Ein innovatives Sensorsystem für textile Schnittschutzausrüstung soll das Arbeiten mit Motorsägen im Forst in Zukunft sicherer und komfortabler machen. Das vom Projektteam „HORST“ (für Hose und Forst) getaufte System haben Forscher der Hohenstein Institute in Bönnigheim und der Universität Bremen gemeinsam entwickelt.
Hose für mehr Sicherheit im Forst
Das Prinzip des Systems ist einfach, aber überzeugend: Kommen sich Motorsäge und Arbeitshose zu nahe, schaltet sich das Gerät aus, noch bevor es den Stoff überhaupt berührt. Bei der Fachmesse Techtextil/Avantex in Frankfurt am Main wurde das neuartige System mit dem Innovationspreis 2011 ausgezeichnet.
Konventionelle Schnittschutzausrüstung bietet ihrem Träger lediglich einen passiven Schutz: In Hose und Jacke sind Schnittschutzeinlagen aus mehreren Lagen speziellen, hochfesten Fasermaterials eingearbeitet. Kommt die Sägekette mit dem Textil in Kontakt, verfängt sie sich in diesen und wird dadurch gestoppt, bevor der Träger in Mitleidenschaft gezogen wird. Das mehrschichtige Material bringt jedoch laut Hohenstein Institute eine erhöhte Wärmeisolation mit sich, die speziell in der warmen Jahreszeit zu einer hohen physiologischen Belastung des Trägers führen kann.
Im Gegensatz dazu arbeitet das neu entwickelte, elektronische Schutzsystem HORST berührungsfrei, bereits bevor die äußere Textillage überhaupt in die Gefahr einer Beschädigung kommt. Die Entwicklungen verfolgten das Ziel, die „passiven“ Schnittschutzeinlagen auf ein Minimum zu reduzieren, den Schutz „aktiv“ zu erhöhen und die Schutzbekleidung leichter und weniger isolierend zu gestalten. Dadurch soll sich der Tragekomfort bei gleichzeitiger Reduktion der physiologischen Belastung des Trägers erhöhen. „Es war uns wichtig, den Schutz vor Schnittverletzungen zu verbessern und gleichzeitig das Tragen möglichst angenehm zu gestalten“, meint dazu Angela Mahr-Erhardt, Projektleiterin des Bereichs Bekleidungstechnik der Abteilung Function & Care an den Hohenstein Instituten.
Magnete auf der Führungsschiene der Säge und hoch sensible Magnetfeldsensoren (Reed-Schaltkontakte), die in das textile Gewebe eingebunden sind, bilden deshalb eine Art elektronisches Schutzfeld für den Forstarbeiter. Bei Annäherung werden durch das Magnetfeld der Motorsäge die Kontakte innerhalb der Hose geschlossen und ein Funksignal veranlasst, das den sofortigen Stopp der Säge auslöst. Nach Testversuchen wurde ein Mindestabstand von 5 bis 10 cm zwischen Säge und Hose als angemessen und praxisgerecht definiert. Die Näherungsdetektion erfolgt dem Forschungsinstitut zufolge extrem genau und sehr schnell.
Die in der Schnittschutzhose eingearbeiteten Schaltkontakte werden ohne Ruhestromverbrauch betrieben und sollen gut für Textilien geeignet sein, die für eine mobile Anwendung gedacht sind. Lediglich der in der Hose integrierte Funksender arbeitet mit einer Batterie. Fällt deren Ladezustand unter ein definiertes Niveau, wird aus Sicherheitsgründen die Motorsäge ebenfalls ausgeschaltet.
Für die Träger, ob Forstarbeiter oder immer mehr ambitionierte Privatleute, ist die sensorbasierte Textilschicht weder sichtbar noch spürbar und dabei äußerst robust. Praxisnahe Tests an den Hohenstein Instituten haben gezeigt, dass die innovative Schutzlösung auch bei starkem körperlichem Einsatz stabil und zuverlässig funktioniert. Auch die Pflege der Arbeitshose verläuft problemlos: Sie soll ohne Beeinträchtigung der Schutzfunktion mehrfach gewaschen werden können.
Ein weiterer Vorteil der neu entwickelten Textilien liegt laut Hohenstein darin, dass es weder für Zuschnitt noch für Konfektion Beschränkungen gibt. Diese Eigenschaft soll es den Herstellern künftig möglich machen, das innovative Gewebe für alle Arten von Schutzbekleidung zu verwenden, egal ob für Hosen oder Jacken. Auch Anwendungen von HORST außerhalb heimischer Wälder in Industrie und Handwerk sind vorstellbar.