Internationale Branchentrends Techtextil 2026: PFAS-freie Schutzkleidung und Recycling im Fokus

Die Techtextil hat sich seit ihren Anfängen zu einer wichtigen Branchenmesse für textile Flächen und Garne in ­technischen Anwendungen entwickelt. Auffällig in diesem Jahr war, wie stark internationale politische ­Entwicklungen die Messe beeinflussten. An vielen Ständen dominierten Performance Apparel Textiles für Sicherheit, Verteidigung und Katastrophenschutz sowie PFAS-freie Ausrüstungen und Recyclinglösungen.

Zahlreiche Initiativen stellten recycelte Textilmaterialien aus
Zahlreiche Initiativen stellten recycelte Textilmaterialien aus - © Messe Frankfurt/jlv

Im Jahr 1986 fand in Frankfurt am Main die allererste Techtextil-Messe statt. Aus einer kleinen Messe mit wenigen Ausstellern in einer mittelgroßen Halle ist inzwischen ein internationales Branchenevent geworden. Vom 21. bis 24. April präsentierten 1.500 Aussteller in drei Hallen ihre Innovationen für technische Textilien. Weitere 200 Unternehmen stellten auf der angegliederten Texprocess aus.

Bei der Pressekonferenz am Eröffnungstag hob der Geschäftsführer der Messe Frankfurt, Detlef Braun, die Wichtigkeit der Branche hervor. Gleichzeitig betonte er die Rolle der sogenannten Performance Apparel Textiles als bedeutenden Wachstumstreiber. Dazu zählen hochfunktionale Textilien für sicherheitsrelevante Einsatzbereiche. Die Nachfrage steigt durch höhere Investitionen in Sicherheit, Verteidigung und Katastrophenschutz deutlich an. Das bestätigen auch europäische Hersteller von Workwear- und Schutzkleidungsgeweben, die häufig Polizei und Militär beliefern. Grund zum Jubel gibt es trotzdem nicht.

Zwar hat der Absatz von hochfunktionellen, mit sicherheitsrelevanten Eigenschaften ausgestatteten Geweben deutlich zugelegt. Gleichzeitig sinkt aber die Nachfrage nach Commodities, also Massenware, zu der beispielsweise klassische Mischgewebe zählen. Wie schon die Sportswear-Industrie vor Jahrzehnten verlagert sich auch diese Produktion zunehmend nach Asien. Die Vorteile für Einkäufer liegen auf der Hand. In Asien existieren komplette Lieferketten inklusive Farbstoff- und Hilfsmittelindustrie. Zudem ist die Textilfertigung deutlich günstiger, was die Preise für textile Flächen senkt. Viele europäische Anbieter haben daher längst ein zweites Standbein in Pakistan, Indonesien und Co. errichtet, um günstigere Alternativen in Europa anbieten und gleichzeitig neue Märkte vor Ort erschließen zu können.

Die Verlagerung der Textilproduktion zeigte sich auch in Halle 9. Der Großteil der Anbieter von Grundgeweben für Berufs-, Hi-Vis- und Flammschutzkleidung kam aus China. Zur Differenzierung von der Billigkonkurrenz konzentrieren sich die europäischen Anbieter auf Textilien mit besonderen Funktionalitäten. Hierzu zählen beispielsweise Thermoregulationslösungen, UV-, Vektoren-, Molotowcocktail- und Multinormschutz – also Materialien, die Sicherheits- und Einsatzkräften einen besseren Schutz gegen natürliche und künstliche Angriffe bieten oder den Tragekomfort ihrer Ausrüstungen verbessern.

Weniger umweltgefährdende Ausrüstungschemikalien

Ein weiterer Bereich, in dem sich die Hersteller von Schutzkleidungs- und Medizintextilien hervortun, sind PFAS-frei ausgerüstete Stoffe. Die Verwendung polyfluorierter Kohlenwasserstoffe auf Textilien ist in Europa nur noch in wenigen Ausnahmefällen erlaubt. Etwa für Feuerwehrschutzanzüge, die eine hohe Chemikalien-, Öl- und Lösungsmittelbeständigkeit benötigen. Hersteller von OP-Mänteln der Schutzklassen 3 und 4 müssen künftig vollständig auf Oberflächenfinishes mit polyfluorierten Kohlenwasserstoffen verzichten.

Abgesehen davon, dass hierzulande gerne auf Einweg-OP-Mäntel zurückgegriffen wird, gibt es inzwischen auch textile Lösungen. Sie beruhen auf einer antistatischen, leichten, scheuerbeständigen Wirkware, die anstelle einer PTFE-Membran mit einer Polyester- oder einer Polyurethan-Membran laminiert ist. Sie ist viren-, flüssigkeits- und blutdicht, nicht zytotoxisch und hält 80 Industriewäschen inklusive Sterilisationsprozess stand.

Textilrecycling ohne ­Abnehmermärkte

Die dritte Produktgruppe, mit der sich Europas Hersteller von „Performance Textiles“ beschäftigen, lässt sich unter dem Oberbegriff zirkuläre Lösungen zusammenfassen. Sie sollen die Anforderungen der europäischen Textilstrategie und die Erfordernissen des Textilleasings erfüllen, ohne dabei die Gebrauchseigenschaften in der beruflichen Anwendung zu beeinträchtigen.

Die Lösungen der Hersteller sind unter Berücksichtigung des vorgesehenen Einsatzbereichs vielfältig, beruhen jedoch meist auf dem mechanischen Recycling von post production waste. Also Resten aus der Produktionsphase. Im Wesentlichen werden Polyester, aber auch Aramide auf diese Weise zurückgewonnen und gehen wieder in Berufs-, Uniform- und Schutzkleidungsgewebe ein. Außerdem werden entsprechende Textilien mit Anteilen von chemisch recyceltem Polyamid, biobasiertem Polyester, industriell kompostierbarem Elastan, aber auch mit Bio-Baumwolle, Viscose FR und Tencel angeboten.

Jeder Branchenanbieter hat zwar längst Produktlösungen entwickelt, die die textilen Nachhaltigkeitsforderungen der Europäischen Kommission erfüllen. Doch nach der Techtextil gehen solche Musterlaschen – bildlich gesprochen – unausgepackt zurück an den Firmensitz. Denn selbst wenn ab und an nach einer zirkulären Ware gefragt wird, scheitern die Verkaufsverhandlungen hierzulande entweder am Preis oder an nicht erfüllbar hohen technischen Spezifikationen.

Forschen und fördern für den Green Deal

In den meisten europäischen Staaten scheint man von zirkulärem Workwear-­Design noch weit entfernt zu sein. Auch wenn es Leitfäden für eine nachhaltige Textilbeschaffung in öffentlichen Verwaltungen gibt, ist wohl nach wie vor der Preis das wichtigste „Qualitätskriterium“. Dieser Umstand dürfte erklären, warum das ein oder andere Bekleidungsteil trotz einer auf Europa begrenzten Ausschreibung den Weg von China in europäische Behörden findet.

Eine Ausnahme machen die Niederlande. Bei öffentlichen Ausschreibungen wird explizit ein Anteil an Recyclingfasern gefordert und diese Spezifikation eingehalten. Dort ist die Recyclingindustrie entsprechend gut aufgestellt. Im deutschsprachigen Raum gibt es hingegen nur vereinzelte Recycling­unternehmen, dafür aber eine Vielzahl an Einzelinitiativen, die teilweise auf einzelne Fasergruppen spezialisiert sind, sowie zahlreiche Forschungsvorhaben und Förderprojekte. In diesen wird nach Lösungen für die Aufbereitung von Alttextilien gesucht, ohne dabei jedoch zu berücksichtigen, dass eine Umsetzung in industriellem Maßstab nicht der Realität entspricht. Die Vorstufen zur Verarbeitung von Reißfasern sind hierzulande nicht mehr existent.

Vielleicht richtet es zukünftig die Textilfabrik 7.0, die mit Hilfe weiterent­wickelter Maschinen und Technologien die Textilfertigung in der Losgröße 1 ermöglichen soll. In der Region Aachen ist ein entsprechend großer „Innovation Space“ geplant. Dort können u. a. Start-ups ihre Kleinserien in Produktionslinien umsetzen, die sämtliche Fertigungsschritte einer vollstufigen Produktion abbilden.

Ausblick kommende Messen

Die nächste Techtextil und Texprocess findet in Frankfurt am Main vom 4. bis 7. ­April 2028 statt. Der Veranstalter rechnet erneut mit einem großen Erfolg der Messe. Immerhin stieg die Zahl der Aussteller im Vergleich zum Jahr 2024 um ca. 20 Prozent, die Besucherzahl (36.000) entwickelte sich im Vergleichszeitraum hingegen rückläufig (- 5 Prozent).
Vom 4. bis 6. August 2026 findet außerdem die Techtextil North America, im Bundesstaat North Carolina statt.