Reisebericht Knochenjob und Handarbeit: Textilservice in Indien

Etwa 17 Millionen Inder gehören einer der unteren Kasten an und verdingen sich als Wäscher und Bügler. Verglichen mit den auf der Texcare 2024 gezeigten neuesten Technologien mutet das System eher archaisch an. Aber es ernährt viele Menschen, die mit ihrer Arbeit den Status ihrer Kunden auffrischen. Ein Reisebericht der etwas anderen Art von unserer Autorin Sabine Anton-Katzenbach.

Das Trocknen weißer Wäsche unter freiem Himmel kann den Grauschleier etwas lüften, den Hoteltextilien in Indien häufig haben.
Das Trocknen weißer Wäsche unter freiem Himmel kann den Grauschleier etwas lüften, den Hoteltextilien in Indien häufig haben. - © Sabine Anton-Katzenbach

"Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat haben.“

Theodor Fontane hätte den Kern des Reisens kaum treffender formulieren können. Das Besondere an seiner Beobachtung ist, dass sie in der heutigen Zeit noch ebenso gültig ist wie in jener Epoche, als der Horizont für viele Menschen kurz hinter dem eigenen Kochtopf endete.

So bringt die Begegnung mit anderen Kulturen und deren Handlungsweisen noch immer einen Erkenntnisgewinn, während das Abwägen des Neuen gegenüber dem eigenen Wissensstand die Vorzüge der heimischen Scholle zutage fördert. Etwas in dieser Art passierte mir kürzlich bei einer Reise nach Indien.

Jahrelang durch die Textilpflege geprägt, begleitet mich die Neugierde auf die Branche ganz selbstverständlich überall hin. In einem Hotel gilt mein erster Blick daher stets der Wäscheausstattung. Dazu ergab sich die erste Gelegenheit gleich nach der Ankunft am Flughafen von Neu-Delhi. Dort ermöglicht die Kette „Shower & Nap“ müden oder auf ihren Weiterflug wartenden Gästen einen stundenweisen Aufenthalt in praktikablen, voll ausgestatteten Hotelzimmern.

Die Unterkunft lässt ihrem Zweck entsprechend nichts zu wünschen übrig: Die Betten sind komfortabel, das Bad ist geräumig, es liegen saubere, hochwertige Hand- und Duschtücher aus.

Frottier in Indien: Chlorgeruch und Grauschleier

Beim ersten Kontakt mit dem Frottier wurden meine Gewohnheiten jedoch auf die Probe gestellt.

Das Frottier verströmte einen hierzulande meist als unangenehm empfundenen, eher mit einer Toilettenreinigung in Verbindung gebrachten Geruch. In Indien verrät er jedoch, dass fehlendes warmes Wasser und/oder ein niedriger g-Faktor durch einen anderen Sinnerschen Faktor ersetzt wurden: Chlor, hierzulande nahezu verpönt, sorgt in Indiens Wäschereien für Hygiene und Sauberkeit.

Doch trotz der stark bleichenden, desinfizierenden und oxidierenden Wirkung kann auch Hypochlorit keine Wunder bewirken. Anstelle eines strahlenden Weiß waren die Handtücher in jedem Hotel, in dem ich übernachtete, mit einem grauen Schleier überzogen, auf dem selbst eine große Menge an optischem Aufheller ihre Wirkung verfehlen würde.

Wahrscheinlich verzichten viele indische Textilpflegeunternehmen daher von vornherein auf deren Einsatz. Immerhin bieten die Sommermonate manchem Betrieb die Möglichkeit, Textilien auf natürlichem Weg zu weißen.

In der größten professionellen Freiluft­wäscherei der Welt, dem Dhobi Ghat in Mumbai, werden Bettlaken und -bezüge, Servietten, Gäste-, Hand- und Duschtücher, Berufs- und Privatkleidung über den Dächern des Areals zum Trocknen in der Sonne aufgehängt. Die sich unter dem Einfluss von UV-Strahlen und Luftsauerstoff bildenden Peroxide haben einen bleichenden Effekt auf die Weißware. Dieser kann sich jedoch kaum gegen die regelmäßig über der Stadt hängende Smog-Glocke durchsetzen.

>> Wie die Freiluftwäscherei in Dhobi Ghat arbeitet, lesen Sie hier

Wäsche von Hand zählen, bündeln, schleppen

Zum nächsten Wäschekontakt kam es im Gästebad des Madri Retreat in Udaipur. In dem großzügigen, blitzsauberen Gästebad lagen zu Rollen geformte Seif-, Hand- und Duschtücher aus. In deren Saum waren die Initialen des Hotels von der externen Wäscherei mit rotem Garn eingestickt. Dank dieser einfachen Kennzeichnung hat der Hotelbetreiber die Gewissheit, dass seine hochwertigen Frottierwaren nicht vertauscht und nach der Aufbereitung wieder zurückgeliefert werden.

Grund zu Beschwerden gab es bisher nicht, wie an der Rezeption zu erfahren war. Dies dürfte neben der individuellen Markierung der Textilien einem weiteren Faktor geschuldet sein: Die abgegebenen Wäschestücke werden von Hand gewissenhaft gezählt.

Diesem Prozess konnte jeder beiwohnen, der die Eingangstür des Hotels meiner nächsten Reiseetappe öffnete:

  • Im Flur, direkt neben der Rezeption, lag die gesamte aus den Zimmern eingesammelte Bett- und Frottier­wäsche.
  • Die Textilien wurden dort sortiert, abgezählt und auf ausgebreiteten Bettlaken zu Stapeln aufgetürmt.
  • Anschließend wurden sie zu Bündeln verschnürt, die schwere Last von hageren Trägern auf ihren Rücken gehievt und weggetragen.

In Anbetracht der verwinkelten, schmalen Gassen historischer Altstädte wird der Weg zur Wäscherei dann zu Fuß, mit Tuk-Tuks, auf Handkarren oder auch mit dem Fahr- oder Motorrad zurückgelegt.

Diese Art des Wäschetransports mutet archaisch an, ermöglicht aber auch im undurchdringlichen Verkehr der indischen Metropolen ein Durchkommen – und damit eine vereinbarungsgemäße Abholung der Schmutzwäsche und eine pünktliche Anlieferung der sauberen Textilien.

Diese werden tags darauf wieder ins Hotel zurückgeschleppt und über die Treppenhäuser oder – sofern vorhanden – per Fahrstuhl auf die Etagen verteilt, wo die Wäsche auf Zimmerservicewagen umgeladen oder eingelagert wird.


Textilien bügeln in Indien: Glätten mit traditionellem Werkzeug

In Indien ist glatt gebügelte Kleidung ein Ausdruck von Status. Bügler bieten ihre Dienstleistung an provisorischen Straßenständen an.
In Indien ist glatt gebügelte Kleidung ein Ausdruck von Status. Bügler bieten ihre Dienstleistung an
provisorischen Straßenständen an. - © Sabine Anton-Katzenbach

Professionelle Wäschereien in Indien bieten selbstredend nicht nur die Aufbereitung von Hoteltextilien an, sondern übernehmen auch die Pflege von Gästewäsche, Hoteluniformen und Arbeitskleidung. Bei Bedarf werden diese innerhalb weniger Stunden gewaschen und glatt gebügelt wieder an die Herberge zurückgeliefert.

Da aber das neuer­liche Tragen der Kleidung nicht folgenlos bleibt, bietet Indiens Kaste der Dhobis eine weitere Dienstleistung an. Bügler entfernen unerwünschte Knitter und Falten aus Oberteilen und Hosen, denn in Indien gilt glatt gebügelte Kleidung als Statussymbol. Bügler verrichten ihre Arbeit allerorten und typischerweise an provisorischen Straßenständen, wo sie die Wäsche mit schweren, kohlebefeuerten Eisen glätten.

In Europa findet man solche Bügeleisen höchstens noch in Museen oder Antiquitätenläden. In Indien sind sie aber nach wie vor weit verbreitet, denn sie bedeuten Unabhängigkeit: Ein Bügler braucht außer diesem Gerät nur glühende Kohlen, die er an seinen Arbeitsplatz mitbringt, und einen mobilen Arbeitstisch. Diesen stellt er dann auf, wo er Kunden erwartet.

Textile Dienstleistung: Unterschied zwischen Indien und Europ

Der Unterschied zwischen textilen Dienstleistungen in Indien und Europa könnte kaum krasser sein. In dem südasiatischen Staat werden die Arbeiten fast ausnahmslos von Menschenhand erledigt. Dies ist angesichts der hohen Bevölkerungsdichte in der Kaste der Dalits (inzwischen als Scheduled Castes und früher als „Unberührbare“ bezeichnete) wenig verwunderlich.

Etwa 17 Millionen Menschen, so die Schätzungen, zählen zu dieser Bevölkerungsgruppe, deren Mindestlohn mager ist: Er liegt in ­Indien seit Jahren bei 178 Rupien (entspricht etwa 1,65 Euro) am Tag. Während die Menschen in Indiens Wäschereibranche schwer schuften müssen, um über die Runden zu kommen, passiert in Europas Textilservice-Industrie das Gegenteil: Physische Arbeiten werden immer öfter an clevere Roboter übertragen – angesichts fehlenden Personals für Europas Textilservice-Branche ein unvergleich­licher Heim(at)vorteil!