Die Messe Techtextil ist die Informationsplattform Nummer eins für innovative Stoffe. Die gezeigten Innovationen bündelten ein hohes technisches Know-how, die Voraussetzung für hochfunktionelle Textilien, wie sie in der Berufs- und Schutzbekleidung wie auch im OP-Saal und dem Gesundheitssektor gebraucht werden. Für die Besucher nicht immer leicht, den Überblick zu behalten.
Geteiltes Messeecho
Textilien ohne Mehrfachfunktionalität sind inzwischen kaum mehr vorstellbar. Feuchtigkeitsregulierung und Wasserabweisung, Schutz vor mikrobiellem Befall oder ultravioletten Strahlen, den Gefährdungen durch Flammen, flüssiges Metall und Hitze zeichnen ein modernes Textil aus. In besonderem Maß zeugte die alle zwei Jahre wiederkehrende Frankfurter Messe Techtextil von diesem Trend. Fast jeder Hersteller hob diese Eigenschaften bei der Darstellung seiner Produkte und Leistungen hervor. Dadurch wurde das Angebot aber auch unübersichtlich. Immerhin vermittelte die parallel veranstaltete Texprocess, die Ausstellung für Bearbeitungsmaschinen und Accessoires, mehr Klarheit. Doch obschon sie mit einer viertägigen Laufzeit mehr Informationsmöglichkeiten als die Techtextil bot, wurde das Angebot nur wenig genutzt- zum Ärger mancher Aussteller.
Seit Jahrzehnten ist die in Frankfurt veranstaltete Messe Techtextil die Informationsplattform Nummer eins für innovative Stoffe. In den Messehallen werden alle zwei Jahre Neuheiten für vielfältige technische Anwendungen von Textilien vorgestellt. Das Artikelangebot reicht von beschichteten Geweben für das textile Bauen über ausgerüstete Materialien für die Sport- und Schuhwarenindustrie. Es umfasst hochbeständige Filtersysteme ebenso wie Abdeckplanen für Müllhalden oder Vliesstoffe für Deichbefestigungen. Auch OP-Textilien und Stoffe für Berufs- und Schutzbekleidung werden dazugezählt. Die Vielfalt ist scheinbar grenzenlos, zumal die Anwendungen technischer Textilien jährlich zunehmen. Daher ist die Messe seit ihrer Gründung in den 80er Jahren ständig gewachsen. Auch in diesem Jahr hat die Zahl der Aussteller kräftig zugelegt. In der Zeit von 24. bis 27. Mai 2011 präsentierten sich insgesamt 1.561 Hersteller aus 60 Ländern in vier Hallen. Die im Jahr 2009 veranstaltete Messe zählte im Vergleich dazu 1.195 Aussteller aus 45 Ländern. Das ungewöhnliche hohe Wachstum ist allerdings nicht der Techtextil allein geschuldet. Es geht vor allem auf das Konto der Texprocess. Die früher als IMB bekannte und in Köln angesiedelte Ausstellung für Bearbeitungsmaschinen und Accessoires ist seit 2011 in Frankfurt am Main beheimatet. Durch diesen Wechsel hat sich eine entsprechende Verschiebung der Aussteller und Besucher ergeben.
Die positive Entwicklung der Messe für technische Textilien drückt sich auch in der Hallenbelegung aus. In diesem Jahr füllten Fasern, Vliesstoffe, textile Flächen, Ausrüstungschemikalien und Systemlösungen zwei Hallen, zwei weitere waren mit Konfektions-, Veredelungs- und Finishanlagen sowie Accessoires wie Näh- und Stickgarne, Knöpfe oder Verschlusssysteme belegt. Durch die räumlich dicht aneinanderliegenden Hallen waren Synergieeffekte für beide Ausstellungsteile geplant. Nach Angaben der Messeleitung sollte von der Techtextil eine Sogwirkung auf die Be- und Verarbeitungsbranche und andersherum ausgehen. Vom 24. bis 26. Mai, der offiziellen Dauer der Techtextil, war ein solcher Effekt ansatzweise zu spüren. Am letzten Tag der Texprocess, dem 17. Mai, herrschte in den Hallen 5 und 6 jedoch fast überall Leere. Dementsprechend schlecht war die Stimmung vor allem bei den Ausstellern von Zubehör. Sie bemängelten das Fehlen ganzer Ländergruppen. So seien dieses Mal vergleichsweise wenig Fachbesucher aus Süd- und Osteuropa nach Frankfurt am Main gekommen. Der konkurrierenden, im September 2011 in Shanghai abgehaltenen Messe China International Sewing Machinery & Accessorie Show (CISMA) sei zudem geschuldet, dass Besucher aus Asien ausblieben. Damit, so das Fazit mancher Aussteller, wäre die Texprocess hinter den versprochenen Erwartungen zurückgeblieben.
Ganz gegenteilig äußerte sich das Gros der Aussteller der Techtextil. Sie waren mit der Messe ausgesprochen zufrieden, da sie fast ausschließlich von Entscheidern besucht wird, die spezielle Lösungen für ihre Aufgabenstellungen suchen. Für die produzierende Industrie ergeben sich dadurch immer neue Anwendungsgebiete und Herausforderungen, durch die sie ihr spezielles Know-how weiter ausbauen können. Aufgrund dieser Erfahrung sind verschiedene Unternehmen dazu übergegangen, auf der Techtextil keine Produkte mehr zu zeigen, sondern ihre Expertise in der Produktion von textilen Vor- und Fertigprodukten, der Hochveredlung und Ausrüstung darzustellen. Doch dieser Trend macht einem ungeübten Besucher die Orientierung auf der Messe schwer. So werden gangauf, gangab multifunktionelle Materialien gezeigt, die Flammhemmung und Schutz vor flüssigem Metall, Schmutzabweisung und Feuchtigkeitsmanagement, Sicherheit gegenüber Mikroorganismen und Schutz vor elektrostatischen Entladungen vereinen. Dabei bleiben die Materialien, auf die sich die Funktionen beziehen, oft ungenannt. Besucher, die also beispielsweise gezielt nach Neuheiten im Umfeld von Berufs- und Schutzbekleidungsgeweben oder OP-Textilien suchen, sollten die in Frage kommenden Lieferanten kennen. Ohne die entsprechende Vorauswahl kann man sich in dem enormen Angebot schnell verlieren.
So waren in Frankfurt am Main eine ganze Reihe branchenbekannter Anbieter vertreten. Die Christian Eschler AG aus dem schweizerischen Bühler etwa stellte eine Weltneuheit vor. Das Unternehmen hat eine flammhemmende Maschenware aus Aramid- und PTFE-Garnen entwickelt, die sich durch ein hervorragendes Schweiß- und Feuchtigkeitsmanagement auszeichnet. Das Textil, das der Norm EN ISO 11612 entspricht (A1, B1 und C1) kann als Unterwäsche direkt auf der Haut getragen werden. Es empfiehlt sich nach Auskunft des Unternehmens daher beispielsweise für Ordnungsdienste, die vermehrt mit hochbrennbaren Wurfgeschossen in Kontakt kommen können. Nachfrage besteht aber auch durch die Formel 1 sowie für Piloten von Kampfjets.
Ebenfalls aus der Schweiz stammt eine Entwicklung für den Berufsbekleidungsbereich, die einen hohen Sonnenschutz und eine minimale Infrarotabsorption bei dunklen Farbtönen garantiert. Durch die so genannte Coldblack-Technologie heizen sich die Bekleidung und der Körper weniger auf und der Träger schwitzt nicht so stark. Die auf der Techtextil präsentierte leasingtaugliche Variante bringt also eine erhebliche Entlastung für all jene Arbeitsbereiche, in denen schwarze Bekleidung eine wichtige Rolle spielt.
Bekaert aus dem belgischen Wetteren wiederum legte die Schwerpunkte auf schnittfeste und antistatische Schutzgewebe sowie Textilien zum Schutz gegen elektrische Felder. Aufgrund der eingearbeiteten, waschbaren Stahlfasern schirmen die Materialien elektromagnetische Wellen im Frequenzbereich von 300 bis 1.000 MHz bis zu 99,99 Prozent ab. Diese Eigenschaft eröffnet den Geweben vielfältige Anwendungsmöglichkeiten in der Mode und der Berufsbekleidungsindustrie. Das Inventex Spezialwerk Funke aus Hof hat sich wiederum auf Schutzkbeleidungsgewebe aus reinen Markenfasern ohne Regeneratanteil spezialisiert. Mit eigens entwickelten Ausrüstungen, etwa auf Basis keramischer Beschichtungen oder Kaschierungen mit hitzereflektierenden Folien, liefert das Unternehmen Stoffe für Schutzbekleidung in extremen Arbeitsumgebungen.
Mit einer sensorbasierten Schutzausrüstung für die Waldarbeit wurde eine Weiterentwicklung bestehender Schutztechnologien vorgestellt. Die Gemeinschaftsarbeit der Hohenstein Institute und der Universität Bremen erhöht die Sicherheit beim Einsatz von Motorsägen in der Forstwirtschaft um ein Vielfaches. Die sensorbasierte Schutzausrüstung verhindert Schnittverletzungen, indem die Motorsäge automatisch und aktiv abschaltet. Dies wird durch eine Näherungssensorik erreicht, die in das Gewebe der Schutzbekleidung eingearbeitet ist. Die Liste der in Frankfurt am Main gezeigten Innovationen ließe sich endlos fortschreiben. Jede dieser Entwicklungen zeichnet sich durch eine Grundvoraussetzung aus: Sie bündeln ein großes technisches Know-how. Dieses ist die unbedingte Voraussetzung für hoch funktionelle Textilien, wie sie in der Berufs- und Schutzbekleidung wie auch im OP-Saal und dem Gesundheitssektor gebraucht werden. Ein Besuch der Techtextil in Verbindung mit der Texprocess lohnt sich daher auf alle Fälle. Der nächste Termin steht schon fest: 11. bis 13. Juni 2013.
Dipl.-Ing. Sabine Anton-Katzenbach