Techtextil 2013 Hoffnungsträger technische Textilien

Technische Textilien, zu denen Berufs- und Schutzbekleidungsgewebe zählen, haben Aufwind. Diesen Trend stellte die Frankfurter Messe Techtextil 2013 unter Beweis. Etwa ein Achtel der 1.300 Aussteller präsentierten Textilien zum Schutz gegen Chemikalien, Hitze, Flammen, Kälte und Witterungseinflüsse. Während hochfunktionelle Textilien mit Mehrfachschutz aus Europa stammen, werden Standards inzwischen in Asien produziert. Und diese Entwicklung hält so manche Überraschung parat.

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    Europäische Gewebehersteller haben sich auf funktionelle Schutzbekleidungsgewebe spezialisiert.Fotos: Messe Frankfurt Exhibition GmbH/Jean-Luc Valentin
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    Eine Zusammenarbeit von Klopman und Schoeller Textil soll zu neuen, innovativen Gewebelösungen für Berufs- und Schutzbekleidung führen.
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    Mit neuen Fasern und Geweben werden Anwendungen für Nischenmärkte erschlossen.

Hoffnungsträger technische Textilien

Mit der Öffnung Asiens hat in Europa eine Verlagerung der Textilproduktion stattgefunden. Wurden hierzulande noch vor 20 Jahren Standardgewebe für Berufsbekleidung gefertigt, wanderte die Produktion immer weiter ostwärts und erfolgt heute vor allem in China. In den europäischen Fabriken hingegen wurden deren Veredlung und die Herstellung hochspezialisierter Schutzbekleidungstextilien ausgebaut. Im Fachjargon der Messegesellschaft Frankfurt am Main, der Veranstalterin der Techtextil, werden solche Materialien unter dem Überbegriff „Protech“ zusammengefasst. In diese Rubrik fallen alle Stoffe, die zu Bekleidung für das Militär und Sicherheitsdienste, zu Feuerwehrschutzanzügen und zu Schutzbekleidung weiterverarbeitet werden. Es handelt sich also überwiegend um Textilien, die Sicherheit gegenüber mechanischen, chemischen und thermischen Gefährdungen bieten.

Dass „Protech“-Textilien in Europa eine wichtige Rolle spielen, stellte die alle zwei Jahre stattfindende Fachmesse Techtextil unter Beweis. Von den 1.322 Teilnehmern listet der Ausstellerkatalog etwa 200 Unternehmen aus der Faser-, Textil-, Zuliefer- und Textilhilfsmittelindustrie. Im Vergleich zur vorhergehenden Messe im Jahr 2011 stieg die Zahl damit um fast fünf Prozent. Die Veränderung reflektiert das durchschnittliche Wachstum der Branche, das von der Gherzi Textil Organisation (Zürich) im Bereich der Gewebe, Gelege (und andere) weltweit auf etwa plus vier Prozent geschätzt wird (Quelle: Messe Frankfurt, Gherzi Textil Organisation, 4. Juni 2013: Technical Textiles).

Die Zuwächse bei den Ausstellern von Arbeitsschutztextilien gehen im Wesentlichen auf das Konto chinesischer Unternehmen. Nachdem sie bereits den Markt für Berufsbekleidungsgewebe aufgerollt haben, nehmen sie nun die Textilien für Schutzbekleidung in Angriff. Allerdings beschränkt sich das Angebot vorerst nur auf Basismaterialien wie Warn- und Wetterschutz. Diese „einfachen“ Schutzbekleidungsgewebe werden mit den vom europäischen Markt geforderten Zertifikaten für die DIN EN 471 und 343 ausgeliefert. Doch häufig trügt der mitgelieferte Schein. Denn im Land der aufgehenden Sonne ist beileibe nicht garantiert, dass die Herstellungsbedingungen eines zertifizierten und eines ausgelieferten Textils übereinstimmen. Und weil Kontrollen zum Abgleich von Ist- und Sollzustand zertifizierter Materialien und Mechanismen zur Ahndung von Verstößen fehlen, werden Waren exportiert, deren Normkonformität mehr als fraglich ist.

Prüftourismus steht zu befürchten

Diese Situation wird nach Branchenmeinung zusätzlich durch die Tendenz zur Überführung heimischer oder europäischer Standards in internationale Normen verschärft. So lange Schutzbekleidung und Schutzbekleidungsgewebe nach europäischen EN-Standards zertifiziert wurden, erfolgten die Prüfungen ausschließlich in akkreditierten Instituten, die sich den Regularien des European Committee for Standardization (CEN) unterwerfen. Bei einer Internationalisierung der Standards in ISO-Normen weitet sich das Netz der Prüfinstitute über den Globus aus. Dadurch, so die Befürchtung, kann es zu einer Verwässerung des strengen Prüfwesens kommen. Denn nicht in allen Regionen ist die Einhaltung von Verhaltensmaßregeln, Gesetzen und Richtlinien durch ein Unternehmen (oder Prüfinstitut) eine Selbstverständlichkeit. „Compliance“ wird eher als System elastischer Nachgiebigkeit interpretiert (http://dict.leo.org). Soll heißen: Die benötigten Zertifikate werden gekauft, obwohl die Ware bei der Prüfung durchgefallen ist oder gar nicht erst auf dem Prüfstand war. Auf diese Weise kommen Produkte ohne die versprochene Schutzwirkung auf den Markt. Die Folgen sind nicht nur für den Anwender fatal, sondern auch für die europäischen Gewebehersteller: Sie müssen die Zeche für das Einhalten der normbedingten Prozesse teuer bezahlen. Dadurch klafft die Preisschere, wie zuvor im Berufsbekleidungsmarkt, zwischen europäischen Produkten und solchen aus Asien immer stärker auseinander. Gleichzeitig setzt mit dem Preisverfall auch ein „Downgrading“, also eine Abstufung der Warenqualität, ein. Eine solche Entwicklung hat inzwischen bei Warn- und Wetterschutztextilien begonnen und ist mittelfristig auch bei Flamm- und Hitzeschutzgeweben zu erwarten. Denn es drängen immer mehr Meta-Aramidfasern (die bekannteste Markenfaser aus Meta-Aramid ist Nomex) aus chinesischer Produktion auf den Markt.

Spezialitäten für Schutzbekleidung

Um ihren Wettbewerbsvorteil zu erhalten und einem langfristigen Verschwinden vom Markt entgegenzuwirken, fokussieren sich die europäischen Hersteller auf hochfunktionelle Berufs- und Schutzbekleidungsgewebe. Bei der Spezialisierung geht jeder Hersteller eigene Wege. So haben sich beispielsweise bei Utexbel aus Waregem in Belgien Innovationen als wirksames Mittel zur Abgrenzung gegenüber Billigproduzenten bewährt. Ganz neu auf der Messe präsentierte das Unternehmen ein Gewebe, das gegen den Einsatz von Elektroschockern schützt. Die 10.000-V-Schocker gehören zu den modernen Waffen, um Angreifer kurzfristig außer Gefecht zu setzen. Die neuen Stoffe sollen zukünftig zu Uniformen für Sicherheitsdienste oder den öffentlichen Personennahverkehr verarbeitet werden.

Theodolf Fritsche aus Helmbrechts hat sich wiederum der Verarbeitung von Nomex-Fasern zu zertifizierten Schutzbekleidungsgeweben für Industrie, Feuerwehr, Militär und Polizei verschrieben. Die Kooperation mit dem Faserhersteller DuPont bietet dem Hersteller und seinen konfektionierenden Kunden Vorteile. So ist die Markenfaser für ihre hohe Sicherheitsfunktion bekannt. Diese wird von Anbeginn überwacht und die Qualität durch regelmäßige Prüfungen aller Verarbeitungsprozesse kontrolliert. Darüber hinaus bietet DuPont ein umfangreiches Schulungsprogramm und ermöglicht seinen Kunden die Durchführung von Untersuchungen wie etwa den „Thermoman“-Test. Dank der engen Zusammenarbeit zwischen Faserhersteller und Weberei umfasst die Produktpalette von Theodolf Fritsche 300 Artikel, die ab einer Bestellmenge von 300 m geliefert werden. „Ein chinesisches Unternehmen“, so der Kommentar des Unternehmens, „schmeißt für eine solche Order keine Maschine an.“

Laminate nach Kundenanforderung

Auf den Vorteil kundenspezifischer Artikel und Laminaten in Verbindung mit geringen Produktionsmengen setzt Trans-Textil aus Freilassing. Das Unternehmen fertigt individuelle Produkte ohne Mindestabnahmemengen und garantiert schnelle Lieferzeiten. Dazu gehören unter anderem die jüngsten Carbonmembrane für Schutzbekleidung und technische Anwendungen. Aufgrund der Vielfältigkeit des Produktportfolios übernimmt das Unternehmen zwar keine Zertifizierung der Textilien, sorgt aber dafür, dass diese die Normen erfüllen. Dadurch kann der Kunde sicher sein, dass das Endprodukt - also beispielsweise ein OP-Mantel - die Normierung ohne weiteres schafft.

Hochspezialisierte Laminate gehören auch zu der Spezialität des belgischen Gewebeherstellers Concordia Textiles. Das Unternehmen fertigt wasserabweisende Textilien für unterschiedliche klimatische Gegebenheiten und mit ausgezeichneter Leasingtauglichkeit. Dabei werden verschiedene Systeme - darunter Polyurethan (PU), Polyester (PET), Polytetrafluorethylen (PTFE) und mikroporöses Polyurethan - verwendet. Darüber hinaus entwickeln die Belgier auf Basis von Aramiden und flammhemmend ausgerüsteter Baumwolle Schutzgewebe gegen Hitze, Flammen und flüssiges Metall sowie Störlichtbogen und elektrostatische Entladung.

Corporate Fabrics aus Grafengehaig reagiert auf die Konkurrenz aus China durch ein Angebot hochwertiger Textilien und Multinormgeweben, die bis zu sieben Standards erfüllen. Alle Stoffe werden in Deutschland nach den Maßgaben einer sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Unternehmensverantwortung produziert. Diese Corporate Social Responsibility wird von den Kunden inzwischen häufiger nachgefragt, so die Erfahrung des Unternehmens.

Gewebe und Ausrüstung kombinieren

Klopman International wiederum hat mit dem schweizerischen Innovationsführer Schoeller Textil aus Sevelen eine Kooperation geschlossen. Aus dieser ist eine gemeinsame Kollektion mit dem Namen „Synergo“ hervorgegangen. Sie bietet ein funktionales Baukastensystem, in das beide Partner ihr Know-how einbringen. Klopman bedient die Materialseite mit Berufs- und Schutzbekleidungsgeweben. Schoeller rüstet die Ware mit zusätzlichen Funktionalitäten wie „ecorepel“ (eine fluorkarbonfreie schmutzabweisende Ausrüstung), „Coldblack“ (eine in der Sonne nur wenig aufheizende Schwarzfärbung) oder 3XHDRY (ein Finish mit gutem Feuchtigkeitsmanagement) aus.

Mit einer wachsenden Konkurrenz aus Asien kommen nicht nur die europäischen Textilhersteller unter Druck. Auch die vor- und nachgelagerten Stufen - also die Faser- und Textilhilfsmittelindustrie und Accessoirehersteller - setzen auf Innovationen. Hierzu zählen beispielsweise hochbeständige Aramidfasern, die zu leichtgewichtigen Multinormgeweben verarbeitet werden können. Waschbeständige, fluorfreie, schmutzabweisende Imprägnierungen gehören zu Innovationen auf Ausrüstungsseite. Schwer entflammbare Reißverschlusselemente aus Polymid und Aramid und einem Band aus der schwer entflammbaren Modalfaser Lenzing FR sind funktionelle Neuheiten von Zubehörherstellern wie YKK aus Mainhausen.

Asien zieht nach

Dass eine vergleichbare Entwicklung in der Konfektion von Berufs- und Schutzbekleidung stattfindet, zeichnet sich seit Jahren ab. Doch während bisher überwiegend Berufsbekleidung aus Billigimporten auf den Markt drängte, zieht allmählich auch Warn-, Hitze- und Wetterschutzbekleidung aus asiatischer Produktion nach. In diesem Segment ist nach den Erfahrungen vieler Aussteller der Techtextil aber Vorsicht geboten. Denn die Beschaffung einer günstigen Schutzbekleidung kann für den textilen Mietservice teure Folgen haben. Einerseits entsprechen die gelieferten Waren nicht unbedingt den vorgelegten Prüfzertifikaten. Aufgrund fehlender Kontrollmechanismen in den Herstellerländern kann es zu großen Abweichungen kommen. Die versprochene Schutzwirkung bleibt aus. Die Folge sind teure Nachprüfungen, weil der Textilmietservice als Inverkehrbringer der Schutzbekleidung für deren Sicherheit garantiert. Erfüllt die Ware die Normen nicht, kommt sie ihn besonders teuer zu stehen: Zu den Prüfkosten addieren sich die Neubeschaffung wirkungsvoller Schutzbekleidung und die Entsorgung der unbrauchbaren Importware. Dasselbe gilt für die Leasingtauglichkeit. Häufig liegen Welten zwischen der zugesicherten Waschbeständigkeit und dem tatsächlichen Verhalten der Ware. Die Folge ist ein nicht kalkulierbarer vorzeitiger Verschleiß. Dieser tritt nicht nur bei Berufs- und Schutzbekleidung ein, sondern auch bei Objekttextilien, wie ein Gespräch mit dem Tischwäschehersteller Curt Bauer aus Aue ergab.

Zuverlässigkeit zählt

Immerhin scheint die europäische Mietservicebranche weitgehend uninteressiert an Schutzbekleidung aus Asien. Zuverlässige Zertifizierungen, ein umfangreiches Fachwissen und innovative Produkte - auch für Nischenanwendungen - zählen hier mehr als günstige Preise.

Nach den Erfahrungen von Eschler Textil in Balingen entscheiden zudem ökologisch unbedenkliche Produktionsverfahren, das Bekenntnis zu Corporate Social Responsibility, regionale Nähe und der Respekt vor dem geistigen Eigentum zunehmend über die Beschaffung. Spätestens in diesen Punkten können viele Anbieter im Land der Mitte nicht mithalten.

Dipl.-Ing. Sabine Anton-Katzenbach