Ambitioniert und praktisch veranlagt tat Anja Seidel, bis vor kurzem noch Anja Fuhner, was die Mutter ihr ans Herz gelegt hatte: „Kind, lern was Anständiges.“ Sie erlernte ihren Beruf als Textilreinigermeisterin von der Pike auf und verfolgte ihr Ziel, als Geschäftsfrau in einer großen Wäscherei etwas zu bewegen. Ihr Plan ging auf.
Anja Seidels Energie ist fühlbar. Von ihrem Schwung profitieren sowohl die Mitarbeiter der Seidel Textilservice GmbH, Garbsen, als auch Branchenkollegen, von ihrer Expertise ganz abgesehen. Seit 2018 ist Seidel erste Vorsitzende des Arbeitskreises der Junioren im Deutschen Textilreinigungs-Verband (DTV); seitdem engagiert sie sich ebenso im Präsidium des DTV als Hospitantin. Ihr Herzensthema ist die „anständige“ Aus- und Weiterbildung, im eigenen Unternehmen genauso wie im Ehrenamt. Sie selbst habe Fachwissen stets aufgesogen: „Wer mehr weiß, ist klar im Vorteil“, sagt sie. Diese Maxime habe sich in ihrem Berufsleben bestätigt. Nach ihrer Ausbildung zur Textilreinigerin in Sachsen-Anhalt qualifizierte sie sich als Landessiegerin; im Bundesleistungswettbewerb wurde sie Vizemeisterin. Aufgrund ihrer Leistungen bekam sie ein Stipendium und absolvierte die Meisterausbildung. 2011 schloss sie das Studium „Betriebswirt“ (HWK) erfolgreich ab.
Inzwischen ist Seidel seit mehr als 20 Jahren in ihrem Beruf und liebt ihn immer noch. „Das habe ich von meiner Mutter“, sagt sie: „Sie hat mir die Begeisterung für die Textilpflege vorgelebt. Was es heißt, selbstständig zu sein, mit allen Höhen und Tiefen, wusste ich bereits als 18-Jährige.“ Seidel schildert uns ihren Werdegang: „In der Berufsschule war ich die Coole. Ich war ja in Muttis Laden und durfte mit Billigung der Lehrer sogar ans Handy gehen. Es hätte ja etwas Wichtiges sein können“, schmunzelt sie: „Heute völlig undenkbar.“ Schon damals war sie die Expertin fürs Fleckenentfernen; die schweren Fälle wurden für sie aufgehoben. Die Detachur ist nach wie vor ihre Leidenschaft, zu ihren Kernaufgaben zählt sie nicht. Als Teil der Geschäftsleitung ist sie mit Führungsaufgaben beschäftigt, die sie voll in Anspruch nehmen, sie selbst bezeichnet sich allerdings bescheiden als „Mädchen für alles“.
„Bei Seidel Textilservice bin ich nach einigen Zwischenstationen im Jahr 2005 gelandet“, sagt sie. „Bevor ich meine erste Betriebsleiterstelle angenommen hatte, arbeitete ich im Geschäft meiner Mutter und war darüber hinaus eine gut gebuchte Urlaubsvertretung in anderen Betrieben. Ich war dafür bekannt, dass man sich auf mich 100-prozentig verlassen kann.“ Gesellschafter und Geschäftsführer Stefan Seidel suchte damals eine Betriebsleiterin, die sich mit Waschen und Textilen auskannte und im Idealfall für ihren Beruf „brennen“ sollte. Anja Fuhner war die Richtige, beruflich und schließlich auch privat. Allerdings blieben sie und ihr heutiger Ehemann bis 2013 offiziell beim „Sie“, ihren Nachnamen änderte Anja Seidel erst im Februar 2018. Wir gratulieren an dieser Stelle nachträglich zur Hochzeit und freuen uns, über die Fachfrau zu berichten.
R+WTextilservice: Was sind Ihre Kernaufgaben bei Seidel Textilservice?
Anja Seidel: Ich bin seit 2012 Handlungsbevollmächtigte und einer meiner Schwerpunkte in unserem Unternehmen ist die Ausbildung. Meine Kernaufgaben liegen allerdings im Vertrieb, Kundendienst und der Unterstützung der Produktionsleitung. Wenn es die Zeit zulässt und der Bedarf da ist, arbeite ich nach wie vor gern in der Produktion mit. Da bekomme ich den Kopf frei und bleibe nah dran. Das ist für unser Qualitätsmanagement hilfreich, welches wir 2016 aufgebaut haben. Wir sind gesund gewachsen, wollten jedoch einige unserer Strukturen neu sortieren. Während dieses Prozesses habe ich viel dazugelernt. So musste ich mir u.a. eingestehen, dass ich das mir selbst auferlegte Pensum nicht alleine schaffen konnte. Heute werde ich von Sarah Weber als Assistentin der Geschäftsleitung entlastet, wir arbeiten Seite an Seite. Das passt gut.
Das heißt, Sie haben Luft für Neues?
Genau. Ich liebe berufliche Herausforderungen in jeglicher Hinsicht. So überlegen wir beispielsweise gerade, welche Unternehmens- und Servicebereiche wir noch optimieren können. Bereits 2004 haben wir unser Barcodesystem etabliert, 2006 die Sparte Berufsbekleidung mit aufgenommen und das Thema Mietwäsche kontinuierlich erweitert. Erst 2017 wurde die Produktion der Wäscherei komplett modernisiert. Aktuell haben wir unseren Miele-Shop für Endkunden auf unserem Firmengelände erweitert. Den Unternehmensbereich Wäschereitechnik und Hausgeräte haben die Gründer der Firma Seidel bereits vor mehr als 50 Jahren aufgebaut. Sie sehen, Expansion gehört zu unserem Konzept, so wird es nie langweilig. Und so bleibt es auch für mich spannend.
Ihr Herzensthema ist die Ausbildung, dürfen wir das so sagen?
Ja, wie gesagt, schon meine Mutter hat mich dazu angehalten, etwas Anständiges zu lernen. Unser Beruf ist etwas Anständiges, ein Beruf mit Zukunft. Ich bin das beste Beispiel: Wer dafür brennt und an sein Ziel glaubt, schafft es auch auf die Chefetage. Echte Begeisterung ist allerdings die Voraussetzung, die dann auch vom Arbeitgeber entdeckt und gefördert werden muss. Da ich das aus eigener Erfahrung weiß, steht für mich Ausbildungsförderung weit oben auf der Agenda.
Seidel hat sich auch für die Ausbildung geflüchteter Menschen engagiert. Das Unternehmen gehört damit zu den Vorreitern.
Unsere Branche braucht dringend qualifizierte Mitarbeitende. Da es die nicht gibt, brauchen wir kreative und innovative Lösungen. Dass wir unsere Fachkräfte selbst aus- und weiterbilden müssen, liegt auf der Hand und in unserer Verantwortung als Unternehmen. Ich selbst hatte hervorragende Ausbilder, die mich bestärkt und unterstützt haben. Diese Erfahrung möchte ich weitergeben. Bei uns bekommen alle Auszubildenden größtmögliche Hilfestellung. Dass wir unsere Mitarbeitenden, die beispielsweise schlecht Deutsch sprechen, in einem anderen Maße fördern müssen, ist keine Frage und für uns selbstverständlich. Wir übernehmen auch an dieser Stelle soziale Verantwortung und vermitteln gerne kulturelle Werte, damit ein harmonisches und reibungsloses Miteinander im Arbeitsalltag möglich ist.
Das ist eine Herausforderung, die zunächst Investition fordert.
Ja, natürlich. Die größte Herausforderung besteht für mich allerdings darin, überhaupt Auszubildende zu finden, die wir begeistern können. Unser Berufsstand hat nicht den besten Ruf, das Image ist angestaubt. Da ist noch Luft nach oben. Genau da setzen wir an, gehen auf Berufsbildungsmessen und in Schulen, laden Berufsberater und Betreuer vom Arbeitsamt ein, um ihnen zu zeigen, was der Beruf „alles kann“. So investieren wir v.a. in die Zukunft unseres eigenen Unternehmens, denn ohne Fachkräfte ist keine Weiterentwicklung möglich.
Sie engagieren sich auch ehrenamtlich dafür?
Es war mein Traum, einmal den Vorsitz des AKJ zu übernehmen, um auch hier meine Erfahrungen zu teilen und v.a. etwas zurückgeben zu können. Ich bin seit 2003 Mitglied im Arbeitskreis der Junioren im DTV. Das war für mich eine große Ehre, denn der AKJ hatte für mich seinerzeit eine Ausnahme gemacht, da ich keinen eigenen Betrieb hatte. Mit zwei zugedrückten Augen und Mutti im Hintergrund durfte ich dabei sein. Heute kann jeder Mitglied im AKJ sein, der als Führungskraft arbeitet, Meister und/oder Jungunternehmer ist. Ich habe unglaublich von den Aktivitäten des AKJ profitiert. Der Austausch untereinander, das Weitergeben von Wissen, hilft uns gegenseitig und fördert echte Freundschaften. Es ist schön zu wissen, dass ich jemanden anrufen kann, wenn ich ein Problem habe oder einen Gesprächspartner suche. Wir müssen das Rad nicht immer wieder neu erfinden und sehen uns nicht als Wettbewerber, sondern als Kollegen. Das ist schön und wertvoll.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Branche?
Wir müssen an einem Strang ziehen, um den Beruf weiter nach vorne zu bringen. Das heißt, wir müssen am Image arbeiten und unseren Job „salonfähig“ machen. Dabei ist Vernetzung wichtig. Ich wünsche mir von unseren Mitgliedern, dass sie sich mehr öffnen und junge Menschen in ihre Netzwerke aufnehmen. Von der Teilhabe und dem Wissenstransfer profitieren beide Seiten. Hier geht es nicht um Wettbewerb, sondern um ein Miteinander. Genauso, wie wir es in unserem Betrieb leben. Ein gelungener Tag ist für mich, wenn alle zufrieden sind. Wenn wir die Arbeit geschafft haben und mit einem Lächeln nach Hause gehen. Ob als Führungskraft oder in der Ausbildung, wir lernen täglich mit- und voneinander. Und wenn alle Spaß an der Arbeit haben, darf es auch mal anstrengend und zeitintensiv sein. Dann haben alle das Gefühl: Es lohnt sich. Das ist für mich die Basis für Erfolg.
Gabriele Rejschek-Wehmeyer
www.seidel-service.de
- Wer dafür brennt und an sein Ziel glaubt, schafft es auch auf die Chefetage.
- Anja Seidel, Textilreinigermeisterin
