Ausbildung aktiv mitgestalten Mit Kreativität zum Erfolg

Mirja Jansen ist eine Textilreinigerin, wie sie sich ein Betrieb nur wünschen kann. Das hat sie ihrem handwerklichen Geschick zu verdanken und nicht zuletzt ihrer Ausbilderin Sabine Skiendziel. Deren Ausbildungskonzept brachte der Textilreinigung von Klaus Knapp sogar diverse Auszeichnungen ein.

  • Bild 1 von 4
    © Julia Schade, Leon Rejschek
    Autorin Julia Schade (li.) durfte Mirja Jansen bei der Arbeit über die Schulter schauen. Fotos: Schade/Rejschek
  • Bild 2 von 4
    © Julia Schade, Leon Rejschek
    Freuen sich über das erfolgreiche Ausbildungskonzept (v.li.): Klaus Knapp, Lara Mara Scholz und Sabine Skiendziel.
  • Bild 3 von 4
    © Julia Schade, Leon Rejschek
    Ausbilderin Sabine Skiendziel (li.) mit der Einser-Absolventin Lara Marlen Scholz.
  • Bild 4 von 4
    © Julia Schade, Leon Rejschek
    Mirja Jansen hat ihren Ausbildungsbetrieb bei einem Ausbildungsspeeddating kennengelernt.

3 Mirja Jansen steht im „Kingsgard“ am Bügelbrett. Routiniert lässt sie das Bügeleisen über eine Seidenbluse gleiten. Ihre Hauptaufgabe besteht eigentlich darin, die Maschinen zu bedienen. Heute erledigt sie das nebenbei, während sie sich um die Oberbekleidung kümmert. Eine Kollegin ist krank geworden. „Es ist schon recht viel Arbeit, wenn man nur zu zweit ist“, sagt sie und eilt vom Bügeltisch zum Trockner, um ihn auszustellen. Multitasking ist in der Innenstadtfiliale selbstverständlich: „Es muss auf jeden Fall schnell gehen, denn hier kommt das meiste rein.“

Der „Kingsgard“-Betrieb ist vor dem „Adrett“ in Schildesche und dem „Cleanfix“ in Brackwede die größte der drei Filialen von Klaus Knapp. Durch seine zentrale Lage mitten in der Innenstadt hat der Laden viel Laufkundschaft. Die Auftragslage ist gut. Ein Segen für das Unternehmen, gleichzeitig aber auch eine Herausforderung für Textilreinigermeisterin Sabine Skiendziel. Sie muss nicht nur für reibungslose Abläufe in den drei Filialen sorgen, sondern sich auch um ihre Auszubildenden kümmern. Zwischen beidem die Balance herzustellen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Not macht erfinderisch

Dass Not erfinderisch macht, beweist Sabine Skiendziel mit ihrem Ausbildungskonzept. Sie entwickelte effektive Techniken, um den lückenlosen Ablauf des Reinigungsbetriebs und die Ausbildung von Lehrlingen gewinnbringend miteinander zu vereinbaren. Mit Mirja Jansen und Lara Marlen Scholz hat sie in diesem Jahr bereits zwei Auszubildende erfolgreich zur Gesellenprüfung gebracht; beide haben mit der Bestnote Eins in Theorie und Praxis abgeschlossen. Im Jahr 2010 wurde ihr Ausbildungskonzept bereits mit einem Branchenpreis ausgezeichnet. Darum geht es ihr aber gar nicht, betont Skiendziel während des Besuchs der Redaktion von RWTextilservice. „Es geht mir darum, die Arbeitsabläufe in unseren Betrieben klar und verständlich zu erläutern und nachvollziehbar zu machen. Damit der Betrieb läuft, auch wenn ich nicht greifbar bin.“ Ihr ist es besonders wichtig, die Qualität der Ausbildung zu steigern. Daher investiert sie einen guten Teil ihrer Freizeit, sammelt Informationen und Lehrmaterial und verwandelt sie in praxisnahe Ausbildungsunterlagen. Damit verschafft sie sich Arbeitserleichterung und sorgt dafür, dass der Betrieb sämtliche Anforderungen der Ausbildungsordnung optimal erfüllt.

Auch Mirja Jansen profitierte vom Engagement ihrer Meisterin. Sorgsam streicht sie eine Bluse glatt und hängt sie auf den Bügel, während sie einen Einblick in ihren Arbeitsalltag gewährt. Seit ihrer Gesellenprüfung arbeitet sie weitestgehend eigenständig in der Kingsgard-Filiale. Bereits während ihrer Ausbildung bewies sie ihre Zuverlässigkeit. Schon nach zwei Monaten Ausbildungszeit war sie mit dem Kassensystem bestens vertraut. Das wertet sie als vertrauensbildende Maßnahme ihrer Meisterin. „Ich wurde direkt ins kalte Wasser geworfen. Das hat mir geholfen“, erklärt sie. „Ich musste schon früh viel alleine machen, natürlich unter Aufsicht und mit Hilfestellung, wo es nötig war. Dadurch habe ich sehr viel gelernt.“ Sabine Skiendziel achte stets darauf, die Auszubildenden bestens anzuleiten, ohne sie zu überfordern. Sie gehe individuell auf die Stärken ihrer Lehrlinge ein. „Ihre Methoden greifen dabei so gut ineinander, dass Auszubildende in ihrem eigenen Tempo lernen und dennoch von Anfang an effektiv im Betrieb mitarbeiten können“, bestätigt die junge Gesellin.

Gewinn für alle, die nachkommen

Mit der Sicherheit einer bestens geschulten Textilreinigerin bewegt sich Mirja Jansen zwischen Bügeltisch und Trockner hin und her. „Die Maschinen müssen immer laufen“, unterstreicht sie. Damit die Auszubildenden schon frühzeitig lernen, mit den Maschinen umzugehen, hat Sabine Skiendziel ihr kreatives Prinzip der Rankhilfen erdacht: eine Sammlung mindmapartiger Skizzen und Darstellungen. Diese machen sowohl einzelne Produktionsschritte als auch den gesamten Betriebsablauf transparent. So werden z.B. alle relevanten Teile der Reinigungsmaschine in beschrifteten Bildern dargestellt, um sowohl die Technik als auch den Reinigungsprozess zu erklären. Andere Rankhilfen im DIN-A4-Format beschreiben etwa die korrekte und vollständige Abwicklung der Annahme von Teppichen oder die Bedienung der Kragen-Manschetten-Presse. Für jede der drei Filialen gibt es eine Mappe mit diesen selbsterstellten Gebrauchsanweisungen, die Struktur und Richtung vorgeben.

Das Konzept ist meisterlich. Der Vorteil für die Auszubildenden: Alle entscheidenden Informationen sind jederzeit und schnell verfügbar. Skiendziel hat bei der Erstellung und Weiterentwicklung ganz bewusst ihre Auszubildenden einbezogen, um die Praxis­tauglichkeit zu gewährleisten. So wurden u.a. Detailfotos von den Maschinen vor Ort angefertigt und die dargestellten Maschinenteile von den Auszubildenden selbst betextet. Als optische Rank­hilfen erleichtern die Illustrationen nun, gut sichtbar an den Maschinen angebracht, deren Bedienung. Skiendziel hält das für sinnvoller, als die Auszubildenden mitgelieferte Bedienungsanleitungen studieren zu lassen. Ihre Rankhilfen seien exakt auf die Maschinen vor Ort und ihre wichtigsten Bedienelemente zugeschnitten. Sie ist überzeugt: „Wenn ich die Auszubildenden auf diese Weise einbinde, lernen sie nicht nur. Sie schaffen gleichzeitig etwas Bleibendes für die Zukunft, also auch für alle anderen Lehrlinge, die nach ihnen kommen.“ Hilfreich ist das Ausbildungskonzept auch für die angelernten Thekenkräfte. Sie werden so ressourcensparend mit den Abläufen in der Reinigung vertraut gemacht. „Auch unsere Mitarbeiterinnen an der Ladentheke müssen verstehen, was hinter den Kulissen passiert, damit sie die Kunden kompetent beraten können“, erklärt die Meisterin.

Inzwischen ist eine Ladung Oberhemden aus Brackwede im Betrieb in der Stadtmitte eingetroffen. Mirja Jansen verfrachtet sie in den Trockner. „Danach geht’s weiter zum Hemdenfinisher“, erklärt sie. Eins ist sicher: Die Hemden sind bei ihr in guten Händen.

Meisterlich geklont ist effektiv

Die Frage, ob sie sich während der Ausbildung bei Frau Skiendziel ebenfalls in guten Händen gefühlt habe, bejaht die junge Gesellin. Sie lobt den geduldigen Umgang der Ausbilderin mit den individuellen Lernfortschritten ihrer Azubis. Als besonders effektiv beurteilt sie die Maßnahme der Meisterin, von den einzelnen Arbeitsschritten Videosequenzen zu drehen: „Wenn Frau Skiendziel etwas erklärt, wird das mit einer Kamera aufgenommen. So können wir uns die einzelnen Prozesse bei Bedarf immer wieder anschauen.“ Diese Idee ist ein weiteres, nützliches Ergebnis des pragmatischen Umgangs von Skiendziel mit den alltäglichen Herausforderungen im Betrieb. Schließlich müsse in allen drei Filialen ein reibungsloser Ablauf gewährleistet sein. Daher könne nicht immer jeder dabei sein, wenn sie etwas erkläre oder eine Maschine vorführe. Selbstgedrehte Lehrvideos lösen das Problem. Sabine Skiendziel hat eine einfach zu bedienende Mindmapsoftware entdeckt und daraus eine eigene, visuelle Lernhilfe entwickelt. „Damit lassen sich ideale Lehrvideos erstellen“, erklärt sie. Sie habe eine Vision: Eine Plattform für Textilreiniger, auf der sie die Videos einstellen kann. So könnten alle Ausbildungsbetriebe davon profitieren. Ihr Wunsch spiegelt ihre Grundhaltung wider: Ein möglichst großer Nutzen für möglichst viele Profiteure.

Das Grundprinzip, das in den Betrieben von Klaus Knapp hervorragend funktioniert, ist die rasche und effiziente Vermehrung handwerklichen und betrieblichen Könnens. Vom Ausbildungskonzept profitieren alle. Der Chef selbst ist ebenso überzeugt wie begeistert. Denn die Branche muss sich in Zukunft Gedanken darüber machen, wie eine marktgerechte Ausbildung überhaupt aussehen kann, betont er. Die Ausbildungssituation werde nicht besser. Mehr Initiative seitens der Betriebe sei dringend erforderlich. Seine Auszubildenden seien exzellent auf ihre Abschlussprüfung vorbereitet gewesen. Mirja Jansen verrät: „Ich musste für die Prüfung gar nicht mehr so viel lernen; das meiste habe ich im Betrieb gelernt.“

Dass ihr Einstieg in das Textilreinigerhandwerk so erfolgreich
verlaufen würde, hätte sie zu Beginn der Ausbildung nicht gedacht. Die Idee, ihre Ausbildung in der Textilpflegebranche zu machen, kam ihr, wie auch ihrer Kollegin Lara Marlen Scholz,
spontan. Beide hatten damals keine Vorstellung vom Berufsbild. Beide führte der Weg in die Ausbildung bei Klaus Knapp über ein Ausbildungsspeeddating der IHK. Hier hatte ihr Chef sie persönlich zu ein paar Schnuppertagen in seinen Betrieb eingeladen. Danach wurden sie direkt in die Ausbildung übernommen. Ein Glücksgriff, finden beide. „Die Ausbildung ist genau so gelaufen, wie sie es sollte, damit eine fertige Gesellin fit für den Beruf ist“, resümiert Mirja Jansen.