Hygienisch arbeiten ist für Textilreiniger selbstverständlich – inzwischen verlangen allerdings immer mehr Kunden konkrete Nachweise, wie z. B. den Hygienepass der Gütezeichengemeinschaft. Für wen sich das Zertifikat lohnt und welche Betriebe jetzt handeln sollten, erklärt Dr. Arno Sorger, Geschäftsführer der W.H.U. GmbH.
R+WTextilservice: Das Leistungszertifikat mit Hygienepass klingt zunächst abstrakt. Was verbirgt sich konkret dahinter?
Dr. Arno Sorger: Wie bei allen hygienischen Fragen geht es vor allem darum: Durch die Wäsche darf niemand zu Schaden kommen (wobei sicherheitstechnische Fragen ausgeblendet werden). Das betrifft neben den Nutzern der Textilien auch die Mitarbeiter der Einrichtungen und alle weiteren Personen, die mit der Wäscheaufbereitung befasst sind.
Das sind vor allem infektiologisch-mikrobiologische Fragestellungen. Aber auch chemisch-hygienische (aggressive Rückstände) und physikalisch-hygienische Fragestellungen (beispielsweise Fremdkörper) sind zu berücksichtigen.
Gibt es unterschiedliche Zertifizierungsstufen oder handelt es sich um ein einheitliches Zertifikat?
Derzeit ist der Hygienepass noch einheitlich. Aufgrund der Marktforderungen wird es aber in Zukunft verschiedene Abstufungen geben.
Wie lange ist das Zertifikat gültig und was passiert danach?
Der Hygienepass der Gütezeichengemeinschaft ist derzeit ein Jahr gültig. Die erneute Ausstellung ist Aufgabe der Gütezeichengemeinschaft. Die benötigen hierfür wiederum eine Hygieneinspektion, die wir als Hygienedienstleister durchführen.
Wir (W.H.U. GmbH) sind keine Zertifizierungsstelle. Unsere Tätigkeit beschränkt sich auf das Erfassen und Bewerten eines aktuellen hygienischen (Gesamt-)Zustandes. Dieser wird bei Hygieneinspektionen erfasst. Mit dem Nachweis des einwandfreien Zustandes können unsere Kunden dann bei der Gütezeichengemeinschaft Österreichischer Textilreiniger den „Hygienepass“ erhalten.
Wir sind daher unabhängig von der Gütezeichengemeinschaft und der Zertifizierung. Wir haben auch keine Monopolstellung, es gibt mehrere Mitbewerber, die ähnliche Leistungen anbieten.
Welche Vorteile bringt der Hygienepass?
- Marktzugang sichern: Krankenhäuser, Gesundheitseinrichtungen, Lebensmittel- und Pharmaindustrie verlangen zunehmend Hygienenachweise. Ohne Hygienepass ist eine Teilnahme an Ausschreibungen in diesen Bereichen oft nicht möglich.
- Bestehende Kunden halten: Kunden, die intern Risikobewertungen durchführen (Behördenauflagen, Franchisevorgaben, Bewertungsgesellschaften), fordern den Nachweis – wer ihn nicht liefert, verliert den Auftrag.
- Prozessqualität steigern: Die Inspektion dient als „Anstoß“ und Benchmark: Betriebe identifizieren Schwachstellen, stabilisieren ihre Abläufe und machen ihre Prozesse nachweislich sicherer.
- Unabhängige Bewertung: Die Prüfung von akkreditierten, unabhängigen Inspektionsstellen (wie z. B. der W.H.U. GmbH) schafft Vertrauen, ebenso die Trennung von Inspektion und Zertifizierung.
- Zukunftssicherheit: Der Druck zur Hygienezertifizierung steigt stetig – nicht durch konkret erlassene Gesetze, sondern durch die zunehmende Verpflichtung der Wäscherei-Kunden, hygienisch einwandfreie Textilien einzusetzen. Wer jetzt handelt, ist vorbereitet.
- Wettbewerbsvorteil: In einem Markt, in dem Hygiene zum Differenzierungsmerkmal wird, positioniert der Hygienepass den Betrieb als verlässlichen, geprüften Partner – unabhängig von der Betriebsgröße.
Der Hygienepass: Wem nützt das Zertifikat?
Kleine Textilreinigungen oder große Wäschereien: Für welche Betriebe ist dieses Zertifikat gedacht?
Prinzipiell ist der Hygienepass offen für alle Betriebe. Naturgemäß werden Textilreiniger, deren Kunden einen Nachweis der hygienischen Aufbereitung benötigen, diesen eher anfordern als Einrichtungen, deren Kunden Hygiene nicht als wesentliches Kriterium ansehen. Es ist aber das Ziel, dass alle Textilreiniger – unabhängig von der Größe – eine hygienisch einwandfreie Aufbereitung (die streng genommen ja in der Erwartung jedes Kunden liegt) nachweisen können.
Gibt es bestimmte Spezialisierungen, etwa auf Krankenhauswäsche oder Gastrotextilien, bei denen das Zertifikat besonders relevant ist?
Bei der Krankenhauswäsche hat sich der zwingende Nachweis hygienisch einwandfreier Wäscheaufbereitung weitgehend durchgesetzt. Auch in vielen weiteren Gesundheitseinrichtungen wird dieser Nachweis mittlerweile verlangt. Hygienisch einwandfreie Wäsche wird auch in größeren Lebensmittelbetrieben als unbedingte Voraussetzung angesehen. Der Pharmabereich stellt noch höhere Anforderungen: Hier ist der Hygienepass eine notwendige Grundlage, reicht allein aber nicht aus – es bedarf zusätzliche Qualifizierungen.
Ab welcher Betriebsgröße lohnt sich der Aufwand wirtschaftlich?
Es geht nicht um die Betriebsgröße, es geht um die Kunden. Wenn ich einen Kunden habe, der einen Hygienenachweis benötigt oder haben will, dann muss ich entweder diesen Nachweis liefern oder auf den Kunden verzichten. Hygienisch einwandfreie Wäscheaufbereitung ist auch nur mit einer kleinen Waschmaschine (die natürlich gewisse Voraussetzungen erfüllen muss) möglich.
Hygienepass beantragen: Was müssen Unternehmer beachten?
- Benötigte Unterlagen: Hygieneplan, Nachweis geeigneter Waschverfahren, ÖGHMP-Checkliste, abrufbar unter oeghmp.at.
- Gültigkeit: Der Hygienepass gilt ein Jahr. Danach ist eine erneute Inspektion und Neuausstellung erforderlich.
- Kosten: Aufwandsabhängig – Basisaufwand (Dokumenten- und Checklistenprüfung) + Waschverfahrensprüfung + ggf. Zusatzprüfungen. Jährliche Wiederholung als Folgekosten einplanen.
- Häufigster Stolperstein: Waschverfahren entsprechen nicht den Anforderungen – vermeidbar durch Vorabprüfung mit Waschmittelvertrieb.
- Erfolgsquote: Kleine Nachbesserungen sind häufig nötig, komplette Wiederholungsinspektionen sind selten.
- Bei Mängeln: Ggf. teilweise Wiederholung der Inspektion erforderlich (Zusatzkosten). Die Mängelbeschreibung zeigt in den meisten Fällen bereits den Lösungsweg auf.
- Anmelden: Näheres zum Leistungszertifikat für hygienisch einwandfreie Wäscheaufbereitung unter guetezeichen.org oder whu-lab.at.
Kein Gesetz, aber relevant
Gibt es Branchen oder Kunden, die ein solches Zertifikat mittlerweile verlangen?
Die schnelle Antwort heißt: „Ja.“ Das ist eine Frage der internen Risikoermittlung des Kunden. Es gibt derzeit zwar keine unmittelbare gesetzliche Vorgabe, aber gerade im Gesundheitsbereich wird die Frage der Wäschehygiene auch von Behördenseite immer wieder gestellt. Und ein Hersteller von Lebensmitteln kann sich eine Beeinträchtigung seiner Produkte durch nicht einwandfrei aufbereitete Kleidung seiner Mitarbeiter nicht leisten.
Wie sehen Sie die Entwicklung: Wird Hygienezertifizierung künftig zur Pflicht?
Ich sehe weniger die Notwendigkeit zusätzlicher Vorschriften für Wäschereien als vielmehr die direkte oder indirekte Verpflichtung der Anwender („Kunden der Wäscherei“), nur hygienisch einwandfreie Wäsche in ihrem Betrieb einzusetzen; entweder auf Basis von Vorgaben – Behörden, Franchisegeber, Bewertungsgesellschaften – oder auf Basis einer internen Risikobewertung.
Welchen konkreten Mehrwert bietet das Zertifikat im Alltag?
Man benötigt kein Zertifikat für einen einwandfreien Prozess. Allerdings ist derartiges ein guter „Anstoß“. Der Prozess wird durch interne Identifikation und interne Maßnahmen stabiler und sicherer. Die Prüfung der Umsetzung der Checkliste und die hygienischen Prüfungen geben den Betrieben eine Benchmark, an der sie sich orientieren können.
Gibt es einen typischen Moment, in dem Betriebe bereuen, das Zertifikat nicht früher gemacht zu haben?
Es kommt immer wieder vor, dass sich Betriebe melden, weil sie unbedingt sofort einen Nachweis der hygienischen Wäscheaufbereitung benötigen, da sie sonst Kunden verlieren oder an Ausschreibungen nicht teilnehmen können. Wie oben angeführt: Es geht zwar relativ schnell – aber ein paar Wochen sollten Betriebe trotzdem einplanen.
Wie sieht Ihre Vision für die Branche in fünf Jahren aus?
Wir sehen als Hygienedienstleister nicht nur die Wäscheaufbereitung, sondern auch die Betriebe, die diesen Nachweis der hygienisch einwandfrei aufbereiteten Wäsche benötigen. Der Nachweis wird immer wichtiger. Daher wird auch die Bedeutung dieses Nachweises für gewerbliche Kunden steigen. Wer vor allem Kunden aus dem privaten Bereich oder Kleingewerbebereich hat, wird wahrscheinlich wenig Druck zur Zertifizierung verspüren.
Prinzipiell haben aber sowohl große Betriebe als auch kleine Betriebe Zukunftschancen. Man darf die Notwendigkeit bzw. den Mehrwert der individuellen und flexiblen Wäscheaufbereitung, wie sie nur kleine Einrichtungen bieten können, nicht unterschätzen.
Was macht die W.H.U.?
Die 2008 gegründete W.H.U. ist eine unabhängige Inspektionsstelle.
- Hygieneinspektion: Sie erfasst und bewertet den hygienischen Ist-Zustand von Wäschereien. Das dient als Grundlage für den Hygienepass, den die Gütezeichengemeinschaft ausstellt.
- Hygieneprüfung: Sie prüft in eigenen Laboratorien mikrobiologische, chemische, technische Hygieneparameter.
- Wäschedesinfektionsverfahren: Die Ergebnisse dienen Herstellern zur Listung u. a. bei der ÖGHMP (Österreichische Gesellschaft für Hygiene, Mikrobiologie und Präventivmedizin) oder dem VAH (Verbund für Angewandte Hygiene).
