Nachwuchskräfte gewinnen Flexibel gefunden

Geeignete Nachwuchskräfte zu finden, ist für Wäschereien und Textilreinigungen ein Problem. Die Wäscherei Reichel GmbH & Co. KG geht einen erfolgreichen Weg. Sie ist offen für junge Mütter und präsentiert sich auf Jobmessen. Momentan beschäftigt sie vier Auszubildende.

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    © Wäscherei Reichel
    Die Auszubildende Isabell Schindler (links) bekommt Nachhilfe von der Facharbeiterin Marielle Matthes (rechts). Seit ihrem Abschluss im Jahr 2010 übernimmt die Gesellin die Patenschaft in Sachen Nachhilfe für die Auszubildenden. Die Nachhilfe findet während der Arbeitszeit und je nach Bedarf statt. Fotos: Wäscherei Reichel
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    Schichtleiterin Denise Hartmann (rechts) zeigt der Auszubildenden Isabell Schindler das Einlegen von Textilien in die Mangel.

◆◆ „Vor Ausbildungsbeginn dachte ich, dass es eine eintönige Arbeit sei und kaum Wissen abverlangt würde. Wäsche waschen kann man auch zu Hause …“, sagt Marielle Matthes. Ihr Bild hat sich gewandelt. Mittlerweile hat sie ihre Ausbildung zum Textilreiniger erfolgreich abgeschlossen. Die Gesellin bei der Wäscherei Reichel GmbH & Co. KG kümmert sich als „Patin“ um die Auszubildenden. Vier davon arbeiten derzeit im Betrieb in Dippoldiswalde. Zwei Auszubildende sind im ersten und jeweils eine im zweiten und dritten Lehrjahr. Das Unternehmen bemüht sich besonders um qualifizierte Nachwuchskräfte. Mehr als 30 Prozent der rund 100 Beschäftigten sind ausgebildete Textilreiniger.

Auf der Suche nach Nachwuchskräften geht die Wäscherei viele Wege. Das Unternehmen arbeitet z.B. mit einer Förderschule zusammen. Während eines Praktikums testet die Wäscherei die Eignung der Schüler für den Beruf. Einige konnten schon in eine Ausbildung übernommen werden. Der Betrieb plant auch, an Orientierungsveranstaltungen der neunten Klassen der ortsansässigen Realschulen teilzunehmen. Außerdem präsentiert sich die Wäscherei auf den Informationstagen der Arbeitsagentur.

In diesem Jahr war die Wäscherei Reichel erstmals mit einem Stand auf der Ausbildungsmesse der Handwerkskammer präsent. Sehr erfolgreich, denn es ergaben sich zwei Kontakte, die in feste Ausbildungsverträge mündeten.

Ein Tag Messe, zwei Azubis

Von 8 bis 16 Uhr knüpfte Liane Hayn, Personalreferentin der Wäscherei Reichel, am Stand Kontakte mit den Schülern. In den nach Branchen unterteilten Messeräumen war die Wäscherei direkt vor den Schneidern platziert. Nicht zu ihrem Nachteil, denn die vielen Interessenten für den Schneiderberuf passierten so auch den Auftritt der Wäscherei. Zehn vielversprechende Gespräche ergaben sich auf der Messe. Für fundierte Antworten stand Schichtleiterin Simone Berger bereit. Sie unterstützt den Meister und Geschäftsführer Hartmut Reichel im Arbeitsalltag bei der Anleitung der Nachwuchskräfte. Um den Schülern einen Überblick zu geben, erstellte Hayn vor der Messe einen Informationsflyer, der das Berufsbild verständlich erklärt. Für die Standgestaltung konnte die Wäscherei Reichel auf Messewände und -materialen von Servitex zurückgreifen. Außerdem nutzen sie Informationsmaterialien des Deutschen Textilreinigungs-Verbandes e.V. (DTV).

„Ich hatte vor Beginn der Ausbildung ehrlich gesagt keine Vorstellung, was der Beruf einer Textilreinigerin beinhaltet“, sagt Isabell Schindler. Dabei hat die Auszubildende im ersten Lehrjahr ein realistischeres Bild vom Beruf als viele ihrer Mitbewerber. „Sie war schon beflissen und wusste, dass es nicht bloß die chemische Reinigung betrifft, sondern dass auch die Wäscherei zur Ausbildung gehört“, sagt Hayn. Die Kombination aus Textilreinigung und Wäscherei bringt mehr Abwechslung in den Beruf, als viele erwarten. Isabell Schindler kam nach der Messe nicht nur zu einer Führung in die Wäscherei, sondern stellte auch noch den Kontakt zu einer Freundin her. Für das Unternehmen lohnte sich das Engagement zur Information doppelt, denn die beiden jungen Frauen unterschrieben Ausbildungsverträge.

„Es besteht im Allgemeinen ein falsches Bild, was ein Textilreiniger wirklich macht“, beurteilt Hayn das grundlegende Wissensdefizit bei Schülern. Dies erschwert die Suche nach Nachwuchskräften. Auch die Komplexität der Wäschereiprogramme und spezifischen Software werden ihrer Erfahrung nach unterschätzt. So war auch das Interesse der Freunde von Textilreinigerin Marielle Matthes zu Beginn ihrer Ausbildung gering: „Anfangs war es nichts Besonderes für sie. Jetzt fragen sie sogar nach, wie man was behandeln kann, um bestimmte Flecken wegzubekommen.“

Neben Präsenz bei Messen schaltet die Wäscherei Anzeigen in der Tagespresse „Sächsische Zeitung“ und dem Wochenblatt „Dresden am Wochenende“. Für Hayn ist als Zeitraum für die Anzeigenschaltung kurz nach den Halbjahreszeugnissen optimal: „Die sich zeitig bewerben, haben verstanden, dass man damit nicht auf den letzten Drücker anfängt. Die haben sich vorher schon dementsprechend informiert.“ Nach ihrer Erfahrung kommt der größte Rücklauf auf die ersten Anzeigen. Im Schnitt schreibt die Wäscherei zwei Stellen aus. Manchmal hat sie im Mai schon beide Stellen für das neue Ausbildungsjahr vergeben, erzählt Hayn: „Wenn es im Jahr 20 Bewerbungen für die Ausbildungsstellen sind, dann ist das viel.“

Dabei ist die formale Anforderung der Wäscherei Reichel lediglich ein Hauptschulabschluss: „Die Ansprüche haben sich mit der Zeit gewandelt, weil immer weniger Auszubildende vorhanden sind. Vor vier Jahren forderten wir noch einen Realschulabschluss und eine drei in den Naturwissenschaften“, sagt Hayn. Wichtig ist nach ihrer Ansicht vor allem die Einsatzbereitschaft, den Beruf zu erlernen. Zudem brauchen die Auszubildenden mathematische Grundkenntnisse und ein Interesse an der Chemie. Beim Werben um potenzielle Nachwuchskräfte hilft besonders das Argument der zukunftssicheren Ausbildung, weiß Hayn: „Jede Wäscherei und jedes Textilreinigungsunternehmen leckt sich die Finger nach Fachkräften.“ Diese Arbeitsplatzsicherheit ist ein geeignetes Merkmal, um sich von anderen Berufen für die Zielgruppe abzusetzen.

Müttern feste Arbeitszeiten bieten

Die Wäscherei Reichel bietet flexible Lösungen an, um geeignete Nachwuchskräfte zu gewinnen. „Wir sind jungen Müttern gegenüber aufgeschlossen“, berichtet Hayn. In diesem Jahr hat sie zwei 20-jährige Mütter ohne Erstausbildung eingestellt: „Die beiden hatten bisher nicht das Glück, auf einen Ausbildungsbetrieb zu stoßen, der ihnen eine Chance gibt. Man muss ehrlich sagen, dass Mütter mit kleinen Kindern unflexibler sind.“ Theoretisch fordert gerade der Zwei-Schicht-Betrieb des Unternehmens Flexibilität von den Arbeitnehmern. Aber die zweite Schicht wäre für eine Alleinerziehende nicht machbar. Denn Arbeitsschluss ist erst um 22.30 Uhr - dann hat keine Kindertagesstätte mehr geöffnet. Die beiden Auszubildenden im ersten Lehrjahr arbeiten deswegen nur in der ersten Schicht.

Neben der Dienstplangestaltung ist die Wäscherei auch beim Arbeitsbeginn auf die Bedürfnisse einer Mutter eingegangen. Da sie kein Auto hat und die Busverbindungen nach Dippoldiswalde begrenzt sind, kann sie erst um 6.30 Uhr beginnen. Die Schicht läuft eigentlich ab 6 Uhr, aber die halbe Stunde bleibt die Auszubildende am Nachmittag länger.

Intensive Einarbeitung bieten

Bei einem Schnuppertag gibt die Wäscherei Interessierten die Möglichkeit, den Arbeitsalltag kennenzulernen. „Der erste Probearbeitstag war klasse und es war eine super Entscheidung, die Ausbildung bei der Wäscherei Reichel zu beginnen“, berichtet Isabell Schindler. In den ersten Wochen ihrer Ausbildung lernte sie z.B. verschiedene Tischwäschearten und Größen kennen. Außerdem übte sie die unterschiedlichen Falt- und Legetechniken. Zu Beginn versucht die Wäscherei nicht zu überfordern, sagt Hayn: „Wir beginnen einfach. Das heißt, die erste Tätigkeit ist Wäscheeinlegen in die Mangel.“

In den ersten Arbeitswochen führt die Schichtleiterin die Auszubildenden durch den Betrieb und zeigt jede Anlage und Abteilung. Die Einführung in die Arbeit ist bewusst ausführlich, wie Hayn erläutert: „Die Auszubildenden müssen erst einmal die Kunden und Schemas des Betriebes kennenlernen, denn das ist die Grundlage von allem.“ Das Sortiment der circa 300 wichtigsten Kunden sollen die Auszubildenden überblicken. Denn die Wäscherei arbeitet für Hotellerie, Gaststätten, Altenheime, Rehabilitationseinrichtungen und im Bereich Berufsbekleidung auch für Handwerks- und Industriebetriebe. Die Arbeitsprozesse können somit nur Mitarbeiter verstehen, die das umfassende Wäschesortiment und die Anforderungen der Kunden verstehen.

Erfolgsrezept für Nachhilfe

Auch nach einem guten Start kann es im zweiten Ausbildungsjahr zu Problemen kommen. Für den Fall, dass ein Auszubildender ein Motivations- oder Leistungstief bekommt, hat die Wäscherei einen Plan: „Sobald wir merken, dass sich im Betrieb oder in der Berufsschule Leistungen verschlechtern, suchen wir direkt das Gespräch mit den Auszubildenden“, erklärt Hayn. Sie legt Wert auf einen engen Kontakt zur Berufsschule in Dresden. Die praktische Gesellenprüfung findet im Unternehmen statt. Denn der Betrieb bietet Leistungen der Wäscherei und Textilreinigung an und kann so eine vollständige Ausbildung ermöglichen.

„Wenn wir merken, dass schulisch Probleme auftreten, sorgen wir für Nachhilfe. Außer einem externen Nachhilfelehrer haben wir Projekte gestartet, in denen unsere frisch ausgelernten Auszubildenden die Nachhilfe selber mit unseren Auszubildenden durchführen“, berichtet Hayn. Das Angebot ist sowohl für die Auszubildenden als auch für die Gesellen freiwillig. Durch den kurzen zeitlichen Abstand zur eigenen Ausbildung können sich die Gesellen besser in die Probleme der Lehrlinge hineinversetzen. Auch die Hemmschwelle, Fragen zu stellen und Unsicherheiten zuzugeben, ist wegen des geringen Altersabstandes niedriger.

Während der Arbeitszeit können sie sich zum Unterricht in ein ruhiges Büro zurückziehen und offene Fragen klären. Zurzeit betreut die Gesellin Marielle Matthes die Nachhilfe. Sie erstellt sogar eigene Arbeitsblätter für die Auszubildenden. Sie beschreibt diese Patenschaft so: „Je nachdem, was ein Lehrling nicht versteht, setzen wir uns zusammen und besprechen die Themenbereiche oder setzen uns mit den mathematischen Berechnungen auseinander. Durch Übungsaufgaben und gemeinsames Kontrollieren sollen letzte Fehlerquellen herausgefunden und behoben werden. Auch bei Facharbeiten stehe ich den Auszubildenden zur Seite.“ Besonders in Chemie hilft der Nachhilfeunterricht über Lücken hinweg. Diese Unterstützung lohnt sich für die Wäscherei, denn das Ziel ist nicht nur die Übernahme in einen Gesellenvertrag, sondern auch die Weiterqualifikation als Führungskraft.

Langfristig motivieren

Schon am Ende der Ausbildung kristallisieren sich Stärken und Interessen der Mitarbeiter heraus. „Wenn wir merken, dass jemand Ambitionen hat, sich auch über einen Facharbeiter hinaus weiterzuentwickeln, wird er auch so eingesetzt. Wir haben z.B. nicht nur einen Schichtleiter, sondern auch noch Abteilungsleiter und Maschinenführer. Stellen wir fest, dass Interesse da ist, bieten wir gerne eine betriebsinterne Weiterqualifizierung an“, erläutert Hayn. Das angebotene Einsatzgebiet Reinigung kam den chemischen Interessen von Matthes entgegen. Sie plant eine langfristige Karriere in der Wäscherei: „Im kommenden Jahr werde ich mein erstes Kind bekommen. Ich werde aber nach wie vor für die Lehrlinge der Wäscherei Reichel für Nachhilfestunden zur Verfügung stehen. Nach der Elternzeit möchte ich diesen Weg fortsetzen und strebe auch noch eine Weiterbildung an.“ Die Wäscherei gibt ihr die Möglichkeit dazu. Direkt nach der Prüfung gab sie ihr einen festen Arbeitsvertrag.

Aber auch befristete Arbeitsverhältnisse setzt Hayn zum Teil im ersten halben Jahr nach der Prüfung ein. So verhindert sie eine Ausruhphase und motiviert die jungen Gesellen, sich anzustrengen. Denn wer flexibel auf die Bedürfnisse der Angestellten eingeht, kann auch eine hohe Motivation erwarten. ◁

Christina Geimer