Bundesleistungswettbewerb des DTV Beim Bügeln wackeln die Knie

Waschen, bügeln, legen - in Frankfurt kämpfen fünf Gesellen um den Titel des besten Nachwuchsreinigers und -wäschers. Unter dem strengen Blick der Prüfer siegt Kim Kaller und beweist, dass die Branche kein Problem mit Topnachwuchs hat. Wer das heißeste Bügeleisen schwingt und welche Fehlerquellen beim Wäschesortieren lauern, verrät RWTextilservice.

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    Starker Nachwuchs und zufriedene Prüfer (v.li.): Maria Schütze (5. Platz ), Heike Fritsche (DTV), Christina Hendrischk (3. Platz ), Horst Becker, Kim Kaller (Siegerin), Sascha Müller (4. Platz), Gerd Hanisch, Sascha Strübig (2. Platz), Udo Nagelschmidt. Fotos: Matthias Heiler
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    Bügeln zählte nicht zu den Lieblingsdisziplinen der Gesellen. Sascha Müller zähmt die Falten im Sakko mit heißem Eisen.
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    Siegerin Kim Kaller hat für jeden Fleck das richtige Detachiermittel parat.
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    Die Waschflotte auf einen Blick: Sascha Strübig bestimmt mit dem Titriergerät den Aktiv-Sauerstoff-Gehalt seiner Waschlösung.

Beim Bügeln wackeln die Knie

In der Hand schwenkt die blonde Frau einen Glaszylinder mit lilafarbener Flüssigkeit. Tropfen um Tropfen pipettiert die junge Textilreinigerin eine klare Salzsäurelösung in das Gefäß. 23 Tropfen später färbt sich die lila Flüssigkeit langsam weiß. Am Titriergerät hat Maria Schütze die Ätzalkalität ihrer Waschlösung bestimmt und damit eine der Herausforderungen des Bundesleistungswettbewerbs der Textilreiniger 2010 gemeistert. Zusammen mit vier weiteren frischgebackenen Gesellen aus Industrie und Handwerk stellt Maria im Technikum der Frankfurter Schule für Mode und Bekleidung ihr Fachwissen an insgesamt neun Stationen auf die Probe. An jeder Station fordern die Prüfer Horst Becker, Udo Nagelschmidt, Gerd Hanisch und Heike Fritsche vom Deutschen Textilreinigungsverband (DTV) in einer vorgegebenen Zeit theoretisches Fachwissen und praktisches Geschick. Die Station Titrieren der Waschflotte steht in Kombination mit dem Waschplan auf der Prüfungsliste. Dabei schreiben die Teilnehmer einen tabellarischen Plan, berechnen den Trommelinhalt und waschen anschließend die vorbereiteten Textilien von der Vor- über die Hauptwäsche bis zur Endkontrolle in einer Frontalwaschmaschine. Während der Wäsche bestimmen die jungen Experten Gesamtalkalität, Ätzalkalität, den Sauerstoffgehalt mit Anfangs- und Endwert und zum Schluss die Wasserhärte. Auch für die Reinigungsmaschine stellen die Kandidaten einen Plan auf und reinigen von Bad 1 bis zum Ende der Trocknung nach den geltenden Umweltvorschriften. Zusätzlich erläutern sie den Prüfern alle wichtigen Maschinenbauteile und deren Funktion.

Eine junge Frau mit dunkelbraunem Pferdeschwanz beugt ihren Oberkörper über einen langen und schmalen Tisch. In den Händen hält sie ein weißes Stück Stoff. Langsam wandert ihr Blick über den rotbraunen Fleck. Drei Sekunden später klingt ihre Stimme klar und deutlich: „Das ist getrocknetes Blut.“ Ohne Zögern greift sich Kim Kaller eine kleine weiße Plastikflasche und tropft das passende Lösungsmittel auf die fleckige Textilie. Beim Detachieren beweisen die Teilnehmer ihre detektivische Spürnase: Den Fleck richtig erkennen und mit dem passenden Mittel restlos aus den vorbereiteten Textilien entfernen. Wer die verschmutzten Stellen mit dem falschen Lösungsmittel behandelt, ruiniert im schlimmsten Fall den teuren Armani-Anzug eines Kunden. „Blutflecken darf man niemals unbehandelt waschen oder reinigen. Bei 60 °C gerinnt das Eiweiß und der Fleck geht nie wieder raus“, erläutert Prüfer Horst Becker. Insgesamt müssen die Gesellen zehn verschiedene vorbereitete Flecken erkennen, das richtige Lösungsmittel auswählen und vier Schmutzspritzer entfernen. Lippenstift, Altöl, Rotwein, Nagellack und Blut garantieren schwierige Herausforderungen.

Jetzt wartet für viele Wettkämpfer die kniffligste Station. In 30 Minuten bügeln die Kandidaten von Hand oder mit dem Automaten ein Sakko, eine Hose und einen Rock. Bei der Bewertung achtet Prüfer Gerd Hanisch auf den Kragen, das Futter und den Rücken des Sakkos. Punkte zieht Hanisch auch bei Falten am gebügelten Rock ab. Zu den kritischen Stellen der Hose zählen Taschen, Futter und Falten im Schritt. „Die erfahrenen Kandidaten bügeln mit dem Automaten. Von Hand dauert es deutlich länger. In meinem Betrieb schaffen die Mitarbeiter 25 Teile pro Stunde“, sagt Hanisch. Von Hand zieht ein junger Mann mit schwarzen Haaren ein dunkelblaues Sakko auf das Bügelbrett und streicht über die Falten im Futter. Er kneift die Augen zusammen, beißt sich leicht auf die Unterlippe und greift dann zögernd zum Edelstahlbügeleisen: „Also Bügeln zählt nicht zu meinen Stärken. Hauptsache irgendwie fertig werden“, sagt Kandidat Sascha Müller.

Ohne richtiges Vorsortieren flattern früher oder später Kundenreklamationen in den Betrieb. „An dieser Station müssen die Teilnehmer eine Charge vorbereiteter Wäsche nach den Standardkriterien sortieren und sich für Reinigen oder Waschen entscheiden. Natürlich haben wir bewusst einige schwere Fälle eingestreut“, skizziert Prüfer Udo Nagelschmidt die gestellten Hürden. Unter Praxisbedingungen kontrollieren die Jungreiniger und Wäscher die Taschen, beachten Textil- und Pflegekennzeichen, erkennen Vorschäden, entdecken spezielle Verfleckungen und entscheiden für jedes Material über Reinigen oder Waschen. Die Mangel fordert von den Teilnehmern Geduld und Geschick. Mit weit ausgebreiteten Armen greift Christina Hendrischk das breite Bettlaken und faltet es der Länge nach zur Hälfte. Noch kurz mit der Handfläche durch die Falte fahren, glattstreichen, fertig. Kissen, Bettbezug, Laken, Tischtücher und Serviette dürfen keine Falten schlagen. „Kante muss auf Kante liegen und es dürfen keine Ecken zu sehen sein“, zählt Becker die entscheidenden Kriterien beim Mangeln auf.

An der Presse zupft Sascha Müller ein weißes Hemd am Rumpf der Puppe zurecht. Hier noch einen Millimeter, da noch einen Millimeter. „Auf geht’s. Nicht verkünsteln - pressen“, mahnt Udo Nagelschmidt zur Eile. Der Prüfer achtet auf glatte, trockene Wäsche. Der Schlüssel zum Erfolg: keine Falten einpressen und die Pressarbeit nicht beim Zusammenlegen zunichte machen. Beim Plätten einer schleuderfeuchten Rüschenbluse dürfen die Kandidaten Ärmelbock, Anfeuchtlappen, Bügelbrett und ein Bügeleisen ohne Dampf zu Hilfe nehmen. Die Rüschen zu betonen und gleichzeitig die Form der Bluse an Ärmeln und Taille in Form zu bügeln, fordert Präzision und Geduld.

Sieben Stunden harte Arbeit später läuft Kim Kaller auf Platz eins der Rangliste ein. Mit 1.046 von 1.300 möglichen Punkten gewinnt die Gesellin aus dem Landesbetrieb Vollzugliches Arbeitswesen in der JVA Schwäbisch Hall den Bundesleistungswettbewerb der Textilreiniger und Wäscher 2010. Mit 987 Punkten erreicht Sascha Strübig den zweiten Platz. Christina Hendrischk landet mit 974 Punkten auf dem dritten Rang. 953 Punkte reichen Sascha Müller für Platz vier. Den fünften Platz belegt Maria Schütze mit 881 Punkten. Udo Nagelschmidt hebt die Leistung aller Teilnehmer hervor: „Die Ergebnisse aller Kandidaten liegen deutlich über dem Schnitt der letzten Jahre. Auch der fünfte Platz ist erste Sahne, schließlich treten hier die fünf besten aller 300 deutschen Lehrlinge aus der Branche an.“ Nagelschmidt und Heike Fritsche appellieren an die erfolgreichen Gesellen, der Branche treu zu bleiben und sich regelmäßig weiterzubilden: „Arbeitslose Textilreiniger und Wäscher gibt es nicht“, lautet die Botschaft.

Genau aus diesen Gründen reist Sascha Strübig die 475 km von Syke nach Frankfurt am Main. Er nutzt den Wettbewerb als Vorbereitung auf die Meisterprüfung: „Die Aufgaben sind sehr ähnlich, man lernt die Maschinen kennen und zusätzlich weiß ich nach dem Wettbewerb, wo ich im Vergleich mit den Kollegen stehe. Die Meisterprüfung sehe ich als logische Konsequenz, weil mir der Beruf sehr viel Spaß macht.“ Strübig schätzt die vielen Facetten des Textilreinigerjobs: „Nirgendwo hat man so viel mit Chemie, Physik, Technik und gleichzeitig Kunden zu tun wie in unserer Branche.“Matthias Heiler