Start in 2026 Das Jahr der Färber

Zum Jahresauftakt blicken wir zurück – und zwar in das Jahr 1907. Für eine Rechsversammlung in Halberstadt hat ein inzwischen leider unbekannter Dichter den Jahresablauf der Färber in einem Gedicht festgehalten. Überliefert sind die mitunter selbstironischen Strophen, die sich zur Melodie "Ich bin der Doktor Eisenbart" singen lassen sollen, dank Ralf M. Senf. Der ­ehemalige Hauptgeschäftsführer des Deutschen Textilreinigungs-Verbands hielt diesen Schatz im Buch "Saubere Sachen" von 1989 fest.

Wie würden die Strophen heute lauten? - © Maksim Pasko – stock.adobe.com

Im Jänner hat der Färbersmann
Die schönste Muße, denn er kann
Den Kessel klopfen, wenn er mag
Und Steuern zahlen jeden Tag.

Der Taumond ist ihm selten hold,
Er steht in der B.B.G.1 Sold.
Dabei erfährt er jedes Mal,
Wie teuer ihm das Personal.

Im Monat März die Sonne steigt,
Die faule Zeit zu Ende neigt,
"Herr Meister lege du mir zu,
Sonst muß2 ich weiterzieh’n partout."

Und legt in’s Nest der Osterhas’
Dann zieht sonst mancher noch die Straß’
Der wohl sich fühlte bis zum Lenz,
Er eilt und strebt zur Konkurrenz.

Sind dann die linden Lüft’ erwacht,
Der Färber regt sich Tag und Nacht.
Die Maizeit ist sein goldner Hort,
Doch auch im Ärger gibt‘s "Rekord".

Im Juni tönt der Sammelruf,
Seit man den Verband erschuf.
Der Färber freut sich lang’ schon drauf
Und läßt den Dingen seinen Lauf.

Kehrt heim er dann im Mond des Heues,
Erstrebt zu Hause manches Neues
Und bringt die Karre in den Schwung –
Als Nutzen der "Besichtigung".

Ließ er die Gattin sorgend treu
Zu Haus, so sagt sie ohne Scheu;
Als Lohn und weil die Gurkenzeit,
Mach‘ ich für‘s Seebad mich bereit.

Ist dann der Chef auch Kontrolleur
Anstatt der Gattin, o Malheur!
Er bring viel träges Blut in Fluß.
September ist Quartales Schluß.

Ist der Oktober auch kein Mai,
So lohnt sich doch die Färberei.
Ein frischer Zug weht im Betriebe;
Die Färberseele schafft mit Liebe.

Dann zeigen sich die kurzen Tage;
Das Personal ist ohne Plage.
Es hat ein freundlicher’ Gesicht,
Als wenn im März die Sonne sticht.

So reiht sich Mond an Mond fürwahr;
Dezember macht den Schluß im Jahr.
Beschert es Glück im Überfluß,
Dann ist die Färberei Genuß!

Wie würden ein solches Gedicht heute lauten?

  1. Bekleidungsindustrie-Berufs-Genossenschaft ↩︎
  2. Rechtschreibung wurde vom Original übernommen ↩︎