservice war dabei.
Seit einigen Jahren machen Begriffe wie Künstliche Intelligenz (KI), Industrie 4.0, Vernetzung etc. die Runde. Sie kündigen eine digitale Revolution an, die das gesamte Leben verändern wird. Verkehrsmittel jeder Art werden autonom fahren. Sprachroboter kommunizieren mit Kunden. Robotik wird immer stärker in Produktionsprozesse integriert werden und menschliche Arbeit übernehmen. Maschinen und Anlagen werden zusehends untereinander vernetzt, stimmen Prozesse aufeinander ab. Sie regulieren die Ressourcenzufuhr, planen Reparaturen oder führen Qualitätskontrollen selbstständig durch. Auch wenn manches Beispiel noch futuristisch klingt, hat die Zukunft bereits begonnen – und die Textilservicebranche steht mittendrin. Es ist daher nur konsequent, dass das diesjährige WIRTEX-Branchentreffen dieser Thematik gewidmet war. Mit zahlreichen Vorträgen über Digitalisierung und Robotik wollte der Verband den knapp 250 Teilnehmern aufzeigen, welche Möglichkeiten dem Textilservice schon heute bei der Automatisierung ihres Unternehmensmodells zur Verfügung stehen. Dazu hatten die Organisatoren rund um WIRTEX-Geschäftsführer Dr. Andreas Marek diverse Referenten aus Maschinenbau, chemischer Industrie, Berufsbekleidungskonfektion, Technologieunternehmen, Zukunftsforschung und Start-up-Szene eingeladen.
An den Roboter outsourcen
Eine voranschreitende Automatisierung menschlicher Arbeit ist verschiedenen Faktoren geschuldet. Auf der einen Seite hat das Datenspeichervolumen innerhalb weniger Jahre exponentiell zugenommen. Die Verfügbarkeit unendlicher Datenmengen hat gleichzeitig eine rasend schnelle Erhebung, Verarbeitung und Auswertung von Informationen und damit auch den Grundstein für KI gelegt. Auf der anderen Seite treibt der Personalmangel die Unternehmen zu neuen Denkmodellen: Maschinen sollen (und müssen!) die nicht besetzbaren, freien Stellen füllen.
Dass es sich bei diesen Ansätzen keineswegs um utopische Spinnereien, sondern um Realität handelt, zeigten Mads Andresen und Finn Hahn vom dänischen Unternehmen Inwatec aus Odense. Da es in einer Wäscherei immer öfter zu Personalengpässen an anstrengenden oder unangenehmen Arbeitsplätzen kommt, entwickeln die Skandinavier Lösungen, diese durch Roboter und KI ausführen zu lassen. Bereits 2009 präsentierten sie eine Mattenrollmaschine, einige Jahre später wurde der erste Roboter zur Fremdkörperidentifizierung in Gesundheitswäsche installiert. Inzwischen laufen außerdem Sortierroboter, die gemischte Wäscheposten ordnen, sowie Lagerroboter, die Wäschestapel in ein Zwischenlager schieben. Doch das ist erst der Anfang. Nach Angaben von Andresen sollen fast drei Viertel aller in einer Wäscherei anfallenden Arbeiten durch KI ersetzbar sein. Dabei zähle nicht nur die technische Weiterentwicklung, sondern vor allem ausgeklügelte Software.
Erster Schritt: Vereinzelung
An der intelligenten Wäscherei arbeitet auch Kannegiesser in Vlotho. Das Unternehmen beschäftigt sich im Rahmen der „smart laundry“ mit vielen Fragen der automatisierten, wirtschaftlichen Bearbeitung möglichst vielfältiger Wäschearten und individueller Wäscheposten. Die dafür zu schaffende Voraussetzung ist nach Aussage von Michael Harre zuallererst die Vereinzelung der Wäschestücke; danach das Erkennen und Sortieren sowie die daran anschließenden Bearbeitungsprozesse. Mit dem „Gripmaster“ sei es dem Maschinenbauer gelungen, ein einzelnes Wäschestück aus einem Posten herauszugreifen und zu identifizieren. Diese Arbeit leistet ein Greifroboter, der mit einer Kamera gekoppelt ist: Er entnimmt einem Wäscheposten ein Textil und ordnet es einem entsprechenden Bearbeitungsprogramm zu. Allerdings ist dieser Prozess mit einem aufwendigen „Anlernen“ verbunden, d.h., der Roboter muss erst trainiert werden, damit er die von ihm verlangte Tätigkeit mit einer geringen Fehlerquote ausführen kann. Die Genauigkeit seines Tuns nimmt mit der gesammelten Datenmenge zu, was die manuelle Nacharbeit im Lauf der Zeit auf ein Minimum reduzieren kann.
Auch Ecolab (Düsseldorf) setzt sich seit Längerem mit dem Einsatz digitaler Technologien in der Textilpflegebranche auseinander und kooperiert zu diesem Zweck mit Softwarespezialisten wie Microsoft. Ziel der vom Unternehmen entwickelten „Envision“-Plattform ist eine bestmögliche Kontrolle des Waschprozesses und eine darauf aufbauende Möglichkeit, dessen Qualität steuern und optimieren zu können. Zu diesem Zweck werden die in einem Betrieb verfügbaren waren- und prozessbezogenen Daten und Signale ausgelesen und an ein zentrales Analyseportal weitergeleitet. Dieses nimmt Soll-Ist-Abgleiche vor, alarmiert den Nutzer bei Abweichungen, ermittelt vorgegebene Schlüsselparameter und Waschkosten oder erlaubt sogar Vergleiche mehrerer Betriebe untereinander. Durch die hohe Transparenz sollen Betriebskosten verringert und die Produktivität soll erhöht werden, lautete das Credo von Ecolab-Mann Thorsten Spanier.
Wäschestück oder rohes Ei
Robotik liefert Lösungen für die Zukunft. Anhand von zahlreichen Beispielen aus diversen Industrien zeigte Ralf Naßmacher vom Technologieunternehmen ABB Automation in Friedberg, welche Leistungen bereits durch Roboter erbracht werden. Diese wurden u.a. durch neue Greifertechniken und Sensoriken möglich, die selbst das Umpacken roher Eier in Pappkartons erlauben. Ein weiterer Faktor ist die zunehmende Kollaboration von Mensch und Maschine. Allerdings muss der künstliche Kollege häufig noch in einem Schutzraum verbleiben, wenn es nicht zu ernstzunehmenden Kollateralschäden kommen soll. Immerhin ist es dem Unternehmen gelungen, seinen Yuni-Roboter aus dem Käfig herauszuholen. Voraussetzung ist jedoch, dass die Handhabungsgrenze auf ein Gewicht von 500 g beschränkt wird. Muss mehr Masse bewegt werden, gehört der Yuni in einen Käfig, damit er seinen menschlichen Kollegen nicht versehentlich einklemmt oder ihm Quetschungen zufügt. Für eine Wäscherei wäre ein frei arbeitender Roboter nach heutigem Stand nur bedingt einsetzbar. Schutzbekleidung, aber auch Berufsbekleidung oder Bettwäsche sind häufig schwerer als ein Pfund und bringen in feuchtem Zustand noch deutlich mehr Gewicht auf die Waage. Ein in einem Schutzraum untergebrachter Roboter ist jedoch nicht an Gewichtsgrenzen gebunden und könnte im Textilservice vielzählige Arbeitsaufgaben übernehmen.
Neue Arbeitsplätze
Mittels innovativer Techniken können gerade die textilen Mietdienstleister, die sich auf Berufsbekleidung konzentrieren, Arbeitsprozesse effektiver steuern und noch ressourcenoptimierter arbeiten, ist man beim WIRTEX überzeugt. „Im Durchschnitt werden pro Tag rund 120.000 Bekleidungsstücke in einem WIRTEX-Mitgliedsunternehmen bearbeitet“, erläuterte Verbandsgeschäftsführer Marek. „Heute werden 29 Prozent der Arbeitsstunden von Robotern erledigt; im Jahr 2025 werden es bereits 50 Prozent sein. Der Markt wächst; unsere Mitglieder schaffen neue Arbeitsplätze. Dafür brauchen wir den Wandel und müssen Mensch und Technik vernetzen.“ Digitalisierung bzw. Einsatz von Robotern ersetze dabei in der Textilservicebranche keine Mitarbeiter. Das belege der Anstieg der Mitarbeiterzahlen der WIRTEX-Mitglieder um 8,5 Prozent im Vorjahr auf fast 19.000 Angestellte. Die Arbeitsplätze wandeln sich mit dem Fortschritt. „Es entstehen neue Arbeitsprozesse, die wiederum neue Arbeitsplätze schaffen“, so Marek.
Wie die Digitalisierung im Textilpflegebereich aussehen kann, zeigte Jonny Fresh. Der Onlineanbieter von Textilreinigungsdienstleistungen hat sich mittlerweile in sechs deutschen Städten etabliert. R+WTextilservice hat das Startup über die Jahre begleitet und immer wieder berichtet (vgl. Ausgaben 4/2014, 6/2015, 4/2018, 8/2018). Die Chefs und Gründer Stefan Michaelis und Sebastian Schmidt haben aktuell etwa 30 Mitarbeiter. Rund 5.000 Aufträge pro Monat verzeichnet Jonny Fresh von etwa 25.000 aktiven Kunden. Es gibt neben privaten auch B2B-Kunden wie Restaurants oder Eventagenturen sowie Exklusivpartnerschaften mit Unternehmen, für die Jonny Fresh einen Mitarbeiterservice anbietet. Das Unternehmen hat Textilreinigungspartner, die die eigentliche Reinigung übernehmen. Jonny Fresh sei vor allem gut in „Last-Mile“-Logistik, so die Gründer. Der digitale Lieferservice mit Dashboard basiert auf vier konvergierende Apps: von der Kunden-App über die Admin-App bis zur Textilreiniger- und Fahrer-App mit jeweiligen Funktionen. Um die Pünktlichkeit hochzuhalten, hat Jonny Fresh für das Routensystem einen eigenen Algorithmus entwickelt. Mit eingerechnet werden u.a. Daten wie Verkehr, Wetter usw.
Mit einer App arbeitet auch Kentaur. Christian Beirholm vom dänischen Berufsbekleidungsanbieter ging näher auf den Zusammenhang zwischen Berufsbekleidung und Digitalisierung ein. Die erste App präsentierte Kentaur 2012. Mit „MyKentaur“ sollen Textilservicekunden ein Werkzeug für Vertrieb, Einkauf, Produktmanagement, Buchhaltung und Lager an die Hand bekommen. Man kann darin z.B. virtuell einen Koch „anziehen“, Datenblätter downloaden usw. Kentaur hat nicht nur einen Webshop und eigene „landing pages“ für Kunden, über die sie Kampagnen fahren können – inklusive Google Adwords, Newslettertool und SEO. Mit „Roberta“ bietet das Unternehmen einen Auftragsroboter, der Bestellungen schnell abwickeln und Fehler durch Automatisierung vermeiden soll. Und die Digitalisierung geht weiter: Mittels „RoboBeam“, einem Bildschirm auf vier Rädern, können Kunden via Liveübertragung beim Produzenten vor Ort Textilmuster anschauen.
Wie sich die Industrie 4.0 noch in der Textilbranche niederschlägt, beleuchtete Yves-Simon Gloy vom Sächsischen Textilforschungsinstitut (STFI). Er berichtete von cyberphysischen Systemen, bei denen echtzeitfähige Daten aus Sensoren erfasst und genutzt werden. Auch eine Anwendung für eine „Augmented-Reality“-Brille zum schnellen Anlernen von Fachkräften oder zur effizienten Maschinenwartung stellte er vor. Das Projekt „futureTex“ soll die Digitalisierung in der Textilbranche fördern. Themen dabei sind z.B. intelligente Instandhaltung, Mensch-Maschine-Interaktion, smarte Logistiksysteme, eine vernetzte Fertigung oder Assistenzsysteme. Die Ansätze seien auch interessant für Textilservicebetriebe, so Gloy. Explizit für den Textilservice forscht das STFI z.B. zu RFID-Technologie in Flachwäsche. Es geht u.a. um die Weiterentwicklung von UHF-Transpondern oder das automatisierte Einbringen der Tags. Gloy betonte, dass man beim STFI jederzeit offen sei für Projekte mit Betrieben. Es gebe teils auch Fördermittel.
Was will der Kunde morgen?
„Zukunft kann so einfach sein“, hieß der Vortrag von Sven Göth von MK7 Innovate. Er berät Unternehmen und Institutionen mit Fokus auf Digitalisierung, Disruption und sich verändernde Lebens- und Arbeitswelten. Welches Verständnis von Dienstleistung wird der Kunde in Zukunft haben? Wie will der Kunde verstanden werden? Göth erläuterte: Produkte und Dienstleistungen werden immer individueller. Sie sollten sich auch nach Verkauf oder Vertragsabschluss noch an die Situation des Kunden anpassen können, also adaptiv sein. Mittels Big Data können neue Services und Monetarisierungsmodelle entwickelt werden, die auf Daten basieren. Intelligente Algorithmen werden bis 2030 einen nennenswerten Anteil von Entscheidungen verantworten. Das Ziel: Größtmögliche Automatisierung sowie Vorhersage von Kundenbedarf. Göth betonte: „Sie haben in Bezug auf die Zukunft immer die Wahl: Sie können abwarten, schauen und hoffen, dass niemand an Ihnen vorbeimarschiert. Ich wünsche keinem, am Ende sagen zu müssen: Das habe ich nicht erwartet! Deshalb: Bereiten Sie sich vor. Setzen Sie sich mit Technologien auseinander und probieren Sie Dinge aus! Und: Befähigen Sie Ihre Mitarbeiter, um gemeinsam mit ihnen die Zukunft gestalten zu können.“
Technologien, die auch für den Textilservice bald eine Rolle spielen können, sind z.B. der 3-D-Druck, mit dem mittlerweile nicht nur Textilien, sondern ganze Häuser oder Organe aus Stammzellen hergestellt werden können; oder das autonome Fahren, das nicht nur eine Lösung für den Fachkräftemangel, sondern vor allem ein Zeitgewinn sei. Roboter für die „last mile delivery“ werden bereits in anderen Branchen getestet und auch Drohnen können die Logistik revolutionieren.
Eine Voraussetzung für eine funktionierende Vernetzung der Welt, das Internet der Dinge und z.B. autonomes Fahren ist der Netzausbau auf den Standard 5G mit Datenraten bis zu 20 Gbit/s und Echtzeitübertragung sowie Kompatibilität von Maschinen und Geräten. Hieran arbeitet auch die Politik, wie Steffen Bilger, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, erläuterte. Die Mobilfunkgeneration 5G soll es nicht nur in großen Städten, sondern auch im ländlichen Raum geben; zunächst seien aber fünf Modellprojekte definiert worden. Bilger erwähnte weitere Initiativen der Politik wie den Glasfaserausbau bis 2025, die Drohnenverordnung oder das deutsche Verkehrsrecht, das eines der modernsten hinsichtlich des autonomen Fahrens sei.
Zum Ende des Branchentreffens appellierte Detlef Kröpelin, Vizepräsident des WIRTEX, an die Verbandsmitglieder: „Wir müssen unsere Geschäftsmodelle prüfen und zukunftsreif machen. Nutzen Sie die Digitalisierung!“
Sabine Anton-Katzenbach/
Elena Schönhaar
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