Zu Besuch bei der Richard Geiss GmbH Per als nachhaltiges Lösungsmittel

Das Lösungsmittel Perchlorethylen hat eigentlich keinen „nachhaltigen“ Ruf. Zu Unrecht, findet die Richard Geiss GmbH in Offingen. RWTextilservice war vor Ort und hat sich mit Geschäftsführer Bastian Geiss und dem für den Bereich Textilreinigung zuständigen Peter Hess unterhalten.

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    Auf dem Betriebsgelände in Offingen (v.li.): Bettina Nilius (Marketingleiterin), Bastian Geiss (Geschäftsführer) und Peter Hess (Leiter Textil- und Teilereinigung). Foto: Schönhaar
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    Die Richard Geiss GmbH wird der Verpflichtung der vollkommenen Abfallvermeidung gemäß dem Kreislaufwirtschaftsgesetz vollständig gerecht.  Quelle: Richard Geiss GmbH; Grafik: RWT

3 Mitten im Grünen am Flüsschen Mindel grast friedlich ein Geißlein, Vögel zwitschern in den Bäumen. Nur einige Meter weiter hat ein großer Chemiebetrieb seine Produktion. Die Richard Geiss GmbH in Offingen ist ein europaweit tätiges Recyclingunternehmen für Lösungsmittel. Auf einer Produktionsfläche von rund 3,5 ha werden tonnenweise halogenhaltige und halogenfreie organische Lösungsmittel verwertet und in den Stoffkreislauf zurückgeführt. Seit rund 50 Jahren ist das Unternehmen auch Partner der Textilreinigungen, liefert verschiedene Lösungsmittel und kümmert sich um deren Entsorgung bzw. Wiederaufbereitung. In dem Familienunternehmen, das Bastian Geiss in mittlerweile dritter Generation führt, wird auf Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit geachtet. In den 2 km Flusslauf, die zum Grund der Firma Geiss gehören, befindet sich eine Wasserkraftanlage. Auf den Dächern der Produktionshallen liefern Solaranlagen „grünen“ Strom. Die bei der Aufbereitung der Lösungsmittel anfallenden Rückstände wie Fette, Haare oder Flusen werden im Drehrohrofen verbrannt und der dadurch erzeugte Dampf wiederum zur Destillation von Lösungsmitteln verwendet. Dadurch ergibt sich laut Unternehmen ein rundum optimiertes Kreislaufsystem: von der Versorgung mit Lösungsmittel bis hin zu dessen Aufbereitung und der Entsorgung von Rückständen.

Prinzipiell tut Geiss schon mit seiner Haupttätigkeit, dem Recycling, etwas für die Umwelt. So realisiert das Unternehmen durch das hochwertige Recyclingverfahren eine enorme CO2-Einsparung. Das belegt u.a. eine Studie, die im Auftrag der European Solvent Recycler Group (ESRG) von der ETHOS Research durchgeführt wurde. Auch Per wurde dabei untersucht mit dem Ergebnis, dass die CO2-Einsparung bei recyceltem Per gegenüber Frischware bei rund 90 Prozent liegt. Die Richard Geiss GmbH hat ausgerechnet: In den letzten 30 Jahren hat das Unternehmen rund 85.000 t Lösungsmittelaltwaren aus der Textilreinigung aufgearbeitet und allein hierdurch knapp 150.000 t CO2 eingespart.

Aber nicht nur die Masse macht’s. Der Qualitätsstandard bei der Aufbereitung ist hoch: Das recycelte Lösungsmittel soll qualitativ der Frischware entsprechen. Sichergestellt wird das im firmeneigenen Labor, in dem fünf Mitarbeiter Prozesse und Qualität überwachen und analysieren. Auch eigene Forschung und Entwicklung betreibt die Richard Geiss GmbH. So sind beispielsweise auch die meisten Anlagen selbst entwickelt und gebaut. Eine eigene Schlosserei sowie eine Elektroabteilung gibt es ebenfalls auf dem Firmengelände.

Kürzlich wurde eine neue Anlage zur Gebinde-Komplettentleerung im Bereich der chlorierten Lösungsmittel installiert. „Wir haben hier investiert, weil wir einen Zukunftsmarkt und einen Fortbestand der Verwendung chlorierter Lösungsmittel sehen“, sagt Bastian Geiss. Die halbautomatische Anlage umfasst eine Entleerungs- und Spüleinrichtung für die Altwarengebinde pastöser Abfallstoffe. Auch die Fässer aus Textilreinigungen werden hier gereinigt. „In rund zwei Minuten haben wir wieder ein sauberes Fass“, sagt Peter Hess, Leiter Textil- und Teilereinigung bei der Richard Geiss GmbH. Neben der Effektivitätssteigerung könne man auch nachhaltiger arbeiten, weil man Emissionen senke und durch die Verwendung höherwertigerer Fässer deren Lebenszyklus verlängere. Nicht zuletzt bietet die neue Anlage auch für die Mitarbeiter und im Hinblick auf die Sicherheit Vorteile.

Sicherheit hat Priorität

Sicherheit hat bei Geiss ohnehin Priorität. Eine Löschanlage mit Notstromaggregat, ein Schaumtank und ein Löschanhänger mit tausenden Litern Schaum stehen für den Fall der Fälle bereit. Neben einer Brandmeldeanlage gibt es ausgeklügelte Bodenabsicherungen mit Wannen und Stahlplatten, Tank- und Lecküberwachungen. Die Mitarbeiter führen regelmäßig Trägerröhrchen mit sich, um zu überwachen, dass die Arbeitsplatzbelastung entsprechend niedrig ist. „Die Behörden sind fast im halbjährlichen Turnus bei uns, außerdem gibt es Audits von Externen“, erläutert Geiss. Probleme gab es noch nie.

Auch mit Perchlorethylen hatte man bei der Richard Geiss GmbH noch nie Probleme – im Gegenteil. Bastian Geiss und Peter Hess sagen im Interview mit RWTextilservice: Perchlorethylen ist ein nachhaltiges Lösungsmittel. Sie springen für Per in die Bresche und sehen eine klare Tendenz im Lösungsmittelmarkt für Textilreinigungen – weiter Richtung Per.

RWTextilservice: Herr Geiss, Herr Hess, wie sehen Sie die Zukunft von Perchlorethylen?

Bastian Geiss: Bis dato gibt es kein Substitut für Per, das die komplette Bandbreite aller Vorteile dieses Lösungsmittels abdeckt. Es gibt alternative Lösungsmittel, die einen besonders guten Warengriff nach dem Reinigen erzeugen; oder solche, die besonders günstig sind – irgendwo hat jedes Lösungsmittel seine Vorteile. Aber keines hat so viele Vorteile wie Per. Dazu kommt: Per ist seit Jahrzehnten am Markt und nach wie vor das Hauptlösungsmittel zur Textilreinigung. Es ist das am besten untersuchte Lösungsmittel und wir haben mittlerweile entsprechend gute Sicherheitstechnik rund um Per geschaffen. Und für uns ist wichtig: Per ist das am besten recycelbare Lösungsmittel zur Textilreinigung.

Peter Hess: Per gibt nach wie vor das Maß der Reinigungsqualität in der Textilreinigung vor. Die Reinigungskraft ist sehr gut und auch die Anwendung inklusive aller Detachuren ist über Jahrzehnte bewährt. Und das Preis-Leistungs-Verhältnis bei Per stimmt.

RWT: Sie sehen also keine Konkurrenz durch alternative Lösungsmittel?

Hess: Wir vertreiben ja auch die Alternativen zu Per wie KWL und Silikon. Ziel ist es grundsätzlich von uns, die Lösungsmittelrückstände aufzuarbeiten und qualitativ hochwertiges Lösungsmittel in den Markt zurückzuführen. Prinzipiell können wir fast alle Lösungsmittel recyceln. Es ist immer nur eine Frage der Aufwendungen und der Energie, die wir beim Recycling reinstecken. Da zeigt die ESRG-Studie, dass das bei Per hervorragend funktioniert.

Geiss: Bei Per bekommen wir aus der Altware nahezu den gesamten Lösungsmittelanteil wieder raus und erzielen eine Reinheit von weit über 99,9 Prozent – das ist ungeschlagen. Bei den anderen Lösungsmitteln wie KWL oder K4 kann man weniger recyceln, die Ausbeuteverluste sind größer. Per ist auch hier das Maß der Dinge – es kann unendlich oft im Recyclingkreis gedreht werden.

RWT: Und deshalb bezeichnen Sie Perchlorethylen auch als nachhaltiges Lösungsmittel?

Hess: Per ist das Lösungsmittel, das am wenigsten auf dem Reinigungsgut verbleibt. Bei Alternativen bleibt immer ein Rest auf der Ware, der mit ausgetragen wird. Bei Silikon z.B. ist das nicht ganz unkritisch zu betrachten. Wenn ein Teil des Lösungsmittels ausgetragen wird, stellt sich die Frage, was dann damit passiert? Silikon wird nicht abgebaut, sondern verbleibt in der Regel irgendwo in der Umwelt. Bei Per dagegen sind die ausgetragenen Anteile nur äußerst gering – und diese Anteile bauen sich ab, da Per von UV-Strahlen zerstört wird. Silikon dagegen kann nicht einfach zerstört werden, es zählt zu den sogenannten persistenten Stoffen. Diese finden wir dann vielleicht in zehn Jahren in den Fischen wieder.

Geiss: Außerdem wir haben unterm Strich eine 90-prozentige CO2-Einsparung bei recyceltem Per. Durch das unendlich oft wiederholbare Recycling kann Per definitiv als nachhaltiges Lösungsmittel eingesetzt werden.

RWT: Sie sind ziemlich kritisch gegenüber alternativen Lösungsmitteln.

Hess: Wir möchten uns nie etwas Neuem verschließen. Aber wir möchten auch, dass wir die Argumente, die gegenüber Per aufgeführt werden, genauso bei neuen Lösungsmitteln kritisch betrachten und diese danach bewerten. Wir sehen da heute bei alternativen Lösungsmitteln noch viele Fragen, auf die wir noch keine Antwort haben und die meist einfach übergangen werden – besonders im Bereich der Nachhaltigkeit und bei einer tiefer betrachteten Umweltgefährdung entlang der gesamten Kette, die ein Lösungsmittel durchläuft. Alternativen sind einfach zu kurz am Markt, um die Spätfolgen zu kennen. Selbst bei Per hat das
20 Jahre gedauert.

RWT: Trotzdem haben Sie Silikon in Ihr Angebot aufgenommen. Warum?

Hess: Richtig, seit April 2014 bieten wir auch Silikon an. Das Lösungsmittel gibt es schon seit mehr als zehn Jahren; mittlerweile hat es sich teilweise etablieren können. Da wir den Draht zu den Textilreinigern nicht verlieren möchten, bieten wir dieses Produkt in Abrundung unseres Portfolios.

Geiss: Wenn beim Kunden schon eine Silikonreinigungsmaschine steht, dann ist die Entscheidung bereits gefallen, dass er ein anderes Produkt als Per will. Manche sagen auch, dass ihnen z.B. Silikon oder KWL für ihr Anwendungsgebiet ausreicht. Hier sind wir letzten Endes einfach nachgeschalteter Dienstleister und bedienen jeden Kunden, ganz egal, ob er Per, Silikon oder KWL einsetzt. Er bekommt von uns ein Komplettpaket, mit Versorgung, Entsorgung und allem, was dazugehört.

RWT: In Frankreich hat man Per in bestimmten Bereichen verboten. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Hess: Das können wir als rein politischen Vorgang werten. Damals, nach dem Regierungswechsel in Frankreich, wollte die Politik wohl gewisse Marken setzen. Das Vorgehen im Hinblick auf Per hat auch keiner EU-Politik entsprochen; Frankreich hat also in einem absoluten Alleingang etwas vollkommen Uneuropäisches gemacht, das nicht nachvollziehbar ist.

Wir haben in der Europäischen Union eine Behörde, die ECHA. Sie kümmert sich um die Anwendung von Chemikalien, u.a. auch von gefährlichen Stoffen. Die ECHA hat Regularien geschaffen, wie mit diesen Stoffen umgegangen werden soll und wie diese Stoffe auch substituiert bzw. eliminiert werden sollen. Hier ist Per bis jetzt nicht mal als kritisch bewertet worden.

Geiss: Per und allgemein chlorierte Lösungsmittel sind seit Jahrzehnten schwer unter Beschuss. Viele sehen sie als „gefährlich“. Unterm Strich verhält es sich aber wie mit elektrischer Energie. Strom ist auch erstmal gefährlich, z.B. wenn Sie mit zwei Fingern in die Steckdose fassen. Aber deshalb hat man Strom trotzdem nicht verboten. Wir brauchen nur ein richtiges „Riskmanagement“: Wir haben hier ein gefährliches Produkt. Was tun wir also, um möglichst sicher mit dem Ganzen umzugehen?

Hess: In Deutschland sind die Textilreinigungen in Sachen sicherer Handhabung von Lösungsmitteln und Umweltschutz Vorreiter. Seit Beginn der 90er Jahre wurden die Sicherheitssysteme und die emissionsfreie Befüllung und Entleerung von Reinigungsmaschinen ordentlich umgesetzt – das ist vorbildlich in der EU.

Chemie hat ihre Berechtigung, sie ist nützlich, aber man muss den Umgang damit Leuten überlassen, die Ahnung davon haben – wie den Textilreinigern.

RWT: Herr Hess, Herr Geiss, vielen Dank für das Gespräch.

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Lösungsmittel für die Textilreinigung