Unternehmensnachfolge Adrett Textilreinigung: Von der Bioingenieurin zur Textilreinigerin

Elf Jahre lang arbeitete Amelie Senn als Diplom-Bioingenieurin. Nach der Geburt ihres Kindes gab sie den Job in der Medizintechnik auf und fing noch einmal neu an – als Quereinsteigerin in der Textilreinigung. ­Heute ­leitet sie die ­familieneigene „Adrett Textilreinigung“ in Grafing bei München in dritter Generation.

Chefin aus Überzeugung: Amelie Senn (40) arbeitete zuvor in einem ­Medizintechnikunternehmen, das Geräte zur Leberdialyse ­entwickelt.
Chefin aus Überzeugung: Amelie Senn (40) arbeitete zuvor in einem ­Medizintechnikunternehmen, das Geräte zur Leberdialyse ­entwickelt. - © Bettina Schmid

Weder ihre Eltern noch ihr Mann oder ihre Freunde hätten damit gerechnet, dass Amelie Senn in die Familien-Textilreinigung einsteigen würde. Doch genau das tat sie – nachdem sie Bioingenieurwesen mit Schwerpunkt Medizintechnik studiert und elf Jahre lang in der Entwicklung und Zulassung eines Leberdialysegerätes bei einem Münchner Medizintechnikunternehmen gearbeitet hatte.

Geplant war der Einstieg in den elterlichen Betrieb nicht. Als sie 2017 in Elternzeit geht, verbringt sie viel Zeit bei ihren Eltern und hilft in der Reinigung mit. Es ist die ­Mischung aus Handarbeit, Technik und direktem Kontakt mit Menschen, die sie fasziniert. Kein Tag gleicht dem anderen.

Rückkehr zu den Wurzeln

Zu dieser Zeit suchten ihre Eltern eine Nachfolge. Kurt und Heike Geiger, beide Textilreinigungsmeister, übernahmen 1986 den Innungsbetrieb, der 1960 von Senns Großeltern Karl und Irmgard ­Geiger gegründet wurde. Sieben Jahre nach Gründung zogen die Großeltern an den heutigen Standort am Marktplatz in Grafing. Wer Kleidungsstücke ändern oder Teppiche reinigen lassen möchte, kann diese in der Textilreinigung abgeben. Zweimal pro Woche holen die Partnerbetriebe, eine Änderungsschneiderei und eine Teppichreinigung, die Teile ab.

Ohne Nachfolger hätte die Reinigung für immer schließen müssen. „Und dann hab ich mir gedacht: Probier ich’s doch einfach“, sagt Senn. Leichtfertig habe sie diesen Entschluss aber nicht gefasst. Sie überlegte gründlich. Zwei Jahre lang. 2019 absolviert sie eine Weiterbildung zur Textilreinigungsfachkraft. Ihre Eltern vermitteln ihr das notwendige Know-how – von der Bügelei und Reinigung bis hin zur Büroarbeit und Lohnbuchhaltung. „Das war eine ganz schöne Umstellung und erstmal viel Neues, was ich lernen musste“, erinnert sich Senn. In ihrem alten Job hatte sie elf Jahre gearbeitet. Sie kannte die Abläufe und Prozesse. In der Reinigung war sie auf einmal wieder die Neue. 2023 ziehen sich die Eltern aus dem aktiven Geschäft zurück und Amelie Senn wird offiziell Inhaberin der Adrett Textilreinigung.

Mehr Zeit und Bewegung

Seitdem ist kein Tag wie der andere. Ein Punkt, den sie besonders betont: Das Textilreinigergewerbe ist weitaus vielfältiger, als viele vermuten. Statt den Großteil des Tages vor dem Computer zu verbringen, stehen nun Waschen, Chemisch­reinigen und Mangeln auf dem Programm. „Früher kam ich im Büro kaum auf 5.000 Schritte am Tag, heute schaffe ich locker das Vierfache“, erzählt sie.

„Dank der Vorarbeit meiner Eltern sitzt hier mittlerweile jeder Handgriff und alle Abläufe laufen routiniert, auch ohne meine ständige Anwesenheit.“ So kann sie sich ihre Zeit freier einteilen: mal packt sie frühmorgens mit an, mal erledigt sie abends den Papierkram. Dadurch bleibt ihr mehr Raum für ihre ­Familie.

Nun begleitet ihr Sohn sie manchmal mit zur Arbeit. Er sitzt dann an dem kleinen Schreibtisch, der mitten im Laden steht und von zahllosen Kleiderbügeln mit frisch gereinigten Kleidungsstücken umgeben ist, macht Hausaufgaben oder hilft beim Kleiderbügel neu beziehen. Wenn gerade wenig los ist, spielen sie zusammen.

Von der Bioingenieurin zur Textilreinigerin: 2023 hat Amelie Senn den Familienbetrieb mit viel Herzblut übernommen.

Tradition mit frischem Wind

Zwei Jahre ist es nun her, dass Amelie Senn das Geschäft übernommen hat. Wenn es um geschäftliche Entscheidungen geht, überlassen Kurt und Heike Geiger ihrer Tochter vollkommen freie Hand. So hat sie zum Beispiel die Website und das Logo der Reinigung über­arbeitet. Außerdem war ihr eine nachhaltige Ausrichtung des Betriebs wichtig, um verantwortungsvoll mit Ressourcen umzugehen. Deshalb setzt sie auf ­moderne, energieeffiziente Maschinen und Strom aus der hauseigenen Photovoltaikanlage. Auch der Wasserverbrauch wird durch ein System zur Wiederverwendung so niedrig wie möglich gehalten. Waschmittel spart sie mithilfe einer Dosieranlage und bei der Kleiderausgabe versucht sie auf Plastik zu verzichten. Demnächst möchte sie kleinere Projekte anpacken, wie die Fassade ­erneuern oder eine neue Ladentheke installieren. Und vielleicht später, noch eine weitere ­Filiale eröffnen.

Bis dahin meistert sie das tägliche Geschäft. Und obwohl ihre Eltern bereits im Ruhestand sind, sind sie sofort zur Stelle, wenn jemand krankheitsbedingt ausfällt, der Kundenandrang plötzlich besonders hoch ist oder eine Lieferung kurzfristig vorbereitet werden muss. Darüber ist Amelie Senn sehr dankbar.

Kommt Vater Kurt Geiger in die Reinigung begrüßen ihn die sieben Teilzeitkräfte noch heute mit „Hallo Chef!“. Amelie Senn – in Sneakers, Jeans und Wollpulli – nennen sie hingegen einfach „Amelie!“. Das hat allerdings nichts mit mangelndem Respekt zu tun. Einige Mitarbeiterinnen sind schon so lange im Unternehmen, dass sie Senn bereits als kleines Mädchen kannten. Rekordhalterin ist Irmi Miether. Sie arbeitet seit über 50 Jahren im Familienunternehmen.

„Meinen größten Respekt an Amelie“, fügt Anja Bowens, die stellvertretende Leitung der Adrett Textilreinigung, hinzu. „Ich bin zwar schon länger im Beruf als Amelie, aber sie hat sich so reingefuchst und eingelesen, dass ich mich bei schwierigen Fällen mit ihr beraten kann, um gemeinsam eine Lösung zu finden.“

Der Arbeitsumfang sei zwar nicht mehr so groß wie noch damals bei Senns Großeltern, die von ganzen Bergen an Kleidung berichteten, vergleicht Senn. Die Adrett Textilreinigung be­arbeitet rund 1.000 kg Wäsche pro ­Woche. Der Kundenstamm besteht zu 80 Prozent aus Privat- und zu 20 Prozent aus Firmenkunden. Dennoch blickt sie opti­mistisch in die Zukunft. „Ich bin sicher, dass Reinigungen immer gebraucht werden, weil es einfach Sachen gibt, die nicht in die normale Haushaltswaschmaschine ­können und Fachwissen ­brauchen.“