Die Waschbär GmbH im thüringischen Mühlhausen zeigt sich offen gegenüber neuen Technologien. Um auf dem Weg zu weiteren ressourcenschonenden Prozessen und digitalen Lösungen möglichst alle Mitarbeitenden zu sensibilisieren, setzt das Unternehmen vor allem auf eines: eine gute Kommunikation. Wir waren vor Ort.
Henrik Bier ist nicht nur Firmenchef, sondern Unternehmer, und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Er hat viele Ideen, große Visionen und liebt einen lebhaften und fruchtbaren Austausch.
Er weiß, was für seinen Betrieb – die Waschbär GmbH, die er 2008 von seinem Vater übernahm – auf lange Sicht funktioniert.
Und er sieht, was mit Blick auf die klimatischen und politischen Herausforderungen unserer Zeit zunehmend notwendig wird.
Dabei setzt er jedoch nicht ungebremst auf digitale Lösungen, sondern überlegt, testet und wägt ab. So auch beim neuen digitalen Fuhrpark.
Strichliste vs. App
„Wir hatten bislang händisch geführte Lade- und Rückhol-Listen für unsere Container“, berichtet Henrik Bier. „Das war ein wahnsinniger Papierkrieg. Jetzt wird das Ganze einfach in einer App dokumentiert.“
Da jeder Fahrer ohnehin ein Diensthandy bei sich habe, sei dieser Transfer nicht nur unproblematisch, sondern auch naheliegend. Die App gebe den Kollegen nun die jeweilige Tour vor. Durch das Scannen der aufgeladenen und abgeladenen Waren erübrigten sich die bisherigen Strichlisten.
Außerdem in der App integriert: ein Tankbuch. So könne sich die Fahrer auf das Wesentliche konzentrieren, nämlich das Fahren und die Kommunikation mit dem Kunden vor Ort. „Wir haben die App jetzt auf zwei, drei Touren probiert. Das Feedback im Fuhrpark war positiv“, so Bier.
Waschbär GmbH stellt Privatkundengeschäft ein
Eine weitere Veränderung kam zu Beginn des Jahres, als man beim Waschbären das historische Kerngeschäft, nämlich die Reinigung im Privatkundenbereich, gänzlich einstellte. Dem vorausgegangen war ein Entscheidungsprozess über mehrere Monate sowie die Auswertung der vergangenen drei Geschäftsjahre.
Schnell wurde sichtbar, dass Privatkunden weniger als ein Prozent aller Aufträge ausmachten.
Dass Henrik Bier dieser Entschluss trotz eindeutiger Zahlen nicht leichtfiel, begründete er so: „Zum einen spielt bei einer solchen Entscheidung unsere Firmengeschichte hinein. Man soll ja nicht vergessen, wo man herkommt. Zum anderen habe ich auch eine unternehmerische Verantwortung gegenüber meiner Heimatstadt. Wir waren hier der einzige Fachbetrieb, bei dem Privatkunden noch ihre Ware abgeben konnten. Der nächste Kollege, der diese Dienstleistung anbietet, ist 30 Kilometer entfernt. Die nächste chemische Reinigung finden Sie in 40 Kilometern. Dennoch: Am Ende mussten wir den ökonomischen Zwängen nachgeben.“
Auch bei diesem Thema stand die Kommunikation an erster Stelle. In den sozialen Netzwerken hat sie allerdings nicht auf Anhieb funktioniert. Da hieß es fälschlicherweise schnell, der Waschbär würde gänzlich schließen, was er noch lange nicht vorhat.
Drei Azubis im Betrieb
Neue Wege beschreitet Henrik Bier auch mit den derzeit drei beschäftigten Auszubildenden, die nicht, wie üblich, an der Frankfurter Anni-Albers-Schule die Theorie der Textilreinigung erlernen, sondern an der Hannoveraner Anna-Siemsen-Schule.
„Aufgrund unserer geografischen Lage haben wir einen Gastschulantrag bei der Berufsschule in Hannover gestellt und auch bewilligt bekommen“, erklärt der Firmenchef. „Das ist von der Zugverbindung deutlich einfacher. Außerdem ist das eine ausgezeichnete Schule. Die verantwortliche Lehrerin, Ursula Dreyer, macht dort einen hervorragenden Job.“
Über die Technik, so wie sie in Frankfurt vorhanden ist, verfüge Hannover zwar nicht, dafür gebe es aber praktische Lösungen. So öffne die nur wenige Meter entfernte Wäscherei Seidel regelmäßig ihre Werkstore für die Azubis. Zudem gebe es viele Klassenausflüge zu Maschinenherstellern und Chemielieferanten.
R+WTextilservice berichtet darüber immer wieder:
Internationale Azubis in der Waschbär GmbH
Alle drei Azubis kommen aus Vietnam. Ermöglicht wurden ihnen die Ausbildungsplätze bei Waschbär über das Projekt „CRAFT“ von der Handwerkskammer Erfurt, das Auszubildende und Fachkräfte aus Vietnam, Georgien, der Republik Moldau und Kasachstan für das Thüringer Handwerk gewinnt.
„Diese jungen Leute werden eng von der Handwerkskammer beim Onboarding begleitet“, so Bier. „Die drei suchen schlicht und ergreifend eine persönliche Entwicklungschance in einem Industrieland. Das ist deren Kernmotivation und da hängen sie sich voll rein. Die Ausbildung bei uns ist ihr Ticket, um in Deutschland sesshaft zu werden.“
„Der Beruf Textilreiniger ist in der öffentlichen Wahrnehmung nicht sichtbar"
Die Waschbär GmbH konnte auf diese Weise das Nachwuchsproblem erfolgreich angehen. Für die Branche sieht Henrik Bier ein großes Problem, das aber lösbar ist: „Der Beruf Textilreiniger ist in der öffentlichen Wahrnehmung nicht sichtbar. Teilweise wird man mit der Frage konfrontiert: ‚Ist das überhaupt eine Ausbildung in der Wäscherei?‘“
Um zu veranschaulichen, was die Arbeit des Textilreinigers in seinem Betrieb tatsächlich ausmacht, fasst Henrik Bier einmal zusammen: „Wir machen Berufsbekleidungsanproben, Corporate-Fashion-Beratung, wir erstellen Logistikkonzepte mit verkürzten Laufwegen für unsere Kunden, wir liefern zeit- und passgenaue Logistik bis hinein in die Schränke der Kunden, wir fahren raus, um den Kunden vor Ort beispielsweise zu seinem Wäscheaufbewahrungsraum zu beraten. Was hat all das mit Wäschewaschen zu tun? – Gar nichts. Natürlich ist die Textilpflege ein wichtiger Bestandteil. Moderner Textilservice geht aber weit darüber hinaus.“
Aktiver Klimaschutz
Dem 47-Jährigen geht es vielmehr um Sinnstiftung, denn das sei es, was junge Menschen interessiere. Den Sinn seines Handelns sehe er nicht im Wäschewaschen. Stattdessen definiert er seine Arbeit so: „Wir sind ein Textilserviceunternehmen, das kritische Infrastrukturen versorgt, das Gesundheitswesen in mehreren Landkreisen am Laufen hält und durch seine effizienten Prozesse aktiven Klimaschutz betreibt.“
In der Beschreibung der Azubi-Stellen ist von einem „Nachhaltigkeitsexperten“ die Rede, zu dem man sich durch die Ausbildung entwickele. Durch effiziente chemisch-physikalische Prozesse lerne man, Textilien im besten Fall möglichst lange im Kreislauf zu halten. „Kreislaufwirtschaft par excellence“ sei das. Hier wünscht sich Henrik Bier ein branchenweites Selbstverständnis, das in dieser Form auch nach außen kommuniziert wird.
Und da Sinnstiftung eng mit einem Mehrwert verknüpft ist, erklärt Bier sein Verständnis davon: „Bei kundeneigener Wäsche sorgt eine professionelle Textilpflege für möglichst lange Lebenszyklen. Ich trage also dazu bei, dass eine Textilinvestition eine möglichst lange Nutzungsdauer hat. Das ist Werterhaltung und dadurch Investitionssicherung.“
Waschbär GmbH: Eigene Textilien und Leasingmodell
Hauptsächlich bearbeitet die Waschbär GmbH ihre eigenen Textilien, betreibt also ein Leasingmodell. Mit der Nachhaltigkeit und den langen Lebenszyklen schützt man somit die eigenen Investitionen. „Da kommen Ökonomie und Ökologie in wunderschönen Einklang“, berichtet der Mühlhäuser Unternehmer. „Es ist ein irrsinniges Geschenk, dass unsere Branche so ein Geschäftsmodell hat. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal.“
Das allein genügt allerdings nicht, um den Beruf des Textilreinigers attraktiv zu machen und Fachkräfte auszubilden und zu gewinnen. Neben der beschriebenen Sinnstiftung sind für Mitarbeitende auch KI und automatisierte Unterstützung ein Thema, genauso wie flexible Arbeitszeiten und eine gesunde Work-Life-Balance.
Keine alten Arbeitsmodelle
„Jede Generation hat ihre eigenen Ideen und das ist auch richtig so, sonst entwickelt man sich nicht weiter. Also muss ich mich als Arbeitgeber den verfügbaren Arbeitskräften der Zukunft anpassen und nicht andersrum.“ Den devoten, ewig loyalen Arbeitnehmer, der nur „Ja und Amen“ sagt, sieht Henrik Bier als aus der Zeit gefallen. „So wie wir miteinander in einem Unternehmen umgehen, überträgt sich das natürlich auch auf die Verhaltensweise im privaten Umfeld. Auch deswegen möchte ich keine alten, tradierten Arbeitsmodelle.“
Die Waschbär GmbH ist ein Einschichtbetrieb – ein Wettbewerbsvorteil am Standort, da die Arbeitszeiten den Angestellten sehr entgegenkommen. Wenn eine Acht-Stunden-Schicht beispielsweise für eine alleinerziehende Mitarbeiterin schwer zu bewältigen ist, findet man in der Regel einen Kompromiss.
„Dieser Einschichtbetrieb würde bei der Einführung von Robotik übrigens dazu führen, dass die Amortisationszeiten noch sehr lange wären“, berichtet Bier. „In einem Mehrschichtbetrieb rechnet sich eine solche Maschine schneller. Das hält uns momentan noch von so einer Investition ab. Wir sehen das Thema aber klar als Zukunftsmodell und werden es ganz dicht begleiten. Wir warten nur noch den richtigen Zeitpunkt ab.“ Zudem scheitere die Robotik aktuell noch am breit aufgestellten Haussortiment. Die Maschinen stießen dabei noch an ihre Grenzen.
Robotik ist kein Jobkiller
Für KI-Unterstützung im administrativen Bereich sieht der Thüringer ebenfalls große Vorteile in seinem Betrieb. Im produktiv-technischen Bereich hingegen ist er derzeit noch abwartend. Hier stellt sich die Frage: Setzt man auf einen einzigen Hersteller und muss sich somit unter Umständen eine Vielzahl neuer Anlagen anschaffen? Oder funktioniert auch eine sinnvolle Maschinenvernetzung von verschiedenen Herstellern über entsprechende Schnittstellen? Wie bei der Robotik beobachtet Henrik Bier auch dieses Thema ganz genau und zeigt sich aufgeschlossen.
„Der Fach- und Arbeitskräftemangel wird sich weiter verschärfen, sodass Robotik die nicht mehr zu akquirierenden Arbeitskräfte ersetzt“, erklärt er. „Somit ist sie also kein Jobkiller, sondern eine logische Entwicklung einer schrumpfenden erwerbstätigen Gesellschaft.“
Übernehme die Robotik einfache, monotone Tätigkeiten, hätten es Menschen mit geringer Qualifikation künftig schwerer, einen Arbeitsplatz zu finden, so Bier. Gute Bildung werde dann zur entscheidenden Voraussetzung für den Berufseinstieg.
„Andererseits wird es in unserer Branche künftig Jobs geben, die wir heute noch gar nicht anbieten“, fährt Bier fort. „Menschen, die Roboter programmieren und reparieren, die Maschinen steuern und vernetzen. Da brauchen wir irgendwann IT-Systemelektroniker im Produktivbereich.“ Das sei zwar noch Zukunftsmusik, würde aber so kommen.
Gleichwohl würden weiterhin Textilreiniger gebraucht – Fachleute mit umfangreichen Kenntnissen über die Maschinen und die Prozesse. Die Jobs von ungelernten Hilfskräften würden in größeren Unternehmen perspektivisch wegfallen. „In der Wäscherei der Zukunft werden wir wenige Menschen sehen. Und die Menschen, die dort sind, haben ein Tablet mit einem kompletten digitalen Zwilling der Wäscherei unter dem Arm und sehen nach, wo gerade eine Störung ist.“
Nach den Vorstellungen des Waschbär-Chefs ist auf lange Sicht auch eine energetische Transformation unausweichlich. Die Gründe liegen auf der Hand: Fossile Brennstoffe sind endlich, und die Abhängigkeit von anderen Ländern birgt schon jetzt Risiken in puncto Verfügbarkeit und Preisstabilität. „Zu einer solchen Transformation gehört eine Infrastrukturkomponente, sprich: Stromkabel. Ebenso eine kommunale Wärmeplanung.“ Hier sei man mit Netzbetreibern bereits im Gespräch und insgesamt in der Region schon gut vernetzt.
Im Sinne der Effizienz
Energieschonende und effiziente Prozesse strebt Henrik Bier schon lange an. Die vorletzte Investition war eine komplette Restrukturierung der Dampferzeugung mit einem zweiten Abgaswärmetauscher und einem intelligenten Regelsystem, das eine Gaseinsparung von etwa 7 % einbrachte.
Außerdem ist das Unternehmen auf eine neue Technologie zur Wasserenthärtung umgestiegen, die den Salzverbrauch halbiert. Der nächste Schritt wird die Absenkung des Dampfdrucks im gesamten Leitungsnetz sein. Das führt zwar zu einer leichten Leistungsminderung, aber der Energieverbrauch wird damit überproportional gesenkt.
Es ist, war und bleibt also viel in Bewegung in der Waschbär GmbH in Mühlhausen.
Doch wie sehen das die derzeit 72 Mitarbeitenden?
„Transparenz ist mir schon immer ein großes Anliegen“, erklärt Bier, „egal, ob es um die Geschäftszahlen, den Klinikmarkt, den Altenpflegemarkt oder neue Ideen und Prozesse geht. Wir nehmen die Leute frühzeitig mit, erläutern unsere Beweggründe und fragen nach Feedback, das übrigens immer heterogen ausfällt. Das gilt es zu moderieren. Aber Veränderungen kommen nicht von heute auf morgen. Und eine gute Fehlerkultur gehört auch dazu.“ Und wieder einmal zeigt sich: Kommunikation ist alles.


