2007 beginnt Asiye Karaosmanoglu als Büglerin in einer Textilreinigung. Heute führt sie die ESMA Textilpflege in Pfullendorf. Dabei setzt sie auf Kundennähe, Vertrauen und einen einfachen Grundsatz: Nicht der Umsatz steht an erster Stelle, sondern die Beziehung zum Kunden. R+WTextilservice war vor Ort.
Als Asiye Karaosmanoglu neu in der Textilreinigung ist, funktioniert eines der Bügeleisen nicht richtig. Die damaligen Mitarbeiterinnen versuchen, es mit Klebeband zu reparieren. Unter dem heißen Dampf hält die Konstruktion jedoch nicht stand. Karaosmanoglu tüftelt selbst an einer Lösung und repariert das Bügeleisen mit einem Schlauch. Die Mitarbeitenden erzählen dem Inhaber von der neuen Büglerin, die Probleme löst und mitdenkt.
Schließlich möchte er sie kennenlernen. Doch als er sieht, dass Karaosmanoglu Kopftuch trägt, fürchtet er, sie könnte Kunden abschrecken. Er bittet sie deshalb, nicht vorn im Laden zu arbeiten. Kommt ein Kunde, rennt sie nach hinten und schickt eine Kollegin nach vorn. Bereits nach ein paar Tagen hat die Kollegin jedoch genug. Sie nimmt Karaosmanoglu mit nach vorn und beschließt, die Kunden einfach selbst zu fragen, ob das Kopftuch sie störe. Die Geschichte ist heute fast 20 Jahre alt. Aus der Mitarbeiterin, die zunächst im Hintergrund bleiben soll, wird die Unternehmerin, die den Betrieb selbst führt.

Von der Büglerin zur Unternehmerin
Dabei hatte Karaosmanoglu gar nicht vor, eine Textilreinigung zu übernehmen. 1973 wird sie in Altshausen geboren. Ihre Eltern stammen aus der Türkei. 2007, als ihre jüngste Tochter in die Schule kommt, möchte sie wieder arbeiten. Sie beginnt als Büglerin in der örtlichen Reinigung. Von der Branche hat sie bis dahin wenig Ahnung. „Ich war weit davon entfernt, dass ich selbst eine Reinigung leiten würde“, erinnert sie sich. Wäsche und Bügeln mochte sie allerdings schon immer. Als der damalige Inhaber der Textilreinigung einige Jahre später aufhört, wagt Karaosmanoglu den Schritt. 2011 übernimmt sie den Betrieb und gibt ihm einen neuen Namen: ESMA Textilpflege. Die vier Buchstaben stehen für die Anfangsbuchstaben ihrer Kinder und ihres Mannes.
Die Textilreinigung in der Pfullendorfer Innenstadt gibt es seit mehr als 60 Jahren. Karaosmanoglu modernisiert sie Schritt für Schritt. Sie erneuert Maschinen und Räume und ersetzt das alte Aufhängesystem. Früher hingen die mit Kleidung vollgepackten Stangen fest unter der Decke. Die Mitarbeitenden sahen sich kaum. „Nur die Füße hat man am Boden unten gesehen“, erinnert sich Karaosmanoglu. Heute stehen die Kleiderstangen am Boden und lassen sich verschieben. Die Sicht ist freier, die Arbeit übersichtlicher. Auch in die Maschinen investiert sie nach und nach. Zur Ausstattung gehören eine Reinigungsmaschine von Böwe, ein Dampferzeuger von Jumag, Waschmaschinen und Trockner von Electrolux sowie eine Miele Mangel und ein Bügeltisch von Veit.

Fachwissen aus Erfahrung
Ihr Fachwissen hat sich Karaosmanoglu selbst angeeignet. Sie lernt von Kolleginnen, liest Bücher über Stoffkunde und sammelt Erfahrung im täglichen Umgang mit den Textilien. „Learning by doing“, nennt sie ihren Weg. Heute helfen ihr fast 20 Jahre Erfahrung, wenn ein Kleidungsstück ohne Pflegeetikett auf ihrem Tisch landet oder ein Kunde mit einem schwierigen Fleck kommt. Bei Unsicherheit spricht sie mögliche Risiken offen an. Wünscht der Kunde trotzdem eine Behandlung, lässt sie sich das noch einmal bestätigen. Ein gewisses Risiko bleibt. Manchmal muss sie sich auf ihre Erfahrung verlassen und eine Entscheidung treffen. Dafür brauche es Mut und Vertrauen in die eigene Können, sagt sie.
Wenn Asiye Karaosmanoglu von ihrer Arbeit erzählt, geht es schnell um Flecken. Um Brautkleider, Daunenjacken und Paillettentops. Um Knöpfe, die nach dem Reinigen fehlen, und um Kunden, die sich Sorgen um ihr Lieblingsstück machen. Vor allem aber geht es um Menschen. „Ich behandele jedes Teil, das hierherkommt, so, als wäre es mein Lieblingsstück“, sagt die Inhaberin.
Klein, aber vielseitig
Die Textilreinigung ESMA besteht heute aus dem Stammgeschäft in Pfullendorf und sechs Annahmestellen in Sigmaringen, Mengen, Albstadt, Meßstetten, Stockach und Überlingen. Nach der Corona-Pandemie kamen weniger Hemden und Anzüge, weil viele Kunden im Homeoffice arbeiteten. Die zusätzlichen Annahmestellen halfen, diesen Rückgang aufzufangen.

Als die Annahmestelle in Albstadt hinzukam, wurde die Arbeit schließlich zu viel für Karaosmanoglu allein. Ihr Mann wechselte in den Betrieb. Heute übernimmt er die Fahrten zu den Annahmestellen, liefert saubere Wäsche aus, nimmt verschmutzte Textilien mit und arbeitet als Bügler. Auch ihre Schwester Hanife Bayazit hilft zweimal pro Woche aus, dazu kommt eine Büglerin in Teilzeit. Das Team ist klein, aber eingespielt. Und genau das ist Karaosmanoglu wichtig. Lange Zeit hatte sie fast alles selbst gemacht. Sie bügelte, reinigte, bediente Kunden und erledigte anschließend noch die Büroarbeit. Erst nach und nach lernte sie, Aufgaben abzugeben. Heute sagt sie: „Ich kann mich umdrehen und gehen, ohne zu denken: Oh je, jetzt machen die den Laden kaputt.“ Jeder weiß, was zu tun ist.
Beim Angebot setzt der Betrieb auf Vielseitigkeit. Das Kerngeschäft ist die klassische Textilreinigung. Daneben hat sich die Wäscherei zu einem zweiten Standbein entwickelt. Angefangen hat der Betrieb mit Tischdecken von Privatpersonen. Als große Wäschereien Mindestmengen einführten und kleinere Aufträge nicht mehr annahmen, kamen kleinere Hotels, Ferienwohnungen und Gastronomiebetriebe zu ESMA. Heute gehört Flachwäsche fest zum Angebot.
Bewusstes Wachstum
Beim Wachstum zieht die Unternehmerin bewusst Grenzen. Eine zusätzliche Annahmestelle kommt für sie infrage – wenn sie zum Betrieb passt. Ein Umzug an einen größeren Standort stand ebenfalls schon zur Debatte. Doch Karaosmanoglu entschied sich dagegen. Der Betrieb soll nicht um jeden Preis wachsen. Sie möchte gute Arbeit machen, ihre Kunden kennen und die Kontrolle behalten. Statt größer zu werden, nutzt ESMA den vorhandenen Platz besser. Eins kommt, eins geht, wieder ist Platz.
Bei Investitionen wägt sie ab. Eine Maschine wird ersetzt, wenn es nötig ist. Größere Investitionen plant sie mit Blick auf die Rente nicht mehr. Mit über 50 hat sich ihr Blick auf die Arbeit verändert. Früher musste alles sofort passieren. Heute geht sie Schritt für Schritt vor. „Ich habe gelernt, Grenzen zu setzen und auch mal nein zu sagen“, sagt sie. Das Nein fällt ihr allerdings noch immer schwer. Sie will Probleme lösen. Lieber probiert sie etwas aus, fragt nach und sucht eine Lösung, als einen Kunden wegzuschicken.

Ehrlichkeit statt Verkaufsdruck
Ihre Kunden schätzen diese Haltung. Manche kommen nicht nur, um Kleidung abzuholen, sondern schauen einfach vorbei, um „Hallo“ zu sagen. „Es ist nicht nur diese Reinigungsdienstleistung“, sagt Karaosmanoglu. Sie nimmt sich Zeit für Gespräche. Manchmal auch eine halbe Stunde, obwohl hinten bereits die nächste Maschine wartet.
Auch telefonisch nimmt sie sich Zeit für Fragen und berät ihre Kunden ausführlich. Wenn ein Kleidungsstück problemlos zu Hause gewaschen werden kann, sagt sie das ihren Kunden. Steht auf dem Pflegeetikett beispielsweise 30-°C-Wäsche, lautet ihr Rat: auf links drehen, selbst waschen und aufhängen. „Es muss nicht immer ums Geld gehen“, sagt sie. Sie wolle ehrlich sein und helfen. Und sie vertraue darauf, dass die Kunden wiederkommen.
Wenn Kleidung weniger wert ist
Den Druck in der Branche spürt auch Karaosmanoglu deutlich. Viele Textilien könnten Privatkunden heute selbst waschen. Gleichzeitig überlegen viele Kunden genauer, ob ihnen eine professionelle Reinigung das Geld wert ist. Sie beobachtet, dass Kleidung heute einen anderen Stellenwert hat. Die ältere Generation habe ihre Kleidungsstücke stärker wertgeschätzt und länger getragen. „Früher hat man ein Kleidungsstück zuerst nur zu besonderen Anlässen getragen, später dann im Alltag. Wenn es dafür zu abgetragen war, zog man es noch im Garten an. Erst wenn es auch dafür nicht mehr taugte, landete es im Müll“, erzählt Karaosmanoglu. Bei jüngeren Kunden beobachte sie dagegen, dass diese lieber neu kaufen.

Auch neue Materialien und Faserzusammensetzungen stellen die Reinigungsbetriebe immer wieder vor Herausforderungen. Darüber hinaus seien Kleidungsstücke längst nicht mehr so hochwertig verarbeitet wie früher. Sie erinnert sich an Anzüge, deren Hosen nach der Reinigung wieder ordentlich Naht auf Naht lagen. Bei manchen Marken verziehe sich nun die Form nach der Reinigung deutlich.
Gleichzeitig steigt der Kostendruck. Energie, Material und Verpackungen werden teurer. Preiserhöhungen sind für den kleinen Betrieb deshalb eine Gratwanderung. Karaosmanoglu möchte kostendeckend arbeiten, die Preise für ihre Kunden aber bezahlbar halten. Monatelang überlegt sie deshalb, wie sie die gestiegenen Kosten auffangen kann.
Die Freude am Handwerk bleibt
Ihre drei Töchter haben andere Pläne. Über eine Nachfolge in der Familie denkt deshalb niemand konkret nach. Karaosmanoglu würde sich dennoch wünschen, dass der Betrieb weitergeführt wird. Sie weiß aber auch, wie schwierig es ist, Nachfolger für Textilreinigungen zu finden.
„Es gibt nicht mehr viele Reinigungen und noch weniger junge Nachwuchskräfte“, berichtet Karaosmanoglu. Handwerkliche Berufe hätten für junge Menschen allgemein an Attraktivität verloren. Sie selbst kann sich keinen anderen Beruf vorstellen. „Ich mag den Job richtig, es macht mir jeden Tag aufs Neue Spaß“, sagt sie. Besonders dann, wenn ein schwieriger Fleck verschwindet und der Kunde zufrieden den Laden verlässt.