World Textile Service Conference in Brügge (Belgien) Wissen aus verschiedenen Welten

Vor wenigen Wochen trafen sich führende Unternehmen der internationalen Textilservicebranche in der ehrwürdigen Stadt Brügge (Belgien). Der belgische, europäische und US-amerikanische Textil­serviceverband hatten gemeinsam Anfang Oktober 2016 zur weltweiten Textilservicekonferenz (World Textile Service Conference, WTSC) eingeladen. RWTextilservice war vor Ort dabei.

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    Knapp 160 Teilnehmer aus aller Welt waren zur World Textile Service Conference nach Brügge angereist.  Fotos: Anton-Katzenbach
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    Maarten van Severen ist Geschäftsführer des belgischen Textilserviceverbands und einer der Organisatoren einer gelungenen WTSC 2016.
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    Aneca ist ein auf Matten und Waschraumartikel spezialisierter Textilservicebetrieb, der am 7. Oktober 2016 seine Tore für die internationalen Besucher der WTSC öffnete.
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    Unter dem Belfried von Brügge fand die World Textile Service Conference 2016 statt.

3 Brügge hat eine lange Geschichte, die über Jahrhunderte hinweg eng an eine florierende Textilindustrie geknüpft war. Die Stadt im Herzen Europas bietet daher den passenden Rahmen für eine international besetzte Konferenz der Textilservicebranche. So wurde die ehemalige Hansestadt in der Zeit vom 5. bis 7. Oktober 2016 Gastgeberin der World Textile Service Conference (WTSC) und ihrer 160 Teilnehmer aus großen, zumeist multinationalen Mietserviceunternehmen, Zulieferbetrieben und Verbänden. Sie waren aus allen Teilen der Erde, darunter Australien, Kanada und USA, sowie zahlreichen europäischen Ländern zum Gedanken- und Informationsaustausch angereist. Und sie wurden nicht enttäuscht: Die Organisatoren hatten ein hochkarätiges Programm auf die Beine gestellt. Federführend beteiligt waren die Verbände Federatie van de Belgische Textielverzorging (FBT), European Textile Service Association (ETSA) und American Textile Rental Services Association (TRSA).

Europa ist die Zukunft für Europa

Nachdem am 5. Oktober die Vorstandssitzungen der ETSA sowie des belgischen, französischen, britischen und amerikanischen Verbands stattfanden, ging es am 6. Oktober mit einem vielschichtigen Vortragsprogramm weiter. Dieses begann mit einer politischen Legende: Herman Van Rompuy. Der ehemalige belgische Premierminister und Regierungschef Belgiens sowie bis 2014 erster ständiger Präsident des Europäischen Rates brach eine Lanze für eine vereinigte, gemeinsame europäische Union. Ein einzelnes Land könne die aktuellen Herausforderungen wie Terrorismus, Flüchtlingszuwanderung und Finanzkrise nicht alleine bewältigen. Auch auf die zunehmend empfundene Unsicherheit der Bevölkerung Europas können die Mitgliedsstaaten nur gemeinsame Konzepte entwickeln, um die von Jung und Alt empfundene Angst wieder in Hoffnung zu verwandeln. Der Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union hat seiner Meinung nach Folgen unbekannten Ausmaßes für das Land selbst und für Europa. Van Rompuy empfiehlt, die Europäische Union durch Maßnahmen wie eine global wettbewerbsfähige Währung, eine gemeinsame Immigrations- und Verteidigungsstrategie zu stärken. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass Demokratie und Frieden in Europa ins Wanken geraten.

Mit Marc Herremans und Dominique Persoone hatten die Organisatoren der WTSC zwei weitere Persönlichkeiten des belgischen „Who-is-Who“ gewonnen. Herremans, in seiner Heimat auch als Mad Max bekannt, hatte sich im Alter von 18 Jahren das Ziel gesetzt, den Triathlon Ironman zu gewinnen. Im Jahr 2001 belegte er in Hawaii tatsächlich den sechsten Platz. Kurz darauf verunglückte er jedoch schwer und ist seither gelähmt. Acht Jahre später war er wieder beim anspruchsvollsten Triathlon der Welt in Hawaii dabei und fuhr auf seinem Rollstuhl als sechster ins Ziel. Obwohl nach seinem Unfall alles gegen ein Comeback sprach, ist er seiner inneren Stimme gefolgt, berichtete der Sportler. Aus seinem Erfahrungsschatz stammen auch zwei weitere Botschaften, die er den Teilnehmern mit auf den Weg gab: Gewinnen kann man nur im Team. Und: Der größte Wettbewerber ist gleichzeitig auch der beste Freund, denn er holt das Optimum aus einem Menschen heraus. Dominique Persoone wiederum ist leidenschaftlicher Unternehmer in Sachen Schokolade. Er gab einen Einblick in seine Welt der Inspirationen, die weit über die verschiedenen Zutaten hinausgehen, die er zu kleinen Köstlichkeiten verarbeitet. Er arbeitet mit Künstlern, Lebensmittelchemikern und vielen anderen Spezialisten zusammen, um vollkommen neue Kreationen aus Schokolade zu schaffen. Die Kooperation mit Experten aus angrenzenden Fachgebieten eröffnet ihm neue Welten.

Kosteneffizienz und Kundenorientierung

Anders als die Keynote-Sprecher, die Grundgedanken mit den Konferenzteilnehmern teilten, hatten drei eingestreuten Podiumsdiskussionen einen klaren Bezug zum Textilservice. Sie griffen branchenrelevante Themengebiete wie wichtige globale Trends auf. Willemeijn Martens (Accor Hotels), Jesper Jensen (Jensen-Gruppe), Martin Kannegiesser (Herbert Kannegiesser), Charles Betteridge (Christeyns) und Sam de Bo (Ecolab) berichteten von einem zunehmenden Kostendruck, dem der Textilservice und dessen Zulieferindustrie unterliegen. Ziel müsse es daher sein, die Prozesse so effizient wie möglich zu machen. Darüber hinaus sei es wichtig, frühzeitig neue Kundenbedürfnisse zu erkennen und passende Angebote dafür zu entwickeln. So sei der zunehmende Verkehr in den Ballungsgebieten inzwischen zu einem enormen Problem für die Kunden von Mietserviceunternehmen geworden: Staus, Umleitungen, Baustellen verzögerten eine pünktliche Anlieferung der Wäsche. Zur Lösung solcher Aufgaben wären heutzutage aber nicht mehr Einzelne, sondern Teams gefragt, die hierarchieübergreifende gemeinschaftliche Verantwortung für die Zukunft übernähmen.

Die Zeit für „Greenwashing“ ist abgelaufen

Auch die Runde mit dem Schwerpunkt „Corporate Social Responsibility (CSR) und Nachhaltigkeit“ war durch ausgewiesene Fachleute besetzt. Sylvie Thonnerieux (Acte International), Brain Keegan (AmeriPride Services), Martin Swierzy (ALSCO) und Nagore Marco (Berendsen) berichtete über die Auswirkungen eines zunehmenden Nachhaltigkeitsbewusstseins bei Kunden und Stakeholdern. Diese nehmen gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein von Unternehmen ernst und fordern Fakten statt „Greenwashing“. Und auch in den Betrieben wird CSR zu einem essenziellen Faktor: Sie führt dazu, ökologische und ethische Risiken in den Lieferketten auszuschalten und die eigenen Nachhaltigkeitsgrundsätze zu befolgen. Eine Alternative gibt es nicht: Die Nichteinhaltung – etwa von Antikorruptionsregeln – hat hohe Strafen zur Folge, verteuert ein Produkt oder eine Dienstleistung und schadet dem Ruf eines Unternehmens.

Die Märkte und Kunden verändern sich

Auch im dritten Panel saßen Persönlichkeiten der Branche und gaben Einblick in die Marktkräfte, die den Textilservice aktuell beeinflussen und in Zukunft beeinflussen werden. Juha Laurio (Lindström-Group) sprach vom Ende der „Eigentumära“. Der Besitz werde durch die Verfügbarkeit von Produkten und Dienstleistungen abgelöst. Die Textilservicebranche müsse sich dem Wandel stellen, der Fokus von Prozessen deutlich auf eine Kundenorientierung verlagert werden. Diese Ansicht teilte auch Chris Sander von der Johnson-Service-Group. Er fügte hinzu, dass der Kunde zukünftig schneller und mit besseren Informationen versorgt werden müsse. Für seinen Heimatmarkt Großbritannien hätte er sicher gerne weitere Visionen entwickelt. Nach seiner Einschätzung sind die Auswirkungen des Brexit auf die britische Wirtschaftsentwicklung aber nicht vorhersehbar. Von einer ungewissen Zukunft berichtete auch Mia Decaestecker, Geschäftsführerin von Malaysse, einem auf das Gesundheitswesen spezialisierten Textilserviceunternehmen in Belgien. Sie rechnet mit einem deutlichen Preisverfall im Markt, der unter anderem durch eine sinkende Belegungszahl in Pflegeheimen ausgelöst wird. Investitionen sind für sie der Ausweg, um die Leistungsfähigkeit ihrer Betriebe zu steigern. In den USA findet derzeit hingegen eine Verdichtung des Marktes statt, berichtet David Potack (Unitex Textile Rental Services). Darüber hinaus entstehen neue Segmente, von denen sich die Unternehmen Umsatzzuwächse versprechen. Diese sind insbesondere in der Hygieneversorgung angesiedelt; Bekleidung im Mietservice entwickelt sich in den USA hingegen rückläufig.

Grenzüberschreitender Austausch

Obschon hochinformativ und inspirierend, waren die einzelnen Vortragssektionen mitunter schwere Kost. Damit sie leichter verdaubar wurden, hatten die Organisatoren Dirk Denoyelle, ein Unternehmens- und Konferenzkomödiant engagiert. Er schlüpfte in unterschiedliche Rollen, in denen er die drei Vortragssektionen kommentierte. Als Bill Gates, Silvio Berlusconi und Arnold Schwarzenegger trug er auf humorvolle Weise zu einem gelungenen ersten Tag der WTSC bei. Am Folgetag war sie von Betriebsbesichtigungen gekennzeichnet. Zahlreiche Mitglieder des belgischen Verbands hatten ihre Tore geöffnet und Besuchergruppen durch ihre Unternehmen geführt. Vor allem bei den Gästen aus Übersee kam diese Offenheit und der damit verbundene Gedankenaustausch gut an. Die Besichtigungen rundeten die Veranstaltung zu einem gelungenen Ganzen ab. Fazit: Eine bessere Gelegenheit wie die WTSC gibt es kaum, sich auf internationaler Ebene so intensiv auszutauschen.