Warenschau in der Textilreinigung Veränderte Faserzusammensetzungen für die Pflege suboptimal?

Moderne Mode fasziniert mit innovativen Faserzusammensetzungen – doch die Pflege wird zum Drahtseilakt. Wie recycelte und neuartige Fasern Reinigung und Haltbarkeit herausfordern und warum ein genauer Blick auf Pflegezeichen und Material heute wichtiger denn je ist.

Rötliche Flecken und helle Stellen zeigten sich an einem Jumpsuit aus Kreppgarn.
Rötliche Flecken und helle Stellen zeigten sich an einem Jumpsuit aus Kreppgarn. - © Schwarz

In der Warenschau zeigt sich, dass sich bei Modedesignern neue Faserzusammensetzungen etabliert haben. Diese führen in letzter Zeit häufiger zu Reklamationen und Schadensersatz. Die Änderungen entstanden schleichend, beeinflusst vom Zeitgeist und der Renaissance vergessener Faserarten. Hersteller produzieren Fasern und Garne aus recyceltem PET und alten Fischernetzen. Sie bereiten auch Natur- und synthetische Fasern wieder auf. Allerdings wissen wir noch nicht genau, wie wir diese „neu entstandenen“ Fasern und Garne pflegen sollen. Wie werden sich die recycelten Fasern in der Wasch- oder Reinigungsmaschine im Dauereinsatz verhalten? Im Moment können wir den Markt nur beobachten und werden sehen, was auf uns zukommt. Es bleibt extrem spannend.

Aktuell schauen wir genauer auf die Faserzusammensetzungen, die es heute gibt und die uns in der Bearbeitung vor große Herausforderungen stellen, z. B. Wolle und Wollmischungen. In der Vergangenheit verarbeiteten Hersteller Wolle meist mit Polyester oder Polyacryl. Diese Fasermischungen sind uns seit Jahren bekannt und wir alle wissen, wie sich Fasern, die Garne und die Gewebe bei der Pflege verhalten. Doch seit etwa einem Jahr wird Wolle auch mit Viskose, Leinen, Baumwolle oder sogar Seide gemischt. Und oft sind mehr als nur zwei Fasern verarbeitet, dazu kommen dann noch ein bis zwei synthetische Faserarten.

Pflegeherausforderungen bei Woll- und Zellulosefasern

Speziell die Zusammensetzung zweier pflegetechnisch unterschiedlicher Natur­fasern, z. B. Wolle und Zellulose sind für die Pflege suboptimal, denn beide Fasern verhalten sich bei der Pflege unterschiedlich, oft entstehen dann Verfilzungen und Maßänderungen. In einem Reinigungsprozess im Lösemittel entstehen weniger Schäden, weil die Fasern nicht quellen können. Jedoch wird oft der ­hygroskopische Feuchtigkeitsgehalt an regnerischen Tagen unterschätzt. Die Wolle kann viel Wasser aufnehmen ohne dass sie sich feucht anfühlt, bleibt dennoch weich und flexibel. Die Zellulose­fasern werden durch die Wasseraufnahme fester und die weichen Wollfasern scheuern sich an der festen Zellulose auf und eine leichte Verfilzung entsteht, meist auch verbunden mit einer Maß­änderung.

Um Reklamationen und einem möglichen Schadensersatz vorzubeugen, ist zu empfehlen, in der Warenschau sensibler zu werden. Denn nur durch das Fühlen sind die Veränderungen in Faserzusammensetzungen nicht zu erkennen.

In einem Nassreinigungsprozess sind speziell bei dieser Materialkombination Veränderungen im Warenbild meistens nicht zu vermeiden. Achten Sie bitte genau auf die Pflegekennzeichnung. Diese Artikel sind in der Regel aus gutem Grund oft nur mit dem Handwaschzeichen gekennzeichnet. D.h. entweder eine echte Handwäsche oder eine „klassische Nassreinigung“ in einem professionellen Waschsystem nach der Pflegekennzeichnung „W im Kreis - mit einem Doppelbalken“, mit einem Nassreinigungswaschmittel und dem richtigen Programm.

Ganzheitliche Betrachtung des Materials notwendig

Um die Empfindlichkeiten des verwendeten Materialmixes richtig einschätzen zu können, schauen Sie bitte auch auf die Materialzusammensetzungen. Es lohnt sich. Um den Pflegeprozess genau auf den Artikel abzustimmen, betrachten wir immer das Gesamtbild – nicht nur die Haptik und die Pflegezeichen.

Faserarten, die in den letzten Jahren nur wenig Verwendung fanden, doch augenblicklich eine Renaissance erfahren, sind pflegetechnisch spezieller als das Polyester der letzten Jahre. Es geht um die Faserart „Acetat“. Die Faser zeigt einen edlen Glanz und fühlt sich kühl an. Ge­webe aus Acetat finden wir als Futter, aber auch als Oberstoff bei hochmodischen Artikeln. Immer öfter werden Kreppgarne in Dunkelblau verwendet.

Rötliche Flecken auf dem Textil? Helle Stellen?

Im vorliegenden Fall ist ein Kreppgarn zu einem Jumpsuit verarbeitet worden. Nach der Reinigung kam es zur Reklamation, weil hinten am Bein rötliche Flecken und vorne am Oberschenkel helle Stellen entstanden sind. Die Kundin machte bei der Abgabe auf Flecken aufmerksam, die von weißem Nagellack stammten, den sie durch einen häuslichen Selbstreinigungsversuch nicht vollständig entfernen konnte. In der Textilreinigung sind die Reste der Verfleckung dann weiterbearbeitet worden. Im Schadensbuch findet sich kein Eintrag, weder zu der noch vorhandenen Verfleckung bei der Abgabe, noch zu der Vorbehandlung der Kundin oder zu möglichen Vorschäden.

Zunächst wurden die roten Flecken untersucht. Auffällig war, dass die Flecken nur an einem Bein, nur an der Wade und ab der Kniekehle abwärts vorhanden sind. Die Flecken sind von oben nach unten verlaufend, erscheinen wie aufgespritzt und sind von der linken Warenseite nicht zu erkennen.

Aufgrund des Aussehens und der Lage kann abgeleitet werden, dass es sich um sogenannte Entwicklungsschäden handelt, die der Reinigungsprozess offengelegt hat. Eine nicht näher bekannte Flüssigkeit hat bestimmte Teile des vormals blauen Farbstoffs angelöst, die anschließend durch die Behandlung in den Reinigungsmaschinen ausgespült wurden. So entstanden die jetzt sichtbaren Flecken und Farbschädigungen. Es handelt sich dabei um ­eine sogenannte Broncierung des blauen Farbstoffes.

Punktartige Abdrücke – verursacht durch die Lochung der Absaugung eines Detachiertisches.
Punktartige Abdrücke – verursacht durch die Lochung der Absaugung eines Detachiertisches. - © Schwarz

Gebrauchsbedingter Vorschaden?

Das gesamte Erscheinungsbild ist charakteristisch für einen gebrauchsbedingten Vorschaden durch eine aufgespritze Flüssigkeit. Doch was ist mit den hellen Stellen im Bereich Oberschenkel? Schnell entsteht der Verdacht, dass es sich dabei auch um einen Vorschaden durch häusliche Selbstreinigungsversuche handelt. Das ist denkbar und möglich. Die Textilreinigung führte jedoch eine Detachur mit einem Ölfarblöser und einem Lacklöser durch. Diese Detachiermittel können Lösemittel enthalten, die bei zu langer Behandlungsdauer oder intensiver mechanischer Bearbeitung die Acetatfasern schädigen können. Deshalb ist auch eine Beschädigung oder Verschlimmerung der vorhandenen Vorschädigung denkbar.

Zunächst wurde das Hosenbein in der Schräglichtanalyse betrachtet, dabei wurden streifenähnliche, querverlaufende Oberflächenveränderungen festgestellt. Im nächsten Schritt wurden die beschädigten Stellen in der Vergrößerung betrachtet, zunächst im Fadenzähler mit einer 12-fachen und dann mit einer 30-fachen Vergrößerung im Auflichtmikroskop. In der Vergrößerung sind die querverlaufenden Streifen als Gewebeschädigungen zu erkennen. Es handelt sich um mechanische Beschädigungen, d. h. um Aufrauhungen bzw. Faserfibrillierungen, die durch eine hohe mechanische Belastung durch Scheuern oder Reiben entstehen.

Von der linken Warenseite sind dann eindeutige Hinweise auf eine Beschädigung im Verantwortungsbereich der Tetxtilreinigung zu erkennen. Es sind kleine, punktartige Abdrücke zu sehen. Solche, von der linken Warenseite sichtbare Abdrücke, sind charakteristisch für eine Schädigung durch die Lochung der Absaugung eines Detachiertisches. Ein schwieriger Fall, denn der Grad der möglicherweise vorhandenen Vorschädigung ist nicht mehr erkennbar.

Zusammenfassung des Schadensfalls

Bei den rötlichen Flecken handelt es sich um das Offenkundigwerden einer gebrauchsbedingten Vorschädigung. Bei den hellen Stellen handelt es sich, zumindest zu einem gewissen Teil, um eine Beschädigung durch den Textilreinigungsbetrieb und dass die von der rechten Seite sichtbaren streifenartigen Gewebe- und Garnschädigungen typische Schäden sind, die durch eine zu intensive Behandlung mit der Dampf-Druckluftpistole entstehen. In diesem Fall ist es zu empfehlen, das Gespräch mit dem Kunden zu suchen, um eine einvernehmliche Lösung zu erarbeiten.

Fazit aus beiden Fällen: Wir müssen wieder lernen, genauer hinzusehen und uns nicht nur auf unsere Facherfahrung zu verlassen. Denn um Schadensersatz zu vermeiden, lohnt es sich, einen „intensiven Blick“ auf die Pflegezeichen, Materialzusammensetzung und das gesamte Bekleidungsstück zu werfen. Denn was ist, wenn der Plisseerock nicht (wie bisher immer angenommen) aus Polyester, sondern aus Viskose besteht? Auch dann kommt es zu einer Schadensersatzleistung, wenn durch die Detachur mit wässrigen Detachiermitteln und dem „Durchpusten“ mit Dampf die Plisseefalten verschwunden sind.

Wie der Fall des Jumpsuits zeigt, wäre es auch hier besser gewesen, man hätte sich die Materialzusammensetzung angesehen. Doch damit nicht genug. Bei Textilien mit einer bereits im Haushalt durchgeführten Flecksonderbehandlung ist es dringend zu empfehlen, in der Warenschau mögliche Vorschäden unbedingt zu dokumentieren. Dazu ist es erforderlich, genau hinzusehen und die Hinweise aus der Warenannahme nicht zu ignorieren.