„Unser interessanter Beruf hat kein schlechtes Image, er hat einfach gar keins“, sagt Udo Nagelschmidt, Vorsitzender des Ausschusses Aus- und Weiterbildung im Deutschen Textilreinigungs-Verband (DTV). Er moderierte den Pilot-Workshop des DTV am 26. Oktober 2017 bei der Seidel Textilservice GmbH und einen konstruktiven Dialog mit Berufsberatern und Vermittlern aus der Region Hannover.

3 „Diejenigen, die schon einmal vom Beruf Textilreiniger gehört haben, besitzen oft ein völlig falsches Bild davon“, so Udo Nagelschmidt beim Berufsberater-Workshop in Garbsen. Das neue Workshop-Konzept des Deutschen Textilreinigungs-Verbands (DTV) soll hier ansetzen. Der praxisnahe Austausch mit den direkten Ansprechpartnern in den Arbeitsagenturen und Job-Centern sei einer von vielen Bausteinen zur Gewinnung von Nachwuchskräften und qualifizierten Mitarbeitern in der professionellen Textilpflege. „Etliche Teilnehmer haben bestätigt, dass sie den Beruf nun vermehrt in den Fokus stellen wollen. Das ist ein Supererfolg. Und wir haben erkannt, an welchen Stellen es noch Informationsbedarf gibt. So scheinen neben dem Berufsbild, den Verdienstmöglichkeiten und den Zukunftschancen auch die Belastungen durch das Arbeitsumfeld bei der Vermittlung eine wichtige Rolle zu spielen. Gerade hier herrschen oft laienhaft Vorurteile. Alles in allem konnten wir jedoch die ‚Scheuklappen‘ ein ganzes Stück weiter öffnen. Ein großes Lob geht hier natürlich an die Firma Seidel“, sagte der Vorsitzende des Ausschusses Aus- und Weiterbildung im DTV.
„Die meisten waren überrascht“
Nach umfassenden theoretischen Einblicken in die Berufsbilder „Textilreiniger“ und „Fachpraktiker Textilreiniger“ hatten die Berufsberater, Vermittler und Sachbearbeiter die Chance, hinter die Kulissen des modernen Textilservicebetriebes Seidel zu blicken. „Die meisten waren wirklich überrascht“, sagt Organisator Marco Seifen. „Sie hätten sich nicht vorstellen können, dass mit derart anspruchsvoller Hochleistungstechnik gearbeitet wird und welche logistischen Herausforderungen hinter dem reibungslosen Ablauf eines Textildienstleisters dieser Unternehmensgröße stehen“, so der Verantwortliche für die gewerbespezifische Informationstransferstelle des DTV in Bonn.
Das bestätigt auch Angelika Fiorentino von der Agentur für Arbeit Garbsen, die sich im Namen aller am Ende des Tages für den umfangreichen Input bedankte. „Ich mache schon seit mehr als 30 Jahren Außendienst, aber dieser Workshop gehört definitiv zu den besten.“ Er habe gezeigt, wie wichtig der persönliche Kontakt zu den Betrieben sei. So bekomme man einen unbezahlbaren, praktischen Einblick in das Berufsbild. Auch ihre Kollegen in der Agentur seien sehr an ihrem Bericht interessiert gewesen. „Es ist einfach leichter, aus eigener Anschauung zu vermitteln. Und zum Umgang mit Fachkräfteengpässen haben wir noch zusätzliche Möglichkeiten, beispielsweise die Weiterbildung beschäftigter Mitarbeiter“, so die Personalvermittlerin: „Als Arbeitgeberservice sind wir Ansprechpartner für die Unternehmen. Wir nehmen Stellenangebote auf, beraten und schlagen ausgesuchte Bewerber vor. Außerdem zeigen wir Fördermöglichkeiten auf und bearbeiten die Anträge. Darüber hinaus sind wir im Außendienst aktiv, führen Messen, Speeddatings oder Infoveranstaltungen mit Arbeitgebern durch. Und halten die Kontakte zu Bildungsträgern und deren Absolventen. Daher würden wir es sehr begrüßen, wenn sich mehr Unternehmen für den aktiven Praxisdialog mit uns öffnen würden. Und empfehlen ihnen die Beteiligung an Messen, Ausbildungsmärkten und anderen Aktionen zur Berufsorientierung, beispielsweise im Berufsinformationszentrum der Bundesagentur für Arbeit, damit die Jugendlichen ihr Berufswahlspektrum erweitern können.“
Integration und Fachkräftemangel
„Inwieweit können wir in Textilpflegebetrieben Menschen mit Schwerbehinderung oder Rehabilitanden integrieren?“ Diese Frage brannten Eva-Maria Neumann, Arbeitsvermittlerin mit Beratungsaufgaben im Bereich Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit in Hannover, und Kollegen mit ähnlichen Beratungsschwerpunkten unter den Nägeln. Sie interessierten sich daher insbesondere für den „Fachpraktiker Textilreiniger“, als Möglichkeit zur beruflichen Qualifikation für besondere Personengruppen. Um gerade in diesem Kontext Win-win-Situationen für alle Beteiligtenzu erreichen, müssten Arbeitgeber, Bewerber, Agentur, Arbeitsvermittler und Arbeitgeberservice an einem Strang ziehen. Das Ziel sei eine dauerhafte berufliche Integration der Beschäftigten und eine stabile Personalsituation für die Unternehmen. „Wir stehen Arbeitgebern zur Seite, wenn es um Förderanfragen, Ausgleichsabgaben, Mehrfachanrechnung, Gleichstellung oder technische Arbeitshilfen im Betrieb geht. Gleichzeitig wollen wir Vorurteile und Hemmnisse abbauen und deutlich machen, dass sich die Einstellung von Menschen mit unterschiedlichen Handicaps auf beide Seiten positiv auswirken kann.“ Je besser sie und ihre Kollegen einen Beruf und dessen Herausforderungen einschätzen könnten, umso zielführender und erfolgversprechender seien letztendlich Beratung und Vermittlung.
Möglichst realistisches Bild
Marco Seifen betont: „Wir wussten um diese Problematik; der DTV bietet diese Workshops an, damit die Berufsberater ein möglichst realistisches Bild von dem Beruf bekommen und ihn entsprechend beschreiben können.“ Die Idee zu dem Workshop sei daher im DTV-Team entstanden und durch den Kontakt des DTV-Geschäftsführers Andreas Schumacher zur Arbeitsagentur Hannover konkretisiert worden. „Die gute Resonanz bestätigte nun unser Konzept. Viele unserer Anregungen wurden aufgegriffen, unter anderem der Impuls, die zahlreichen Studienabbrecher für eine Ausbildung in unserer Branche zu sensibilisieren. Unser übergeordnetes Ziel ist natürlich, dass wir bundesweit potenzielle Auszubildende und Fachkräfte erreichen. Daher werden wir die Workshops bundesweit organisieren, der nächste wird in Berlin stattfinden.“ Eine enge Kooperation mit den Landesverbänden sei wesentlicher Bestandteil des Konzepts. Die Umsetzung in Hannover sei durch die Unterstützung von Detlef Koch, Geschäftsführer des Landesverbandes Textilreinigung Niedersachsen-Bremen, möglich gewesen.
Dass auch ihm die gezielte Akquise und Förderung von Nachwuchskräften ein persönliches Anliegen sei, betonte er in Garbsen. Das Thema sei im Landesverband ständig präsent. „Es gibt viele Betriebe in Niedersachsen und Bremen, die Vollzeitarbeitsplätze zur Verfügung stellen, diese aber aufgrund mangelnder Interessenten nicht besetzen können. Sie müssen daher auf geringfügig beschäftigte Schüler als Aushilfen zurückgreifen.“ In seinem Landesverband werde die Initiative des DTV daher sehr positiv gewertet. „Zumal wir mit unserer hervorragenden Berufsschule in Hannover noch in einer echten Luxussituation sind.“ Denn zweifelsohne erschwere die Schließung vieler Berufsschulstandorte die aktuelle Situation ungemein. „Der Erhalt der lokalen Berufsschulen ist nur durch ausreichende Schülerzahlen zu gewährleisten. Das ist wirklich ein Teufelskreis“, sagt dazu Udo Nagelschmidt.
Aufklärung führt zum Erfolg
Das Thema Fachkräftemangel sei akuter denn je, geeignete Azubis zu finden, kaum mehr möglich, bestätigt Sarah Weber, Assistentin der Geschäftsleitung der Seidel Textilservice GmbH. Der DTV gebe mit der Internetseite www.textilreiniger-werden.de bereits wertvolle Hilfestellung. „Für uns ist der Workshop nun eine weitere, hervorragende Möglichkeit, das gemeinsame Ziel weiterhin konsequent zu verfolgen. Denn die Beratung durch Berufsberater mit unterschiedlichen Schwerpunkten, beispielsweise für Umschüler, Studienabbrecher, junge Mütter oder auch Langzeitarbeitslose kann nur dann optimal greifen, wenn diese über ausreichendes Wissen über das Berufsbild verfügen. Wir hatten nun die Chance, den Berufsberatern der Region Hannover praxisnahe Einblicke und einen fachlich fundierten Austausch zu bieten.“
Es sei einfach Zeit, neue kreative Wege zu gehen. Die Firma Seidel Textilservice tut das seit etlichen Jahren in Eigenregie und im guten Kontakt mit den regionalen Arbeitsagenturen. „Seit Ausbildungsbeginn 2016 unterstützen wir drei junge Flüchtlinge, die mit großem Engagement bei uns ihre Ausbildung absolvieren“, erläutert Sarah Weber. Damit sie dazu sprachlich überhaupt in der Lage sind, bekommen sie im Hause Seidel Deutschunterricht mit inkludierter Fachnachhilfe. Inzwischen seien sogar die Nachhilfelehrer mit der Materie Textilpflege bestens vertraut. „So versuchen wir eine zielorientierte, optimale Ausbildung zu gewährleisten, natürlich auch unter dem Aspekt, langfristig qualifizierte Fachkräfte an uns zu binden. Wir denken allerdings auch daran, dass unsere geflüchteten Mitarbeitenden möglicherweise zurück in ihre Heimat wollen. Dafür haben wir vollstes Verständnis. Wir sehen die Ausbildung auch ein Stück weit als unsere soziale Verantwortung und haben bisher nur gute Erfahrungen gemacht.“
Von dem empathischen Miteinander des Vorzeigebetriebes konnten sich die Besucher ebenfalls einen Eindruck verschaffen. Sie lernten eine der ambitionierten Auszubildenden mit bereits beeindruckenden Deutschkenntnissen an ihrem Arbeitsplatz kennen. Und erlebten einen von vielen Überraschungsmomenten in der Welt moderner Textilpflege, die sie sich so bisher nicht vorgestellt hatten. Sämtliche Fragen wurden von der Geschäftsleitung an Ort und Stelle kompetent und verständlich beantwortet. „Das war uns allen ein persönliches Anliegen“, betont Anja Fuhner, Mitglied der Geschäftsleitung und Vorsitzende des Arbeitskreis Junioren im DTV (AKJ). Auch in diesem Gremium macht sie sich insbesondere für Aus- und Weiterbildung stark.
Begeisterung weitergeben
Geschäftsführer Stefan Seidel bedankte sich schließlich bei allen Beteiligten für das Engagement und betonte: „Als traditionelles Familienunternehmen sind wir in der Textilbranche verwurzelt und möchten ganz einfach unsere Begeisterung und Erfahrung an die nächste Generation weitergeben.“ Aufklärung sei das entscheidende Instrument zum Erfolg, so die Seidel-Geschäftsleitung unisono.
Infos: www.dtv-bonn.de; www.textilreiniger-werden.de