Im Gespräch mit Henrik Bier, Geschäftsführer der Waschbär GmbH und 1. Vorsitzender des OTV Ein Chef auf Augenhöhe

„Wir tragen Verantwortung für unser Tun.“ Für Henrik Bier ist dieses Statement die Basis seines unternehmerischen Handelns. Der Inhaber der Waschbär GmbH in Mühlhausen wurde in seinem Amt als 1. Vorsitzender des Ostdeutschen Textilreinigungs-Verbands (OTV) einstimmig bestätigt. Im Verband und als Chef schätzt er ehrliche Worte und Kommunikation auf Augenhöhe.

Henrik Bier legt Wert auf Kommunikation, gegenseitiges Verstehen und gemeinschaftliches Handeln. Foto: privat

3 Es war eine schwere Zeit. Henrik Bier wird sie nicht vergessen. Sein Vater Hans-Joachim Bier starb im November 2008 nach schwerer Krankheit, 47 Jahre alt. „Ich hätte gerne noch viele Jahre mit ihm zusammengearbeitet“, erzählt der dynamische Unternehmer. Seither ist er geschäftsführender Gesellschafter der Waschbär GmbH in der historischen Kreisstadt Mühlhausen in Thüringen. „Mein Vater war noch viel zu jung und wir mussten uns dem Thema Betriebsübergabe stellen, obwohl wir uns alle etwas ganz anderes gewünscht hätten.“ Der Firmengründer hatte frühzeitig verantwortungsbewusst und vorausschauend agiert. Bereits 2002 gab Hans-Joachim Bier seinem Sohn die Chance, sich in leitender Position im Unternehmen zu qualifizieren. Dass Henrik Bier so bald Nachfolger werden würde, konnte niemand ahnen.

Die Bereitschaft des Seniors zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit war ein Segen. Nicht nur im Nachhinein. Sie machte sowohl individuelles als auch unternehmerisches Wachstum möglich. „Heute würde man von kooperativem Führungsstil sprechen“, bemerkt Henrik Bier: „Für meinen Vater war das der selbstverständliche Umgang zwischen Vater und Sohn, aber auch mit den Mitarbeitern. Dabei blieb immer deutlich, wer der Chef ist.“

So praktiziert es Henrik Bier ebenfalls. Nicht im Andenken, sondern aus Überzeugung und aus eigener Erfahrung. Hierarchische Strukturen hält er für wenig förderlich. Er denke nicht in oben und unten. Dabei sei er sich seiner Verantwortung durchaus bewusst. „Als Chef bin ich der, der vorne steht und für seinen Betrieb in die Offensive geht. Das kann ich nur mit einer starken, zuverlässigen Rückendeckung. Daher bin ich bestrebt, echtes Interesse für Prozesse zu wecken und Mitarbeiter gezielt in Entscheidungen einzubinden, nach dem Motto: Trau dich, Entscheidungen zu treffen, und sei stark, sie zu verantworten.“ Die Mitarbeiter dahingehend zu stärken, sei nur durch Weiterbildung und Motivation möglich. Für seine „vorbildliche Mitarbeiterqualifikation“ wurde Henrik Bier im Jahr 2012 von der Fachpresse ausgezeichnet.

Serviceversprechen: Gemeinsam bärenstark

Die aktuellen Schwerpunkte der Waschbär GmbH liegen in der spezialisierten Versorgung von Senioreneinrichtungen und professioneller Textilhygiene für Krankenhäuser. Darüber hinaus bedient der Dienstleister Kunden in der gehobenen Gastronomie und Hotellerie. „In geringerem Umfang stehen wir unseren Stammkunden aus der Industrie zur Verfügung“, erklärt Bier. „Seit rund 15 Jahren konzentrieren wir uns allerdings auf die Vollversorgung von Kliniken und Pflegeheimen, einschließlich der Bearbeitung von Bewohnerwäsche. In diesem Segment haben wir uns einen regionalen Marktvorsprung geschaffen, den wir halten und ausbauen wollen.“

Der 34-jährige Betriebswirt und Textilreiniger klingt entschlossen. Er überzeugt mit klaren Worten und sinnvollen Argumenten, authentisch und vertrauenswürdig. Als zielstrebig im Sinne von lösungsorientiert und tendenziell ruhelos beschreibt er sich selbst. Bier will etwas bewegen und Menschen mitnehmen. Das Bewusstsein, dass unternehmerischer Einfluss mit Verantwortung einhergeht, treibt ihn an. Es geht eben nicht um Eitelkeit, sondern um einen gesellschaftlichen Auftrag. Für Bier ist dieser eng mit der eigenen Firmengeschichte verknüpft. Deren Spuren führen auf die in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts gegründete Dampfwäscherei Mühlhausen zurück, greifbar werden diese allerdings erst ab 1945. Fakt ist, die Wäscherei wurde ein VEB-Betrieb der ehemaligen DDR und verlor seine ökonomische und juristische Selbständigkeit. 1956 erfolgte eine öffentliche Ausschreibung zur Namensfindung. Der „Waschbär Mühlhausen“ war geboren. Dieser Zeitpunkt gilt als eigentlicher Ursprung der Firma, die seit 1979 von Hans-Joachim Bier mitgeschrieben wurde. Dessen Karriere hatte als Fahrer in dem VEB-Betrieb begonnen. Nach einer Ausbildung zum Chemischreiniger war er zum Abteilungsleiter aufgestiegen und hatte zusätzlich ein Ökonomiestudium absolviert.

„Und dann kam die Wende“, erinnert sich sein Sohn Henrik, der damals elf Jahre alt war. „Alle Betriebe gingen in die Treuhandverwaltung über und für den Waschbär stand die Frage im Raum: liquidieren, sanieren oder privatisieren.“ Hans-Joachim Bier wurde aktiv, kaufte den Betrieb, machte ihn zur GmbH und übernahm einen Stamm engagierter Mitarbeiter. „Das Ergebnis sehen Sie heute. Seit 1990 sind wir ein echter Familienbetrieb“, sagt Henrik Bier und ist stolz, dass sich auch Töchterchen Johanna hier zu Hause fühlt. Im Geiste des Großvaters werde sie mit Liebe und Respekt erzogen, auf Augenhöhe eben. So weit wie es für eine Fünfjährige angemessen sei. „In unserer Familie waren Frauen schon immer sehr selbstbewusst und eigenständig“, betont Bier. Seine Mutter ist bis heute als Apothekenfachangestellte erfolgreich und hat ihren Beruf nie aufgegeben, um in den Betrieb einzusteigen. Bier schätzt vor allem die Sozialkompetenz seiner weiblichen Führungskräfte. „Das bekommt unserem Betriebsklima gut.“ Für die Zukunft wünscht er sich allerdings mehr Männer in der professionellen Textilpflege. Gleichberechtigung und Ausgewogenheit sind ihm generell wichtig.

Es gehe immer um eine gesunde Balance, ob in der Mitarbeiterführung oder in der Verbandsarbeit. Seit 2011 ist Bier im OTV als 1. Vorsitzender aktiv. Auch hier setzt er auf den partnerschaftlichen, konstruktiven Dialog. „Ich habe im eigenen Betrieb die Erfahrung gemacht, dass wir nur weiterkommen, wenn wir einander zuhören. Mein Vater hat immer großen Wert auf meine Meinung gelegt. Das hat mich geprägt und so halte ich es ebenfalls: Es kommen alle Fakten und Meinungen auf den Tisch, dann wird diskutiert. Am Ende zählt das bessere Argument und nicht die Position. Das ist für mich eine Basis, auf der man zusammenarbeiten kann.“ Natürlich brauche es gerade als junger Mensch die Bereitschaft, von den Erfahrungen der Älteren zu lernen. „Als ich damals von der Uni kam, war ich voller Tatendrang. Was ich in meinem Wirtschaftsstudium gelernt hatte, war erst mal nur Theorie. Da war es gut, dass ich mich an meinen Vater wenden konnte. Es ist nicht schlecht, wenn man seinen alten Herrn um Rat fragen kann.“

Vorurteile abbauen, Bindungen schaffen

Der fachliche und kollegiale Austausch, aber auch eine wirtschaftlich zielführende Zusammenarbeit, sind für Bier Ziel und Gewinn von Verbandsarbeit. Seit fast zehn Jahren arbeitet er in unterschiedlichen Wirtschaftsverbänden mit und hat Erfahrungen gesammelt. Seinen Entschluss, sich für die eigene Branche einzusetzen, findet er konsequent und schlüssig. Mit einem Landesverband, der die regionale Identität seiner Betriebe im Auge hat, könne er sich bestens identifizieren. Im Frühjahr 2011 hatte er den OTV-Vorsitz übernommen, nachdem er als Beisitzer im Vorstand tätig war. Gemeinsam mit Vorstandskollegen René Bauer (2. Vorsitzender), Bernd Grommelt (Schatzmeister) und Sibylle Böhm (Beisitzerin) wird er weitere drei Jahre die Verbandsarbeit gestalten. RWTextilservice wollte von Henrik Bier wissen:

1. Welche Themen und Aufgaben haben derzeit für den OTV Vorrang?

Henrik Bier: Der Fokus liegt für uns auf Kommunikation, auf gegenseitigem Verstehen und gemeinschaftlichem Handeln. Unsere Mitglieder wünschen sich klare und aktuelle Informationen, seien sie rechtlicher, fachlicher oder auch gesellschaftlicher Natur. Da unterscheiden sich unsere Betriebe nicht von anderen in unserer Republik. Aufgrund der Struktur der Betriebe und des gesellschaftlichen Umfelds sind unsere Fragen allerdings teilweise anders gelagert und von unterschiedlicher Gewichtung. Wir werden daher zukünftig noch mehr auf Diskussion und Fachvorträge setzen. Als eigenständiger Verband agieren wir unabhängig, die Vernetzung mit dem DTV war mir allerdings von Anfang an wichtig. Ich freue mich über die Stellung, die wir beim DTV haben, vor allem über die Wertschätzung unserer Meinung.

2. Was wünschen Sie sich für die Betriebe im OTV?

Bier: Der Kostendruck in den neuen Ländern ist immens hoch, vor allem durch die neuen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Ich wünsche mir eine klare Ausrichtung aller Betriebe auf deren Stärken. Außerdem wünsche ich mir für die gesamte Gemeinschaft mehr Zusammenhalt und Selbstbewusstsein in der Frage der Marktbearbeitung.

Wir sollten stolz auf unsere Dienstleistungen sein und nicht versuchen, diese um jeden Preis am Markt durchzusetzen. Das schadet am Ende sowohl unserer Dienstleistung als auch den Betrieben selbst.

3. Haben Sie eine Vision für die gesamte Branche?

Bier: Wenn wir den Mut haben, unseren Service als hochwertiges Handwerk zu präsentieren, verändert sich die Wahrnehmung unserer Branche. Auch unter der Maßgabe, nicht jeden Auftrag zu akzeptieren. Andere Handwerksbranchen machen uns das erfolgreich vor. Dann müssen wir allerdings auch beweisen, dass unsere Dienstleistung ausschließlich von professionellen Fachbetrieben mit Bravour erbracht werden kann.

Ich möchte eine starke Gemeinschaft zwischen allen Textilbetrieben erleben, in der alle voneinander profitieren und sich austauschen. Ich möchte, dass unser Handwerk mit seinen Mitarbeitern die gesellschaftliche Akzeptanz erfährt, die ihm zusteht. Dazu gehört, dass das immer noch weit verbreitete Bild vom Textilpflegebetrieb mit der größeren Haushaltswaschmaschine und Bügeleisen verschwindet und wir als hochmoderne Spezialisten verstanden werden.