Im Gespräch mit Siegfried Lange, Vizepräsident des Landesverbandes NRW im DTV Ein alter Hase mit Expertenstatus

Ein alter Hase weiß, wo es langgeht. Siegfried Lange nimmt diese Metapher als Kompliment. Genau so, wie sie gemeint ist. Der Experte hat seine unternehmerische Berufung gelebt und engagiert sich nach wie vor für den kollegialen und fachlichen Austausch. Warum ihm sein Handwerk so viel bedeutet, hat er im Gespräch mit RWTextilservice verraten.

Siegfried Lange ist Textilreinigermeister mit Leib und Seele. Foto: DTV - © DTV

3 Windeln, überall Windeln. Und Eltern, die sich unermüdlich daranmachen, sie einwandfrei zu waschen: Gefühlt rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Siegfried Lange erinnert sich an seine Kindertage. Es war kein leichtes Geschäft – für den Jungen, der in Solingen damit aufwuchs, allerdings das Selbstverständlichste der Welt: Wäschewaschen war Geschäftsalltag und gehörte zum täglichen Leben. Wie viele unternehmerisch denkende Menschen hatten Willi und Emma Lange, seine Eltern, in der Nachkriegszeit die Initiative ergriffen. Eine Waschküche war vorhanden, dazu der Wille, mit einer gefragten Dienstleistung Geld zu verdienen. Das setzte die Bereitschaft voraus, sich selbst die Hände schmutzig und anderer Leute Wäsche sauber zu machen. Haushaltswaschmaschinen gab es nicht. Was die Menschen dringend brauchten, waren Entlastung und saubere Windeln. Zumindest hat sich dieses Bild in Siegfried Langes Erinnerung eingeprägt.

Familienbande im Handwerk

Bis heute bewundert er den Einsatz seiner Eltern, deren Haushaltswäscherei zu einem renommierten Wäschereibetrieb wuchs. Mit den Windeln kamen immer mehr Textilien und später gewerbliche Kunden. Der Name Lange etablierte sich. Vater Willi war Handwerker, wie der Großvater ursprünglich gelernter Bäcker. Da nur der Älteste der vier Brüder die elterliche Bäckerei übernehmen konnte, hatten sich Willi und Emma Lange für eine Selbständigkeit im Wäschereigeschäft entschieden. Konsequent führten sie diese gemeinsam. „Leider verstarb mein Vater früh“, erzählt Siegfried Lange, „und ich bin natürlich eingesprungen.“ Wie das so war. Er brach sein Studium ab und absolvierte eine klassische Lehre zum Wäscher und Plätter in einem angesehenen Betrieb in Wuppertal, um eine solide Ausbildung als Grundlage im Wäschereigeschäft zu haben. Aufgrund des Studiums konnte er kurz nach der Gesellenprüfung Meister werden.

„Alles, was man anfängt, sollte man zu einem guten Ende bringen.“ Diesen Leitsatz hat seine Mutter ihm mit auf den Weg gegeben. Es sei ihm nicht immer leicht gefallen, das zu beherzigen. Er sei durchaus zielstrebig, sagt Siegfried Lange. Seine Chronik belegt das: 40 Jahre lang führte er erfolgreich eine Textilreinigung in Köln-Porz, in besten Zeiten mit bis zu 100 Mitarbeitern, die er im Juni 2009 an einen Nachfolger veräußerte.

Vor diesem Erfolg stand eine Vision. Wenn Siegfried Lange darüber spricht, bekommt die traditionelle Textilreinigung einen besonderen Glanz. „Ich wollte unbedingt eine Textilreinigung eröffnen. Ich war von der Idee begeistert“, sagt er. Für den jungen Wäscher und Plätter war diese Perspektive äußerst attraktiv: „In der Textreinigung wurde damals viel Geld verdient. Und wir Wäscher standen buchstäblich und täglich mit beiden Beinen im Wasser. Sie müssen wissen, Waschschleudermaschinen gab es noch nicht. Die gesamte Wäsche wurde pitschnass aus der Maschine genommen.“ Die viel zitierten „kalten Füße“ bekam Lange davon jedoch nicht. Er wusste, was er wollte. Es gelang ihm, seine Ehefrau Ursula Lange für sein Vorhaben zu gewinnen.

Direkt nach der Hochzeit übernahm das junge Paar einen florierenden Reinigungsbetrieb in Bergisch Gladbach. Während sich seine Frau auf die kaufmännischen Aspekte konzentrierte, optimierte Siegfried Lange sein fachliches und technisches Know-how. Er sorgte für den reibungslosen Ablauf im Zentralbetrieb, zu dem bereits etliche Filialen und Annahmestellen gehörten. Später kamen weitere „warme“ Läden in der Region dazu. Er habe viel von dem versierten Textilreinigermeister gelernt, den er mitsamt dem vorhandenen Personal weiterbeschäftigt hatte. Dabei wurde ihm deutlich, wie unternehmerisch hilfreich es ist, in der Praxis von erfahrenen Praktikern zu lernen. Er selbst wurde schließlich zum viel gefragten Kollegen und Experten: 25 Jahre lang als stellvertretender Obermeister der Textilreiniger-Innung Köln-Bonn, im DTV u.a. 15 Jahre lang als Rechnungsprüfer.

Boom bis Mitte der 1970er-Jahre

Nach zehn erfolgreichen Jahren in Bergisch Gladbach errichtete Siegfried Lange einen neuen Zentralbetrieb in Köln-Porz, eine 2.000 m2 große Produktionshalle, daneben ein Wohnhaus. Arbeiten, Leben, Wohnen sind für ihn eng miteinander verknüpft.

Die Textilreinigung boomte bis Mitte der 1970er-Jahre. Dann wurde es schwierig. Mode und Tragegewohnheiten der Menschen veränderten sich drastisch. Lange hat das noch deutlich vor Augen: „Bis dahin war es üblich, dass sich Männer sonntags schick anziehen, um zum Frühshoppen zu gehen. Anzug, Hemd und Krawatte gehörten einfach dazu, im Geschäftsalltag sowieso. Rund 50 Prozent des Umsatzes in der klassischen Reinigung wurden mit Herrenhosen gemacht. Auch Damengarderobe musste in der Regel im Lösungsmittel gereinigt werden. Heute ist legere Freizeitbekleidung gesellschaftsfähig. Aber früher wäre niemand mit Jeans ins Theater gegangen.“

Es mache natürlich keinen Sinn, alten Zeiten hinterherzutrauern, betont Lange. Die Textilreinigungen, die sich bis heute am Markt halten konnten, haben seiner Meinung nach ihre Positionierung gefunden; in der Regel durch Spezialisierung. Unabhängig vom Produktangebot müsse die handwerkliche Qualität stimmen. Nur dann seien private oder gewerbliche Kunden bereit, textile Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen oder auszulagern. Im Privatkundengeschäft sei die Haushaltswaschmaschine die stärkste Konkurrenz. Hier sei ein Preisvergleich gar nicht möglich. Zwar sei es etlichen Betrieben gelungen, mit dem modernen Hemdenservice Umsatzverluste auszugleichen. Generell müssten sich alle Betriebe im Wirtschaftsfeld Textilservice heute jedoch als Problemlöser verstehen, die Leistungen anbieten, die ein Laie nicht erbringen könne. Durch eine solche Entwicklung werde auch das Berufsbild des Textilreinigers aufgewertet. Eine Marktpositionierung über Preise betrachtet Lange als einen Grund für das gesunkene Image der Textilreinigung. Billigpreispolitik sei für Handwerksbetriebe langfristig kein wirtschaftlich tragbares Konzept: „Wir müssen uns heute auf wenige, anspruchsvolle Kunden fokussieren und die können wir nur mit Qualität beeindrucken und halten.“

Zur rechten Zeit spezialisiert

Die Vorstellung, Kunden schnell und preiswert zu bedienen, habe sich mit der Idee der Schnellreinigungen in den 1970er-Jahren etabliert, für etliche Betriebe durchaus erfolgreich. „Es gab damals noch rund 17.000 Textilreinigungen in Deutschland. Das ist heute unvorstellbar.“ Denn vielen Handwerksbetrieben gelang es nicht, dem gesellschaftlichen Wandel zu folgen und proaktiv auf die wirtschaftliche Herausforderung zu reagieren. Dazu kamen Umweltschutzauflagen für die Textilreinigung im Lösungsmittel, die hohe Investitionen von Betrieben forderten, die zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr liquide waren. Die Textilreinigung Lange in Köln-Porz hatte ihren Schwerpunkt rechtzeitig auf die Bearbeitung von Berufsbekleidung gelegt. „Mein Betrieb war groß, ich musste für Auslastung sorgen. Die konnten wir durch die Bearbeitung von Berufsbekleidung erreichen.“ Die Kombination war perfekt: eine Alleinstellung vor Ort und lückenloses Fachwissen. Darauf konnten nicht nur die Kunden zurückgreifen, sondern auch Kollegen, die sich stets vertrauensvoll an den späteren Sachverständigen und Berater am DTV-Expertentelefon wandten.

Für Siegfried Lange ist ein enger Dialog mit Branchenkollegen ein entscheidender Faktor für unternehmerischen Erfolg. Als Vizepräsident des Landesverbandes NRW ist er aktiver Netzwerker und bereit, sein Wissen zu teilen. Die Zukunft des Verbandes liegt ihm am Herzen. Jahrzehntelang hat er hier, gemeinsam mit den anderen „alten Hasen“, Energie und Herzblut hineingegeben. Was wir noch von ihm wissen wollen:

RWTextilservice: Was lieben Sie an Textilreinigung?

Siegfried Lange: Meinen Beruf! Es ist ein äußerst vielseitiges Handwerk. Ich rede nicht nur vom Entfernen der Flecken oder Wäschewaschen. Im Gegenteil. Gerade heute ist die kaufmännische Seite extrem wichtig. Viele Handwerksbetriebe arbeiten zu viel und rechnen zu wenig. Ich bin EDV-Freak und war einer der ersten Betriebe unserer Branche mit moderner EDV-Anlage. So konnten wir unsere gesamte Finanzbuchhaltung und Personalplanung optimieren. Und es macht mir seit jeher Spaß, mit Menschen zu arbeiten. Wir haben viele Leute ausgebildet und ihnen eine Perspektive geboten. Das war für mich eine persönliche Verpflichtung.

RWT: Macht es Sinn, heute noch Textilreiniger zu werden?

Lange: Auf jeden Fall, wenn man eine Affinität zu Textilien, Technik und Logistik mitbringt. Wer sich in diesem Markt selbstständig machen will, muss bereit sein, hart zu arbeiten. Daran hat sich nichts geändert. Qualifizierte Textilreiniger oder Meister werden gesucht, speziell in den Bereichen Großwäscherei, Leasing und Berufsbekleidung. Ein Meisterbrief erhöht die Erfolgschancen und ist nach wie vor die Voraussetzung, um auszubilden. Ich bin sicher: Unser Handwerk hat immer noch goldenen Boden.

RWT: Was wünschen Sie sich für „Ihre“ Branche?

Lange: Weiterhin einen engen Zusammenhalt, insbesondere in unserem Landesverband in NRW. Ich halte Verbands- und Innungsarbeit immer noch für zeitgemäß. Der Kontakt zu Kollegen und der Erfahrungsaustausch sind das Wichtigste, was ein Unternehmer haben kann. Ein tolles Beispiel ist die Innung Münster-Münsterland. Die Verknüpfung mit dem TBZ ist beispielhaft. Hier werden junge Menschen ausgebildet, begleitet und eingebunden. So gewinnen und halten wir unseren Nachwuchs. Wir alten Hasen können unser Wissen sinnvoll einbringen und die Jugend stützen.

Ich gehe davon aus, dass sich die Textilreinigungen, die sich positioniert haben, am Markt halten. Viele von ihnen zeichnen sich bereits durch hervorragenden Service aus. Denn es genügt nicht mehr, beispielsweise Gardinen zu reinigen, wenn unser Kunde erwartet, dass wir sie auch abnehmen und aufhängen. Was wünschen sich die Menschen von unserer Branche? Darum ging es zu jeder Zeit.