Im Winter 2013/2014 werden Isoliermaterialien dehnfähiger und unterschiedliche fluorkarbonfreie und umweltfreundliche Imprägnierungen für Wetterschutzbekleidung zum Trend. Aufgrund mangelnder Kennzeichnung zur richtigen Pflege kann dies zur Herausforderung für Textilpflegebetriebe werden.
Branche bleibt im Regen stehen
Wenn im Winter 2013/2014 der erste Schnee fällt, wird es auf Piste und Loipe farbenfroh. Mit einer Vision von bonbonfarbenen Skijacken und -hosen, Pelzkragen, bunten Softshells, Westen mit eingefärbter Federfüllung und Grobgestricktem in neuem Look ist die diesjährige ISPO (Internationale Fachmesse für Sportartikel und Sportmode) vom 3. bis 6. Februar 2013 in München zu Ende gegangen. Doch Fashion und Funktion stehen nicht mehr ausschließlich im Rampenlicht. Die jüngste Greenpeace-Studie „Chemie für jedes Wetter“ vom Herbst 2012 hat die Branche aufgestört. Mit der Bewertung von regen- und schmutzabweisenden Ausrüstungen sind viele Markenhersteller überfordert. Und das kann unabsehbare Folgen für die professionelle Textilpflege haben.
Mit 2.481 Ausstellern aus 52 Ländern ist die ISPO München ein Spiegelbild der Markenwelt des Wintersports - und füllt sämtliche Hallen des Münchener Messegeländes restlos aus. Dort ging es dementsprechend geschäftig zu. Rund 81.000 Fachbesucher aus 109 Ländern informierten sich über die neusten Trends für den Berg- und Wintersport. Diese gehen zum Teil in grundverschiedene Richtungen und hängen vom jeweiligen Anwendungsbereich ab. So unterscheidet sich Outdoorwear grob zwischen modischer, urbaner Lifestylebekleidung und funktionellen, auf den Einsatz zugeschnittenen, langlebigen Outfits.
Farbe und Funktion im Wintersport
Wer Modisches für die Piste sucht, bekam in München Buntes zu sehen. Nach wie vor sind Bonbontöne angesagt. Pink, Knallgelb, Orange, Feuerrot, Azalee, Azurblau und frische Grüntöne waren in den meisten Messehallen der Renner. Die Farbigkeit von Skijacken, -hosen und -westen kommt dabei nicht mehr nur allein durch die Textilien selbst. Inzwischen werden auch bunt gefärbte Daunen als Füllung eines transparenten Außengewebes genutzt (Kjus, Hünenberg, Schweiz). Einfallsreich gestaltet sich Outdoorfashion auch im Hinblick auf die Funktionalität. Die im Wintersport geforderte Bewegungsfreiheit ruft Bekleidung mit hoher Elastizität auf den Plan. Stretch ist daher ein großes Thema. Die Elastizität der Outdoorbekleidung bezieht sich nicht mehr nur auf das Außenmaterial und den Futterstoff. Auch die für die Isolierung zuständige, meist synthetische Wattierung ist inzwischen extrem dehnfähig geworden. Die zusätzlich gewonnene Bewegungsfreiheit wird, je nach Marke, mit unterschiedlichen Attributen ausgelobt. Von 3-D-Charakter bis Zwölf-Wege-Stretch ist die Rede. Allerdings ist die Sportmodeindustrie nicht mehr nur auf Polyesterfüllungen angewiesen. Inzwischen ist es gelungen, Daunen mit einer wasserabweisenden Imprägnierung zu versehen. Das natürliche, bewegliche Isolationsmaterial ist nun auch für wetterfeste, äußere Bekleidungsschichten tauglich.
Erheblich leisere Töne schlagen hingegen all jene Anbieter an, die sich einer langlebigen Funktionsbekleidung für den aktiven Bergsport verschrieben haben. Statt grellen Bunttönen setzen sie auf deren abgemilderte Variante oder entscheiden sich für gedeckte Farben wie Schwarz, Bordeauxrot, Wasserblau oder Gelbgrün. Auch in puncto Funktionalität findet eine Selektion statt. Es werden nur Materialien eingesetzt, die einer intensiven Unterstützung des jeweiligen Sports dienen. Bei deren Auswahl verfolgt jede Marke eine ureigene Philosophie. Pyua, Spezialist für Ski- und Snowboardjacken mit Sitz in Kiel, verwendet bei der Kollektion ausschließlich recyclingfähiges oder bereits recyceltes Polyester in Form von Membranen, Wattierungen und Textilien. Die im schwedischen Åre heimische Marke Klättermusen spezialisierte sich auf besonders robuste, praxiserprobte Materialien für eine lebenslang haltbare Bekleidung. Das Unternehmen gibt beispielsweise Daunenfüllungen den Vorzug und verzichtet weitgehend auf Klettverschlüsse, weil sie die Textilien schädigen.
Nachhaltigkeit ist im Norden Standard
Auch wenn die auf Funktionalität und Langlebigkeit fokussierten Marken eine sehr unterschiedliche Kollektionspolitik verfolgen, so haben sie, neben ihrer meist nördlichen Herkunft, eine Gemeinsamkeit. Bei der Fertigung der Bekleidung streben die auf Funktionalität konzentrierten Labels hohe Nachhaltigkeitsstandards an. Diese äußern sich einerseits in sozialethischen Fragen wie etwa der Auswahl der Produktionsstandorte und Beschaffungsquellen. Andererseits werden ökologische Grundsatzentscheidungen in die Kollektionierung einbezogen, weshalb die Auswahl der wetterfesten Imprägnierungen eine bedeutende Rolle spielt. So verzichten alle Anbieter, die funktionelle Bergsportbekleidung mit ökologischen Grundsätzen verbinden, auf den Einsatz von Fluorkohlenwasserstoffen mit acht fluorierten Kohlenstoffatomen (fortan C8-Chemie genannt). Denn anders als in der Berufs- und Schutzbekleidung ist im Bergsport keine besondere Ölabweisung vonnöten. Es ist nur eine bedingte Wasserabweisung notwendig, denn Wintersportler müssen sich nur selten gegen Regengüsse schützen. Die Bekleidungshersteller sortieren die abweisenden Funktionen daher hinsichtlich ihrer ökologischen Verträglichkeit und ihrer Permanenz. Als Imprägnierungen werden daher kürzerkettige Fluorkohlenwasserstoffe (FCKW), Membrane, spezielle Elastomere, Wachse, modifizierte Paraffine und Dendrimere verwendet.
Ausrüstungen mit Variantenreichtum
Bei wetterfester Bekleidung hat sich etwa Tatonka aus Dasing für den Einsatz von Geweben mit Fluorkarbonausrüstungen mit sechs Perfluoralkylgruppen entschieden. Die polyfluoroktansäurenfreie Ausrüstung verleiht der Bekleidung einen ausreichenden und permanenten Nässeschutz. Hangtags an der Neuware klären den Endverbraucher über die Funktionalität von Jacke und Hose auf und informieren gleichzeitig über die Pflegebedingungen.
Membransysteme sind bereits seit langem bekannt und werden in der Outdoorfashion gerne für Wind- und Wetterschutz verwendet. Aufgrund ihrer guten Wirksamkeit, ihrer vergleichsweise niedrigen ökologischen Auswirkungen und guten Waschbarkeit haben sie sich daher auch in winterlicher Kinderbekleidung durchgesetzt. Problematisch ist allerdings die Reparatur: Risse lassen sich nicht einfach flicken, sondern müssen wieder abgedichtet werden.
Zunehmende Beliebtheit erfahren in der Outdoorbranche auch bedingt waschpermanente Ausrüstungen auf Basis spezieller Elastomere. Nach etwa vier bis fünf Wäschen verliert die imprägnierte Neuware ihre Wirkung und kann bei Bedarf über Sprüh- und Waschimprägnierung nachgerüstet werden. Die nachträgliche Ausrüstung ist ohne Fachkenntnisse in der privaten Haushaltswaschmaschine durchführbar.
Nässeschutz auf natürlicher Basis
Auch Wachse nehmen einen Platz bei den Ausrüstungen von Outdoorbekleidung ein. Fjällräven mit deutscher Niederlassung in Vierkirchen hat beispielsweise ein reines Naturprodukt entwickelt, das zur Imprägnierung auf Neuware appliziert ist. Allerdings besitzt es keine Waschpermanenz, weshalb es nach ungefähr fünf Wäschen „aufgebraucht“ ist. Danach kann es erneut mittels eines seifenstückgroßen Wachsblocks, der bei Fjällräven-Händlern erhältlich ist, manuell aufgetragen und mit Hitze auf der Oberfläche aktiviert werden. Der Charme an diesem Vorgehen liegt für den Markenhersteller in der gezielten Funktionalisierung der Bekleidung. Ist gutes Wetter zu erwarten, verzichtet man auf den Finish und nutzt die höhere Atmungsaktivität der Garderobe. Geht die Bergtour wiederum durch feuchtes Gelände, können nur die Hosenbeine oder bei Bedarf die gesamte Ausstattung wasserabweisend gemacht werden. Auch Amundsen Sports aus Oslo (Norwegen) verwendet bei Teilen seiner Kollektion mit Naturwachs imprägnierte Materialien. Dabei greift das Unternehmen auf eine Technologie der Inuit zurück. Diese hatte der Großvater des Inhabers, Roald Amundsen, bei seiner Polarexpedition von den Einheimischen zum Schutz seiner Ausrüstung gegen Schnee eingesetzt.
Paraffine (modifiziert) sind die Grundlage von Ecorepell von Schoeller Textil in Sevelen (Schweiz). Das Unternehmen hat eine schmutz- und wasserabweisende Ausrüstung entwickelt, die mit einem Bindersystem auf der Faser fixiert wird. Dadurch bleibt der Griff der Ware fast unverändert, sie erhält eine gute Waschbeständigkeit (etwa 30 Haushaltswäschen) und ist für die Nassreinigung geeignet. Eine Chemischreinigung ist jedoch nicht möglich.
Zu den fluorkarbonfreien Alternativen gehören außerdem selbstvernetzende Ausrüstungen wie das Bonic-Finish-Eco von Rudolf Chemie (Geretsried). Diese besteht aus einer Mischung aus kammartig ausgerichteten Bindersubstanzen, so genannte „Kamm-Polymere“, und hochverzweigten, selbstvernetzenden Dendrimeren. Sie lassen auf dem Textil eine Oberfläche mit stark hydrophoben Methylgruppen (CH3) entstehen, die wasserabweisend wirken. Die Imprägnierung hat eine hinreichende Waschbeständigkeit, ist aber nicht beständig gegenüber der Chemischreinigung.
Das Ende der Gefahrstoffe?
Die vielfältigen neuen Ausrüstungen sind Folge der öffentlich geführten Diskussion um PFOA (Perfluoroctansäure) und Perfluoroctansulfonat (PFOS). Beide sind Gefahrstoffe, die als Nebenprodukt bei bestimmten Herstellverfahren von C8-Chemie entstehen. Im Herbst 2012 hat eine neue Veröffentlichung in der Outdoorbranche erneut für Wirbel gesorgt. Die Greenpeace-Studie „Chemie für jedes Wetter“ hatte in Outdoorjacken namhafter Marken die als problematisch geltende Polyfluoroctansäure nachgewiesen (Quelle:www.greenpeace.de). Die Substanz verbleibt lange Zeit in unverändertem Zustand in der Umwelt, ist also persistent, und reichert sich in lebenden Organismen an. Dem Image von Outdoorbekleidung, die beim Aufenthalt in der Natur getragen wird, ist eine solche Untersuchung wenig zuträglich. Es ist daher damit zu rechnen, dass in der kommenden Zeit immer mehr Anbieter auf fluorfreie Wetterschutzausrüstungen umstellen werden.
Dann brechen für die Textilpflege stürmische Zeiten herein. Denn für die unterschiedlichen Imprägnierungen gibt es keine Pflegekennzeichnung. So kann ein Textilreiniger nicht unterscheiden, welche Art von Nässeschutz auf dem jeweiligen Pflegegut aufgebracht wurde. Immerhin hilft das Pflegekennzeichen bei der Wahl der geeigneten Verfahren. Da aber kein Etikett über den Finish des Textils Auskunft gibt, beginnt bei der Nachimprägnierung das große Rätselraten. Welche Ausrüstung kann, darf oder soll auf die Bekleidung aufgebracht werden? Bei dieser Frage, so scheint es, bleibt die Textilpflegebranche zukünftig wieder einmal im Regen stehen. Dipl.-Ing. Sabine Anton-Katzenbach