"Ein Traum in Weiß." Genau das ist es in der Regel in dem Moment nicht, wenn die besondere Textilie in der Spezialreinigung Herbrand ankommt. Axel Herbrand und seine Frau Ursula betreiben in Niederkrüchten mit Unterstützung von Tochter Yvonne und zwei weiteren Mitarbeitern eine Spezialreinigung für Brautkleider.
Axel Herbrand wurde sein Beruf quasi in die Wiege gelegt: Sein Vater übte bereits das Textilreinigerhandwerk aus. So wuchs er damit auf und wurde später zum Textiltechniker sowie zum Färber- und Chemischreinigermeister ausgebildet. Einen herkömmlichen Reinigungsbetrieb hat er jedoch nie geführt. Von Anfang an – die Firmengründung geht auf das Jahr 1970 zurück – suchte er die außergewöhnliche Herausforderung. Spezialitäten waren immer sein Geschäft: Früher wurden auch Leder und Teppiche gereinigt. Die Aufträge kamen von zahlreichen Reinigungen aus ganz Deutschland. Mittlerweile hat er sich ausschließlich auf Brautmode spezialisiert.
Die Leidenschaft für die edle Garderobe in Weiß teilt er mit seiner Frau Ursula. Als die beiden sich kennenlernten, arbeitete sie als Verwaltungsfachangestellte, nutzte jedoch schnell die Chance, den von ihr eher ungeliebten Schreibtisch zu verlassen, und wurde an der Seite ihres Mannes ebenfalls zum Profi in Sachen Brautkleidpflege. Hört man das Ehepaar über ihr Tagesgeschäft reden, merkt man sofort, dass beide mit Herzblut dabei sind.
Brautkleiderreinigung: Per Post nach Niederkrüchten
In den Betrieb, der etwas versteckt am Ende eines Wendehammers mit angrenzendem Waldgebiet liegt, kommen die wenigsten Kundinnen. Die meisten, nämlich gut 95 Prozent der Kleider, kommen auf dem Postweg nach Niederkrüchten. Die Anzahl der täglich eintreffenden Teile ist abhängig von der Jahreszeit, denn Heiraten ist eine spezielle Art von Saisongeschäft. Geschickt werden sie aus ganz Deutschland.
Auf der Website www.brautkleidreinigung.de kann die Kundin einen Onlineauftrag ausfüllen. Durch das Abholformular wird der Auftrag dann bereits in der Reinigung angemeldet. Die Kundin druckt das Adressetikett aus, verpackt das Kleid in einen Karton und verschickt es. Eine Hemmschwelle, das Kleid mit den vielen Erinnerungen in die Hände eines Versender zu geben, haben mittlerweile nur noch sehr wenige, berichtet die Chefin. Probleme hat es auch bisher fast gar nicht gegeben.
Die wenigen, die der Post nicht vertrauen und die Kleider bringen, kommen jedoch ebenfalls aus ganz Deutschland und nehmen dafür lange Wege in Kauf. Ist eine Kundin zufrieden, so erzählt sie es ihrer Freundin. Häufig wird auch die Freude über die Ankunft des wieder in den Ursprungszustand versetzten Brautkleides in speziellen Internetforen gebloggt oder gepostet. Der Hinweis auf die Spezialreinigung zieht also auf unterschiedlichen Wegen seine Kreise und so kommen viele Kleider zu den Herbrands in den kleinen Ort an der holländischen Grenze. Diese Mund-zu-Mund-Propaganda ist wichtig fürs Geschäft, denn im Gegensatz zu Reinigungen, die sich überwiegend um die Alltagsgarderobe kümmern, kommen die Kunden in der Regel nur einmal zu den Herbrands.
Brautmodengeschäfte werden für die Spezialreinigung Herbrand
Viele Bräute erfahren auch direkt über das Brautmodengeschäft von der Spezialreinigung. "Wir hören viele Geschichten über schlechte Reinigungsergebnisse von den Brautsalons. Daher sind diese froh, dass der direkte Kontakt von vielen Brautmodengeschäften zu uns zustande gekommen ist. Sie empfehlen uns gerne oder nehmen die Kleider sogar für uns an. Aus Balingen, dem Spessart und Kempten im Allgäu kommen regelmäßig gesammelte Werke", berichtet Ursula Herbrand.
"Der Kontakt geht sogar teilweise noch weiter bis zu den Designern bzw. Herstellern." Die enge Zusammenarbeit ist ein Paradebeispiel, denn bei Brautmode handelt es sich um Kunstwerke, die eine ganz spezielle Behandlung bei der Pflege erfordern. Die Erfahrung in der Pflege geben die Profis gerne an die Schöpfer weiter, so dass sie bei der Abstimmung der einzelnen Komponenten schon eine gewisse Vorstellung von der Pflegbarkeit haben. Dennoch – oder genau deshalb – ist eine Auszeichnung mit entsprechenden Pflegesymbolen in den meisten Fällen nicht gegeben. Einige Hersteller sind aber dazu übergegangen, den Hinweis auf die Spezialreinigung Herbrand und die Anschrift mit auf das Pflegeetikett zu drucken.
Herausforderung fürs Reinigen: Perlen, Feder, Steinchen, Pailletten, Zierfäden
Kaum ein anderes Bekleidungsstück weist so viele unterschiedliche Bestandteile auf wie ein Brautkleid. Jedes Teil ist für den Reiniger eine Herausforderung. So wird das Kleid nach dem Eintreffen, Auspacken und Kennzeichnen zunächst intensiv begutachtet. Herbrand schaut sich zunächst die einzelnen Komponenten im Kleid und die Verschmutzungen an, um sich Gedanken über die sachgerechte Reinigungsmethode zu machen. Jedes Kleid ist anders und muss anders behandelt werden.
Zu den überwiegenden Verschmutzungen, die zu beseitigen sind, zählen Straßenstaub, solche, die sich auf den Böden befinden, und Autoschmiere. Oft erzählen die Verschmutzungen ganze Geschichten. Aufgrund der jahrelangen Erfahrung – in Niederkrüchten wurden bereits um die 10.000 Brautkleider gereinigt – weiß Herbrand aber nach der Inaugenscheinnahme meist schon genau, wie er vorzugehen hat. Vieles dabei ist Handarbeit.
Darüber hinaus werden auch Beschädigungen, vielleicht bei der Feierei abhandengekommene Zutaten wie Perlen oder Steinchen, aufgenommen und nach Möglichkeit repariert bzw. ersetzt. Dabei hilft der direkte Kontakt zum Hersteller. Denn nur so lassen sich fehlende Teile im Original wieder beschaffen und das Kleid lässt sich in den Urzustand zurückversetzen. Oft rechnen die Kundinnen gar nicht mit diesem Extraservice, melden sich später telefonisch und bedanken sich dafür, erzählt Ursula Herbrand.
Spezielle Arbeiten, spezielles Equipment
Neben üblichen Waschschleuder- und einer Nassreinigungmaschinen, einer KWL-Maschine sowie einer Multisolventmaschine, die mit Cyclosiloxan (D5) arbeitet, stehen weitere spezielle Gerätschaften zur Verfügung. Diese hat Herbrand nach und nach genau auf seinen Bedarf zugeschnitten, selbst konstruiert und entsprechend bauen lassen. Bei der Betrachtung dieses speziellen Maschinenparks könnte man meinen, er sei nicht Textilreiniger, sondern Maschinenkonstrukteur.
Eine ganz besondere Konstruktion stellt ein Arbeitsplatz zur Bearbeitung der Verschmutzungen durch Staub dar. Die verschmutzten Stellen befinden sich meist im sehr ausladenden Kleidersaum. Eine gewaltige Masse an Stoff ist also sachgerecht zu positionieren, um nicht andere Teile des Kleides während der Bearbeitung negativ zu beeinträchtigen. Dazu hat Herbrand einen schwenkbaren Tisch mit angeschlossenem Wasseranschluss und mit darunterliegender Netzkonstruktion inklusive Auffangbecken konstruiert. Mehrere Umbauten waren erforderlich, bis der Arbeitsplatz optimal eingerichtet war, berichtet er.
Es liegt nahe, dass auch der Vordetachiertisch nicht "von der Stange" kommt. Die Ausmaße sind für die Festgarderobe viel zu klein und so ist der Arbeitsplatz ebenfalls eine Eigenkonstruktion. Zudem stehen im Betrieb umgebaute Färbekufen, in denen ohne den Einfluss von Mechanik gewaschen werden kann. Dieser Prozessverlauf ist laut Herbrand zum Beispiel für Teile mit applizierten Steinchen wichtig, da sich diese nicht verheddern dürfen.
Auch herkömmliche Bügeltische sind im Herbrand’schen Betrieb nicht zu finden. Die Bügelplätze sind spiegelverkehrt, denn Brautkleider können nicht mit der Spitze an der rechten Seite gebügelt werden, sagt der Hausherr. Nicht zu vergessen ist die spezielle Einrichtung zur Reinigung von Brautschuhen. Schuhe, ebenso wie Reifröcke und alles, was noch zur Brautgraderobe gehört, werden nämlich auch bei den Herbrands bearbeitet.
Spezialreinigung Herbrand: Verpackung mit Herz und Verstand
Ist der Reinigungs- und Finishprozess abgeschlossen, wird jedes Kleid intensiv durch Ursula Herbrand kontrolliert und in Folie verpackt. Auch für die Verpackungsstation musste sich ihr Mann etwas überlegen, denn Brautkleider sind üblicherweise länger als normale Garderobe. Somit sind handelsübliche Verpackungsstationen vielfach zu niedrig. Denn das saubere Kleid darf nicht wieder auf den Boden kommen. "Gut, dass ich so groß bin", merkt die Chefin dazu schmunzelnd an.
Das in Folie verpackte Kleid wird dann in der Packstation in einen Karton gefaltet. Als kleine Aufmerksamkeit für die Kundin wird noch auf den beim Öffnen des Pakets direkt sichtbaren Bereich ein kleines rotes Glasherz auf die Folie geklebt. Ganz dem Slogan des Unternehmens entsprechend: "Ein Herz für Ihr Traumkleid." Das Zukleben des Kartons übernimmt die automatische Packstation und das Kleid geht wieder auf die Reise zurück zur Braut.
Kräftiger Applaus ist der eigentliche Lohn des Musikers, sagt man. Bei den Herbrands ist das mit der Anzahl der Danksagungen zu vergleichen. Kommt man in den Betrieb herein, so wird man in einer gemütlichen Sitzecke empfangen, in der man stundenlang in Hochzeitskarten und Dankesschreiben von zufriedenen Kunden schmökern kann. Auch deshalb lieben die Herbrands ihren Job und ziehen nach 44 Jahren nicht ansatzweise in Erwägung, sich zur Ruhe zu setzen. Die "Goldhochzeit" der Spezialreinigung wird sicher noch gefeiert.