Warum tragen Nikoläuse eigentlich rote Mäntel? Das war nämlich nicht immer so. Und das schon lange, bevor Coca-Cola den Weihnachtsmann für eine Werbekampagne erfand und damit das Bild des Gabenbringers prägte. Tatsächlich hatte der historische Nikolaus früher blaue Kleider an. Warum sich das änderte? Ein Grund war die Migration, ein anderer das Klima. Aber auch ein Handwerk trug dazu bei: die Textilfärber.

Ein rauschender weißer Bart, ein goldener Bischofsstab und ein roter Mantel – den Nikolaus kennt vermutlich jedes Kind. Was viele aber nicht wissen: Der Mantel war nicht immer rot. Er war blau. Zumindest legt das ein Blick auf die historische Figur Nikolaus von Myra nahe.
Um ihn ranken sich viele Legenden. Der "echte" Nikolaus lebte im 4. Jahrhundert nach Christus und soll schon mit 19 Jahren zum Bischof geweiht worden sein. Er verteilte sein Vermögen an Arme und Kinder. Das brachte ihm in seiner Stadt Myra den Ruf als barmherzig ein.
Myra ist heute als Demre bekannt und liegt in der Türkei, etwa 100 Kilometer südwestlich von Antalya. Das Gebiet zählte damals allerdings zum Römischen Reich.
Textilfärberei in der Antike
Zu dieser Zeit trugen Kleriker an persische Könige angelehnte Gewänder mit spitzen Hüten und bodenlange Mäntel – und zwar in Blau. Die Farbe unterstrich in der Antike den hohen Stand des Trägers. Die Farbe herzustellen war aber aufwändig und teuer.
1. Wie wird aus Färberwaid der blaue Farbstoff Indigo gewonnen?
Laut dem Materialarchiv lässt sich aus den grünen Blättern durch mehrere Fermentationsprozesse ein Pulver herstellen. Dieses lässt sich später in einer speziellen Färbeküpe zum eigentlichen Färben verwenden.
Wer verbirgt sich hinter dem Materialarchiv? Dem Verein gehören Hochschulen, Museen und andere Institute an, beispielsweise das Gewerbemuseum Winterthur, die ETH Zürich sowie die Hochschule Luzern. Das Materialarchiv vermittelt Wissen rund um Werkstoffe. In einer Datenbank sammelt es Informationen zu Materialien, deren Bearbeitung und Verwendung.
2. Was macht das Verfahren so aufwändig?
Auch hierfür kennt das Materialarchiv eine Erklärung: Färberwaid enthält kein Indigo, sondern lediglich farblose, in Wasser unlösliche, zuckerhaltige Indigo-Vorstufen wie das Glykosid Isatan B. Erst durch Gärung wird die Zuckerverbindung abgespalten und das wasserlösliche, gelbliche Indoxyl freigesetzt. Dieser Prozess lässt sich nicht beschleunigen und erfordert ständige Überwachung.
Von der Ernte bis zum Färben vergehen 2 Jahre
- Der zeitliche Aufwand ist enorm:
- Von der Ernte bis zum verkaufsfertigen Produkt vergehen mehr als zwei Jahre.
- Die Blätter müssen außerdem sofort nach der Ernte verarbeitet werden.
- Sie durchlaufen dann eine 14-tägige Primärfermentation zu Waidmus und Waidkugeln, gefolgt von einer mehrwöchigen Sekundärfermentation bei der sie ständig gewendet, zerkleinert und erneut aufgehäuft werden.
- Nach der Verarbeitung zu Pulver muss das Produkt zwei Jahre lang lagern, bevor der Waid überhaupt verkauft werden kann.
- Die Verfahrensführung erfordert höchste Präzision:
- Für die Färbekraft des Farbpulvers ist es entscheidend, eine für die Fermentation optimale Temperatur einzuhalten.
- Die dampfenden Haufen müssen auseinandergerissen, die Waidmasse gewendet, zerkleinert, erneut aufgehäuft und mit Wasser befeuchtet und mit Urin bespritzt werden.
- In der späteren Färbeküpe muss die Temperatur bei der Fermentation drei Tage lang konstant bei etwa 60 °C gehalten werden.
- Die räumliche und organisatorische Trennung erhöht die Komplexität zusätzlich:
- Waidanbau und Herstellung des Ballenwaids, Farbstoffgewinnung und Waidhandel waren räumlich getrennt und streng reguliert.
- Verschiedene Berufsgruppen – Waidbauern, Waidhändler, Waidknechte und Blaufärber – waren an unterschiedlichen Standorten tätig, was Transporte und Lagerung über lange Zeiträume erforderlich machte.
Die Waidfärberei selbst war ein komplizierter Vorgang, den die Blaufärber des Mittelalters wie ein Geheimnis hüteten. Die richtige Kombination aus Bewegung, Temperatur und Waschmittel, die exakten Mischungsverhältnisse und der optimale Zeitpunkt für jeden Arbeitsschritt erforderten jahrelange Erfahrung.
Zum Vergleich: Die moderne Indigofärbung mit Chemikalien wie Natriumdithionit dauert im kalten Färbebad 50–60 Minuten, bei Erwärmung nur 30 Minuten. Das mittelalterliche Verfahren benötigte vom Anbau der Pflanze bis zum gefärbten Textil mehrere Jahre.

3. Seit wann wurde Färberwaid genutzt?
Insgesamt wurde Färberwaid mehr als 8500 Jahre lang zum Färben von Garnen und Textilien verwendet – bis die Pflanze Ende des 19. Jahrhunderts durch synthetischen Indigo fast vollständig verdrängt wurde.
Der erste konkrete Hinweis auf den Anbau von Färberwaid stammt aus Çatal Hüyük im südöstlichen. Forscher gehen davon aus, dass Menschen die Pflanze bereits 7. bis 6. Jahrtausend vor Christus zum Färben verwendeten.
- Um 1580 v. Chr.: In ägyptischen Gräbern fanden Forscher mit Indigo gefärbte Mumienbinden.
- 1800–750 v. Chr.: Auf bronzezeitlichen Textilien aus Norddeutschland, Dänemark, Schweden und Österreich konnte Indigo aus Waid nachgewiesen werden.
- 11.–10. Jh. v. Chr.: Bei Ausgrabungen im israelischen Timna-Tal fand man Textilfragmente mit Indigo, wahrscheinlich vom Färberwaid.
- 800–480 v. Chr.: Die bekanntesten europäischen Textilfunde mit Waid-Indigo stammen aus den Salzminen von Hallstatt in Österreich.
Die erste schriftliche Erwähnung findet sich im ägyptischen Papyrus Graecus Holminensis aus dem 3. Jahrhundert nach Christus, der ausführliche Angaben über Ernte und Küpe der Waidpflanze macht.
Funfact: Die Nutzung von Färberwaid zum Färben ist damit älter als die ägyptischen Pyramiden (ca. 2600 v. Chr.) – und zählt damit zu einer der ältesten handwerklichen Techniken der Menschheit.
Was beeinflusste die Farbe des Nikolausmantels?
Nicht nur die teure Herstellung, sondern auch der Kult um den Nikolaus selbst beeinflusste die Mantelfarbe. Dieser entwickelte sich vergleichsweise früh nach seinem Tod am 6. Dezember 343 n. Chr.. Schon im 6. Jahrhundert verehrte man den einstigen Bischof von Myra.
Von der Türkei aus verbreitete sich der Brauch über Griechenland und Osteuropa bis nach Russland. Und obwohl die Kirche Nikolaus von Myra erst am 5. Juni 1446 heiliggesprochen hat, feierte man in Mitteleuropa den Nikolaustag ab dem 12. Jahrhundert.


Wie Religion und Mantelfarbe zusammenhängen
Bis heute hat sich der Nikolaustag als Tradition in Europa etabliert. Im Laufe der Jahre und mit zunehmender Ausbreitung verschmolzen allerdings historische Fakten, überlieferte Legenden und lokale Bräuche. Dazu gehört auch die neue Farbe: Rot.
Dank des Krapps war Rot von der Antike bis zur Entdeckung des synthetischen Alizarins im Jahr 1868 der bedeutendste rote Farbstoff in Europa. Er war nicht nur erschwinglicher, sondern passte auch gut in die christliche Farbenlehre zur historischen Figur des Heiligen Nikolaus. Rot ist die Farbe des Martyriums. Der Bischof von Myra wurde der Legende nach aufgrund seines Glaubens verfolgt und gefoltert. Darüber hinaus rückte im Mittelalter die Farbe Blau als Merkmal für Maria in den Mittelpunkt. Ihr blauer Mantel symbolisierte ihre Reinheit und Göttlichkeit.
Nikolaus und der Klimawandel
Wie die Farbe ändert sich im Laufe der Zeit auch der Stoff des Nikolausmantels. Warum? Die Figur passt sich an das jeweilige Klima an. Im Mittelmeerklima im damaligen Myra reichte ein Mantel aus feinem Stoff, in Gegenden mit kalten, harten Wintern erhielt die Figur einen groben Pelz aus grauem oder weißen Rauch.
Auch in Büchern und Bildern war der Nikolaus allgegenwärtig. Bis zum 19. Jahrhundert variierten die Darstellungen teils stark: Im deutschen Kinderbuch "Struwwelpeter" von 1845 kleidet Heinrich Hoffmann den "großen Niklas", eine hagere, große Gestalt, beispielsweise in ein Gewand, das eher an eine braune Mönchskutte erinnert. Der in Deutschland geborene Thomas Nast zeichnete den 1863 für das amerikanische Magazin Harper’s Weekly einen korpulenten Mann, der einen pyjama-ähnlichen roten Einteiler mit schwarzem Gürtel trägt.
Nikolaus bekommt einen Begleiter
Mit der Zeit ändert sich allerdings nicht nur das Outfit, sondern auch die Rolle: Der gütige Gabenbringer bestraft nun auch unartige Kinder.Diese Aufgabe übernimmt er jedoch nicht allein, sondern erhält Unterstützung. An seiner Seite sind Knecht Ruprecht, Pelzerklas oder auch Krampus. Diese Figur wurde vermutlich durch heidnische Rituale inspiriert, mit denen im Winter böse Geister vertrieben werden sollten.
Der Nikolaus migriert in die USA
Im 19. Jahrhundert setzte der "Nikolaus" nach Amerika über – und zwar im Gepäck europäischer Auswanderer. Getrieben von der fortschreitenden Industrialisierung breiteten sich in Europa Armut, Arbeitslosigkeit und politische Unruhen aus. Zwischen 1820 und 1913 flohen etwa 32 Millionen Menschen – u.a. aus Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden und Italien – in die USA. Und so fasste auch der Heilige Nikolaus Fuß in Übersse. Das zeigt sich beispielsweise am Namen "Santa Claus". Dieser geht auf das Niederländische "Sinterklaas" zurück, was "Heiliger Nikolaus" bedeutet.
Ähnlich wie in Europa passte sich die Kultfigur zunächst an die harten Winter an: Der Nikolaus trug einen dicken Pelzmantel. Zumindest bis Coca-Cola die Figur in einer Werbekampagne aus dem Jahr 1931 für sich entdeckte und entscheidend prägte: ein sympathischer älterer Mann mit Bart und Pausbacken in einem roten Mantel mit weißem Pelzbesatz. Entworfen wurde die Figur des Weihnachtsmannes vom Grafiker Haddon Sundblom, dem Sohn schwedischer Auswanderer. Wie sein reales Vorbild bringt er Geschenke, allerdings nicht am Nikolaustag, sondern an Weihnachten.
