Kissenbezüge Mangelnde Dekadierung: (Un)schöne Bescherung

Mangelnde Gemütlichkeit, verkürzte Kissen, wellige Reißverschlüsse. Nach der Behandlung in der Reinigung sind 15 Kissenbezüge ruiniert und das Weihnachtsfest einer langjährigen Kundin gleich dazu. In diesem Fall war jedoch der Raumausstatter der textile Flaschenhals.

Oberflächlich betrachtet mag der Stoff noch einwandfrei aussehen ..
Oberflächlich betrachtet mag der Stoff noch einwandfrei aussehen. - © Himmelsbach

Sauber und behaglich soll es sein bei einem gemütlichen Fernsehabend auf dem Sofa. Besonders zur Weihnachtszeit. So stellte sich zumindest eine Reinigungskundin die besinnliche Zeit des Jahres vor und brachte ihre 15 Sofakissenbezüge rechtzeitig vor Weihnachten zur Reinigung.

Freundlich und zuvorkommend wurde sie bedient und auch der Wunschtermin konnte problemlos eingehalten werden. Am vierten Adventswochenende sollten die Kissen mit den frisch gereinigten Bezügen bezogen werden.

Doch das besinnliche Wochenende nahm vorzeitig ein jähes Ende. Alle Bezüge waren stark eingelaufen und passten nun nicht mehr.

Ruinierte Kissenbezüge

Wort- und Briefwechsel konnten auch keine passenden Bezüge beschaffen und so stellte sich schnell die Frage nach der Verantwortlichkeit. Weihnachten war, aus "kissentechnischer" Sicht, erst einmal gelaufen.

Der Kundin wird von Seiten der Reinigung unterstellt, sie behaupte nur einen angeblichen Größeneinsprung, weil sie sich vermutlich in der Farbgebung und Musterung vergriffen habe. Hinweise auf eine Maßänderung an den Bezügen seien nämlich nicht erkennbar. Tatsächlich war der eingewebte Chenillezwirn, ein samtartiger Effektzwirn, genauso kuschelig wie bei dem mitgelieferten Musterstück und auch sonst waren keine Anzeichen einer Fehlbehandlung erkennbar.

Eine solche "Unverschämtheit" machte die Kundin zunächst sprachlos. Als langjährige Kundin mit Unterstellungen dieser Art konfrontiert zu werden, sei das Allerletzte. Die Reinigung müsse zu ihrem Fehler stehen und wenn sie nicht in der Lage sei, Kissenbezüge zu reinigen, solle sie dies vorher angeben. In diesem Falle hätte man von einer Beauftragung abgesehen. Sollte keine Ersatzleistung erfolgen, müsse sie sich einen Anwalt nehmen. Die Kissen seien vor noch nicht einmal einem Jahr bei einem Raumausstatter in Hamburg für insgesamt 700 Euro gekauft worden. Name und Adresse des Raumausstatters seien jedoch nicht mehr bekannt.

Der Chenillezwirn besteht aus Stücken eines in Streifen geschnittenen Gewebes.
Der Chenillezwirn besteht aus Stücken eines in Streifen geschnittenen Gewebes. - © Himmelsbach

Kurz erklärt: Chenillezwirn und Raupenfußeffekt

Chenillezwirne nennt man auch Raupenzwirne, da ihr Aussehen an das Erscheinungsbild von Raupen erinnert. Sie zählen zu den Effektzwirnen.

Eigentlich sind Chenillezwirne Stücke eines in Streifen geschnittenen Gewebes. Bei der Herstellung dieser Zwirne bilden die in Streifen geschnittenen Kettfadenbündel die sogenannte Seele.

Die kleingestückelten Schussfäden hängen wie Raupenfüße daran. Das gewebte Flachchenille wird durch Drehen auf der Zwirnmaschine meist zu Rundchenille verarbeitet. Eine andere Herstellungsart von Chenillegarn geschieht unter Zuhilfenahme von Raschelmaschinen.

Bei näherer Betrachtung ist der gewellte Reißverschluss jedoch nicht zu übersehen.
Bei näherer Betrachtung ist der gewellte Reißverschluss jedoch nicht zu übersehen. - © Himmelsbach

Kissenbezüge: Die Schadensursache

Wie auf dem Bild erkennbar, haben die Kissen gewellte Reißverschlüsse. Ein sicheres Anzeichen für eine Maßänderung.

Schrumpft der Bezugsstoff, behalten die Reißverschlüsse, die in der Regel aus Kunststoff oder Metall bestehten, ihre ursprünglichen Maße.

Schrumpft nun der Stoff, so ist der durch Eingehen kürzere Stoff zwar glatt, der gleichlang gebliebene mit dem Stoff fest vernähte Reißverschluss wellt jedoch aufgrund des Maßüberschusses.

Durch Längenmessung der Reißverschlüsse konnte auf eine Maßänderung von zirka acht Prozent rückgeschlossen werden.

Als Gegenprobe untersuchte der Gutachter zwei Proben eines unbearbeiteten Stoffmusters, das die Kundin zur Verfügung stellte. Eine Probe dekatierte er dabei mit Dampf, die andere Probe ließ er schonend reinigen. Beide Proben gehen ebenfalls zirka acht Prozent ein.

Damit konnte nachgewiesen werden, dass der Stoff vor dem Zuschnitt nicht ausreichend, beispielsweise durch Dekatieren, vorbereitet wurde.

Was bedeutet dekatieren?

Dekatieren beschreibt in der Textilindustrie ein Veredelungsverfahren für Stoffe aus Schurwolle und Schurwollmischgeweben. Dabei wird das Gewebe mit Wasserdampf unter Druck behandelt und schrumpft ein. Ein nachträgliches Eingehen der fertigen Textilien wird verhindert.

In der Textilreinigungsbranche wird der Begriff dafür verwendet, noch nicht zugeschnittene Stoffbahnen großflächig zu dämpfen um Spannungen, die sich durch die Produktion noch im jeweiligen Stoff befinden, herauszulösen. Ein Eingehen des Stoffes im Rahmen einer späteren Lösemittelbehandlung kann damit vermieden werden.