Tradition und Transformation Färberei Lessing: Vom DDR-Erfolg zum modernen Familienbetrieb

Aus der Not eine Tugend machen. Nach diesem Motto hat Sebastian Lessing das ursprüngliche ­Kerngeschäft seines Familienbetriebs zum Markenzeichen gemacht. Mit Erfolg. Denn die Lessings versenden heute in die­ ­ganze Welt. R+WTextilservice war in Dresden bei der Färberei und Reinigung zu Besuch.

Echte Handarbeit: Sebastian Lessing am Färbe-Apparat.
Echte Handarbeit: Sebastian Lessing am Färbe-Apparat. - © Marcus Mötz

Einst standen die Menschen auf der Freiberger Straße in Dresden Schlange, im Gepäck die liebsten Kleidungsstücke. Ihre Anlaufstelle war die Färberei und Reinigung Lessing – DIE Adresse für das Färben jedweder Textilien. Doch dann kam die Wende, und die Schlangen wurden schlagartig kürzer. Kleidung wollte niemand mehr färben, alles sollte durch günstige Neuware ersetzt werden. Die Lessings ließen sich davon nicht unterkriegen. Inhaber Sebastian Lessing, der den elterlichen Betrieb seit 2022 in dritter Generation führt, erinnert sich: „Die Färberei hatte zu Ostzeiten 80 Prozent unseres Geschäfts ausgemacht. Manche Kunden konnten wir nicht mehr bedienen, weil das Aufkommen so groß war. Die standen von morgens um 8 Uhr bis mittags an, und dann wieder ab 14 Uhr.“

Individuelles Färben als ­Markenzeichen

Heute hat sich das Verhältnis zwischen Reinigung und Färberei umgekehrt. Nur noch 20 Prozent der Aufträge entfallen auf die Färberei. Hier konnten sich die Lessings eine Nische aufbauen, indem sie sich auf das Färben von Brautkleidern spezialisierten. Ein Geschäft, das Deutsche auf der ganzen Welt schätzen und nutzten. So geht ein von den Lessings gefärbtes Brautkleid nicht selten auf Europareise oder gar nach Übersee, in die USA oder auch bis nach Dubai. „Das sind meist hochwertige Kleidungsstücke, überwiegend Brautkleider, die für bestimmte Festivitäten gebraucht werden“, so Sebastian Lessing. „Für die Kunden wäre es schade, ein teures Hochzeitskleid zu entsorgen. Durch das Umfärben kann es weiterhin genutzt werden.“

Die Kundschaft weiß den persönlichen Kontakt und die individuelle, akkurate Arbeit der Lessings zu schätzen. Das Färben von Meterware überlassen sie gern den Industriefärbereien. Die Lessings selbst färben in Handarbeit. „Wir arbeiten hauptsächlich für den Endverbraucher. Oder auch für das Theater, für die Oper. Für das Grüne Gewölbe hier in Dresden oder das Fasanenschlösschen in Moritzburg haben wir auch schon Aufträge erledigt. Bei Letzterem haben wir beispielsweise die Federn für die Wandverzierung gefärbt.“

Große Unterstützung durch den Nachwuchs

Die Färberei allein kann den Vier-Mann-Betrieb, den Sebastian Lessing zusammen mit seiner Frau Antje führt, allerdings nicht am Laufen halten. Die Reinigung ist und bleibt das Hauptgeschäft der Lessings. Dabei kommt ihnen zugute, dass sie Eigentümer des Wohn- und Geschäftsgrundstücks sind und folglich die Mietkosten einsparen. Zudem haben sie – im Gegensatz zu vielen anderen Firmen – keine Nachwuchsprobleme.

Natalie Lessing arbeitet im Familien­betrieb mit und beginnt in diesem Jahr ihren Meister.

So ist Tochter Natalie seit Jahren ein fester und unverzichtbarer Bestandteil der Firma. Nach erfolgreichem Abschluss ihrer Ausbildung 2025 beginnt sie in diesem Jahr ihre Meisterausbildung. Im Rahmen der Deutschen Meisterschaft im Handwerk wurde Natalie zudem zur Landessiegerin im Wettbewerbsberuf Textilreinigerin gekürt.

In Berührung mit dem Beruf kam die 20-Jährige schon früh durch den Familienbetrieb. Den Entschluss, in die Fußstapfen der Eltern zu treten, fasste sie bereits im Kindesalter. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Textilreinigerin, deren Bestandteil ein Praktikum war, das Natalie in einer benachbarten Großwäscherei machte. „Eine schöne und wertvolle Erfahrung“, berichtet sie rückblickend, „aber der direkte Kundenkontakt, den wir hier haben, gefällt mir dann doch mehr.“

An der Arbeit innerhalb der Familie schätze sie vor allem die gegenseitige Unterstützung, die man bei externen Angestellten nicht zwingend habe, zum Beispiel, wenn man sich trotz kleiner Erkältung nicht sofort krankschreiben lasse. Auch neue Ideen könne sie bei ihren Eltern einbringen. „In der Berufsschule hatten wir einen Hemdenfinisher“, erklärt Natalie. „Zu Hause haben mein Bruder und ich erzählt, dass die Hemden dadurch echt super werden und dass so ein Gerät eine große Arbeitserleichterung wäre, denn bisher hatten wir die Hemden immer handgebügelt. So haben wir uns dann einen Hemdenfinisher angeschafft.“

Für die Zukunft plant Natalie die Weiterführung des Betriebs, wenn die Eltern in Rente gehen, und denkt dabei sogar noch etwas größer: „Ich hätte später gern noch mehr Annahmestellen in Dresden und würde dann auch die Reinigung der Dienstbekleidung großer Firmen und Hotels anbieten.“

Natalies Bruder Fabian ist ebenfalls seit einigen Jahren im Familienbetrieb tätig. Angefangen mit Arbeiten während der Schulferien, absolviert er derzeit eine Ausbildung zum Textilreiniger. „Ich möchte meiner Familie unter die Arme greifen“, berichtet er. „Irgendwann gehen meine Eltern in Rente, dann kann der Betrieb trotzdem weitergeführt werden. Später werde ich hoffentlich selbst einmal Kinder haben, die die Geschäfte dann übernehmen.“

Ähnlich wie sein Vater packt Fabian gern auch dann mit an, wenn Reparaturen an den Maschinen nötig sind. Außerdem unterstützt der 18-Jährige seine Eltern beim Online-Auftritt der Firma, speziell bei Social Media. „Es bietet sich bei uns an, Fotos von gefärbten Kleidungsstücken zu veröffentlichen, frei nach dem Motto: ‚So könnte Ihr Brautkleid das nächste Mal aussehen.‘“, erklärt Fabian. Ziel sei es, mehr Aufmerksamkeit und somit mehr Kundschaft zu generieren.

Betrieb mit langer Tradition: Seit 1884 gibt es die Färberei und Reinigung Lessing.
Betrieb mit langer Tradition: Seit 1884 gibt es die Färberei und Reinigung Lessing. - © Marcus Mötz

Tipps und Ideen von mehreren Generationen

Antje und Sebastian Lessing hören sich die Ideen und Vorhaben ihrer Kinder gerne an. Sie wissen, was sie an ihrem Nachwuchs haben. „Man kann in unserer Branche keine Seiteneinsteiger nehmen“, so Sebastian Lessing. „Wir brauchen Fachleute, denn wir gehen ja mit Chemikalien, mit Lösungsmitteln, mit Farben um. Außerdem gibt es einfach wenig Auszubildende in dem Bereich.“

Ratschläge nimmt der heutige Geschäftsführer auch von seinen Eltern an, die den Betrieb 1991 übernahmen. Bereits deren Eltern hatten es alles andere als leicht. Es seien immer wieder schwierige Zeiten gewesen, resümiert Sebastian Lessing: die Nachkriegsjahre, die DDR mit dem Fall der Mauer, und schließlich die Corona-Pandemie.

Maßnahmen im Sinne der Umwelt

Eine der größten aktuellen Herausforderungen sei die hohe CO2-Steuer. Hier wünscht sich Sebastian Lessing eine Entlastung vom Gesetzgeber. „Wir wollen ja dennoch etwas dafür tun, dass die Umwelt geschont wird“, erklärt er. „Darum arbeiten wir beim Färben mit Standbädern, bei denen die Farbe gar nicht erst abgelassen wird. Wir haben große Behälter mit Abtropfbrettern, an denen die überschüssige Farbe zurücktropft, sodass gar nichts nach außen tritt. Unser Kühlwasser von der Reinigungsmaschine ist ebenfalls schon vorgewärmt. Das nutzen wir direkt für die Vorwäsche mit den Waschmaschinen, um das energieeffizient zu gestalten und uns ein Stück weit unabhängig von Öl und Gas zu machen.“

In die Zukunft blickt Sebastian Lessing mit einem kleinen Augenzwinkern. Wenn die passenden Roboter auf den Markt kämen, nehme er gleich drei Modelle. Die Fleckenerkennung müsse die Familie allerdings vorerst weiterhin selbst machen, da hierbei ein geschultes Auge vonnöten sei. Vielleicht ließe sich die Arbeit dann aufteilen. So könnten die Roboter die von den Lessings gefärbten Kleider zumindest verpacken und in die Welt verschicken.