Was kann eine Wäscherei im Rathaus beisteuern? Die Heizung – oder besser gesagt: Fernwärme. Ein solches Projekt haben Bürgermeister, regionaler Nahversorger und die Firma Stangelmayer in Kolbermoor umgesetzt – und alle profitieren.
3 Es war eine flapsige Bemerkung des Vaters, die den Stein ins Rollen brachte. Er sagte so etwas wie: „Mit unserer Abwärme könnten wir leicht das Rathaus beheizen.“ Und genau das macht die Wäscherei Stangelmayer aus Kolbermoor seit etwa einem Jahr. „Der Bürgermeister hat sich an die Aussage meines Vaters erinnert und kam irgendwann mit dem Projektvorschlag auf uns zu“, erzählt Gerhard Stangelmayer, der gemeinsam mit seinem Bruder Arnulf Stangelmayer das Unternehmen leitet.
Der Plan des Bürgermeisters Peter Kloo: Das neue fünstöckige Rathausgebäude sollte mit Fernwärme beheizt werden – die Abwärme der Stangelmayers. „Wir sind motiviert mit aufgesprungen“, sagt Stangelmayer. „Wir gehören zur Stadt und wollen uns dementsprechend zeigen.“
Flexibles System für die Abwärme
Was dann kam, waren drei Jahre voller Planung, Beratungen im Stadtrat und Infrastrukturmaßnahmen. Schließlich handelte es sich um ein großes und für alle neues Projekt. Die Stadt musste Fernwärmeleitungen legen und einen Wärmespeicher im Rathaus einbauen, nicht zu vergessen die Installationen im Betrieb Stangelmayer.
Ganz am Anfang stand jedoch die Frage: Wo soll die Wärme überhaupt ausgekoppelt werden? Der regionale Nahversorger Innergie wollte 80 °C warme Abwärme, jetzt koppelt die Wäscherei mit
60 °C aus. Genutzt wird die überflüssige Energie, die der Gasbrenner zum Erhitzen des Dampfkessels erzeugt – also das Abgas. Denn am Dampfkessel ist nicht wie sonst üblich ein Economizer angeschlossen, sondern zwei. Den ersten nutzt Stangelmayer für den eigenen Betrieb, um das Speisewasser für den Kessel vorzuheizen. Das Abgas, das aus dem ersten in den zweiten Economizer strömt, hat noch 120 °C und wird schließlich für die Fernwärme verwendet.
Über einen Wärmetauscher und Fernwärmeleitungen gelangt das rund 60 °C warme Wasser dann in den wenige hundert Meter entfernten Rathauskeller von Kolbermoor. Ein Wärmetauscher dort verteilt es schließlich über die Fußbodenheizung im Haus. Um Engpässe zu überbrücken, stehen außerdem zwei 1.000 l fassende Speicher zur Verfügung. Die Spitzenzeiten im Winter, wenn alle Heizungen laufen, kann Stangelmayer allerdings nicht vollständig versorgen – im Rathaus ist daher noch eine Heizungsanlage installiert. Auch am Wochenende, wenn der Wäschereibetrieb stillsteht, muss das Rathaus trotz der Speicher teils zusätzlich heizen. Das System ist dabei flexibel: Wenn das Rathaus die Wärme braucht, liefert die Firma Stangelmayer. Wenn nicht, wie teilweise im Sommer, nutzt Stangelmayer die Abwärme selbst. „Wir haben eine intelligente Steuerung eingebaut, die in etwa wie ein Wasserhahn funktioniert“, erläutert Andreas Stadler, technischer Leiter bei Stangelmayer, das System. „Wir können damit flexibel regeln, wie viel Abwärme wir an das Rathaus liefern und wie viel wir selbst zum Vorwärmen nützen.“ Klar hätten sie sich zu Beginn des Projektes gefragt, warum sie Abwärme abgeben sollen, wenn sie diese genauso gut selbst nutzen könnten, erzählt Stangelmayer. Doch auch strategisch sei es von Vorteil, ans Fernwärmenetz angeschlossen zu sein. In Umweltfragen sei das Projekt außerdem „ein Impuls für die Zukunft“.
Denn Fragen rund um Energieeffizienz und Ökologie sind Dauerthema in der Wäscherei. Ständig sehen die Geschäftsinhaber – selbst Ingenieure – und der technische Leiter Optimierungsmöglichkeiten. „Das meiste setzen wir auch um“, sagt Stadler. Die Gewinne werden investiert. So wurde in den vergangenen Jahren ein Abluftwärmetauscher installiert, neue Finisher, eine neue Waschstraße und neue Trockner wurden angeschafft. Den Verbrauch haben die Verantwortlichen dabei immer genau im Blick. Wenn es für den Bedarf des Betriebes nichts Passendes auf dem Markt gibt, arbeiten sie selbst an Lösungen. „Wir ergänzen vieles mit eigenen Modulen, wie mit einer selbst entwickelten Kreuzwärmetauschertechnologie“, erläutert der Techniker. Das erklärte Ziel des Unternehmens ist es, unter 1 kWh Verbrauch pro Kilogramm Wäsche zu fallen.
Um auch von dem Wissen der anderen zu profitieren, ist Stangelmayer im „LEEN“ aktiv, dem „Lernenden Energieeffizienz-Netzwerk Chiemgau-Ruperti“. Darin haben sich die verschiedensten Firmen der Region zusammengeschlossen und tauschen sich bei Stammtischen über ihre Erfahrungen in Sachen Energieeffizienz aus.
Investition mit Startproblemen
Als Nächstes steht im Betrieb die Umrüstung auf LED-Beleuchtung an. Und eigentlich wollte Stangelmayer ein eigenes Blockheizkraftwerk für die Selbstversorgung bauen – doch diesen Plan müsste er angesichts der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (siehe auch Beitrag auf Seite 13 in dieser Ausgabe) noch einmal überdenken, konstatiert der Geschäftsführer. Die bisherigen Berechnungen dazu seien nun nichtig.
Auch für das Fernwärmeprojekt gaben die Stangelmayers viel Geld aus: 186.000 Euro investierten die Geschäftsinhaber, um Abwärme ans Rathaus liefern zu können. Im Jahr bekommen sie für ihre Heizung nun rund 2.000 Euro. „Ein zu vernachlässigender Betrag“, meint Stangelmayer. Mit ihrer Fernwärmeinstallation sind die Stangelmayers dennoch vollauf zufrieden.
Natürlich lief bei der Planung und Umsetzung nicht alles reibungslos. So hat etwa das Hochwasser im vergangenen Jahr dazu geführt, dass sich die Verlegung der Rohre etwas verzögerte. Kleine Startschwierigkeiten nach der Inbetriebnahme gab es ebenfalls. In den ersten Monaten konnte die Wäscherei nicht so viel Abwärme liefern, wie berechnet. Es dauerte schließlich etwas, bis sie die Schwachstelle gefunden hatten: Ein Elektriker hatte schlicht eine Klappe falsch herum eingebaut. Sie war also offen, wenn sie geschlossen sein sollte und andersherum. Seitdem der Fehler behoben ist, laufe aber alles problemlos; die Anlage habe kaum Wartung nötig, so Stangelmayer. „Das Projekt geht für uns alle auf – die Stadt, den Nahversorger Innergie und uns.“