Vom IT-Problem zum ­Produktionsausfall Cybersicherheit in der Wäscherei

Ransomware in der Textilpflege? Klingt unwahrscheinlich, passiert aber regelmäßig. Digitalisierung macht Wäschereien angreifbar – und aus IT-Problemen werden schnell Produktionsausfälle. Wo das größte Problem lauert, welche Rolle NIS2 und der Cyber Resilience Act spielen und wie sich Betriebe schützen.

Hands on Touchscreen Device Highlighting Cyber Security Concepts with Security Icons and Keywords Related to Protection, Detection, and Management. Tessel
Ransomware-Attacken treffen auch Wäschereien, und zwar öfter als gedacht. - © InfiniteFlow – stock.adobe.com

Die Frage klingt hypothetisch, ist aber hochaktuell: Was passiert, wenn das Produktionssystem einer industriellen Wäscherei für 24 Stunden ausfällt? Kein Zugriff auf Aufträge, keine RFID-Daten, keine Tourenplanung. Die Lkw stehen leer im Hof, die Kunden warten. Für viele Unternehmen erscheint dieses Szenario unwahrscheinlich. Doch laut Joris Minnaar, Solutions Architect beim Softwareanbieter ABS Laundry Business Solutions, ist das für einige Wäschereien bereits Realität geworden.

Automatisierte Produktionslinien, RFID-gestützte Nachverfolgung, ERP-­Plattformen und Kundenportale sind heute unverzichtbar, um Geschwindigkeit, Transparenz und Zuverlässigkeit zu liefern. Doch je vernetzter Wäschereien arbeiten, desto mehr wird aus dem Cyberrisiko ein operatives Risiko, sagt Minnaar.

In der Praxis zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Systeme werden von Ransomware verschlüsselt, Daten sind nicht mehr zugänglich, der Betrieb steht still. Manchmal für Stunden, manchmal für Tage. Gerade in lokalen IT-Umgebungen, wo Server vor Ort laufen und Wartung oft hintenansteht, entstehen Schwachstellen. Updates werden verschoben, Sicherheitsmaßnahmen veralten – und plötzlich ist die Tür offen für Angreifer.

Verlorene Daten

Ransomware-Vorfälle, die manchmal auch mehrfach passieren, können schwerwiegenden Folgen nach sich ziehen, betont Minnaar. Fallen Systeme aus, verlangsame sich nicht nur die Produktion – sie könne komplett zum Erliegen kommen. Im schlimmsten Fall würden kritische Daten verschlüsselt, beschädigt oder gingen komplett verloren. Die Bedrohung sei nicht theoretisch, weiß Minnaar. Jedes Jahr unterstützt ABS Laundry Business Solutions Unternehmen nach Cybervorfällen dabei, die Produktion wiederherzustellen. Damit Betriebe im Schadensfall weiterlaufen können, habe er schon in einigen Fällen geholfen, auf gehostete Dienste umzusteigen.

ABS Laundry Joris-Minnaar vor Computer
Als Solutions Architect arbeitet Joris ­Minnaar daran, dass Unternehmen kontinuierlich arbeiten können. - © ABS

Gehostete Dienste werden seiner Meinung nach zunehmend relevant. Wenn Sicherheit und Hosting in einer modernen Cloud-Umgebung verwaltet werden, ändere sich die Ausgangslage grundlegend, erklärt er. Oracle Cloud biete beispielsweise eine starke Grundlage für das sichere Hosting geschäftskritischer Dienste. In Kombination mit strukturierten Prozessen reduziere dies das Risiko, dass technische Hygiene zu einem lokalen Rückstandsposten werde. Standards wie ISO/IEC 27001:2022 helfen, Prozesse zu strukturieren und Risiken zu managen. ABS Laundry Business Solutions selbst wurde im September 2025 von DEKRA nach diesem Standard rezertifiziert.

Die Ernstfälle betroffener Betriebe verdeutlichen laut Minnaar eines: „Vorbereitung entscheidet darüber, ob ein Vorfall eine Störung bleibt oder zu einer Krise eskaliert.“

Mensch als Risikofaktor?

Zurück in die Produktionshalle: Welche Rolle spielt der Mensch? „Die Menschen sind nicht das Problem“, sagt Minaar. „Die meisten Mitarbeiter in Wäschereien sind keine IT-Spezialisten. Sie kümmern sich um Textilien, Kunden und Lieferungen“ – nicht um Firewalls und Patches. Genau deshalb muss Cybersicherheit so aufgebaut sein, dass sie im Hintergrund funktioniere, ohne ständige Aufmerksamkeit zu erfordern.

Der Experte beobachtet außerdem ein gängiges Problem in der Branche: „Das Denken in einmaligen Investitionen.“ Ein System wird installiert und soll dann viele Jahre lang laufen. Manchmal bleiben alte Server und Workstations im Einsatz, weil sie noch eine Maschine oder einen Prozess unterstützen und für einen Austausch kein Budget vorgesehen ist. Das ist aus betrieblicher Sicht verständlich, aus Sicht der Cybersicherheit jedoch zunehmend problematisch.

Maschinen wie Waschschleudern, Mangeln und Fördersysteme sind heutzutage zunehmend vernetzt. Das verbessert die Effizienz, erhöht aber auch die Abhängigkeit von digitalen Systemen. Minnaar relativiert jedoch: Das größte Risiko komme nicht aus der Produktionshalle, sondern aus dem Büro – nämlich durch alte Windows-Server, veraltete Workstations und ungesicherte Zugänge. Die Branche müsse daher von der Haltung „einmal installieren, jahrelang betreiben“ zu einer kontinuierlichen Wartung des gesamten IT-Systems übergehen. ABS Laundry Business Solutions unterstütze diesen Übergang mit gehosteten ERP-Diensten, die die geschäftskritische Plattform über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg sicher, konform, leistungs­fähig und integrationsfähig halten.

8 praktische Tipps: So stärken Sie Ihre Cyberresillienz

ABS Laundry Business Solutions hilft Unternehmen aus der Textilpflegebranche dabei, ihre Cybersicherheit zu erhöhen. Das empfiehlt der Anbieter:

  1. Regelmäßige Backups: Automatisierte Sicherungen aller kritischen Systeme planen und Kopien sicher extern oder in der Cloud speichern.
  2. Segmentierte Netzwerke: Produktions-, Büro- und Gastnetzwerke trennen, um die Ausbreitung von Cybervor­fällen zu begrenzen.
  3. Patch-Management: Einen strikten Zeitplan für Updates von Betriebssystemen, Software und Firmware auf allen Geräten einhalten, einschließlich der Steuerungen von Produktionslinien.
  4. Zugriffskontrolle: Rollenbasierte Zugriffe und Multi-Faktor-­Authentifizierung für alle kritischen Systeme einrichten.
  5. Notfallplan: Plan für verschiedene Szenarien – von­ ­vollständigen Systemausfällen bis zu Ransomware-­Angriffen – entwickeln und regelmäßig testen.
  6. Mitarbeiterschulungen: Personal regelmäßig schulen, sodass Mitarbeitende aus Produktion und Büro lernen, Phishing und verdächtige Aktivitäten sicher zu erkennen. Auch starke, sichere Passwörter bzw. Passwortmanagement thematisieren.
  7. Cloud- und gehostete Dienste: Sichere Cloud- oder ­gehostete Alternativen für ERP- und Tracking-Systeme in Betracht ziehen, um die Abhängigkeit von lokaler ­Infrastruktur zu verringern.
  8. Überwachung und Warnsysteme: Echtzeitüber­wachung implementieren, die ungewöhnliche Netzwerkaktivitäten und Systemanomalien meldet.

Was interessiert Hacker?

Was wollen Cyberkriminelle von Wäschereien? Ganz einfach: Druck aufbauen. Sie verschlüsseln Systeme, verursachen Störungen, stehlen Daten, um die betroffenen Betriebe zur Zahlung zu zwingen. In Wäschereien gehe es oft nicht mal um die Daten selbst, sondern um die Dringlichkeit, den Betrieb und die Finanzverwaltung wiederherzustellen.

Große Betriebe haben laut Minnaar mehr Angriffsfläche: mehr Benutzer, mehr Standorte, mehr Systeme. Kleine Familienbetriebe hingegen haben möglicherweise weniger Systeme – aber oft nur einen IT-Dienstleister und ein paar alte Server. Wenn die ausfallen, wird es eng für Textildienstleister.

Stillstand vermeiden

Besonders kritisch sind RFID-basierte Mietservices: Sie sind digital hochgradig abhängig. Ohne System läuft nichts. 24 Stunden Systemausfall? Für Krankenhäuser, Hotels und Pflegeheime wäre das ein Desaster. Für die Wäscherei selbst auch. Deshalb gilt: Wer sich heute vorbereitet, vermeidet morgen den Stillstand.

Für viele Unternehmer stellt sich die Frage, ob sie das Cyberrisiko einfach versichern können. Cyberversicherungen gibt es zwar, doch die Anforderungen sind nach Einschätzung von ABS Laundry Business Solutions deutlich strenger geworden. Zu den typischen Anforderungen gehörten heute Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA), Netzwerkschutz, zeitnahe Software-Updates, E-Mail-Sicherheit, Webfilterung, Backup- und Wiederherstellungstests, unveränderliche oder externe Backups, Vorfallreaktion (Incident Management), Disaster Recovery, Schulungen und Lieferantenmanagement. Wer das nicht nachweisen könne, bekomme entweder keine Versicherung – oder zahle deutlich mehr. Und selbst mit Versicherung gilt: Sie ersetzt keine Prävention.

Lieferkette: NIS2 und CRA

Nicht nur im eigenen Betrieb müssen Textilreiniger Cybersicherheit im Blick haben: Diese EU-Richtlinie NIS2 und der Cyber Resilience Act (CRA) können auch Textildienstleister betreffen, und zwar indirekt als Teil der Lieferkette.

Ob eine Wäscherei direkt in den Geltungsbereich der NIS2-Richtlinie fällt, hänge laut ABS Laundry Business Solutions u. a. von Land, Unternehmensgröße und Dienstleistung ab. Wer Krankenhäuser, die Pharma- oder Lebensmittelindustrie oder Reinräume beliefert, landet zumindest indirekt in einer regulierten Lieferkette. Cyberresilienz, Kontinuität und Lieferanten­sicherung würden zunehmend erwartet – auch dort, wo die Wäscherei nicht direkt reguliert sei. Der CRA kommt obendrauf. Er fordert, dass Software und digitale Produkte von Anfang an sicher sind – „Secure by Design“. Für Wäschereien heißt das: Die Frage ist nicht mehr ob das System läuft, sondern „Bleibt es auch in fünf Jahren sicher und supportet?“

Hörtipp von der BG ETEM: PSA für den PC

Cyberangriffe sind Alltag für viele Betriebe. Die größte Schwachstelle sitzt oft vor dem Bildschirm. Ein Moment der Unachtsamkeit, ein falscher Klick – schon steht das Unternehmen offen wie eine unverschlossene Tür. Torin Zander, IT-Sicherheitsbeauftragter bei der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM), gibt Tipps zu Cybersicherheit.

Laut BG ETEM setzen 99 Prozent aller Angriffe auf die Schwachstelle Mensch. Deshalb, gerade wenn Sie gerade müde, gestresst oder abgelenkt sind: Lieber einmal tief durchatmen, statt einmal zu viel öffnen. Wer 100 ungelesene Mails hat, klickt oft viel zu schnell – und genau darauf warten Angreifer. Das Motto sollte sein: „Erst denken, dann klicken.“

Und wenn doch etwas passiert ist? Bei einem akuten Cyberproblem gilt: Handeln! Netzwerkzugang kappen, IT informieren, nichts vertuschen. Wer Probleme früh meldet, verhindert Schaden. Wer zögert, macht es richtig teuer.

Cyberangriffe, Phishing-Mails, unsichere Passwörter: Unternehmen sind permanent digitalen Risiken ausgesetzt. Warum Cybersicherheit ein Thema für den Arbeitsschutz ist und was Unternehmen tun können, erklärt die neue Folge des Podcasts „Ganz sicher“ von der BG ETEM. Folge 43 mit dem Titel „Cybersecurity: PSA für den PC“ ist online unter www.bgetem.de (Webcode: 25318644) zu finden – und überall, wo es Podcasts gibt.