Was ist los am Baumwollmarkt? Antworten gab es vom 19. bis 23. März 2018 auf der 34. International Cotton Conference (ICC) in Bremen. Textilexpertin Sabine Anton-Katzenbach war für R+WTextilservice dabei und fasst die Entwicklungen, die auch für Textilleasing und -service interessant sind, im Folgenden zusammen.
Wer sich über das Befinden des globalen Fasermarkts informieren will, dem sei eine Teilnahme an der International Cotton Conference (ICC) in Bremen ans Herz gelegt. Alle zwei Jahre geben die Organisatoren, Bremer Baumwollbörse und Faserinstitut Bremen, einen tiefen Einblick in das Geschehen am Baumwollmarkt. Und weil die Naturfaser in direkter Konkurrenz zu den Synthesefasern im Allgemeinen und Polyester im Besonderen steht, ist ein globaler Rundumblick eingeschlossen.
Vom 19. bis 23. März 2018 stellte Bremen die Bühne für die aus aller Welt angereisten Vertreter der Baumwollindustrie – insgesamt 500 Gäste aus 40 Ländern. Teilnehmer aus Anbau, Entkörnung und Spinnerei, von Prüfinstituten, Forschung, Maschinenbau und Branchenorganisationen gaben sich ein Stelldichein. Sie erwartete ein facettenreiches Programm bei der 34. ICC. Einem Marktüberblick folgten Themen wie Digitalisierung auf dem Feld, baumwollbasierte Innovationen, textile Verfahren, Qualität und Prüfung, Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette, Nachhaltigkeit sowie Zukunftsperspektiven.
Um einen Überblick über die Situation der Baumwolle am Weltfasermarkt zu geben, hatten die Organisatoren verschiedene Vertreter von Branchen- und Marketingorganisationen sowie der Commerzbank ans Mikrofon gebeten. Mit ihrer jeweiligen Sicht auf die Lage der Baumwolle zeichneten sie ein differenziertes Bild der Naturfaser. Glaubt man den Baumwolllobbyisten, scheint der Glanz des ehemaligen „weißen Golds“ allmählich zu verblassen. An dieser Entwicklung sind diverse Faktoren beteiligt.
Ursache Nummer 1:
Synthetische Polymerfasern
Der Weltfaserkonsum steigt und steigt und steigt. Im Jahr 2017 hat er erstmals die Marke von 100 Millionen Tonnen geknackt. Um den Bedarf an textilen Fasern decken zu können, müssen entsprechende Mengen produziert werden. Die Kapazitäten im Baumwollanbau sind jedoch begrenzt, da die zur Verfügung stehenden Flächen in Konkurrenz mit dem Anbau von Nahrungsmitteln wie Hirse und Mais treten. Die weltweit nutzbaren Flächen variieren seit Jahrzehnten zwischen 29 und 36 Millionen Hektar. Weiterhin ist die Naturfaser in besonderem Maß von den Witterungsbedingungen in den Anbauregionen abhängig. Dürren und Orkane verhageln die Ernten. Neues, genetisch verändertes Saatgut, das zu einer deutlichen Steigerung der Ausbeute pro Pflanze führt, ist aktuell nicht in Sicht. Doch trotz allem waren die Ernten der Saison 2016/2017 überdurchschnittlich gut: Mit 25,6 Millionen Tonnen lagen sie elf Prozent über denen des Vorjahres. Dessen ungeachtet kann die Naturfaser den wachsenden Konsum nicht decken. Das Rennen machen daher Synthesefasern und deren stärkster Vertreter: Polyester. Die erdölbasierten Filamente bestritten im Jahr 2017 bereits 64 Prozent der Produktionsmengen; 2010 lag der Anteil noch bei 60 Prozent. Der Weltfasermarktanteil von Baumwolle ging im selben Zeitraum von 29 auf 24 Prozent zurück. Der relativ zu sehende Siegeszug der einen Faser und der Abstieg der anderen bringt eine Spirale in Gang.
Ursache Nummer 2:
Gesamtgesellschaftliche Entwicklung
Die Erdbevölkerung altert. Diese Entwicklung ist dem Konsum abträglich. Zu diesem Ergebnis kam Robert Antoshak (Olah, New York) durch Auswertungen des US-amerikanischen Census Bureau, das unserem Statistischen Bundesamt vergleichbar ist. Demnach halbierten sich in den Vereinigten Staaten im Zeitraum 1970 bis 2015 die Haushaltsausgaben für Bekleidung, während das Durchschnittsalter von etwa Mitte 20 auf Ende 30 stieg (dieser Trend entspricht der weltweiten Altersentwicklung). Gleichzeitig wird das einem Haushalt in den USA zur Verfügung stehende Budget anders ausgegeben: Bekleidung – wichtigstes Einsatzgebiet von Baumwolle – tritt zunehmend in Konkurrenz mit Elektronik. Eine weitere Entwicklung schlägt auf den Baumwollabsatz durch: Das weltweite Bruttosozialprodukt sinkt seit Jahrzehnten.
Auf der anderen Seite der Alterspyramide stehen die sogenannten Millenials, die um die Jahrtausendwende Geborenen. Wie Antoshak ausführte, zeigen sie sich beim Kleiderkauf von der Art der Faser unbeeindruckt. Sie erwarten eine Story hinter dem Produkt und dass es ihnen einen echten Wert bietet. Mit zahlreichen Entwicklungen haben synthetische Fasern die Bedürfnisse nicht nur von jungen Kunden erfüllt. Outdoor- und Sportbekleidung, Active und Athleisure Wear (Mix aus sportlicher Funktionsbekleidung und alltäglicher Mode) bieten Feuchtigkeitsmanagement, Bakterienresistenz, Elastizität und vieles mehr. Baumwolle spielt hingegen keine Rolle, wenn es darum geht, Bekleidung legerer und funktionaler zu machen.
Ursache Nummer 3:
Baumwolle als Spekulationsobjekt
Neben den naturgegebenen Umständen beeinflussen wirtschaftliche Bedingungen deren Wohl und Wehe. Als Folge der Rezession (2008/2009) sind die Baumwollpreise in den beiden Folgejahren enorm gestiegen. Die Lücke haben die cellulosischen und erdölbasierten Synthesefasern geschlossen und Marktanteile gewonnen. Nach Berechnungen von Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg zeichnet sich ein Fortschreiten dieser Entwicklung ab. Baumwolle bleibt aufgrund des im Vorjahr um gut zehn Prozent gestiegenen US-Dollars – der Handelswährung für die Naturfaser – im Vergleich zu Polyester teuer. Polyester ist hingegen relativ preisstabil und aufgrund der enormen Produktionsüberkapazitäten in Asien in hohen Volumen verfügbar. Allerdings sieht sich die Welt mit steigenden Erdölpreisen konfrontiert, was wiederum zu einer Verteuerung der Polyesterfaser führen kann.
Weitere Einflussfaktoren auf dem Weltfasermarkt sind fallende strategische Baumwollreserven in China, zurückgehende Importe in den größten Abnehmerregionen sowie vorhergesagte sinkende Produktionsmengen in den USA. Diese komplexen Zusammenhänge haben wieder einmal Spekulateure auf den Plan gerufen, warnt Weinberg. Mit Wetten auf die Preisentwicklung des „weißen Goldes“ wollen sie das große Geld machen. Dieses scheint im Preisverfall zu liegen: Experten wie Weinberg gehen von einem mittelfristigen Preisrückgang um etwa zehn Prozent aus.
Neue Absatzmärkte
Die USA sind weltweit der größte Exporteur von Baumwolle. Ein zurückgehender Konsum in den angestammten Märkten für Baumwolle – sie wird zu etwa 85 Prozent zu Bekleidung, Haus- und Heimtextilien verarbeitet – trifft das Land hart. Daher engagieren sich die Vermarktungsorganisationen für US-amerikanische Baumwolle für eine Platzierung naturfaserhaltiger Textilien in bislang nicht besetzten Marktsegmenten. Mit neuen Produktentwicklungen drängen sie in die Outdoor- und Sportswearbranche oder geben der Jeansindustrie neue Impulse. Eine dieser Kreationen ist die Storm-Cotton-Technologie. Sie verleiht Baumwolle eine waschbeständige Wasserabweisung (Haushaltswäsche), ohne die Atmungsaktivität der Textilien zu beeinträchtigen. Mit der TransDry-Technologie, ebenfalls eine Entwicklung von Cotton Incorporated, stößt die Baumwolle in die Sportswearbranche, den Kernmarkt des Polyesters, vor. Ein Mix aus wasserabweisend ausgerüsteten und nicht behandelten Fasern verleiht den Textilien ein ausbalanciertes Moisturemanagement, eine schnelle Trocknung und einen angenehmen Griff. Weiterer Pluspunkt der Technologie soll die deutlich geringere Geruchsbildung sein.
Ungehobenes Potenzial
Diese und andere Entwicklungen aus den USA zeigen, dass Baumwolle dabei ist, bisher unbekanntes Territorium zu erobern und in neue Märkte vorzudringen. Dieser Aufbruch scheint eher aus der Not geboren, denn als Folge innovativen Tatendrangs zu sein. Ungeachtet der Gründe zeigt die neue Marschrichtung, dass in der Naturfaser noch eine Menge ungehobenes Potenzial zu schlummern scheint. Mit neuen Technologien gewinnen Baumwolltextilien Funktionen, die bisher Polyester und Co. vorbehalten waren. Diese sind keineswegs den privaten Anwendungen für Sport und Freizeit vorbehalten. Auch bei der Arbeit sind eine atmungsaktive Wasserabweisung und gutes Moisturemanagement gefragt. Und Gäste und Patienten freuen sich über Bettwäsche, die eine Stresserholung des Körpers möglich macht. Die während der ICC in Bremen häufig skizzierte Krise der Baumwolle könnte sich daher als die Neuentdeckung des „weißen Golds“ erweisen.
Dipl.-Ing. Sabine Anton-Katzenbach
www.cotton-conference-bremen.de