Global Fiber Congress GFC Dornbirn: Viele Ideen fürs Recycling, zu wenig Kapazität

Faserforschung aus erster Hand bot der Global Fiber Congress (GFC) in Dornbirn: Dort geht es längst nicht mehr nur um neue Produkte, sondern vor allem um die Rückgewinnung von Ressourcen. Genau das unterstrich die 65. ­Auflage vom ­16. bis 18. September 2026 mit knapp 400 Teilnehmern aus 30 Ländern. Im Fokus standen Textilrecycling, ­nach­wachsende Rohstoffe für Performance-­Fasern sowie Funktionalitäten für den Verteidigungssektor.

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In das Programm des GFC ist stets auch ein Referentenabend eingebettet. - © Sabine Anton-Katzenbach

Die Fasertagung in Dornbirn geht auf das Jahr 1962 zurück, als sich erstmals deutschsprachige Vertreter aus Wissenschaft und Industrie der Kunstfaserfertigung zu einer gemeinsamen Konferenz einfanden. Seither findet sie jährlich statt – auch wenn das Gros der Polyester-, Polyamid- und Viskosefaserfertigung inzwischen nach Asien abgewandert ist. Der „internationalisierte“ Global Fiber Congress (GFC) diskutierte in diesem Jahr Lösungen für aktuelle Branchenherausforderungen. Wir waren dabei.

Textilrecycling: Bewährte und neue Methoden

Recyclingmethoden beschäftigen die Branche schon länger, weshalb die Veranstalter dem Thema viel Platz einräumten. Start-ups, Institute und Produktionsunternehmen präsentierten Lösungen, mit denen eine zirkulierende Wertschöpfung umgesetzt werden soll. Zur Rückgewinnung von Ressourcen werden beispielsweise ausgesuchte ionische Flüssigkeiten verwendet. Diese werden bereits seit einigen Jahren für das chemische Auflösen von Baumwolle eingesetzt und sollen bald auch für das chemische Recycling von m-Aramid-Textilien nutzbar sein. In einem europäischen Forschungsprojekt gelang bereits im Labormaßstab das Ausspinnen neuer Fasern aus Aramid-Alttextilien.

Das in Aachen ansässige Start-up Re:solution bereitet Abfalltextilien aus Polyester, Baumwolle und deren Mischungen über eine elektrochemische Hydrolyse auf und gewinnt daraus den Grundbaustein für Polyester – Tereph­thalsäure – sowie eine Zellu­loselösung zurück, die beispielsweise in der Papier- oder Viskosefaserproduktion genutzt werden kann.

Das US-amerikanische Unternehmen CirC arbeitet hingegen mit einem hydrothermischen Verfahren, um Polyester-Baumwoll-­Mischgewebe mittels hohen Drucks, hoher Temperaturen und Chemikalienzusätze in seine Grundbausteine zu zerlegen. Ein ähnliches Ziel verfolgt die enzymatische Hydrolyse, die im europaweiten „Plastice“-Forschungsprojekt untersucht wird. Grundidee ist stets, die zurückgewonnene Terephthalsäure und Monoethylenglykol erneut zur Polyesterfaserherstellung einzusetzen und die Zelluloselösung zu Viskose- oder Lyocellfasern weiterzu­verarbeiten.

Einen anderen Ansatz verfolgt das belgische Unternehmen Resortecs: Seine hitze­löslichen Nähfäden erlauben bei 150, 170 oder 190 °C eine einfache Demontage konfektionierter Textilien und damit ein unkomplizierteres Recycling. Die Herstellung erfolgt in Kooperation mit dem Nähgarnhersteller Amann & Söhne (Bönnigheim). Das portugiesische Unternehmen Valérius 360 setzt mechanisch recycelte Baumwolle v. a. für die Produktion von Baumwollpapier (20 t/a) und zu einem geringeren Teil für die Herstellung von Recyclinggarnen (6 t/a) ein.

Den Alttextil-Abfallmengen ist Europa nicht gewachsen

Das größte Problem einer zirkulären Textilwirtschaft sind die geringen Aufbereitungskapazitäten. Im Verhältnis zur weltweiten Faserproduktion von über 100 Millionen Tonnen (2025) nehmen sich Europas Rückgewinnungsmöglichkeiten wie ein Tropfen auf den heißen Stein aus – auch wenn CirC 2029 in Frankreich eine Anlage mit 70.000 Jahrestonnen in Betrieb nehmen will. Erschwerend kommt hinzu, dass keine der bestehenden Recyclingmethoden eine Komplettlösung für die existierenden Abfallströme bietet.

Zu diesem Schluss kam u. a. das norwegische Unternehmen NTG, das mit Health­ Workers (Sandefjord) aussor­tierte Krankenhauskleidung und -bettwäsche recycelte. Nach einer groben Vorsortierung, bei der eine eigens entwickelte Hyper­spektral-Kamera zum Einsatz kam, wurde die Ware unterschiedlichen Prozessen unterzogen: Weiterverwendbares wurde repariert und in den Kreislauf zurückgeführt; der Rest wurde nach einer Feinsortierung – je nach Eignung für die Faser-zu-Faser-Verarbeitung oder eine nicht-textile Nutzung – chemisch oder mechanisch recycelt bzw. verbrannt. So entstand die Kollektion HW Reborn by Coleo, die medizinische Berufsbekleidung und Pflegeuniformen (Hosen, ­Kasacks, Shirts) aus 100 % recyclierten Fasermaterialien (überwiegend Baumwolle und Polyester) umfasst.

Sand im Getriebe des ­Faserrecyclings

Neben fehlenden Kapazitäten für Sammeln, Sortieren und Zurückgewinnen von Alttextilien erschweren weitere Störfaktoren die Prozesse, wie aus verschiedenen Vorträgen herauszuhören war. So behindert eine zunehmende Verschmutzung der Ausgangsmaterialien das thermische Recycling von Polyester und Polyamid. Elastanfasern, die aus Komfortgründen in fast jedem Kleidungsstück stecken, führen zu großen Qualitätsproblemen, während sich Tencel kaum für mechanische Verfahren eignet. Auch Fremdfasern sind selbst bei optimaler Sortierung kaum zu vermeiden und in weißer Recyclingkleidung gut sichtbar. Allerdings lässt sich daraus eine Tugend machen: Andersfarbige Einschlüsse sind ein eindeutiger Hinweis auf recycelte Materialien.

Auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Textilindustrie spielt neben Recyclingmethoden auch die Nutzung nachwachsender Rohstoffe für hochwertige Funktionsfasern eine Rolle. So stellt Teijin seine para-Aramidfasern (Twaron) auf Basis natürlicher Öle her. Dabei erfolgt die Rohstoffverwendung nach dem Mass-Balance-System. Dieses ermöglicht eine Rückverfolgbarkeit der beschafften Ölmengen, lässt aber keine Rückschlüsse auf die jeweilige Charge zu.

Auch bei der Entwicklung funktionaler Oberflächen wird die Natur zitiert. An den Deutschen Instituten für Textil + Faserforschung (DITF, Denkendorf) untersuchen Wissenschaftler derzeit die bionischen Prinzipien von Springschwänzen. Diese flügellosen Sechsfüßler haben eine super­hydrophobe, sprich wasserabweisende Oberfläche, deren Wirkung auf Partikeln beruht, die sich nach oben hin wie Pfifferlinge verbreitern. Diese Struktur erzeugt einen Auftrieb für Flüssigkeiten und verhindert dadurch das Eindringen von Wasser, sodass die Kleinstlebewesen trocken bleiben. Dem Institut ist es gelungen, das bionische Design mithilfe einer erhitzten Lignin-Beschichtung, die über eine gravierte Walze auf ein Textil aufgebracht wird, nachzubilden. Auf diese Weise könnten sich die weltweit unter Druck stehenden PFAS-Ausrüstungen mit ökologischen Methoden ersetzen lassen.

Entwicklungen für Boden­truppen und Raumfahrt

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Professor Richard Blackburn von der University of Leeds forscht an ressourcenschonenden Färbeverfahren und hat für seine Arbeiten den GFC Innovation Award 2026 gewonnen. - © Sabine Anton-Katzenbach

Ein weiterer Themenbereich des GFC widmete sich (persönlichen) Schutzausrüstungen, zumal immer ausgefeiltere Enttarnungsmethoden neue Textiltechnologien für militärische Uniformen erfordern. Früher genügten nicht-repetitive Camouflagemuster und infrarotoptimierte Farbsysteme, um sowohl bei Tag als auch für Nachtsichtgeräte unsichtbar zu bleiben. Neueste Enttarnungstechnologien arbeiten jedoch im Bereich von kurzwelligem Infrarotlicht (SWIR), dessen Wellenlänge zwischen 0,9 und 1,7 μm liegt. Eine Detektion lässt sich durch gezielte Mischungen von Lenzing FR- und Aramidfasern sowie spezielle Färbetechnologien vermeiden, die einen disruptiven Effekt bewirken, sodass der Träger mit SWIR-Kamerasystemen kaum mehr zu erkennen ist.

Entwickelt wurden zudem Textilien aus bismutbeschichteten Fasern: Sie haben eine dem Blei vergleichbare abschirmende Wirkung gegen ionisierende Strahlung, führen aber zu einer deutlichen Gewichtsreduzierung bei gleichzeitig höherer Lebensdauer. Die Fasern sollen insbesondere in der Raumfahrttechnik zum Einsatz kommen, um beispielsweise die Infrastruktur im Weltraum zu schützen. Der Launch der Biscoat-„Drähte“ des Aachener Start-ups FibreCoat ist für Herbst 2026 geplant.

Fazit: Umfassendes Branchenbild

Mit über 80 Fachvorträgen bot der GFC ein umfassendes Branchenbild, ergänzt durch Kurzvorträge von Universitäten, die sich um den Innovation Award bewarben. Er ging an die University of Leeds (GB), die an ressourcenschonenden Färbemethoden mit Dispersionsfarbstoffen forscht.

Mit der Erweiterung vom Kunstfaser-­Schwerpunkt auf Rückgewinnung und Funktionalisierung hat der GFC eine neue Dimension erreicht. Allerdings könnte es dadurch zu einer Kannibalisierung anderer Formate kommen – darunter die ebenfalls jährlich stattfindende Aachen-Dresden-Denkendorf International Textile Conference. Angesichts einer schwindenden Textilindustrie in Europa stellt sich daher die Frage, wie viel Konferenz sich die Branche mittelfristig leisten will.

dornbirn-gfc.com