Erbe. Verantwortung. Zukunft. Traditionsreiche Textilreinigungen: Was bleibt, wenn sich alles ändert?

Die Geschichte vieler traditionsreicher Familienbetriebe ist auch eine Geschichte der Textilpflegebranche: Sie berichtet den ­Wandel vom ­traditionellen Handwerk zum vernetzten Unternehmen, vom einzelnen Gründer zur Unternehmerfamilie, vom ­Überleben zum Gestalten. Wer über so viele Jahre am Markt besteht, hat ­gelernt, was die Wirtschaft bis heute lehrt: Krisen kommen – und gehen. Entscheidend ist, was man aus ihnen macht. Drei Beispiele.

1954: Opa Franz Winkelmaier nimmt die neue Wacker-Reinigungsmaschine lächelnd entgegen.
1954: Opa Franz Winkelmaier nimmt die neue Wacker-Reinigungsmaschine lächelnd entgegen. - © Franz Winkelmaier Teppich- und Gardinenreinigung

Fehlende Arbeitskräfte, knappe Rohstoffe und hohe Abgaben – vor diesen Herausforderungen stehen Handwerker heute. Die Themen sind bei Weitem nicht neu: Schon vor 400 Jahren standen Gewerke vor ähnlichen Problemen.

Der Dreißigjährige Krieg tobte. Etwa jeder dritte Deutsche starb. Im Kampf. Vor Hunger. Oder an der Pest. Plünderungen und zerstörte Handelswege veränderten die Wirtschaft. Das Textilgewerbe verlagerte sich von den zunftgebundenen Städten aufs Land.

Das Verlagswesen, dessen Prinzip auf Arbeitsteilung beruhte, blühte auf: Ein Kaufmann finanzierte Rohstoffe und legte sie Handwerkern vor. Diese verarbeiteten das Material weiter, gaben die fertigen Stoffe dem Kaufmann und erhielten dafür Lohn.

Eine der ältesten Reinigungen

Zurück zum Zeitgeschehen: In dem Jahr, in dem der Habsburger Ferdinand III. auf dem Regensburger Kurfürstentag zum römisch-deutschen König gewählt wurde, gründete sich im beschaulichen Bad Aibling ein Meisterbetrieb, der heute als einer der ältesten Betriebe seiner Branche gilt: die Textilreinigung Max Dumm.

Die Kirchenbücher schrieben das Jahr 1636. Zu dieser Zeit war das Bedrucken von Baumwolle zwar in Indien, aber noch nicht in Europa möglich, und man versuchte, mit Ton und Gips flammhemmende Textilfarbe zu entwickeln, damit Leinwände für Theaterkulissen dem Feuer länger standhielten.

Hubert Wolf führt den Bad Aiblinger Fami­lienbetrieb in der zwölften Generation.
Hubert Wolf führt den Bad Aiblinger Fami­lienbetrieb in der zwölften Generation. - © Kröger/Multimatic

Die Farbherstellung war eine hochspezialisierte Kunst. Die Vorfahren von Hubert Wolf, dem Inhaber der Textilreinigung Max Dumm, beherrschten diese Technik meisterhaft, und noch heute erinnert er sich an die Lehren seines Vaters.

Im Alltag braucht er dieses Handwerk nur selten. Stattdessen bietet er für Privatkunden das komplette Spektrum einer Textilreinigung an – von der Oberbekleidung über Matratzenschonbezüge bis hin zum Polster. Bei der Reinigung legt er nicht nur Wert auf Effizienz und Warenschonung, sondern auch auf Umweltschutz.

Hubert Wolf am Eingang der Textilreinigung Dumm. Über der Tür ist das Färberwappen eingelassen.
Hubert Wolf am Eingang der Textilreinigung Dumm. Über der Tür ist das Färberwappen eingelassen. - © lin

Tradition und Moderne verbinden

Wolf arbeitet noch heute – in der zwölften Generation – in den alten Gemäuern, aber mit modernen Maschinen. Im Stegfärberhaus in der Färbergasse wurden Textilien anfangs vor allem gefärbt und gebleicht.

Ein Gewölbe und Fliesen im ältesten Teil des Gebäudes zeugen von der Zeit im 17. Jahrhundert, in der die Unternehmensgründer als Färber begannen. Wo früher gefärbte Textilien zum Trocknen hingen, wird inzwischen gereinigt.

Die Bügelei und der Hemdenspeicher befinden sich in einem rund 100 Jahre alten Teil des Gebäudes.

An der Rückseite des Hauses fließt der Mühlbach. Auf dem betriebseigenen Steg lässt sich erahnen, wie einst das Kolorieren der Stoffe den Wasserlauf färbte.

Qualität im Handwerk überdauert

Rund 60 km westlich von Bad Aibling entfernt eröffnete, zu einer Zeit, in der es weder den FC noch den Freistaat Bayern gab, in der Münchner Hackenstraße ein Färberbetrieb, der ebenfalls bis heute besteht: die Franz Winkelmaier Teppich- und Gardinenreinigung. Seit 1784 – also seit 242 Jahren – reinigt, repariert und konserviert die Familie Winkelmaier hochwertige Textilien.

Die Ursprünge des Betriebs lagen in der Färberei und Kleiderreinigung. Mit der Anschaffung einer Wacker-Reinigungsmaschine 1954 stellte Opa Franz die Weichen für eine moderne Textilreinigung.

Heute kombinieren die Brüder Franz und Robert Winkelmaier traditionelles Handwerk und moderne Technik – von handgeschrubbten Teppichen bis zu computergesteuerten Waschmaschinen. Die Besonderheit: Viele Stücke behandeln sie individuell, sei es ein handgeknüpfter Perser­teppich, eine edle Seidengardine oder ein antiker Gobelin.

Die Brüder Franz und Robert Winkelmaier leiten die Teppich- und Gardinenreinigung in elfter Generation.
Die Brüder Franz und Robert Winkelmaier leiten die Teppich- und Gardinenreinigung in elfter Generation. - © ik/Winkelmaier

Reinigung von Einzelstücken

Während andere Betriebe genormte Textilien verarbeiten, bringen viele Kunden Einzelstücke zu Winkelmaier. Jeder Teppich, jede Gardine wird nach Material und Zustand behandelt – ob chemisch, mechanisch oder per Hand.

Eine Qualität, die Kunden überzeugt.

Schon der Großvater setzte auf persönliche Empfehlungen; und das funktioniert bis heute. Allerdings steht auch der alteingesessene Familienbetrieb vor derselben Herausforderung wie jüngere Firmen:

Die Textilindustrie ändert sich. Neue Fasern drängen auf den Markt. Textilien werden smart. Winkelmaier begrüßt diese Entwicklung, allerdings stellt sie die Textilpflege auf den Kopf. Jede Faser reagiert anders.

„Bei Teppichen mit Brennnesselfasern kommt es zu einer Trockenstarre“, erklärt Franz Winkelmaier. „Laufen Kunden dann barfuß darüber, ist es rau.“ Wie ein luftgetrocknetes Handtuch. Nicht alle Kunden verstehen das.

Stores zur Wärmedämmung oder schallschluckende Gardinen sind im Büro oder zuhause praktisch; gleichzeitig bringen sie herkömmliche Pflegeverfahren an ihre Grenzen, denn sie bestehen aus Metall und Kunststofffasern.

Vor der „Waschanstalt“: Oma Maria Winkelmaier am zweiten ­Standort in der Quellenstraße.
Vor der „Waschanstalt“: Oma Maria Winkelmaier am zweiten ­Standort in der Quellenstraße. - © Franz Winkelmaier Teppich- und Gardinenreinigung

Fundiertes Fachwissen

„Man muss sich neu ausrichten“, erklärt Winkelmaier. Er mache viel aus dem Bauch heraus. Das kann er allerdings nur, weil dahinter kein vages Gefühl, sondern fundiertes Fachwissen und teils jahrhundertealte, weitergegebene Erfahrung mit Fasern, Geweben und Stoffen stecken. „Mein Vater hatte sogar zwei Meister“ – und zwar als Färber- und Chemischreiniger sowie als Textilreiniger.

Dass sich Stoffe und Mode ändern, ist vermutlich so alt wie die Textilien selbst. Anfang des 19. Jahrhunderts galten Bastfasern wie Jute und Ramie in Europa ebenso als neu wie Alpakawolle. Etwa zur selben Zeit isolierte ein französischer Botaniker erstmals Cellulose aus Holz, die Basis für die spätere Zellstoffgewinnung. Und zum Ende des damaligen Jahrhunderts sollte Baumwolle langsam Hanf und Leinen ablösen.

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In 125 Jahren hat sich im Textilservice viel verändert – die Branche, der Beruf und die Berichterstattung. Erinnern Sie sich noch? Hören Sie rein!

Arbeitswelt im Wandel

Heute verändert künstliche Intelligenz die Arbeitswelt und den Alltag rasant. Eine ähnliche Zäsur erlebten die Menschen mit der industriellen Revolution, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann.

Sie veränderte nicht nur die Art und Weise, wie Menschen Produkte herstellten, sondern auch, wo und wie sie arbeiteten. Die Textilbranche entwickelte neue Maschinen und Verfahren: Dampf trieb Geräte an, Egreniermaschinen trennten Baumwollfasern erstmals maschinell und damit schnell von Samenkernen und mechanische Webstühle fertigten gemusterte Gewebe fast von selbst.

Zeitgleich breiteten sich Ideen und Ansätze weltweit aus. Die Zucht von Merinoschafen gelangte beispielsweise von Spanien über Sachsen bis nach Australien.

Aber nicht alle Experimente trugen Früchte. Der Versuch, elastische Fasern aus geschnittenen Gummi­blöcken für Handschuhe, Strümpfe und Gürtel zu gewinnen, scheiterte an der begrenzten Faserlänge des Materials.

Was sich allerdings durchsetzte: Chlor löste die Rasenbleiche ab, Dampf fixierte Farbstoffe und synthetische Farbstoffe wie Mauvein, Türkischrot oder Indigo lösten natürliche ab. Darüber hinaus entdeckte der Chemiker Louis Jacques Thénard „oxidiertes Wasser“, Wasserstoffperoxid.

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Errungenschaften wie diese änderten die Welt – und sie erleichterten den Aufstieg der professionellen Textilpflege. In den 1920er-Jahren entstanden erste „Chemische Waschanstalten“ in Berlin und Paris.

Doch die Technik war riskant: Leicht entflammbare Lösungsmittel wie Petroleum oder Tetrachlor­kohlenstoff wurden eingesetzt – ein gefährliches Unterfangen. Dennoch florierte die Nachfrage. Dann brach der Zweite Weltkrieg aus: Benzin war knapp, Arbeitskräfte fehlten, auf manche Betriebe fielen Bomben.

Neue Chancen, neue Hürden

Mit dem Frieden kehrten die Kunden zurück. Das Geschäft boomte: Uniformen wurden umgefärbt, Textilien beidseitig getragen und Sakkos aufgetrennt, gefärbt und neu zusammengenäht, eine kreative Lösung für Materialknappheit. Die Branche war zuversichtlich. Die Zukunft gehörte der Chemischen Reinigung.

Bis die 1980er- und 90er-Jahre neue Hürden stellten: Umweltauflagen zwangen Betriebe, Maschinen auszutauschen. Synthetikfasern wie Polyester verdrängten Naturmaterialien, die Wäsche wurde leichter, aber auch anfälliger für Flecken. Globalisierung führte zu Kostendruck. Lohnarbeit wurde ins Ausland verlagert.

Jubiläum: Plank Textilpflege feiert 200-jähriges Bestehen
Anfang der 1920er-Jahre bearbeitete die Belegschaft Wäsche in einer Werkstatt neben dem Stammhaus. Heute steht dort das Kaufhaus Karstadt. - © Plank

In Offenburg, wo Ignaz Plank 1820 eine Färberei mit angeschlossener Stoffdruckerei gründete, in der er mit hölzernen Modeln Trachtenmuster auf Baumwollstoffe presste, trifft Peter Rubi, Geschäftsführer der Plank Textilpflege in sechster Generation, eine richtungsweisende Entscheidung: Er zentralisiert die Produktion und erweitert sein Angebot.

Neben der Chemischen Reinigung baut er die Textilaufbereitung für Modeketten aus – von Bügelfalten bis zur Fleckenentfernung. Und er beginnt, den Betrieb zu digitalisieren, mit einem automatischen Zwischenlager und vernetzten Kassensystemen. Trotz aller Krisen, auch während Corona, ist Rubi überzeugt: „Der Bedarf an hochwertiger Textilpflege wird immer bestehen.“

Nachfrage und Nachfolge

Die Nachfrage ist ungebrochen. „Wir haben ohne Ende Anfragen“, sagt der Geschäftsführer der Textilpflege Plank heute. Allerdings steht nicht mehr Peter Rubi an den Maschinen, sondern sein Nachfolger Tony Köhler. Der 36-Jährige hat den Betrieb vor einem Jahr übernommen.

Köhler ist Quereinsteiger. Biotechnologe. Wie er zu der Position kam? „Über eine Stellenanzeige“, erzählt er. Rubi suchte einen Nachfolger und er eine neue Herausforderung. Die Arbeit im Großraumbüro zermürbte ihn. Zähe Meetings und zahlreiche Entscheidungsschleifen. „Ich wollte nicht mehr darauf warten, dass Dinge erst nach Wochen umgesetzt werden.“ Er wollte schnell entscheiden, selbst aktiv werden und am Ende des Tages sehen, was er geschafft hat.

Tony Köhler (36) führt seit einem Jahr die Plank Textilreinigung weiter.
Tony Köhler (36) führt seit einem Jahr die Plank Textilreinigung weiter. - © Köhler

Wohlgeplanter Wechsel

Den Betrieb habe er natürlich nicht Hals über Kopf übernommen. Sondern wohl überlegt und intensiv vorbereitet.

„Die Nachfolge in einem 200 Jahre alten Unternehmen anzutreten, ist eine große Aufgabe“, sagt er. Auch weil er alle 60 Mitarbeiter weiterbeschäftigt. Weil er den Betrieb als Familienunternehmen weiterführen will. Und weil er als Jungunternehmer viel lernen muss.

Sein Vorwissen in Chemie hilft ihm; das Handwerk musste er allerdings von Grund auf lernen. Gut ein Jahr arbeitete er Seite an Seite mit seinem Vorgänger. „Den Meister im Schnelldurchlauf, nur ohne Zertifikat.“ Rubi zeigte ihm alle Abläufe, weihte ihn in die Geheimnisse seines Handwerks ein und informierte Kunden über den anstehenden Wechsel.

Die Reaktionen waren positiv. Keiner sprang ab. Im Gegenteil. Die Aufträge stapeln sich. Das liegt sowohl an dem Fundament, das Rubi legte, als auch an Köhlers Strategie. Der Unternehmer erschließt neue Kanäle in den sozialen Medien, baut eine Marketing-Website auf und klopft neue Märkte im B2B-Bereich ab.

Künstliche Intelligenz hingegen steht noch nicht auf seiner Agenda. „Vielleicht mal als Tool in der Buchhaltung“, schätzt er. In der Produktion kann er sich KI noch nicht vorstellen. Die bleibe im Kern Handarbeit. Genau das habe ihn bei seinem Einstieg in die Branche auch am meisten überrascht: „Wie viel Handwerk in dem Beruf steckt.“ Als Kunde habe er das vorher nicht gesehen.

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R+WTextilservice begleitet die Branche und ihre Betriebe seit 125 Jahren. Besonders interessant ist es, Unternehmer über Jahre hinweg zu begleiten. Wie beispielsweise die drei alteingesessenen Textilreinigungen aus diesem Beitrag. Lesen Sie auch die Porträts aus den vergangenen Jahren: