Die nächste Generation ist am Start: Beim Textilpflege-Zulieferer BÖWE sind es die drei Geschwister Laura, Manuel und Max Ziermann. Sie treten die Nachfolge ihres Vaters und Unternehmers Frank Ziermann an. Ein Gespräch über Verantwortung, Kommunikation und Familienzusammenhalt.
In Familienunternehmen galt die Nachfolge durch die eigenen Kinder lange Zeit als nahezu selbstverständlich.
Heute hat sich dieses Bild gewandelt: Vielfältige Karriereoptionen, veränderte Lebensentwürfe und gestiegene Anforderungen an die Unternehmensführung machen den Eintritt der nächsten Generation nun zu einer bewussten Entscheidung und stellen keineswegs mehr einen Automatismus dar.
Umso bemerkenswerter ist es, wenn sich die Kinder eines Unternehmers bewusst für diesen Weg entscheiden.
Nachfolge bei Böwe
Birgit Jussen sprach für R+WTextilservice mit Laura, Manuel und Max Ziermann, den Kindern des Unternehmers Frank Ziermann.
Die drei Geschwister sind in den letzten Jahren bei dem Hersteller von gewerblichen Textilreinigungs- und Wäschereimaschinen BÖWE in Sasbach eingestiegen.
Im folgenden Interview übernimmt Laura Ziermann als Älteste der drei Kinder in Abstimmung mit ihren Brüdern die Gesprächsführung.
Ihre Geschichte zeigt, wie Nachfolge durch die gesamte nächste Generation gelingen kann.
R+WTextilservice: Euer Einstige bei BÖWE ist nun schon einige Zeit her. Bei dir, Laura, war es Mitte 2022, bei deinem nächst älteren Bruder Manuel Mitte 2023 und Max, euer jüngster Bruder, kam im Herbst 2023 dazu. Wie habt ihr den Einstieg erlebt?
Laura Ziermann: Der Einstieg ins Familienunternehmen verlief für uns alle ohne großen Umbruch, da wir schon während Schule und Studium regelmäßig im Betrieb mitgearbeitet haben. Viele Abläufe, Kolleginnen und Kollegen waren uns daher bereits vertraut. So konnten wir uns schnell in unsere neue Rolle mit erweiterten Verantwortungsbereichen einfinden und erste eigene Projekte umsetzen – mit dem Ziel, Bewährtes fortzuführen und gleichzeitig neue Impulse einzubringen.
Offiziell habt ihr euren Einstige erst bei der Hausmesse vor rund eineinhalb Jahren bekannt gegeben. Hat sich euer Blick auf eure Rolle im Unternehmen seit diesem öffentlichen Startpunkt verändert?
Nein, der offizielle Einstieg ins Familienunternehmen brachte für uns keine große Veränderung mit sich – weder im Alltag noch in der Wahrnehmung. Da wir wie gesagt schon während unserer Ausbildung regelmäßig im Betrieb tätig waren, fühlte sich der Übergang für uns ganz natürlich an. Auch unser Umfeld nahm den Schritt eher als logische Fortsetzung wahr. So stand von Beginn an weniger die Frage des Ankommens, sondern vielmehr die Weiterentwicklung im Mittelpunkt.
War für euch schon früh klar, dass ihr zusammen als Geschwister Verantwortung übernehmen möchtet?
Die Entscheidung, gemeinsam Verantwortung im Familienunternehmen zu übernehmen, entstand nicht von Anfang an, sondern entwickelte sich nach und nach. Durch die praktische Mitarbeit während Schule und Studium wuchs das Verständnis für die Abläufe und die Bedeutung des Familienzusammenhalts. Mit der Zeit kam das Bewusstsein dafür auf, dass man hier nicht nur mitarbeitet, sondern aktiv gestalten und die Zukunft mitprägen kann.
Aus dem Mitwirken wurde also Gestalten – was bedeutet es für euch persönlich, heute Teil der „Next Generation Ziermann“ zu sein?
Es erfüllt uns mit Stolz Teil der nächsten Generation im Familienunternehmen zu sein und die Möglichkeit zu haben,
BÖWE mit der Familie gemeinsam weiterentwickeln zu können.
Nachfolge: Vorgezeichnet oder gewäht?
Kommen wir mal auf eure Vorbildung zusprechen. War eure schulische und berufliche Ausbildung von Beginn an auf eine mögliche Nachfolge im Familienunternehmen ausgerichtet?
Nicht direkt. Wir Geschwister haben uns zunächst bewusst für eine allgemeine wirtschaftliche und technische Ausbildung mit internationalem Fokus entschieden, um ein breites Fundament zu schaffen.
Die wirtschaftliche und technische Ausbildung hat uns die Möglichkeit gegeben, unabhängig von der Familiengeschichte eigene Erfahrungen zu sammeln, unseren Blick zu erweitern und die Entscheidung pro BÖWE zu treffen. Heute profitieren wir genau davon. Dieses Wissen bildet heute die Basis, um unterschiedliche Perspektiven in das Unternehmen einzubringen und gemeinsam die Zukunft aktiv zu gestalten. Rückblickend würden wir diesen Weg genauso wieder wählen.
Dieser Weg war also eure eigene Entscheidung. Spielten dennoch gewisse familiäre Erwartungen eine Rolle?
Genau, die Wahl der Ausbildung war unsere eigene Entscheidung. Von unseren Eltern kam lediglich die Erwartung, dass jedes Kind seine Ausbildung oder sein Studium außerhalb des Familienbetriebs absolviert. Neben dem Studium haben wir alle drei durch verschiedene Ferienjobs und Praktika in anderen Unternehmen wertvolle Einblicke gewonnen. So konnten wir zunächst eigene Erfahrungen sammeln, unterschiedliche Wege gehen und unseren Blick über den Tellerrand hinaus erweitern – eine Grundlage, die uns heute im Unternehmen sehr zugutekommt.
Wie gut vorbereitet habt ihr euch jeweils zum Zeitpunkt eures Einstiegs gefühlt?
Auch wenn uns bereits viele Abläufe vertraut waren, war der Einstieg dennoch mit vielen neuen Eindrücken verbunden. Einige Prozesse kannten wir noch nicht im Detail, und so war die Anfangszeit geprägt von Lernen, Beobachten und aktivem Mitgestalten. Bis heute ist jeder Tag eine Gelegenheit, dazuzulernen – sei es in fachlicher Hinsicht oder im Umgang mit den täglichen Herausforderungen eines Familienbetriebs. Gerade dieses ständige Weiterentwickeln macht die Arbeit besonders spannend.
Rollen im Unternehmen: Wer verantwortet was?
Ihr besetzt heute klar definierte Verantwortungsbereiche im Unternehmen. Wie haben sich diese Rollen seit eurem Einstieg entwickelt und wie gut passen sie zu euren persönlichen Stärken?
Die Aufgabenverteilung im Familienunternehmen hat sich ganz natürlich aus unseren unterschiedlichen Stärken und Persönlichkeiten ergeben.
Da wir charakterlich sehr verschieden sind, bringt jede und jeder von uns eigene Schwerpunkte und Sichtweisen ein – das reicht von strategischen Entscheidungen über technische Themen bis hin zu organisatorischen oder kreativen Bereichen. Gerade diese Vielfalt macht unsere Zusammenarbeit so wertvoll, weil wir uns gegenseitig ergänzen und voneinander lernen können.
Daraus hat sich ergeben, dass ich mich um Vertriebsaufgaben, Einkauf und die Ersatzteilabteilung kümmere, Manuel um die Webshops, die Entwicklung sowie die Schnittstelle zur Produktion und Max den Bereich Technik und Sankosha Europa verantwortet.
Wie klar sind für euch die Abgrenzungen zwischen diesen Aufgabenbereichen und wo braucht es bewusste Abstimmung?
Innerhalb der jeweiligen Aufgabenbereiche trifft jeder von uns seine Entscheidungen eigenverantwortlich. So kann jeder seine Stärken einbringen und flexibel handeln. Wenn es jedoch um Themen geht, die mehrere Bereiche betreffen oder um größere Investitionen, besprechen und entscheiden wir diese grundsätzlich gemeinsam. Dieses Vorgehen sorgt nicht nur für Transparenz, sondern stärkt auch das gegenseitige Vertrauen und den Teamgeist innerhalb der Familie.

Als Geschwister die Unternehmens-Zukunft planen
Teamgeist: ein wichtiger Punkt. Könnt ihr über die Relevanz des gemeinsamen Arbeitens noch etwas mehr sagen?
Der Teamgeist unter uns Geschwistern und die aktuelle Phase der gemeinsamen Arbeit ist für uns besonders wichtig, weil wir alle in unseren Aufgabenbereichen noch viel lernen. Jede und jeder von uns baut gerade Fachwissen und Erfahrung auf, und genau dabei profitieren wir stark voneinander. Durch den engen Austausch können wir Fehler vermeiden, voneinander lernen und unterschiedliche Blickwinkel zusammenbringen. So wird diese Lernphase zu einer wertvollen Grundlage, auf der wir unsere Zusammenarbeit und das Unternehmen Schritt für Schritt weiterentwickeln.
Ihr habt euch bewusst auf neutralem Boden in Österreich getroffen, um über die Zukunft des Unternehmens zu sprechen. Wie wichtig war dieser Rahmen für einen offenen und ehrlichen Austausch?
Ein neutraler Austausch außerhalb des Unternehmens war für uns besonders wertvoll, um die strategische Ausrichtung festzulegen. Abseits des täglichen Betriebs konnten wir mit etwas Abstand auf die Abläufe und Prozesse blicken. Diese Reflexion half uns, Prioritäten klarer zu erkennen, neue Ansätze zu entwickeln und gemeinsame Entscheidungen mit einem breiteren Verständnis zu treffen.
Welche Fragen standen für euch dabei im Mittelpunkt, insbesondere mit Blick auf die nächsten Jahre?
In den nächsten drei bis fünf Jahren wollen wir uns darauf konzentrieren, unser bestehendes Geschäftsmodell konsequent zu stärken und gezielt weiterzuentwickeln. Dazu gehört die Optimierung interner Prozesse, eine noch stärkere Ausrichtung an den Bedürfnissen unserer Kunden sowie ausgewählte Investitionen in Technik und Digitalisierung. Gleichzeitig wollen wir unsere Position in unseren Kernmärkten festigen und dort wachsen, wo es strategisch sinnvoll ist.
Böwe: Zwei Generationen an einem Tisch
Kommen wir noch mal auf den Teamgeist zurück. Zum Familienteam gehört derzeit eindeutig noch euer Vater. Er hat den Übergang an euch Kinder als mehrstufigen Prozess angelegt. Wie erlebt ihr seine Rolle in dieser Phase?
Die Rolle unseres Vaters ist für uns von unschätzbarem Wert. Er hat den Übergang bewusst in Phasen gestaltet – zunächst durch Beobachtung und Beratung, später durch schrittweises Abgeben von Verantwortung. So können wir uns langsam einarbeiten, während er mit seiner Erfahrung jederzeit zur Seite steht, ohne direkt einzugreifen.

Unser Vater hat uns schon früh die Möglichkeit gegeben, Verantwortung zu übernehmen. Während sich diese Verantwortung früher gelegentlich wie ein Sprung ins kalte Wasser anfühlte, erkennen wir heute den Wert dieser Erfahrungen.
Wir empfinden es auch als Privileg, Fehler machen zu dürfen. Es fühlt sich für uns an, als ob unser Vater Leitplanken gesetzt hat, die Orientierung bieten, ohne unsere Entwicklung einzuengen. So können wir eigenständig Entscheidungen treffen und aus Fehlern wachsen, mit dem Vertrauen, nicht „von der Straße abzukommen“.
Sicher zielt das auch auf den Anspruch ab, die Nachfolge „so geräuschlos wie möglich“ zu gestalten, wovon bei eurer Hausmesse die Rede war, oder?
Ja, genau. Die Nachfolge sollte bei uns ohne große Ankündigungen oder Störungen im Tagesgeschäft ablaufen. Durch die Unterstützung unseres Vaters ist das aus unserer Sicht problemlos möglich.
Wir tragen eine große Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitenden und dem gesamten Unternehmen, der wir gerecht werden müssen, indem wir Stabilität bewahren und kontinuierlich weiterarbeiten. Genau dieser Fokus auf Kontinuität gibt uns die Freiheit, uns parallel in unsere Rollen einzuarbeiten und das Unternehmen langfristig zu stärken.
Wie offen wird denn eigentlich im Unternehmen über den schrittweisen Rückzug der bisherigen Geschäftsführung gesprochen?
Die offene Kommunikation über den schrittweisen Rückzug unseres Vaters ist uns auf jeden Fall sehr wichtig. Wir kommunizieren diesen Prozess transparent gegenüber Mitarbeitenden, Kunden und Partnern, um Unsicherheiten zu vermeiden und Vertrauen zu wahren. So können sich alle Beteiligten langsam an die neuen Verantwortlichkeiten gewöhnen, während die Kontinuität im Unternehmen gewährt bleibt.
Veränderungen und Herausforderungen
Wenn ihr auf die vergangenen eineinhalb Jahre zurückblickt: Was hat sich seit dem offiziellen Start der nächsten Generation am stärksten verändert?
Die stärkste Veränderung der letzten anderthalb Jahre ist für uns die spürbare Zunahme an Entscheidungsgeschwindigkeit. Durch die angesammelten Erfahrungen in unseren Rollen können wir heute schneller und sicherer entscheiden – ohne lange Abstimmungen oder Unsicherheiten. Diese Effizienz stärkt nicht nur den Arbeitsalltag, sondern gibt uns auch mehr Raum, uns auf strategische Themen und die Weiterentwicklung des Unternehmens zu konzentrieren.
Euer Fokus liegt also auf der Weiterentwicklung des Unternehmens. Was empfindet ihr dabei aktuell als größte Herausforderung für euch als die nächste Generation?
Der Markt verändert sich rasant, und genau deshalb müssen wir uns kontinuierlich anpassen, um zukunftsfähig zu bleiben. Wir beobachten Trends genau, passen unser Angebot flexibel an Kundenbedürfnisse an und optimieren unsere Prozesse, um wettbewerbsfähig zu sein.
Diese Anpassungsfähigkeit ist für uns als Familienunternehmen der Schlüssel, Traditionen zu bewahren und gleichzeitig neue Chancen zu nutzen. Am Puls der Zeit zu sein, stellt aber unbestritten auch eine große Herausforderung dar.
Dieser Herausforderung stellt ihr drei euch aber offensichtlich gerne und gut. Zum Schluss noch ganz persönlich gefragt: Welche Rolle wünscht ihr euch für euren Vater nach seinem Rückzug aus der Geschäftsführung?
Nach seinem Rückzug aus der Geschäftsführung soll unser Vater endlich mehr Zeit für das haben, was ihm persönlich Spaß macht – sei es Reisen, Hobbys oder gemeinsame Zeit mit der Familie.
Ohne die unermüdliche Unterstützung unserer Mutter wäre dieser Weg nie möglich gewesen; beide haben ihren Ruhestand mehr als verdient, nachdem sie Jahrzehnte mit Herzblut investiert haben.
Wir sind dankbar, ihnen diesen Freiraum gönnen zu können, während wir das Unternehmen in die nächste Generation führen.
