Weniger Betriebe, weniger Nachwuchs, größere Einzugsgebiete: Teppichwäschereien stehen unter Druck. Annahmestellen verschwinden, Logistikkosten steigen. Gleichzeitig bleibt das Handwerk anspruchsvoll. Wer heute Teppiche wäscht, braucht Technik, Organisation und starke Partner.

So groß hätte ich mir das ja nie vorgestellt“, ist häufig das Erste, was Besucher sagen, wenn sie die Teppichreinigung Ruhr in Dortmund betreten. Maximilian Krajenski hört diesen Satz regelmäßig. Und er weiß, warum.
Wer bei Teppichreinigung an Hinterhof und Hochdruckreiniger denkt, irrt. Das zeigt ein Blick in die Teppichreinigung Ruhr. Dort steht eine fünf Meter breite Waschstraße, nach Unternehmensangaben die größte in Europa. Zudem gibt es Spezialmaschinen, ausgeklügelte Routenpläne und Mitarbeiter, die seit 25, 30 Jahren und länger im Betrieb sind. Jährlich laufen 60.000 bis 70.000 Quadratmeter Teppiche durch die Anlage – werden gewaschen, gespannt, getrocknet und kontrolliert. Das entspricht der Fläche von fast zehn Fußballfeldern. Die Teppichreinigung Ruhr beschäftigt rund 20 Mitarbeitende in Produktion, Büro und Fuhrpark.
Gegründet wurde das Unternehmen 1965, feierte vergangenes Jahr 60-jähriges Bestehen. Seit 2019 führt Maximilian Krajenski den Betrieb. Und seit Kurzem übernimmt er zusätzlich Verantwortung auf Verbandsebene: als stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Teppichwäscher (ATW). Sein Weg in die Branche verlief jedoch alles andere als geradlinig.
Er lernte Elektroniker, ließ sich später zum Fachinformatiker umschulen und arbeitete fünf Jahre in einem IT-Systemhaus. Dann kam der Bruch. Dreieinhalb Jahre reiste er mit dem Auto von Deutschland bis nach Indien. Zurück in Deutschland ergab sich die Chance, die Teppichreinigung Ruhr zu übernehmen.
„Ich mag das Handwerk sehr“, sagt Krajenski. „Es ist alt und selten geworden.“ Ihn reizte die Verbindung aus Tradition und Technik – und die Möglichkeit, Digitalisierung und Handwerk miteinander zu verknüpfen.

Mehr als Teppichwäsche
Während der Corona-Zeit stellte sich der Betrieb neu auf. Um Kurzarbeit zu vermeiden, suchte Krajenski nach zusätzlichen Aufgaben. Das Team lernte neue Verfahren, testete Maschinen, passte Abläufe an. Aus der Not entstanden zusätzliche Geschäftsbereiche. Heute gehören Teppichreparaturen, Polsterreinigung, Mietmattenservice und Sonderaufträge wie Kostüme, Kuscheltiere oder Pferdedecken fest zum Angebot dazu.
Der Kern aber bleibt die Teppichwäsche. Und die folgt einem festen Ablauf: Jeder Teppich wird zunächst im Ist-Zustand fotografiert. Material, Schäden, Verschleiß – alles wird dokumentiert, erfasst und später transparent auf der Rechnung ausgewiesen.
Dann beginnt die Reinigung: Zuerst klopft eine spezielle Klopfmaschine die Teppiche aus, löst Staub und Schmutz und saugt beides in einer integrierten Filter- und Absauganlage direkt ab. Anschließend sortieren die Mitarbeitenden die Teppiche vor. Der Wäschereileiter stuft sie nach Verschmutzungsgrad ein. Stark verschmutzte Stücke – etwa durch Urin oder hartnäckige Flecken – erhalten eine Vorwäsche. Sie werden in sogenannten Paddelkufen eingeweicht und separat vorgereinigt. Die übrigen Teppiche laufen über die Waschstraße. Seit 60 Jahren wäscht der Betrieb dort mit neutraler Seife, ohne Chemie, bei 30 °C. „Wir wollen verhindern, dass Farben ausbluten oder Materialien Schaden nehmen.“ Eine Dreischeibenmaschine arbeitet das Waschmittel Bahn für Bahn in die Fasern ein. Hochwasserlanzen spülen es gründlich aus.
Anschließend werden die Teppiche auf einem Spülwringer mit Klarwasser nachgespült und von einer schweren Walze ausgepresst. Zum Trocknen befestigen die Mitarbeiter die Teppiche auf Nagelleisten, bevor sie in den Trockenturm transportiert werden. Eine automatische Bürstmaschine richtet den Flor gleichmäßig auf. Über Nacht trocknen die Teppiche bei 45 bis 50 °C Umlufttemperatur.
Doch nicht jeder Teppich verträgt Hitze. Viskose- und Baumwollteppiche beispielsweise können verhärten. Afghanische Teppiche müssen nach der Wäsche unter hohem Druck gespannt werden, damit sie ihre Form behalten. Andernfalls sehen sie nach der Reinigung aus „wie ein gebratenes Speckstück“, sagt Krajenski. Bei anderen Teppichen kann sich der Kleber lösen und in die Fasern ziehen. Erfahrung entscheidet.
Am Ende steht die Kontrolle. Geruch, Haptik, Optik. Stimmt alles, wird der Teppich verpackt – möglichst ohne Plastik, mit Banderolen statt Folie. „Unser Anspruch ist, das Bestmögliche getan zu haben, bevor wir sagen, jetzt hilft sinnbildlich nur noch die Schere, um den Fleck zu entfernen“, sagt Krajenski und lacht.
Spuren lesen
Die fachliche Instanz ist Betriebsleiter Peter Nath. Seit 35 Jahren im Unternehmen, ist er für Krajenski unverzichtbar. Nath erkennt Wasserschäden, frühere Reinigungsversuche und Fehlbehandlungen – auch Jahre später. „Ein bisschen wie ein Indianer, der Spuren auf den Teppichen liest“, beschreibt Krajenski das augenzwinkernd.
Problematisch sind vor allem Reinigungsversuche von Privatkunden. „Viele meinen es gut und behandeln ihren Teppich selbst – häufig mit chemischen Reinigern oder durch starkes Reiben. Dabei kann es zu Entfärbungen kommen“, erklärt er. „Diese sogenannten Putzstellen verschlechtern den Zustand jedoch und machen uns die Arbeit später schwerer.“

Verantwortung über den Betrieb hinaus
Seit Kurzem ist Krajenski stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Teppichwäscher. Er übernimmt damit Verantwortung zusätzlich zum Tagesgeschäft – warum? „Ich will neue Impulse setzen.“ Seine Ziele: mehr Betriebe für den ATW gewinnen, Wissen bündeln und die Zukunft des Handwerks sichern.
Der Arbeitskreis versteht sich als Kompetenzzentrum. Mitgliedsbetriebe tauschen sich fachlich und technologisch aus, legen gemeinsame Qualitätsstandards fest und grenzen sich klar von unseriösen Anbietern ab. Sichtbar wird das über das bekannte Teppichmännchen. Für Kunden bietet es Orientierung. Für Betriebe steht es für ein Versprechen: einheitliche Leitlinien, transparente Prozesse und handwerkliche Sorgfalt.
Breiter denken, um zu bleiben
Auf der Agenda des neuen stellvertretenden Vorsitzenden steht auch die Digitalisierung. „Viele Betriebe haben über die Jahrzehnte eigene Insellösungen aufgebaut“, sagt Krajenski. „Die Frage ist: Lässt sich das vereinheitlichen? Oder gemeinsam ein Programm entwickeln?“
Ein weiteres Thema ist der Nachwuchs. Der Markt schrumpft. Neue Betriebe entstehen selten, Textilreinigungen verschwinden, klassische Annahmestellen brechen weg. Umso wichtiger wird Sichtbarkeit. Deshalb richtet Krajenski den Fokus stärker auf Privatkunden und zusätzliche Leistungen.
Der Betrieb arbeitet längst weit über Dortmund hinaus. Fünf Fahrzeuge legen jährlich rund 240.000 Kilometer zurück – in Nordrhein-Westfalen, Teilen von Rheinland-Pfalz bis in die Niederlande. „Nur Teppichwäsche wird langfristig nicht reichen“, sagt er offen. Polsterreinigung, Mietmattenservice, maschinelles Ketteln – solche ergänzenden Dienstleistungen sichern Auslastung – und damit die Existenz.
Personal zu finden, bleibt schwierig. Teppichreinigung ist kein Ausbildungsberuf, sondern eine körperlich fordernde Anlernarbeit. Krajenski sieht dennoch Chancen: „Kein Teppich ist wie der andere. Das ist keine Fließbandarbeit. Es wird nie langweilig.“