Kreislaufwirtschaft in der Textilindustrie RETRAKT: Forschen für die ­textile Transformation

Die Umstellung der europäischen Textil- und Bekleidungsindustrie in ein Kreislaufsystem bringt Unruhe in den Markt, in die Unternehmen und verunsichert die Beschäftigten in der Branche. Ein dreijähriges Forschungsvorhaben sucht nach Methoden, wie der Wandel technisch und menschlich vollzogen werden kann.

Blick in die RETRAKT-Konferenz. Mann auf Podium, Zuhörer, fast vollständig besetzte Stuhlreihen.
Prof. Thomas Mühlbradt (auf dem Podium) von der FOM Hochschule und Nicole Espey (rechts stehend) stellten die Kernelemente des RETRAKT-Forschungsvorhabens vor. - © Sabine Anton-Katzenbach

Mit dem Green Deal hat die Europäische Kommission die Textil- und Bekleidungsindustrie von einem bisher unregulierten zu einem stark regulierten Sektor gemacht. Die Branche soll von einem linearen in ein zirkuläres System umgewandelt werden.

Dieser Wandel erfordert technische Innovationen zur Rückgewinnung von Rohstoffen und verändert zugleich sämtliche Prozesse in den Unternehmen – von der Produktentwicklung über den Einkauf bis zum Vertrieb und der Informationstechnik.

Das Personal ist auf derartige Veränderungen jedoch in den seltensten Fällen vorbereitet, weshalb sich Verunsicherung und Ängste breitmachen können, die einen erfolgreichen Wandel torpedieren.

Mit diesen Problemen müssen Unternehmen üblicherweise alleine ­fertigwerden.

Bisher fehlen Handlungsempfehlungen, mit denen ein Umbau unter Einbeziehung der Belegschaft gelingen kann.

­Projekt RETRAKT will praxistaugliche Lösungen erarbeiten

Ein im März 2025 begonnenes Forschungsprojekt will diese Lücke schließen. Es verfolgt einen auf die Beschäftigten und die Unternehmensorganisation fokussierten Ansatz und will praxistaugliche Lösungen erarbeiten, mit denen die Herausforderungen eines systemischen Wandels der Textil- und Bekleidungsbranche gemeistert werden können.

An dem ­Projekt RETRAKT (Resilientes Transformationsmanagement zur Kreislaufwirtschaft in der Textilindustrie) sind Partner aus Bildung, Forschung, IT-Business sowie ein Hersteller von Sportswear und ein Lohnveredler beteiligt.

Ausgangslage: Recycling durch die EU definiert

Am 25. Februar 2026 stellten die Forschenden in Aachen die ersten Ergebnisse des auf drei Jahre projektierten Vorhabens vor. Zu ­Beginn gab Jana Hronková von der Europäischen Umweltbehörde (European Environment Agency) einen Überblick über die EU-Ökodesign-Verordnung (Ecodesign for Sustainable Products Regulation, ESPR 2024/1781).

Diese ist am 18. Juli 2024 in Kraft getreten und soll zahlreiche Produkte auf dem EU-Markt nachhaltiger machen – durch Langlebigkeit, Wiederverwendbarkeit, Reparierbarkeit und Ressourceneffizienz.

Ein Kernstück der Verordnung ist der digitale Produktpass, der standardisierte Informationen zu Nachhaltigkeit, Materialien und Recycling eines Artikels liefern soll. Da bisher jedoch normierte Vorgaben fehlten, hat die Kommission bei ihrem Joint Research Center (JRC) eine vorbereitende Studie in Auftrag gegeben. Die auf rund 1.000 Seiten formulierten Informations- und Leistungsanforderungen an Recyclingmaterialien sollen Anfang 2027 in die ESPR-Verordnung eingehen.

Verwertung wird Herstellerangelegenheit – auch bei Textilien

Eine weitere Herausforderung, die der Green Deal mit sich bringt, ist die erweiterte Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility, EPR). Damit wird die Zuständigkeit für textile Abfallprodukte von den Entsorgern auf die Hersteller verschoben – nach dem Verursacherprinzip. Neu ist dieses Konzept nicht; es gilt bereits für Verpackungen und andere Artikel wie Matratzen, Teppiche oder Autos. Nun soll es auch für Textilien Rücknahmesysteme und Recyclingkonzepte etabliert werden.

Probleme mit der Sammelpflicht: Blick in andere EU-Staaten

Mit der Revision der EU-Abfallrichtlinie wurde bereits der erste Schritt umgesetzt: Seit 2025 gilt für Alttextilien eine separate Sammelpflicht. Allerdings hat diese in einigen EU-Staaten zu ernsthaften Problemen geführt: Es fehlt an Lagerkapazitäten, an funktionierenden Recyclingsystemen und an einem Abnehmermarkt für Recyclingmaterialien.

Ungeachtet dessen zwingt die EPR nun alle Beteiligten, gemeinschaftliche Lösungen zu entwickeln. Verschiedene Länder haben dies bereits umgesetzt.

In Frankreich müssen Händler ihre Produkte anmelden

In Frankreich gilt sie bereits seit dem Jahr 2007 für Bekleidung, Schuhe sowie Heimtextilien; deren Einhaltung kontrolliert die staatliche Organisation Refashion. Ausländische Hersteller, Inverkehrbringer und Händler müssen ihre Produkte dort anmelden, das staatliche „Triman“-Logo erwerben, dieses und ein Label mit Sortierinstruktionen aufbringen und eine Jahresgebühr entrichten, die sich aus den deklarierten Waren bemisst.

Refashion fördert im Gegenzug Forschungsprojekte, organisiert Sammlung und Sortierung und stärkt das Konsumentenbewusstsein. Das Land hat sich außerdem ehrgeizige Ziele gesetzt: Bis zum Jahr 2027 sollen 80 Prozent der gesammelten Ware recycelt oder wiederverwendet werden.

Niederlande erhebt eine Gebühr für jeden Artikel

Die Niederlande haben bis zum Jahr 2030 ähnlich hohe Vorsätze, was die Wiederverwendung und -verwertung der unter die EPR fallenden Kleidung, Heimtextilien und Workwear betrifft. Auch dort müssen ausländische Inverkehrbringer ihre Waren registrieren, einer Producer Responsibility Organisation (PRO) beitreten und eine Gebühr für jeden Artikel entrichten.

Litauen und Ungarn erheben Steuern

Litauen und Ungarn erheben ebenfalls Gebühren oder Steuern für Textilien. Italien und Spanien sind bereits in der Umsetzung der EPR, wobei dort ausschließlich Produktkategorien aus dem Consumer-Bereich betroffen sind.

Deutschland arbeitet noch an der ERP

Deutschland arbeitet die Umsetzung der EPR noch aus. Wie eine Konferenzteilnehmerin aus der zuständigen Behörde einwarf, könnte hierzulande dann nicht nur eine ­Rücknahmepflicht für Mode und Heimtextilien gelten, sondern – wie in den Niederlanden – auch für Berufskleidung.

RETRAKT möchte Menschen für den Wandel vorbereiten

Die neuen Vorgaben aus Brüssel stellen die Textil- und Bekleidungsindustrie vor enorme Herausforderungen. Durch das Eingreifen von Regulierungsbehörden könnte ein komplexes, möglicherweise überreguliertes System entstehen. Zudem wandeln sich bestehende Geschäftsmodelle, was zu veränderten Aufgabenfeldern für die Beschäftigten führt. Gleichzeitig sorgen fehlende Standards, neue Datenanforderungen und eine zunehmende Komplexität in allen Bereichen für Unsicher­heiten und Ängste beim Personal.

An diesem Punkt setzt die Forschergruppe der FOM Hochschule (Essen) an. Die RETRAKT-Wissenschaftler erarbeiten eine Methodik zur Stärkung der Team- und Prozess-Resilienz – Konzepte, die in der Luftfahrt oder Intensivmedizin bereits etabliert sind.

  1. Nach einem Jahr Forschung liegen Beurteilungskriterien für Team-Resilienz vor,
  2. im nächsten Schritt erfolgt das Training mit den Beschäftigten in den Bereichen Design, Einkauf, Produktion bei den am Projekt beteiligten Industriepartnern.
  3. Für das Entwickeln der Prozess-Resilienz setzen die Forscher die sogenannte Bow-Tie-Methode ein. Mit ihrer Hilfe veranschaulichen sie die Auswirkungen einer Gefahr, das damit verbundene Risiko, die Folgen und die zu ergreifenden Kon­trollmaßnahmen.
  4. Das Sichten der als bedrohlich identifizierten Faktoren ist bereits abgeschlossen.
  5. In den kommenden zwei Jahren werden sie gewichtet und in der Praxis methodisch vertieft.

Woran die Umsetzung bislang scheitert

Auch wenn erste regulative Rahmenbedingungen für den Umbau der Textilproduktion von einem linearen in ein zirkuläres Modell bereits geschaffen wurden, scheitert die Um­setzung – je nach Land – nach wie vor an verschiedenen Faktoren.

  • Sammelcontainer sind z. B. nicht überall erreichbar oder werden durch illegal aufgestellte umgangen.
  • Die Sortierung der Textilien gestaltet sich schwierig, weil unzählige Materialmischungen im Umlauf sind oder mit Ausrüstungen (Drucke, Beschichtungen, Laminate) versehen sind.
  • Erschwerend kommt eine falsche Produktdeklaration hinzu: 59 Prozent aller Textilien sind falsch ausgezeichnet, wie eine Untersuchung des International Center of Sustainable Textiles (Aachen) ergeben hat.

Diese Rahmenbedingungen machen ein Recycling – sei es mechanisch, thermo-mechanisch, physikalisch-chemisch, chemisch, enzymatisch oder thermo-chemisch – schwierig. Zwar gibt es bereits Unternehmen, die Alttextilien entweder in ihre chemischen Grund- oder Ausgangsstoffe zerlegen, sie zum Faserrecycling zerreißen oder aus ihnen neue Produkte fertigen. Ihr Einfluss auf das Marktgeschehen ist bisher jedoch kaum spürbar: Die Nachfrage nach Recyclingmateria­lien ist gering, der Preiswettbewerb gegenüber Neumaterial ist hoch und unklare Anforderungen von Seiten der Regierungen verhindern Investitionen in große Wiedergewinnungsanlagen.

Auf allen gesellschaftlichen Ebenen muss daher ein grundsätzliches Umdenken erfolgen, damit Zirkularität in der Textil- und Bekleidungsindustrie gelingen kann: Es gilt zu erkennen, dass in Rest- und Altstoffen das Potenzial von Wertstoffen schlummert.